16.05.1956

MUSILMann ohne Eigenschaften

Wer in den letzten Monaten seinen
Buchhändler nach dem 1700-Seiten -Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil fragte, erhielt bedauerndes Achselzucken zur Antwort. Der bei Rowohlt herausgekommene dickste und teuerste deutsche Roman, der nach dem Kriege erschien, ist - trotz seines enormen Preises von 38 Mark - seit August 1955 vergriffen. Der französische Buchmarkt schluckte im Jahre 1954 allein 800 Stück der mit 7000 Exemplaren nicht schüchtern angesetzten Erstauflage.
"Papa" Rowohlt ist darum wütend auf die Seinen. Sie haben versäumt, rechtzeitig nachdrucken zu lassen. Auch der zu Weihnachten 1955 erschienene zweite Band der Gesammelten Werke Robert Musils, "Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden"*, mit fast tausend Seiten Normalpapier ebenso voluminös wie der "Mann ohne Eigenschaften" mit seinen 1700 Seiten Dünndruckpapier und ebenso teuer, hatte acht Wochen nach Erscheinen schon 2000 Käufer gefunden.
Dieser Sammelband ist nicht denkbar ohne den vorher erschienenen Roman, so wie dieser Roman wieder der Ergänzung durch diese nunmehr gesammelt vorliegenden Aufzeichnungen bedarf. Einstweilen jedoch müssen sich "Tagebuch"-Leser, die den "Mann ohne Eigenschaften" noch nicht besitzen, aber mehr von Musil kennen möchten, mit den Musil-Novellen "Drei Frauen" begnügen, von denen im November 1955 schon das 75. Tausend der rororo-Taschenbuchausgabe gedruckt war. Für die zweite Auflage des Musil-Romans in der wiederum verhältnismäßig respektablen Höhe von 5000 Exemplaren, die Ende Juni herauskommen soll, liegen schon über 1000 Vorbestellungen beim Verlag.
Sagt der alte Rowohlt, siegesgewiß schnaufend: "Musil - das wird mein deutscher Klassiker. Jedes Jahr werden wir jetzt 2000 Stück vom 'Mann ohne Eigenschaften' absetzen. Vielleicht noch mehr!" Rowohlt hält es mit Thomas Mann, der dem Romancier Musil bereits am 1. Juni 1939 prophezeit hatte: "Es gibt keinen anderen lebenden deutschen Schriftsteller, dessen Nachruhm mir so gewiß ist."
Es scheint, daß dieser Nachruhm des 1942 verstorbenen Robert Musil jetzt mit aller Macht einsetzt, auch im Ausland. "Der Mann ohne Eigenschaften" kam 1953 in England und in den Vereinigten Staaten heraus. Auch in Italien, Frankreich und Schweden werden Übersetzungen des Romans und der Tagebücher vorbereitet.
Das sind Erfolge, wie sie für das Werk eines Autors, der so hohe Ansprüche an Geist, Geschmack und Ausdauer des Lesers
stellt, kaum größer vorstellbar sind. Jahrelang hatte zuvor für die Verlagswerbung ein Musil-Aufsatz in der hochangesehenen Literaturbeilage der Londoner "Times" - "The Times Literary Supplement" - vom 28. Oktober 1949 herhalten müssen, der mit dem Fanfarenstoß begann: "Robert Musil, der bedeutendste deutsch schreibende Romancier dieser Jahrhunderthälfte, ist einer der unbekanntesten Schriftsteller unseres Zeitalters."
Rowohlt druckte mit Vorliebe diesen ersten Satz in seinen Prospekten ab. Er unterdrückte verständlicherweise den Vorwurf der "Times": "Daß sein (Musils) Hauptwerk 'Der Mann ohne Eigenschaften'... noch immer nicht wieder gedruckt ist, ist eine Schande für das deutsche Verlagswesen."
Der Anwurf traf Rowohlt kaum. Er hatte 1930 und 1933 die beiden ersten Teile von Musils Roman herausgebracht. Eine Fortsetzung, die bereits in den Satzfahnen vorlag, zog der unendlich selbstkritische Autor, obwohl er in wirtschaftlicher Not lebte, wieder zurück. 1943 erschien noch ein dritter Teil, den die Frau des inzwischen verstorbenen Dichters, Martha Musil, provisorisch aus dem Nachlaß zusammengestellt hatte. Danach aber blieb es lange
Kriegs- und Nachkriegsjahre hindurch recht still um Robert Musils Werk. 1952 endlich erschien bei Rowohlt der Roman "Der Mann ohne Eigenschaften", alle drei Teile neu bearbeitet, um 50 weitere Nachlaßkapitel ergänzt und zu einem Band zusammengefaßt.
Es kursiert die Ansicht, die "Times" habe mit ihrem Beitrag von 1949 den "unbekanntesten Schriftsteller" Robert, Musil wiederentdeckt. Das stimmt nicht so ganz. Schon 1947 erschien in der Wiener "Presse" ein Musil-Aufsatz von Victor Wittner, einem früheren Redakteur des literarischen Magazins "Der Querschnitt". 1948 wurde der Universität Wien eine Musil-Dissertation vorgelegt. Am 14. Oktober 1948 veröffentlichte die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" einen Aufsatz von Adolf Frisé über "Die vergessenen Dichter", in dem auch Begegnungen mit Robert Musil in Berlin um das Jahr 1932 beschrieben wurden.
Adolf Frisé hatte sich schon als Student der Germanistik in Heidelberg von Robert Musil und seinem damals zum erstenmal erschienenen Roman "Der Mann, ohne Eigenschaften" angezogen gefühlt. Er schrieb an den Autor nach Wien, höchst angetan, aber doch mit einigen Bedenken gegenüber der Hauptfigur Ulrich, einem scheinbar ziel- und planlos lebenden jungen Österreicher, in dessen vielfältig verschlungenem Wiener Erleben sich das Schicksal der sterbenden Donaumonarchie beim Übergang vom Friedensjahr 1913 zum ersten Kriegsjahr 1914 facettenhaft spiegelt.
