09.05.1956

ANASTASIADie gute, fette Milchkuh

Die westliche Welt sieht einer neuen Anastasia-Welle entgegen: In Hollywood verkündete der Film-Konzern 20th Century Fox, daß er das Theaterstück "Anastasia" der französischen Autorin Marcelle Maurette mit Ingrid Bergman in der Titelrolle noch in diesem Frühjahr verfilmen wird.
In Deutschland haben sich drei Produktionsgesellschaften, die Hansa-Film des Günter Matern (Hamburg), die Corona -Film des Dr. Alexander Grüter (München) und die CCC-Film des Artur Brauner (Berlin) zusammengeschlossen, um ebenfalls das Schicksal einer 54jährigen Frau nachzugestalten, die angeblich die jüngste Tochter des letzten Zaren ist: das Schicksal der Anna Anderson, alias Anna Tschaikowski, die behauptet, sie sei die Großfürstin Anastasia Nikolajewna Romanow.
Die Filmproduzenten wollen die bunte Lebensgeschichte dieser Frau erzählen, von der niemand mit Bestimmtheit weiß, ob sie nun wirklich eine Tochter des Zaren Nikolaus II. Ist oder etwa, wie einige Zweifler behaupten, die polnische Landarbeiterin Franziska Schanzkowsky.
Vorsorglich haben die drei deutschen Produzenten schon den Titel des geplanten Films "Anastasia - die letzte Zarentochter" unter der Nummer 5555 in das Titelregister der Freiwilligen Filmselbstkontrolle eintragen lassen.
Dabei besitzen weder die Bühnen -Autorin in Frankreich noch die Filmleute in Hollywood oder in Deutschland untrügliche Beweise für die Identität der weiblichen Person, die unter dem Namen Anna Anderson in einer alten Holzbaracke in dem Schwarzwaldnest Unterlengenhardt haust. Selbst den Rechtsanwälten der Anna Anderson, den Doktoren Kurt Vermehren und Paul Leverkuehn, ist es trotz 18jähriger intensiver Bemühungen noch immer nicht gelungen, die Abstammung ihrer Mandantin vom russischen Zarenhaus einwandfrei nachzuweisen.
Trotzdem haben die beiden Juristen Persönlichkeits- und Verfilmungsrechte der vermeintlichen Groß fürstin verkauft. Den namensrechtlichen Transaktionen lag jedoch nicht etwa eine unseriöse Auffassung der Herren über Fragen der Genealogie zugrunde - den Käufern war es nämlich völlig gleich, ob Anna Anderson wirklich die Großfürstin Anastasia oder aber nur die polnische Landarbeiterin Franziska Schanzkowsky ist. Ihnen ging es und geht es darum, mit der phantastischen Geschichte der sogenannten Anastasia viel Geld zu verdienen.
Daß das Schicksal der umstrittenen Frau ein einträgliches Thema sein könnte, war dem Filmproduzenten Günter Matern eingefallen, als er wieder einmal an einer Litfaßsäule die Ankündigung einer Zeitschriftenserie las: "Anastasia lebt." So fuhr er am 12. November 1955 mit der nicht zufällig slawisch aussehenden Filmschauspielerin Elma Karlowa und einem Blumenstrauß nach Unterlengenhardt. Niemand zeigte sich am Zaun der wackeligen Holzbaracke.
Matern bat die Nachbarn, der unsichtbaren Anastasia alias Anna Anderson für eine einstündige Unterredung einen Scheck über 3000 Mark anzubieten. Kaiserliche Hoheit kamen nicht zum Vorschein, doch näherte sich ihre Barackengefährtin, die weißhaarige Frau von Heydebrand, dem Zaun und empfahl dem Filmmann, sich wegen seiner Pläne mit den Vertrauten der Anastasia in Verbindung zu setzen:
mit der Fürstin Margarethe von Urach, Gräfin von Württemberg oder mit dem Freiherrn Gienanth oder mit den Anwälten Dr. Vermehren und Dr. Leverkuehn.
