13.06.1956

MARINE

Boot ohne Kommandant

Dem Kieler Konteradmiral außer Diensten Eberhard Godt obliegt seit einigen Tagen eine Aufgabe, die in der Marine bislang - da noch nie vonnöten - unvorstellbar war.

Konteradmiral Godt wurde dazu ausersehen, einen Riß zu verkleistern, der seit dem Kieler Treffen des Deutschen Marinebundes quer durch das vielgerühmte Kameradschaftsgefüge der Marinesoldaten geht. Diese Vermittler-Mission stellt an die Geschicklichkeit des Konteradmirals keine geringen Ansprüche. Denn jener in Kiel aufgerissene Spalt trennt nicht etwa die Fahrensleute von den Landmarinern, sondern die U-Boot-Fahrer vom Präsidenten des Marinebundes, dem U-Boot -Kommandanten Otto Kretschmer.

Die Ursache dieses Debakels ist der Fall Dönitz. Aber daß sich der Fregattenkapitän Kretschmer ausgerechnet in Sachen Dönitz das Vertrauen der U-Boot-Fahrer verscherzte, ist dem staatsbürgerlichen Übereifer des Vizeadmirals außer Diensten Bernhard Rogge zu verdanken.

Dieser Vizeadmiral Rogge - der sich im Kriege als Kommandant des Hilfskreuzers "Atlantis" Ruhm und das Eichenlaub zum Ritterkreuz erwarb und heute als Industrievertreter Geld verdient - hatte sich in Kiel redlich und nach Kräften Mühe gegeben, "alles Trennende unter den Kameraden zu überdecken und das Verbindende zu fördern". Daß Rogge mit diesen lobenswerten Bemühungen am Ende genau das Gegenteil erreichte, ist ebenso komisch wie typisch für die Unbeholfenheit altgedienter Militärs in demokratischen Verhältnissen.

Unter den Soldaten der alten Kriegsmarine und der neuen Bundesmarine fehlt es durchaus nicht an kritischen Stimmen, die manchen Einwand gegen die Kommandoführung des Großadmirals Dönitz erheben, Einig jedoch sind sich alle Marineleute darüber, daß der Spruch der alliierten Militärjustiz nicht den Durchhalte -Redner Dönitz, sondern den Repräsentanten der Marine treffen sollte, daß also der Großadmiral gleichsam stellvertretend für die ganze Marine immer noch im Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis einsitzt. Derartige Überlegungen haben denn auch ausnahmslos bei allen Marinesoldaten die Bereitschaft geweckt, den Großadmiral aus der Spandauer Festung herauszuholen - wobei nur umstritten bleibt, welche Methode am schnellsten zum Ziel führt.

So gehört der Vizeadmiral Rogge, dem das Dönitz-Malheur in Kiel passierte, zu einer Gruppe älterer Seeoffiziere, die sich ausgerechnet hatten, sie könnten mit zurückhaltend formulierten Eingaben an Bonner Ministerien für Dönitz mehr erreichen als mit lauten Protesten auf offener Straße. Rogge war deshalb in aller Stille nach Bonn gefahren, um dem Außenminister von Brentano, dem Staatssekretär Hallstein und dem Verteidigungsminister Blank hinter verschlossenen Türen klarzumachen, daß die Haft des Großadmirals in Spandau den Aufbau der Bundesmarine erschwere und überdies rechtsradikalen Gruppen gefährlichen Stoff für deren Agitation liefere.

Der Vizeadmiral hatte diese Reise schon im Herbst vergangenen Jahres unternommen, begleitet von dem Konteradmiral Godt und dem Fregattenkapitän Suhren, die beide mit Rogge darin übereinstimmten, daß der leisen Methode in Sachen Dönitz der Vorzug zu geben sei.

Heute, nachdem mehr als ein halbes Jahr seit jener Bonn-Fahrt vergangen ist, ohne daß die Bundesminister auch nur ihren guten Willen zu erkennen gegeben hätten, sagt der Fregattenkapitän Suhren:

"Ich weiß selber nicht mehr, was richtig ist. Jedenfalls kann ich die Leidenschaftlicheren unter den Kameraden nicht mehr länger zurückhalten. Was soll ich ihnen denn auch sagen? Von Bonn aus geschieht doch nichts. Von dort werden wir nur immer wieder aufgefordert, die Leute zu bremsen; auf die Dauer glückt das nicht."

Fregattenkapitän Suhren - U-Boot -Kommandant mit Schwertern und Eichenlaub - fungiert im Deutschen Marinebund als Vorsitzender der Hamburger U-Boots-Kameradschaft; die mehr als 300 Mitglieder zählt. Dieser Kreis war es, der nach dem Scheitern der unauffälligen Bonner Dönitz-Demarche den Plan ausheckte, beim Treffen des Marinebundes in Kiel weithin vernehmbar für die Freilassung des Großadmirals zu demonstrieren.

Um den Fregattenkapitän Suhren für einen zweiten Vorstoß in Bonn verfügbar zu halten, ließen die Hamburger U-Boot -Fahrer ihren Vereinsvorsitzenden diesmal abseits stehen. Statt seiner dirigierte der Korvettenkapitän Schendel die Vorbereitungen für die Kieler Dönitz-Aktion. Schendel heute: "Es ging uns dabei nur um den kranken Menschen und Kameraden Dönitz und nicht um Politik."