Die kurze Korrespondenz mit Musil vermehrte noch das Interesse des jungen Studenten Frisé für den "Mann ohne Eigenschaften". Im April 1935 erschien in der "Tat" (Jena) ein Aufsatz von dem inzwischen zum Dr. phil. promovierten Adolf Frisé: "Robert Musil oder Vom Grenzschicksal der Kunst". Die SS-Zeitung "Das Schwarze Korps" nahm daraufhin Musil-Frisé in einem fast ganzseitigen Artikel "Literarische Nachtwächterei" auf die Hörner.
Es dauerte immerhin fast zwanzig Jahre, ehe die Pressestimmen sich sehr anders anhörten. "... eine der größten dichterischen Aussagen nicht nur über unsere Zeit, sondern über Welt und Mensch schlechthin" (Süddeutsche Zeitung); "... eines der bedeutendsten Ereignisse der deutschen und nicht nur der deutschen Literatur... die epische Enzyklopädie unseres Jahrhunderts... Man darf prophezeien, daß 'Der Mann ohne Eigenschaften' ein Werk von Dauer sein wird" ("Frankfurter Allgemeine").
Das war nach der Neuausgabe des kompletten Musil-Romans Ende 1952. Der nun erschienene zweite Band der Gesammelten Werke Robert Musils, "Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden", hat kein geringeres Echo gefunden. "... die auf deutschem Sprachgebiet wohl bedeutendste künstlerische Analyse unserer Zwischenzeit", schrieb die "Gegenwart" von diesem zweiten Band, und ergänzte sogleich:
"Indes führt alles, was Musil geschrieben hat, auf den 'Mann ohne Eigenschaften' hin, ist Variante, Vorform, Nebenweg dieses einen Lebensbuches..."
Der Rowohlt-Verlag formulierte diesen Tatbestand noch zweckdienlicher: "Man wird in Zukunft diese Tagebücher gelesen haben müssen, um den 'Mann ohne Eigenschaften'... zu erfassen. Man wird umgekehrt das Romanwerk gelesen haben müssen, um den geistigen Reiz dieser Tagebücher voll auszukosten..."
Derart paradox ist vieles im Umkreise Musils, der in den Mittelpunkt seiner dichterischen Lebensarbeit, eben des einen Romans "Der Mann ohne Eigenschaften" mitsamt seinen Vorformen, Tagebuch -Kommentaren und verworfenen Versuchen, eine Gestalt stellte, die - wie der Verlags-Text formulierte - "das Paradoxon eines Romanhelden" genannt werden muß: "so unpersönlich, daß sein Familienname nirgends erwähnt wird, ein anonymer Repräsentant seiner Zeit".
Musil steigerte den Widerspruch noch mit der Feststellung: "Die Geschichte dieses Romans kommt darauf hinaus, daß die Geschichte, die in ihm erzählt werden sollte, nicht erzählt wird." Und er verbohrte sich vollends in seine bereits durch die Verbitterung eines Fast-Vergessenen getrübte Dialektik mit der Behauptung, daß ein Erfolg seines Romans ihm, Musil, unrecht geben müsse, denn er enthalte die Diagnose einer Zeit, in der ein solcher Roman eben keinen Erfolg haben könne.
Fliegende Blätter im Koffer
Es scheint so, als sei Musil diesem Erfolg, den er zugleich herbeisehnte und - als Gegenbeweis seiner Zeitdiagnose - fürchtete, geflissentlich aus dem Wege gegangen, ja entflohen. Musil, 1880 als Sohn eines geadelten Universitätsprofessors in Klagenfurt geboren - seinen rechtmäßigen Titel "Robert Edler von Musil" führte der Dichter nie - war zuerst Offizier, TH -Student, Ingenieur, wieder Student, diesmal der Philosophie und Psychologie, Bibliothekar, Redakteur, Beamter und schließlich "nichts als Schriftsteller".
In der Literatur hatte es Musil frühzeitig zu einigem Ruf gebracht. Alfred Kerr, der geistreichste und scharfzüngigste Kritiker des alten Berlin, hatte Musils Erstlingsroman "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" schon 1906 anerkennend besprochen. In dem Novellenband "Die Vereinigungen" von 1911 glaubten einige Kritiker damals und glauben einige Literaturhistoriker noch heute den Anfang des literarischen Expressionismus in Deutschland zu sehen. 1923 erhielt Musil, zusammen mit dem Lyriker Wilhelm Lehmann, den Kleistpreis, 1924 den Kunstpreis der Stadt Wien (zusammen mit Richard Billinger, Otto Stoessl und Max Mell).
Musils Bühnenwerke dagegen fanden nicht viel Beifall. Seine Posse "Vincenz oder die Freundin bedeutender Männer" wurde Ende 1923 unter der Regie von Berthold Viertel im Berliner Lustspielhaus uraufgeführt. Bei der Wiener Aufführung im Deutschen Volkstheater kam es im August 1924 beinahe zu einem Theaterskandal.
Gegen die Uraufführung seines um zwei Drittel zusammengestrichenen Schauspiels "Die Schwärmer" 1929 in Berlin protestierte Musil vergeblich tags zuvor in den Lokalzeitungen. ("Morgens Scheck von 66,25 Mark über 10 Aufführungen erhalten" notiert Musil am 23. April 1929.) Der Darmstädter Intendant Gustav Rudolf Sellner hat Musils "Schwärmer" vor einem Jahr neu herausgebracht.