Matern zog es vor, sich an die Rechtsanwälte zu halten. Drei Wochen lang verhandelte er mit dem Dr. Vermehren, dann unterschrieben er und der Produzent Dr. Alexander Grüter einen Vertrag, dessen entscheidender Passus lautet:
- "Ihre Frau Mandantin überträgt die zur
Verfilmung und zur Ausführung des Films benötigten Urheber- und etwaigen Persönlichkeitsrechte ohne zeitliche und örtliche Beschränkung auf die unterzeichneten Filmfirmen und bevollmächtigt sie ausdrücklich, diese Rechte auch gegenüber dritten Firmen geltend zu machen."
Just zu dieser Zeit tauchte auch der Berliner Produzent Artur Brauner ("Die Ratten") bei Matern auf, um ihm zu erklären, daß er sich "das gesamte Material" bereits beschafft habe. Brauner hielt einen Packen Zeitungsausschnitte in der Hand, für die er eine erkleckliche Summe gezahlt hatte. Schließlich war er einverstanden, als Dritter in die Produktionsgemeinschaft aufgenommen zu werden.
Ein knappes Jahr vorher hatte Rechtsanwalt Dr. Vermehren "im Auftrag der Anna Anderson alias Anastasia Tschaikowski, Großfürstin von Rußland" schon mit einer großen Hollywood-Gesellschaft einen Vertrag abgeschlossen. Die 20th Century Fox besaß bereits die Verfilmungsrechte des rührseligen Bühnenstücks "Anastasia", das in vielen Städten mit Erfolg aufgeführt worden ist: in Paris (Titelrolle:
Juliette Greco), New York (Titelrolle: Viveca Lindfors), London, Hamburg (Titelrolle: Marlene Riphahn), Frankfurt am Main und Wien (Titelrolle: Hilde Krahl).
Die Fox hatte der "Anastasia"-Autorin Marcelle Maurette und dem Übersetzer Guy Bolton die ungewöhnliche Summe von 400 000 Dollar gezahlt. Sicherheitshalber wollten die Filmdirektoren nun auch noch mit der Frau in Unterlengenhardt, der entgegen üblichen Gepflogenheiten für die Aufführung des Stücks Tantiemen zugestanden wurden, einen Vertrag schließen.
Die Fox-Leute ließen sich auf ein kurioses Geschäft ein: Obwohl die Handlung des Schauspiels frei erfunden ist und nicht etwa das Leben der sogenannten Anastasia beschreibt, erwarben sie von Anna Anderson für 7000 Dollar (rund 30 000 Mark) eine Erklärung, in der sie einer Verfilmung des Bühnenstücks zustimmt. Die Fox mußte sich ausdrücklich verpflichten, den Rahmen des Schauspiels nicht zu verlassen, insbesondere nicht etwa das Leben der vermeintlichen Großfürstin zu schildern.
In dem Theaterstück versuchen drei russiche Emigranten in Berlin mit Hilfe einer jungen Person, die sie selbst nicht für Anastasia halten, an 400 000 Goldpfund heranzukommen, die der Zar einst bei der Bank von England deponiert hat. Die junge Person wird der greisen Zarenmutter gegenübergestellt, die bereits mehrere Betrügerinnen entlarvt hat.
Als das junge Mädchen intime Einzelheiten aus dem Leben am Zarenhofe erzählt, wird die Skepsis der alten Dame erschüttert. Immer stärker wird ihr Wunsch, an dieses Mädchen - die letzte Bindung zu einer glücklichen Vergangenheit - zu glauben, sei es nun eine echte oder eine falsche Zarentochter. Sie ist bereit, das Mädchen als Tochter anzuerkennen. Da aber taucht ein Bolschewik auf - der ehemalige Geliebte der Anastasia. Willig folgt sie ihm nach Sowjetrußland.