Unpolitisch war auch der Text gemeint, den der Korvettenkapitän Schendel für Handzettel formulierte: "Wir sind dem Schicksal dankbar, daß es dem Großadmiral Raeder, dem unsere ganze Verehrung und Hochachtung gilt, vergönnt war, noch lebend die Zuchthausmauern zu verlassen. Noch aber lastet der Schatten von Spandau auf der deutschen Marine. Großadmiral Dönitz ist noch nicht frei. Wir fordern von der Bundesregierung, die sofortige Freilassung des Großadmirals Dönitz bei den Gewahrsamsmächten zu erwirken."

Außer diesen Handzetteln packten die Hamburger U-Boot-Fahrer für ihre Reise nach Kiel auch noch Transparente - "Gebt Dönitz frei!" - und ein zusammengerolltes überlebensgroßes Bild des Großadmirals ein. Der durchschlagende Erfolg ihre Aktion war so gut wie sicher - wenn nicht der Vizeadmiral Rogge gewesen wäre.

Vizeadmiral Rogge stand eingekeilt in der dichtgedrängten Zuschauermenge auf dem Kieler Rathausplatz. Es war am Abend des 2. Juni; man wartete auf den Großen Zapfenstreich und die Festansprache des Marinebund-Präsidenten Kretschmer.

Fünfzig Schritt von Rogge entfernt hatten sich unterdes die Hamburger U-Boot-Fahrer postiert, in ihrer Mitte zwölf Mann -

"alles Kommandanten" - mit den Transparenten und dem Bild.

Just in dem Augenblick, da nun das Musikkorps des Marinebundes mit klingendem Spiel auf den Rathausplatz einschwenkte, tippte ein alter Maat dem Vizeadmiral auf die Schulter und meldete:

"Herr Admiral, da hinten stehen Leute, die aus Hamburg kommen, mit Transparenten unter dem Arm."

Dem Vizeadmiral, der nicht ahnte, was die Hamburger U-Boot-Fahrer vorhatten, kam blitzschnell der Gedanke, die Eintracht des Marinebundes sei in Gefahr. Als er dann auch noch von einem Unbekannten hörte: "Bei den Leuten mit den Transparenten sind ja auch Kommunisten dabei", war sein Entschluß schon gefaßt.

Dem alten Führungs-Grundsatz getreu, daß es in unklaren Lagen besser ist, etwas Falsches zu tun als gar nichts, setzte sich der Vizeadmiral ohne Zögern in Bewegung, wühlte sich mit den Ellenbogen eine Gasse durch die Menschenmenge und erreichte atemlos das Rathaus-Portal. Dort traf er auf einen Polizeioffizier: "Die Kommunisten sind da! Sie kommen aus Hamburg!"

Der Vizeadmiral hatte so schnell funktioniert, daß dem Polizisten noch Zeit blieb, jene Neuigkeit dem Fregattenkapitän Kretschmer zuzuflüstern, der sich gerade anschickte, vor das Rednerpult zu treten.

Der Fregattenkapitän Kretschmer war also auf das Schlimmste gefaßt und keineswegs überrascht, als schon nach wenigen Sätzen seiner Rede ein Tumult an sein Ohr drang Da das Scheinwerferlicht, das den Balkon überstrahlte, den Fregattenkapitän blendete, konnte er zwar nicht genau ausmachen, was sich unter ihm auf dem Rathausplatz abspielte. Aber der Fall war für ihn ohnehin völlig klar: Die Kommunisten inszenierten ihre Störaktion.

Tatsächlich jedoch war es zu dem Tumult gekommen, weil sich der Vizeadmiral Rogge - nach seinem Meldegang durch die Menschenmenge auf dem Platz - bis zu den Hamburger U-Boot-Fahrern zurückgeboxt hatte, die er veranlassen wollte, ihre inzwischen entfalteten Transparente wieder einzupacken - "um kein politisches Aufsehen zu erregen und die Harmonie der Veranstaltung nicht zu stören".

Fregattenkapitän Kretschmer hatte indes nur die Warnung vor den Kommunisten im Ohr,,als er zurücktönte: "Der Deutsche Marinebund ist, das möchte ich feststellen, unpolitisch und überparteilich. Mit politischen Infiltrationen und importierten Provakateuren, die wahrscheinlich aus Hamburg kommen, haben wir nichts zu tun."

An die tausend U-Boot-Fahrer hockten nachher in der Mensa der Kieler Universität beisammen. Ihr Urteil über den Fregattenkapitän Kretschmer war hart: "Verräter". Kretschmers eigene Boots-Crew, die unter seinem Kommando mehr als 300 000 Bruttoregistertonnen abgeschossen hatte, ließ den Kopf hängen: "Ab heute sind wir ein Boot ohne Kommandant."

Vizeadmiral Rogge

"Die Kommunisten sind da!"


DER SPIEGEL 24/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 24/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MARINE:
Boot ohne Kommandant