Stärker beachtet wurden Musils Novellen "Drei Frauen" (1924; rororo-Neuausgabe
November 1952) und die "Rede zur Rilke-Feier in Berlin" (1927). Aber erst als Musils Hauptwerk, Teil I des Romans "Der Mann ohne Eigenschaften", 1930 erschien, wurde der literarische Rang des Autors im In- und Ausland ganz deutlich. Man stellte Musil neben James Joyce ("Ulysses") und Marcel Proust ("Auf der Suche nach der verlorenen Zeit").
Die Datierung der Erstausgabe
- der zweite Teil erschien 1933 - kennzeichnet schon die für
den Weltruhm eines deutsch sprachigen Autors unglückliche Zeit-Konstellation. Dazu kam, daß Musils Roman nie zu enden schien. Rowohlt-Autor Ernst von Salomon ("Der Fragebogen") hat in der "Zeit" die tragikomische Szene geschildert, wie Musil seinem Verleger Rowohlt das Manuskript des noch längst nicht vollendeten Romans überbrachte.
"Rowohlt pflegte Autoren, denen es zuzeiten wirtschaftlich schlecht erging, in seinem Verlage mit kleineren Arbeiten zu beschäftigen", berichtet Salomon. "Auch ich durfte längere Zeit bei ihm 'Waschzettel' verfertigen und zur Tür eilen, wenn Besucher des Verlages klingelten. Eines Tages, im Jahre 1930, klingelte es, und ich eilte, die Tür zu öffnen. Draußen stand ein Herr mit einem großen Koffer:
Robert Musil. Er war nach Berlin gekommen, weil dort die Spannungen und Konflikte des deutschen Geisteslebens fühlbarer sind als in Wien - wie aus seinen späteren Aufzeichnungen hervorging.
"Aber der Koffer enthielt nicht seine Kleider und Habseligkeiten, sondern er beherbergte das Manuskript seines Romans 'Der Mann ohne Eigenschaften'. Von diesem Roman war bei Rowohlt schon lange die Rede; schon seit Jahren geisterte das Gerücht von ihm wie die Seeschlange durch den Verlag, ein Wesen, von dem
jedermann sprach und das noch keiner gesehen hatte. Nun war Robert Musil da mit seinem Manuskript, und ich war der erste, der einen Blick hineinwerfen konnte. Es blieb bei diesem Blick: Der Koffer enthielt ein Gewirr von Papierseiten und Zetteln. Und der Roman war noch lange nicht fertig...
"Später las Musil seinem Verleger vor. Noch heute erzählt Rowohlt gern, welches Entsetzen ihn packte, als Musil immer wieder zu seinem Koffer eilte, lange in dem Papierwust herumkramte, um die
nächste Seite zu finden, die er noch vorlesen wollte, und wie Robert Musil schließlich, als Rowohlt ungehalten darüber war, daß der Roman in auch nur einigermaßen absehbarer Zeit nicht fertig sein werde, seinem Verleger still sagte, wenn Rowohlt ihn auch im Stich ließe, bliebe ihm nichts anderes übrig, als sich zu erschießen."
Rowohlt hat ihn nicht im Stich gelassen, und Musil hat sich nicht erschossen, sondern unermüdlich an seinem Riesenroman und dem daranhängenden Rattenschwanz der Tagebuch-Reflexionen und Teil-Entwürfe weitergearbeitet. Diese selbstverordnete Klausur und die jahrzehntelange Enthaltsamkeit vom Publizieren hat seinem Ruf, der durch die beiden ersten Teile seines Romans starken Auftrieb erhalten hatte, verständlicherweise nicht sehr gedient.
Schon als Musil 1933 von Berlin wieder nach Wien zurückkehrte, geschah das fast unbemerkt.
Noch weit weniger Aufsehen machte es, als Musil im Herbst 1938, nach dem "Anschluß" Österreichs, in die Schweiz übersiedelte. In kleinen Gartenhäusern der Genfer Vororte schrieb er weiter an seinem Roman - unbeachtet von der Schweizer Öffentlichkeit, die - ebenso wie seine Leserschaft im
Ausland - den "Mann ohne Eigenschaften" schnell vergessen zu haben schien. Auch war die Kriegszeit einem deutschsprachigen Autor ohnehin nicht günstig.
Musils 60. Geburtstag am 6. November 1940 war von den Zeitungen mit Schweigen übergangen worden. Nur ein Freund, der Pfarrer Dr. Lejeune aus Zürich, gratulierte. Musil dankte den Lejeunes ein paar Tage später: "Sie sind wahrhaftig die einzigen Menschen gewesen, die sich daran erinnert haben... Es sieht so aus, als ob ich schon so gut wie nicht da wäre..." In
den Tagebüchern registriert Musil seine Existenz als "das paradoxeste Beispiel von Dasein und Nichtdasein einer Erscheinung".
Besonders widersinnig bei all dem ist die Tatsache, daß ausgerechnet das Werk, an dem - wie Musil wohl wußte - sein Nachruhm hing, eben "Der Mann ohne Eigenschaften", ihn in diese für einen Dichter fast tödliche Nacht des völligen Vergessenseins stieß.
Dieses Lebenswerk hat seinen Verfasser jahrzehntelang in Not und Sorge gestürzt. Musil bekennt: "Ich bin in Wahrheit, schon seit ich den 'Mann ohne Eigenschaften' zu schreiben begonnen habe, so arm, und durch meine Natur auch so aller Möglichkeiten des Gelderwerbs entblößt, daß ich nur von dem Ertrag meiner Bücher lebe, richtiger gesagt, von den Vorschüssen, die mir mein Verleger in der Hoffnung gewährt, daß sich der Ertrag vielleicht doch noch heben könne... Wenn meine Bücher also spröde sind und nicht um Gunst werben, so ist das nicht der Hochmut eines, der es nicht nötig hat."