Daß diese Handlung wenig mit dem bewegten Leben der im Schwarzwald hausenden "Anastasia" zu tun hat, das alle Welt aus schier endlosen Illustrierten-Serien kennt, merkten die Herren von der Fox zu spät. Sie hatten sich die Persönlichkeitsrechte der Anna Anderson nicht gesichert. Vergeblich versuchte Fox-Direktor Harry J. MacIntyre zu retten, was noch zu retten war. Am 28. November 1955 schrieb er dem Anwalt Dr. Vermehren einen Brief, dessen letzter, naiver Satz erkennen läßt, wie sich die Männer der Filmgesellschaft vor den Kopf geschlagen hatten:
- "Unsere Gesellschaft unterrichtet Sie hiermit, daß Ihre Klientin keine rechtlichen Handhaben besitzt, irgend jemandem zu gestatten, einen Film herzustellen, der ihre Lebensgeschichte oder ihren Namen betrifft oder Ähnliches schildert ... Wir würden es sehr begrüßen, wenn Sie für unsere Akten bestätigten, daß Ihre Klientin keinen irgendwie gearteten Versuch macht, ihre Verpflichtungen zu verletzen."
Kühl antwortete der Rechtsanwalt Vermehren, die Persönlichkeitsrechte der Anna Anderson seien der Fox niemals übertragen Worden.
So bleibt es den drei deutschen Produzenten vorbehalten, "die tragische Lebensgeschichte auf Grund authentischer Unterlagen" (Matern) zu schildern.
Tatsächlich ist das Leben der "Anastasia" - wie es nach den Erzählungen der Frau aus Unterlengenhardt, nach "Augenzeugenberichten" und eidesstattlichen Erklärungen verlief - eine bizarre Geschichte, die auch einem phantasiereichen
Drehbuch-Autor schwerlich eingefallen wäre. Sie begann am 16. Juli 1918 in der sibirischen Stadt Jekaterinenburg, als rote Revolutionäre die Zarenfamilie ermordeten.
Im Mordrausch übersahen die Bolschewisten, daß das jüngste weibliche Mitglied der Familie ihrer Blut-Orgie entgangen war. Die damals 17jährige Anastasia hatte hinter dem Rücken ihrer Schwester Tatjana Schutz gesucht. Ein Kolbenhieb zertrümmerte ihr den Kiefer, und sie sank bewußtlos zusammen. Die Soldaten luden den leblosen Körper zu den Leichen auf den Wagen. Später brachte einer der Männer, ein Rotgardist namens Alexander Tschaikowski, die schwerverletzte Zarentochter auf Schleichwegen in Sicherheit und heiratete sie. Diese Geschichte wurde aber erst Jahre später bekannt.
Am 17. Februar 1920 wurde in Berlin eine junge Frau aus dem Landwehrkanal gezogen. Ob sie sich aus Schwermut, Lebensüberdruß, Verzweiflung oder geistiger Umnachtung ins Wasser gestürzt hatte, blieb ungeklärt. Jedenfalls wurde die junge Frau, die sich Anna Tschaikowski nannte und offenbar Russin war, in die Irrenanstalt Dalldorf eingewiesen, wo sie "zwei Jahre lang apathisch mit dem Gesicht zur Wand lag" (Dr. Vermehren).
Zweieinhalb Jahre später wurde sie entlassen, und von da an kursierte die Geschichte, daß die seelisch gestörte, lebensmüde Frau Tschaikowski in Wirklichkeit die jüngste Tochter des Zaren sei. Wechselseitig wurde sie fortan von russischen Emigranten und deutschen Adligen betreut.
Für die Glaubwürdigkeit ihrer Erzählung sprachen Berichte deutscher Kriegsgefangener, die erst 1919/20 aus Rußland heimgekehrt waren. Sie hatten Maueranschläge mit dem Bild der Großfürstin Anastasia gesehen, auf denen die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Fahndung nach der entkommenen Zarentochter aufgefordert wurde.
Andererseits konnte die angebliche Anastasia Nikolajewna Romanow kaum Russisch. Indes, dieser Mangel wurde bald als Folge eines partiellen Gedächtnisverlustes erklärt, den die junge Frau nach den furchtbaren Erlebnissen in Jekaterinenburg erlitten habe.
Nun hatte das höchste britische Gericht aber schon im Frühjahr 1920 entschieden, daß sämtliche Mitglieder der Zarenfamilie bei dem Gemetzel von Jekaterinenburg ums Leben gekommen seien. Mithin war für die wiederaufgetauchte "Anastasia" auch das Familienvermögen von 20 Millionen Goldrubel verloren, das Nikolaus II. rechtzeitig auf die Bank von England hatte überweisen lassen. Wenn sie es je beanspruchen wollte, mußte sie erst einmal ihre Identität nachweisen.
In Berlin aber unternahm die junge Frau Tschaikowski keine Schritte, offiziell als Anastasia anerkannt zu werden. Auch ihr Lebenswandel entsprach kaum dem Verhalten, das man von einer russischen Großfürstin erwarten konnte. Mehrmals lief sie ihren freiwilligen Betreuern davon. Wochenlang lebte sie in fragwürdiger Gesellschaft, dann tauchte sie in einem Nachtasyl auf.
Im Jahre 1927 veranlaßte die Darmstädter Polizei auf Wunsch des Vermögensverwalters des Großherzogs von Hessen, der wegen verschiedener Erbschaftsfragen an der Identität der Anastasia-Tschaikowski interessiert war, daß an Hand von Photographien eine vergleichende Analyse verfertigt wurde.
In seinem Gutachten belehrte der Kriminaloberwachtmeister Riesling seine Auftraggeber erst einmal, in wie viele Teile die Ohrleiste zerfällt, wo sie endet und wo das Ohrläppchen beginnt. Er kam zu dem Ergebnis: "Es steht ... einwandfrei fest, daß das Ohr der sich als Großfürstin Anastasia ausgebenden Person keine Übereinstimmung mit dem Ohr der wirklichen Großfürstin Anastasia von Rußland aufweist."
Anastasias Anwälte bestreiten dagegen noch heute die Korrektheit der Analyse. Sie sei gemacht worden, ohne daß die dazu verwendeten Photographien der Anastasia zur Identifizierung vorgelegt wurden.
Im selben Jahre, in dem der Kriminaloberwachtmeister Riesling sein Ohrengutachten verfertigte, versuchte auch der Berliner Detektiv Martin Knopf - im Auftrage der "Nachtausgabe" - das "Rätsel Anastasia" zu lösen. Der Kriminalist verglich Vermißtenlisten und entdeckte, daß die polnische Landarbeiterin Franziska Schanzkowsky und Anna Tschaikowski etwa zur selben Zeit in Berlin als "vermißt" gemeldet worden waren. Knopf kombinierte: Waren diese beiden Personen in Wirklichkeit nur eine Person? War die "Frau Tschaikowski" identisch mit der polnischen Landarbeiterin?
Er fand heraus, daß die polnische Landarbeiterin monatelang bei der Zimmervermieterin Doris Wingender gelebt hatte. Zusammen mit der Vermieterin fuhr der Detektiv zum Schloß Seeon in Bayern, wo-Anastasia alias Frau Tschaikowski bei dem Herzog von Leuchtenberg Unterkunft gefunden hatte. Das kurze Treffen mit der krank darniederliegenden Frau verlief ergebnislos.
Mehrere Tatsachenbericht-Verfasser haben später ausgemalt, wie der Detektiv und seine Begleiterin unangemeldet ins Krankenzimmer traten. In der Illustrierten "Quick" liest sich das so:
"Erkennst du mich denn nicht mehr, Franziska?" fragt Doris Wingender, sich über die Liegende neigend, mit einer Stimme, die seltsam bebend und unsicher klingt. Anastasia schüttelt den Kopf. Ihr Blick irrt zu dem Herzog ab: "Wer ist das?
Sie sagten mir, es wären Bekannte von Ihnen." Ehe der Herzog antworten kann, ruft Doris Wingender: "Aber Franziska!