In den Tagebuch-Notizen taucht immer wieder die bange Frage auf: Wovon werden wir morgen leben? "Ich kann nicht weiter", heißt es an einer Stelle. "Ich glaube, daß man außer unter Selbstmördern nicht viele Existenzen in einem Augenblick gleicher Unsicherheit antreffen wird, und ich werde mich dieser wenig verlockenden Gesellschaft kaum entziehen können..."
"Ich lebe, um zu rauchen"
Die Bitterkeit über sein Schweizer Exil schlägt auch in seinen Briefen immer wieder durch. An Freund Lejeune schreibt er: "Es ist in der Schweiz leider so: Man ist solide im Urteil und hält den Toten die Treue, ob sie nun Keller, Meyer, Rilke oder Hofmannsthal heißen. Auch ich fühle einigermaßen sicher, daß man einst meinen Schweizer Aufenthalt wohlgefällig buchen wird, aber erst auf seinen Tod warten zu müssen, um leben zu dürfen, ist doch ein rechtes ontologisches Kunststück!"
Die Formel für dieses Kunststück hat Musil schließlich über seinen Roman gesetzt, dessen Titel lange Zeit nicht feststand. (Ursprünglich sollte er "Der Spion" heißen, dann "Der Erlöser".) Mehr und mehr war Musil für die Umwelt abgestorben - so gründlich, daß sich heute in jenen Genfer Gartenhäusern kaum noch ein Mensch an Robert Musil erinnert.
"Seiner Zeit so weit voraus sein, daß man nicht bemerkt wird von ihr", notierte Musil einmal in sein Tagebuch. Schon 1903, als Dreiundzwanzigjähriger, hatte er, einem nicht abgesandten Brief nach zu schließen, vorausgespürt, "wie sonderbar das Leben des Robert Musil verlief, wie es sich verlief - langsam, allgemach - in Sand..."
Tag für Tag hockt er in seinem Gehäuse, füllt unzählige Tagebuchseiten und führt langsam seinen Roman fort, guten Glaubens, daß er noch zwanzig Jahre arbeitsfähig sein werde. Immer wieder verwirft er und schreibt neu, am 15. April 1942 zum Beispiel das für den dritten Teil vorgesehene Kapitel "Atemzüge eines Sommertages". Zwischendurch - um 9.20 und um 11 Uhr - notiert er, akkurat wie in allen Dingen, in einem dünnen blauen Heft die ersten zwei Zigaretten seiner Tagesration, die ihm der Arzt widerstrebend auf sechs bis acht Stück festgesetzt hatte. Musil: "Ich behandle das Leben als etwas Unangenehmes, über das man durch Rauchen hinwegkommen kann! (Ich lebe, um zu rauchen!)."
Dann ging er durch den Garten, kam zurück und sagte zu seiner Frau, während er die Treppe hinaufstieg: "Ich will noch vor Tisch baden." Beim Auskleiden, vielleicht bei einer heftigen Bewegung, traf ihn ein Gehirnschlag. "Es war unmöglich zu
fassen, daß er tot sei", schrieb Frau Musil einem seiner Freunde, "so lebendig und etwas spöttisch-erstaunt sah er aus."
Sein Tod "wog kaum so schwer wie eine Film-Premiere", hatte Musil im Jahre 1927 von der Reaktion der Presse beim Tode Rilkes gesagt. Diese Feststellung galt mehr noch für Musil selbst, den nur wenige Freunde zu Grabe trugen. Pfarrer Dr. Lejeune hielt die Abschiedsrede, die später gedruckt wurde*. Die Wirkung dieser Broschüre hat Dr. Lejeune in dem Satz zusammengefaßt, der auch auf Robert Musil bis lange nach seinem Tode zutraf: "Die Beachtung war minimal." Musil war scheinbar endgültig geworden, was er unter dem
Decknamen Ulrich, der Hauptfigur seines teilweise selbstbiographischen Romans, literarisch schon früher gewesen war: der "Mann ohne Eigenschaften".
Über das Grab hinaus hat Musil diese Rolle gespielt. Etwa sechs Jahre vor seinem Tode hatte er geäußert: "Ich bin der einzige Dichter, der keinen Nachlaß haben wird. Wüßte nicht wie." Einer Feuilleton -Sammlung von 1936 hatte er den bezeichnenden Titel mitgegeben: "Nachlaß zu Lebzeiten"**
Musil unterschied verschiedene Arten von Nachlässen, etwa die blühenden; Nachlässe, durch die ein Autor überhaupt erst nachträglich entsteht (Novalis, Georg Büchner); die lehrreichen Nachlässe (Stendhal, Nietzsche). "Die letzte Gruppe der Nachlässe bilden dann erst die überflüssigen. Zu diesen wird jedenfalls der meine gehören "
Sein Verleger teilte Musils Meinung nicht. "Es ist nicht übertrieben zu sagen, Rowohlt habe Musil Werke gerettet", schrieb die "Gegenwart". "Und es ist sogleich hinzuzufügen, daß diese Rettung im Verein mit dem Verleger dem Herausgeber Adolf Frisé zu danken ist."
Der frühe Musil-Leser Frisé war auf den Spuren seines Idols geblieben und traf auf dieser Fährte mit Ernst Rowohlt zusammen. Der Verleger hatte schon 1946 wieder Verbindung mit Musils Witwe aufgenommen Der 1943 von Frau Musil in Lausanne
aus dem Nachlaß herausgegebene dritte Teil des Romans - Frisé: "Torso eines Torsos" - war ein Notbehelf gewesen. Eine vollständige Ausgabe wurde von der kleinen Schar der Musil-Kenner immer dringender gefordert. Ein geplantes Treffen zwischen Musils Witwe und Verleger Rowohlt in der Schweiz scheiterte jedoch an den zeitüblichen Paß-Schwierigkeiten der ersten Nachkriegsjahre.
In den folgenden Jahren reiste Frau Musil mit dem gesamten Musil-Nachlaß zweimal über den Atlantik. Musil hatte keine Kinder. Aus der ersten Ehe Frau Martha Musils stammen zwei noch lebende Geschwister: Anne und Gaetano Marcovaldi.
Anne, die in den Tagebüchern ihres Stiefvaters als Annina figuriert, unter dem Einfluß Robert Musils aufwuchs und sich geistig seinem Werk verbunden fühlt, ist in einem wissenschaftlichen Verlag in Philadelphia tätig. Ihr Mann, Dr. Otto Rosenthal, ist Arzt, Krebsforscher.
Frau Musil, die nach dem Kriege zu ihrer Tochter nach Philadephia gereist war, kam 1948 mit dem Nachlaß ihres Mannes nach Rom zu ihrem Sohn. Gaetano Marcovaldi ist Professor an einem römischen Lyzeum, Junggeselle, ein geistiger, etwas versponnener Mann. Er spricht von "Doktor Musil".
In seinem Hause herrscht eine rein italienische Atmosphäre. Im ersten Stübchen der Parterrewohnung stehen noch heute eine schmale hohe braune Kiste, ferner ein großer und ein kleiner Koffer. Darin sind Robert Musils Manuskripte. Frau Martha Musil, die in diesem Zimmer lebte und im Herbst 1949 starb, hatte dort einiges für eine größere Musil-Ausgabe zusammengestellt.
Nach dem Tode von Frau Musil verhandelten die Erben mit dem Rowohlt-Verlag über die Herausgabe des Gesamtwerkes. Am selben Tag, an dem Rowohlt wußte, daß der Start seiner rororo-Reihe finanziell gesichert war, schloß er den Herausgeber-Vertrag für Musils gesammelte Werke mit Adolf Frisé.
Aber Frisé erkannte erst nach einem ersten Besuch im römischen Musil-Stübchen, welche Riesenaufgabe er übernommen hatte. In der Kiste und den Koffern fanden sich
in Schnellheftern Teile des Romans, eingeteilt nach Kapitelgruppen, Essays, Skizzen, und sogar "Schmierblätter", die Musil sorgfältig aufgehoben und nach seiner pedantischen Art methodisch geordnet hatte. In etwa vier Wochen verschaffte sich Adolf Frisé einen ersten Überblick über das Ganze. Er sah: Ein Stück Lebensarbeit lag vor ihm.
Im Musil-Stübchen bei Professor Marcovaldi traf er bei einem neuen Rom-Aufenthalt tagsüber die Vorwahl und nahm das Interessanteste in sein Pensionszimmer mit. Dieses Material wurde ihm dann "mit peinlich genauer Buchführung" zu weiterer Bearbeitung nach Deutschland mitgegeben. Im Dezember 1952 erschien die neue, so weit wie möglich vollständige Fassung des Romans "Der Mann ohne Eigenschaften".
Kriegstagebuch eines Flohs
Die Literaturkritik hatte nicht ohne Grund den Namen Robert Musil frühzeitig neben James Joyce und Marcel Proust genannt. Am greifbarsten erscheint die Verbindung zu dem Franzosen, dessen riesiges Romanwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" wenigstens grundsätzlich aus ähnlicher Abgeschlossenheit hervorging, ebenfalls nie ganz beendet wurde und mit seinem Titel auch die Stimmung Musils fixiert. Auch Musil ging es in seinem gigantischen Protokoll darum, die verwehenden Spuren einer Zeit zu registrieren, die der Gegenwart nur noch die entleerte Hülle zurückgelassen hat.
Musils Held Ulrich, dessen adliger Familienname im Roman nie genannt wird ist Mathematiker, Psychologe, Philosoph: ganz ähnlich wie sein Vorbild Robert Musil es war. Ulrich scheint von der Eigenbewegung seiner Zeit willenlos mitgetragen und umhergeweht zu werden - eine Person ohne spezifisches Gewicht, ein Mann ohne besondere Eigenschaften, der zu seinem Erstaunen sieht, "daß die Wirklichkeit mindestens um hundert Jahre zurück ist hinter dem, was gedacht wird".
Ein Gegenspieler Ulrichs ist Paul Arnheim, der große Wirtschaftsführer mit hohem politisch-diplomatischem Ehrgeiz, Synthese von "Kohlenpreis und Seele". (Als Modell diente der 1922 ermordete Walther Rathenau.) Arnheim kommt nach Wien, angeblich um sich zu erholen, in Wahrheit, um in aller Stille seinem Konzern die bosnischen Erzlager und Waldbestände zu sichern. Er gerät, wie Ulrich, mitten hinein in die "Parallelaktion", die Musil Gelegenheit gibt, ein farbiges, umfassendes Bild von der alten österreichischen Welt zu zeichnen, dem großen Reich im Südosten, das heute bis auf ein Restfleckchen von der Landkarte verschwunden ist. "Kakanien" nennt er es nach der Abkürzung der k. u. k., der kaiserlichen und königlichen österreichisch-ungarischen Monarchie.
Was unter der "Parallelaktion" zu verstehen ist, hat Musil selbst erklärt: "Das Jahr 1918 hätte das 70jährige Regierungsjubiläum Franz Josephs I. und das 35jährige Wilhelms II. gebracht. Aus diesem künftigen Zusammentreffen entwickelt sich ein Wettlauf der beiderseitigen Patrioten, die einander schlagen wollen und die Welt, und im Kladderadatsch von 1914 enden."
Der Roman umfaßt nur das Jahr der Wende von 1913 auf 1914. Der Kriegsausbruch löscht auch Ulrichs Individualität aus; der Uniformträger ist endgültig ein "Mann ohne Eigenschaften" geworden. Die auf die Ereignisse eines Jahres zusammengepreßte Romanhandlung "endet" offen
Aber der Inhalt ist relativ unwichtig. "Die reale Erklärung des realen Geschehens interessiert mich nicht", sagte Musil, der glaubte, "keinen historischen Roman geschrieben zu haben... Die Tatsachen sind überdies immer vertauschbar. Mich interessiert das geistig Typische, ich möchte geradezu sagen: das Gespenstische des Geschehens."