Ich bin doch die Doris! Die Doris aus Berlin! Weißt du denn nicht mehr? Erinnerst du dich nicht an mich?" Anastasia beginnt zu zittern. "Ich weiß nichts! Ich kenne Sie nicht! Ich habe Sie nie gesehen!"
"Franziska, Hör doch, Franziska -!" Anastasia flüstert: "Gehen Sie doch, bitte gehen Sie doch!"
Verhöre und Gegenüberstellungen erbrachten unterschiedliche Resultate. Drei der vier Geschwister der Schanzkowsky vermochten in Anastasia nicht ihre Schwester zu erkennen. Eine Schwester meinte jedoch, der Figur nach könne sie es sein.
Auch die nächsten Verwandten der Großfürstin Anastasia mochten sich nicht für die umstrittene Frau erklären. Aber sie alle waren als potentielle Erben an der Hinterlassenschaft des Zaren interessiert und sicherlich nicht ganz unvoreingenommen.
Die große Gruppe der Anastasia-Anhänger wird von den Kindern Gleb und Tatjana des Zaren-Leibarztes Dr. Botkin angeführt, der zusammen mit Nikolaus II. erschossen wurde. Gleb Botkin zeigte der Anastasia mehrere Zeichnungen, deren Sinn nur einer Zarentochter bekannt sein konnte. Der Leibarztsohn behauptet, Anastasia habe die Zeichnungen richtig gedeutet.
Im Jahre 1928 verschwand die umstrittene junge Frau aus dem Gesichtskreis ihrer europäischen Widersacher. Auf Einladung der Prinzessin Xenia, einer Verwandten des Zaren, die in New York einen Großindustriellen geheiratet hatte, fuhr sie zu einem längeren Aufenthalt in die Vereinigten Staaten, wo ihre Anwesenheit einige smarte Geschäftsleute zur Gründung einer "Grand Duchess Anastasia of Russia"-Gesellschaft inspirierte. Die Gesellschaft - abgekürzt hieß sie "Grandanor"
- betrachtete es als ihre Aufgabe, die Identität der Anastasia lückenlos zu beweisen und die von ihrem Vater hinterlassenen Gelder aus der Bank von England loszueisen.
Zu diesem Zweck gab die "Grandanor" 1200 Aktien und auch Pfandbriefe aus. In zwei Verträgen mit Anastasia wurde festgelegt, daß die Einzahlenden einen fünffachen Betrag aus der Erbmasse zurückerhalten sollten. Aber alle Bemühungen der Gesellschaft, deren Vorsitzender ein
- New-Yorker Bischofssohn war, blieben erfolglos.
Im August 1930 entdeckten die Einwanderungsbehörden, daß Anastasia das Land noch nicht verlassen hatte, obwohl ihre Aufenthaltsgenehmigung bereits abgelaufen war. Polizeibeamte spürten sie schließlich in einer Privat-Irrenanstalt auf. Da sie Besitzerin eines deutschen Passes war (den ihr die mitfühlende Berliner Behörde 1926 ausgestellt hatte), wurde sie nach Deutschland deportiert. Wieder landete sie in einer Irrenanstalt, diesmal in Ilten bei Hannover. Sie sollte nunmehr endgültig auf ihren Geisteszustand untersucht verden.
Die deutschen Psychiater entließen sie bald wieder. Sie hatten bei der sogenannten Anastasia keine Züge einer Geisteskrankheit entdecken können. Die Frau eines hannoverschen Verlegers richtete ihr ein möbliertes Zimmer ein, aber Anastasia verschwand. Erst 35 Tage später entdeckte man, daß sie wie ein Steinzeitmensch in einem Wald bei Hannover hauste und sich von Beeren ernährte. Schließlich fand sie eine Unterkunft auf dem Besitz des Prinzen Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg.