Darum ist diese Roman-Handlung um Ulrich auch nicht viel mehr als ein dünner roter Faden, der noch dazu sehr in Windungen durch das Ganze gelegt ist, immerhin aber Ansatzstellen bietet für die unzähligen selbst- und zeitkritischen Reflexionen der 251 Kapitel. Die Schweizer Zeitung "Weltwoche" hat Musils Romanwerk darum einmal mit einem Eisberg verglichen: "Ein leuchtendes, schimmerndes Gebilde, das zu neun Zehnteln in eine unübersehbare Flut von Zetteln mit Apercus eintaucht."
Dieses Bild macht deutlich, auf welche Weise der Riesenroman mit den neu erschienenen "Tagebüchern, Aphorismen, Essays und Reden" verbunden ist, dem zweiten Band der Gesammelten Werke, der also jene "Flut von Zetteln mit Apercus" darstellt, in die der "Eisberg" des Riesenromans eintaucht.
Aber die Struktur, die bruchstückhafte Anlage - und folgerichtig auch das Fragment-Schicksal des großen Roman-Unternehmens - ist hier zugleich Inhalt: wie so viele Handlungszüge nur Sinnbild für eine in Auflosung und Zerfall begriffene Zeit. Ihr wollte Musil auf den Grund kommen, indem er in zähester Werkstatt - und Kleinarbeit Splitter um Splitter löste und Span um Span abhob.
Das erklärt seine jahrzehntelange Klausur. Es erklärt auch die Tatsache, daß diese scheinbar so tausendfältig zerspaltenen
Abfälle von der Hobelbank der Zeitkritik nun zum Sammelband vereinigt werden konnten. Die Struktur der Tagebücher ist im Grunde ganz ähnlich wie im "Mann ohne Eigenschaften" - nur daß ein durchlaufendes rotes Handlungsfadchen fehlt, das aber teilweise auch in den Bruchstücken durchscheint.
Dies erklärt endlich aber auch die beispiellosen Schwierigkeiten einer solchen literarischen Nachlaß-Verwaltung, das heißt der Herausgabe, vor allem die eigentümliche Technik, die Adolf Frisé anwenden mußte. Die "Gegenwart" sprach es an: "Eigentlich war diese Aufgabe nichts Geringeres als der Versuch, das geistige Erleben Musils zusamt seinem realen Leben sich zu vergegenwärtigen: Edition als Rückgewinnung des Entschwundenen, als totale Wiederherstellung."
Diese "Wiederherstellung" bedeutete für den Herausgeber Frisé nicht weniger, als sich in Musil vollkommen hineinzuleben, in solchem Maße, daß er sogar dessen Arbeitsstil übernahm -, daß er für die Zeit der Herausgeber-Arbeit sozusagen ein "Mann ohne Eigenschaften" wurde. Adolf Frisé hat seine Edition nur in ungewöhnlich strenger Klausur leisten können.
Schon für die Herausgabe des von ihm neu bearbeiteten und ergänzten Romans "Der Mann ohne Eigenschaften" hatte Frisé lange nach einem völlig ungestörten Arbeitswinkel gesucht. Er fand ihn schließlich in einem Dachgeschoß-Zimmer in Oberreifenberg im Taunus. Monatelang saß er dort und versuchte, Ordnung in das Kapitel-Chaos des Romans zu bringen. Verbindliche Unterlagen dazu waren nicht vorhanden, nur Planskizzen Musils aus verschiedenen Entstehungsphasen, abgefaßt
und signiert in der chiffrehaften Schrift des Autors.
Die Schwierigkeiten wuchsen ins Unermeßliche bei der Bearbeitung der Tagebücher. Wiederum ahmte Frisé notgedrungen Musils mönchische Existenzform nach, zog sich neuerlich monatelang zurück, diesmal zumeist nach Holland, wo er in einem Bungalow von Noordwijk unterkroch. Es war ein Rennen mit der Zeit, da die Drucktermine festlagen. Teilweise erst in letzter Stunde fielen wichtige Entscheidungen.
Es handelte sich bei dem Nachlaß um nicht weniger als 30 Kladden, deren Datierung sich über einen Zeitraum von 44 Jahren erstreckt. Es ging Musil bei seinen unentwegten Schreib-Monologen darum, sein "eigener Historiker" zu sein.
Die Datierung dieser Tagebücher aber bereitete qualvolle Mühe, fast unüberwindliche Schwierigkeiten, denn Musil schrieb nicht fortlaufend in ein Tagebuch. Er numerierte die Kladden zwar, aber der Schlüssel zu dieser Bezifferung blieb unerfindlich. "Komischer Zug", notiert Musil einmal um 1930, "jetzt trage ich ohne genaue Ordnung in vier Hefte ein."
Eine Hamburgerin, Frau Schulz-de Lalande, die sich in Musils Handschrift völlig eingelesen hatte, schrieb die Eintragungen aus den schwarzgerippten Wachstuch- und Kontobüchern ab. Schließlich lagen tausende Schreibmaschinenseiten vor.
Ungemein schwierig war die Aufschlüsselung der Abkürzungen von Namen und Titeln. Frisé mußte bis zur letzten Korrekturminute dechiffrieren. Da die Erklärungen in einem Anmerkungs -Apparat alter Ordnung mit Fußnoten und Verweisungen nicht zu bewältigen gewesen wären, hat Frisé den modernen Weg gewählt und die Auflösung der Chiffren,
seine Zusätze also, zwischen eckigen Klammern in den Text eingebaut.
So ist ein einigermaßen lesbares Buch entstanden. Es bietet eine Fülle von Überraschungen, nicht nur angenehmer Art. Witzig wird die Zeitgeschichte im "Kriegstagebuch eines Flohs" erzählt. "Über die Dummheit" lautet der berühmte Titel einer Musil-Rede.
Im März 1933 notiert Musil in sein Tagebuch: "Hitler: ein Person gewordener Affekt, ein sprechender Affekt. Erregt den Willen ohne Ziel..."
Im Mai 1933 notiert Musil: "In dem herrlichen 'Kaiserwetter' sind die Straßen voll Menschen. 'Das Leben geht weiter.' Obwohl täglich Hunderte getötet, eingesperrt, verprügelt usw. werden. Das ist nicht Leichtsinn, sondern eher der Hilflosigkeit einer Herde zu vergleichen, die langsam nachgeschoben wird, während die Vordersten dem Tod anheimfallen. Sie wittert, ahnt, wird unruhig, aber ihre Psychologie kennt keine Reaktion, sie kann sich schlechterdings gegen diese Lage nicht wehren. So sieht man auch hier die Maßgeblichkeit der sozial ausgebildeten Verhaltensweisen, die Art der 'Steuerung'. Der Nationalsozialismus hat recht, wenn er die ungeführte Masse verachtet."
In einer Studie über Nationalismus und Internationalismus etwa aus dem Jahre 1919 heißt es bei Musil: "Der Mensch ist nicht gut, wenn man ihm bloß die verschiedenen Joche des Kaisertums, Militarismus, Kapitalismus abnimmt. Er ist auch nicht schlecht, sondern er ist eine liquide Masse, die geformt werden muß." Ähnlich im "Mann ohne Eigenschaften": "Es steht nicht mehr ein ganzer Mensch einer ganzen Welt gegenüber, sondern ein menschliches Etwas bewegt sich in einer allgemeinen Nährflüssigkeit."
In dieser Situation wollte Musil "Material für eine neue Moral" liefern. "Erlaucht!" sagt Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, zum Grafen Leinsdorf, "es gibt nur eine einzige Aufgabe für die Parallelaktion: den Anfang einer geistigen Generalinventur zu bilden! Wir müssen ungefähr das tun, was notwendig wäre, wenn ins Jahr 1918 der Jüngste Tag fiele, der alte Geist abgeschlossen werden und ein höherer beginnen sollte. Gründen Sie im Namen Seiner Majestät ein Erdensekretariat der Genauigkeit und der Seele; alle anderen Aufgaben sind vorher unlösbar oder nur Scheinaufgaben."
Musil hat in seinem Gesamtwerk Aufriß und Ansatz für eine solche "geistige Generalinventur" hinterlassen. Das gibt seinem sonst zwanghaft anmutenden, ungeheuer ausgebreiteten und nie endenden Dokumentationsdrang seinen Sinn: "Thomas Mann und ähnliche schreiben für die Menschen, die da sind; ich schreibe für Menschen, die nicht da sind!" Er fühlte sich seiner Zeit weit voraus und zugleich von ihr eingegrenzt. Der Mathematiker und Ingenieur Robert Musil hatte seinen Aufzeichnungsapparat zum Zweck einer porenscharfen Großaufnahme der Zeit mit der Unermüdlichkeit eines Bastlers aufgebaut.
Kunst und Moral des Crawlens
Adolf Frisé sagt: "Musil hat ungemein sorgfältig gearbeitet. Er zog auch alle früheren Studien und Entwürfe immer wieder heran. Um eine einzige hieb- und stichfeste Bemerkung oder Beobachtung, oft nur in einem Nebensatz oder als Parenthese, hinzuschreiben, hat er den Gedanken gewissermaßen über Seiten hin eingekreist. In einem solchen fast naturwissenschaftlich anmutenden Sicherungsverfahren entstanden seine Essays und Romankapitel.
"Musil rechnete mit einem langen Leben. Er hoffte, seinen exakt angelegten Bau selbst zu Ende führen zu können. Aus den fertig ausgeführten Teilen, den Konstruktionsskizzen und Entwürfen erkennt man die Gesamtanlage."
Mit einer Mischung aus intuitiver Einsicht und eiskalt-rationaler Logik; mit dem Versuch, die tausendfältigen Einzelerkenntnisse immer wieder zu überprüfen und zu präzisieren und zugleich in eine literarisch unanfechtbare Form zu bringen - einige Kapitel des Romans wurden bis zu zwanzigmal umgeschrieben - ist Musil zu dem geworden, was er in eine Wachstuchkladde in blitzhafter Erkenntnis notiert hatte: ein lebender "Zettelkasten als Symptom der Zeitkultur".
Das bestimmt auch seine Ansprüche an den Leser. "Ich wäre dem Publikum sehr dankbar, wenn es weniger meine ästhetischen Qualitäten beachten würde und mehr meinen Willen. Stil ist für mich die exakte Herausarbeitung eines Gedankens."
Um Richtigkeit, Genauigkeit, um präzise Lösungen oder Teillösungen, die im Ansatz stimmten, ging es dem ehemaligen Hauptmann und Ingenieur nicht nur in seinen Fachaufsätzen und Fachbüchern, sondern auch in seiner literarischen Produktion. In der Bibliographie, die Musil -Forscher Frisé zusammengestellt hat, finden sich unter anderem die Titel:
- "Die Beheizung der Wohnräume"
- "Das Unanständige und Kranke in der
Kunst"
- "Der mathematische Mensch"
- "Der Anschluß an Deutschland"
- "Psychotechnik und ihre Anwendungsmöglichkeiten
im Bundesheere" (von Ing. Dr. phil. Robert Musil, Fachbeirat im Bundesministerium für Heereswesen)
- "Mediale Zeichnungen"
- "Als Papa Tennis lernte"
- "Kunst und Moral des Crawlens"
Während einer Tätigkeit am Berliner Psychologischen Institut hat Musil einen nach ihm benannten Farb- oder Variationskreisel konstruiert. Genauigkeit, wie sie
die Mathematik benötigt, war für den Mathematiker, gelernten Maschinenbauer und Experimental-Psychologen Musil ein Grundprinzip seiner gesamten Existenz.