Während des Krieges verfertigte der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, Professor Dr. Eugen Fischer, nochmals ein vergleichendes Gutachten. Der Gelehrte kam zu dem Resultat, daß ein absolut sicherer Beweis nicht möglich ist, weil ein Blutgruppentest und andere wichtige Untersuchungen nicht mehr vorgenommen werden können. Die Ohren der Anna Anderson wichen von den Ohren, die auf den Bildern der noch kindlichen Großfürstin Anastasia zu sehen sind, wesentlich ab. Auch die Form der Nase errege Zweifel. Professor Fischer erklärte jedoch einschränkend, sein Gutachten sei nur haltbar, wenn die Jugendbilder authentisch seien.
Im Frühjahr 1945, als die russischen Armeen in Mitteldeutschland einrückten, brachte der Prinz Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg die vermeintliche Zarentochter in einem Ruderboot über die Elbe. Vier Jahre später schenkte er ihr die Baracke in dem Schwarzwalddorf Unterlengenhardt, in der Anastasia - umgeben von den Bildern der Zarenfamilie, von russischen Ikonen und Photos aus den Anastasia-Serien der Illustrierten - noch heute lebt.
Alle Etappen dieses wechselvollen Schicksals soll nun der Anastasia-Film der drei deutschen Produzenten beschreiben (für dessen Hauptrolle die Schauspielerin Lilli Palmer vorgesehen ist). Und da bis heute noch immer nicht bewiesen ist, ob die alte Dame in Unterlengenhardt wirklich die Anastasia ist, wurde das Drehbuch des Autors Herbert Reinecker ("Canaris"), das allzu günstig für die Großfürstin Anastasia" ausgefallen war, noch einmal überarbeitet. Die neue Fassung überläßt dem Kinobesucher die Entscheidung, ob er die 54jährige nun als Zarentochter betrachten will oder nicht.
Für Anna Anderson spricht, daß sie selbst wenig unternahm, als Großfürstin Anastasia anerkannt zu werden und daß sie sich immer mit bescheidenen Verhältnissen zufriedengab.
Am 26. Januar dieses Jahres erhielten mehrere Zeitschriften im In- und Ausland, darunter die große amerikanische Illustrierte "Life", die sich mit der zwielichtigen Frau in einem langen Artikel beschäftigt hatte, aus Unterlengenhardt einen Brief, der von der Anastasia-Betreuerin Maria von Mutius unterschrieben war. Er lautete:
"Daß ich Ihnen die folgende Mitteilung zur Veröffentlichung übersende, geschieht mit der ausdrücklichen Erlaubnis der sogenannten Anastasia'. Sie nennt sich - ironisch - selbst so. Seit fast 40 Jahren ist sie eine gute, fette Milchkuh für alle Zeitungen gewesen und füllt deren Taschen bestens. Dieses letzte Jahr zumal war das fetteste für die Reporter der ganzen Welt. Jetzt aber fühlt sie sich so bis zum letzten Tropfen ausgequetscht, daß sie hofft, man werde sie nun bald in Ruhe lassen! Wie wäre es übrigens, wenn Sie von diesem Ihrem großen Einkommen einige tausend Mark an die arme Anastasia abgeben würden zur Verbesserung ihrer jetzigen Lebensbedingungen? Unterzeichnet: 'Die sogenannte Anastasia'.
Obige Mitteilung sende ich Ihnen im Auftrage von Frau Anderson, Unterlengenhardt.
Hochachtend M. v. M."
Das dem Filmproduzenten Günter Matern überlassene Duplikat dieses Briefes trägt den Vermerk: "We never got an answer. A.A." (Wir erhielten niemals eine Antwort. A.A.)
Anna Anderson: Zarentochter oder polnische Landarbeiterin?
Zarentöchter Maria, Tatiana, Anastasia, Olga: Ein Kripomann verglich die Ohren
Anastasia-Darstellerin Lilli Palmer
Das Publikum soll selbst entscheiden
Hilde Krahl als Anastasia*
Marlene Riphahn als Anastasia**
Frau Anderson bezog Tantiemen
"Anastasia"-Produzent Matern
Hollywood kaufte die falschen Rechte
* In der Wiener Aufführung mit Werner Dahms.
**In der Hamburger Aufführung, mit Joachim Raks.

DER SPIEGEL 19/1956
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