"Die Mathematik", schreibt er, "ist Tapferkeitsluxus der reinen Ratio... Mit Ausnahme der paar von Hand gefertigten Möbel, Kleider und Schuhe und der Kinder erhalten wir alles unter Einschaltung mathematischer Berechnungen... Wir plärren für das Gefühl gegen den Intellekt und vergessen, daß Gefühl ohne diesen - abgesehen von Ausnahmefällen - eine Sache so dick wie ein Mops ist."
Für Musil war der Geist nicht, wie für Ludwig Klages - der in Musils Roman als "Prophet" Meingast auftaucht - "der Widersacher der Seele". Es kommt ihm auf eine Korrelation zwischen Gefühl und Intellekt an: "Wir haben nicht zuviel Verstand und zuwenig Seele, sondern wir haben zuwenig Verstand in den Fragen der Seele."
Der Erfolg kommt erst viel später
Dem anfragenden Studenten Adolf Frisé hatte Musil "im Jänner 1931" diese Definition gegeben: "Der Sinn, in dem ich... das Wort Geist gebrauche, besteht aus Verstand, Gefühl und ihrer gegenseitigen Durchdringung. (So war es in der Steinzeit und so wird es in der Zukunft sein.) Und das Problem oder wenigstens ein Hauptproblem des Mannes ohne Eigenschaften besteht darin, daß die beständige Erneuerung dieser Trias heute Schwierigkeiten hat, die neu gelöst werden müssen." Musil betonte in diesem Brief, "daß der Intellekt nicht der Feind des Gefühls ist, sondern der Bruder, wenn auch gewöhnlich der entfremdete".
Zu dieser Feststellung ist er gewiß nicht zuletzt durch Selbstbeobachtung gekommen. Der Mann ohne Eigenschaften Musil hatte, wie alle anderen Zeitgenossen, seine Schwierigkeiten mit der Trias "Verstand, Gefühl und ihrer gegenseitigen Durchdringung".
Freunde berichteten, daß der Hauptmann Musil es fertigbrachte, beim gemeinsamen nächtlichen Nachhausegang über die Wiener Ringstraße einen Soldaten im Mannschaftsrang zu notieren und zum Rapport zu bestellen, weil er nicht gegrüßt hatte. Derselbe Musil aber zeichnet in seinem Roman ein unübertrefflich genaues, aus Zuneigung und ätzender Ironie - aus Gefühl und Intellekt - gemischtes Bild von "Kakanien".
Diese Paradoxie seiner Persönlichkeit wirkt bis in den Nachlaß hinein. Herausgeber Adolf Frisé denkt schon an den dritten Band der Gesammelten Werke Robert Musils, der "Dramatisches und Prosa" enthalten wird. Auch ein Briefband, allerdings nicht unter der Edition Frisés, ist vorgesehen.
Das alles wird den verhältnismäßig frühen Nachruhm Robert Musils ohne Zweifel weiter befestigen - und sein Werk zugleich abgründig in Frage stellen, nach der bis ins Paradoxe vorgetriebenen Dialektik, mit der Musil schon den ersten Erfolg des "Mannes ohne Eigenschaften" kommentiert hatte:
"Ein Erfolg dieses Romans würde dem Bild der Zeit, das er selbst entwirft, widersprechen. Das Ausbleiben des Erfolges würde vielleicht die Überzeugungskraft des Autors in Frage stellen, gleichzeitig aber die Konzeption des Romans bestätigen.
"Was soll ich mir wünschen? Natürlich wünsche ich mir doch die Wirkung. Aber ich glaube nicht daran. Später, vielleicht; später... sicherlich!"
* Robert Musil: "Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden". Herausgegeben von Adolf Frisé: Rowohlt Verlag Hamburg; 963 Seiten; 38 Mark
* Robert Lejeune: "Robert Musil. Eine Würdigung": Verlag Oprecht, Züricht/New York; 1942.
*' Robert Musll: "Nachlaß zu Lebzeiten": Humanitas Verlag Zürich: 220 Seiten: 1936: 6 sfr.
Schriftsteller Robert Musil
Protokoll der vergehenden Zeit
Verleger Rowohlt: "Musil wird mein deutscher Klassiker"
Musils "Vincenz oder die Freundin bedeutender Männer"*: Die Beachtung war minimal
Musil-Herausgeber Frisé
Chaos in Kladdenform
Musil-Briefskizzen in pedantischen Chiffren
Zettelkasten als Zeitsymptom
Martha und Robert Musil
Abschied von Kakanien
* Szene aus der Aufführung im Berliner Lustspielhaus mit Sybille Binder und Rudolf Forster (rechts).

DER SPIEGEL 20/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 20/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MUSIL:
Mann ohne Eigenschaften

Video 00:48

Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada Darauf ein royales "Pop"

  • Video "Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales Pop" Video 00:48
    Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales "Pop"
  • Video "Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum" Video 00:52
    Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum
  • Video "Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen" Video 01:09
    Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen
  • Video "Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie" Video 03:48
    Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: "Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie"
  • Video "Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei" Video 00:35
    Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei
  • Video "Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn" Video 02:08
    Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: "Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn"
  • Video "Stögers Kampfansage an die Bayern: Niemand gibt sich geschlagen" Video 02:16
    Stögers Kampfansage an die Bayern: "Niemand gibt sich geschlagen"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Pen Pineapple Apple Pen: Gaga-Video erobert das Internet" Video 01:58
    "Pen Pineapple Apple Pen": Gaga-Video erobert das Internet
  • Video "Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt