13.06.1956

KRITIKAus der Seele geschlagen

Auf der Anklagebank sitzt nicht nur Frau
Dorsch, auf der Anklagebank sitzt schon das Burgtheater", resümierte am vergangenen Donnerstag der Wiener Rechtsanwalt Dr. Christian Broda. Wirklich wurde im Verlauf des Beleidigungsprozesses, den der österreichische Kritiker Hans Weigel gegen die Schauspielerin Käthe Dorsch angestrengt hatte, offenbar, wie weit der von Weigel vor einiger Zeit konstatierte "erschreckende Niedergang" einer der ehemals prominentesten deutschen Sprechbühnen schon gediehen ist.
Die betagte, aber forsche Aktrice Dorsch hatte am 13. April dem prominenten Wiener Kritiker Hans Weigel vor seinem Stammcafé "Raimund" aufgelauert und ihm - "ich finde es an der Zeit, daß Sie etwas auf Ihr ungewaschenes Maul bekommen" - einige Male mit großer Kraft ins Gesicht geschlagen. "Das", kommentierte sie anschließend, "haben Sie dafür, daß Sie gesagt haben, ich markiere." Der Kritiker, dessen Brille ein Opfer des rauhen Anschlags wurde, hatte diesen Vorwurf gar nicht erhoben. Er verklagte die Angreiferin wegen tätlicher Ehrenbeleidigung und stellte gleichzeitig den Antrag, Frau Dorsch auf ihren Geisteszustand zu untersuchen.
Was aber vor dem Prozeß und in den zwei Gerichtsverhandlungen ans Licht kam, mußte Zweifel nicht nur am Geisteszustand der Angeklagten erwecken. Für die erste Gerichtsverhandlung, die am 11. Mai stattfand, hatte sich die Dorsch wie für eine große Rolle vorbereitet.
Kokett rühmte sich die Schauspielerin, "für alle" eingestanden zu sein. Als Beweis dafür, daß seine Mandantin die Ohrfeigen quasi im Standesauftrag ausgeteilt habe, verlas Anwalt Gürtler, was einige Kollegen der Dorsch zum Thema vorzubringen wünschten.
Burgschauspieler Raoul Aslan schrieb: "Mir erscheint die Dorsch wie eine wiedererstandene Jungfrau von Orleans." Annemarie Düringer telegraphierte: "Ich umarme Sie für die Weigel-Ohrfeige." Ein Telegramm von Hilde Krahl lautete: "Sie schlugen mir aus der Seele."
Diese Botschaften mußten um so peinlicher wirken, als der Kritiker Weigel die Absender fast stets mit Lob bedacht hatte. Weigel schrieb über Aslan: "Er ist der letzte Ritter des Burgtheaters. Wir werden seinesgleichen nicht mehr sehen." Über Annemarie Düringer: "Diese junge Schauspielerin erbringt den Beweis, daß man auch heute noch ohne den Umweg über den Film groß werden kann." Am peinlichsten aber war der Fall Krahl. Denn Hilde Krahl wurde im Jahre 1935 im Wiener Kabarett am Naschmarkt in einer Rolle entdeckt, die sie in einem Stück von Weigel spielte.
Der Prozeß wurde auf den 7. Juni vertagt, aber noch am gleichen Tage unternahmen die Burgschauspieler etwas, was im Wiener Volksmund einen alten Witz aus den Zeiten des Dritten Reiches wieder aktuell machte: "Jüdischer Hausierer beißt deutschen Schäferhund." In einer eilig einberufenen Vollversammlung beschlossen die Burgschauspieler nämlich, sich schutzsuchend "an den Herrn Unterrichtsminister zu wenden, damit er die Mitglieder des Hauses gegen den Mißbrauch der Kritik durch Herrn Weigel schütze". Wie immer, wenn brauchbare Argumente fehlen, wurde auch hier der Appell an das Nationalgefühl bemüht. Weigels Angriffe, so klagten die Mimen, schädigten das Burgtheater im Ausland und seien "damit gegen die Interessen Österreichs gerichtet".
Mittlerweile wäre es beinahe zu einem neuen Zwischenfall gekommen, als die gastliche schwedische Gesandtschaft - aus Anlaß eines Gastspiels des Königlich Schwedischen Theaters in Wien - einige Burgschauspieler, aber auch den Kritiker Weigel zu einem Empfang geladen hatte. "Das ist eine Unverschämtheit", rief der Wiener Burgschauspieler und Hitler -Darsteller Albin Skoda wütend dem schwedischen Presseattache zu. Raoul Aslan schrie durch die Räume: "Was glauben diese Schweden! Wenn sie keinen Anstand haben, sollen sie zurückgehen nach Oslo." Ob er dabei die norwegische Hauptstadt nur aus Zorn oder aus mangelnder Kenntnis der Geographie nach Schweden verlegte, war nicht zu erkennen.
Die Meldung des Berliner Mittagsblattes "BZ", die Burgtheater-Direktion beabsichtige, Frau Dorsch des Vorfalles wegen besonders zu ehren, bestätigte sich allerdings nicht. In der "BZ" hatte gestanden, Burgtheaterdirektor Adolf Rott habe Frau Dorsch die Hand geschüttelt: "Wir werden Sie zum Ehrenmitglied des Burgtheaters ernennen." Dazu äußerte Rott: "Das ist eine ganz infame Lüge und Erfindung. Es ist kein Wort daran wahr."
Der Feuilleton-Redakteur der Wiener Zeitung "Bild-Telegraf", Karl Löbl, konnte später aufklären, wie diese Meldung in die "BZ" gekommen war. Auf seine telegraphische Anfrage antwortete ihm die Berliner Redaktion des Blattes, sie habe diese Information von Frau Dorsch selbst erhalten.
Beim zweiten Gerichtstermin trat - zusammen mit seinen Kollegen Albin Skoda, Heinz Moog und Josef Meinrad - der Burgschauspieler Raoul Aslan auf, als Zeuge der beklagten Dorsch.
Dabei formulierte dann Aslan einige Thesen, die seine früheren Äußerungen verdeutlichten. Aslan forderte:
- Kein Kritiker dürfe mehr in Wien über
Schauspieler urteilen. Das dürfe in Zukunft für alle Zeitungen nur ein turnusmäßig alle vier Monate zu bestimmender Schauspieler tun.
- Das Wiener Burgtheater, die Oper, die Universität und der Stephansdom seien Institutionen, die nicht angegriffen werden dürften. Wer es dennoch wage, müsse unverzüglich aus Österreich ausgewiesen werden.
- "Weigel hat es sogar gewagt, ein Wortspiel zu machen: 'Ein feste Burg fühlt unser Rott.' Dieser Mann hat nicht einmal Respekt vor Gott, er würde die Todesstrafe dafür verdienen."
- Weigel müsse aus Österreich ausgewiesen werden, "und es ist zu erwarten, daß sich die deutsche Regierung mit der österreichischen darüber einigen wird, um ihm auch in Deutschland das Leben und das Schreiben unmöglich zu machen. Ein Gesetz ist in Vorbereitung ..." An dieser Stelle gingen Aslans Ausführungen allerdings endgültig im Lärm unter. Der Burgschauspieler wurde von dem entsetzten Publikum einfach niedergeschrien.
"Es gibt keine verschiedenen Auffassungen über Kunst", sekundierte Burgschauspieler Albin Skoda dem Raoul Aslan bei dessen Forderung nach dem Kritikermaulkorb. Als Beweis für Weigels Unsachlichkeit führte er ein einziges Beispiel an: Weigel habe ihn angegriffen, weil er, Skoda, auf dem kommunistischen Parteitag 1948 ein Gedicht "Brudergruß an die Sowjet-Union" gesprochen hatte, das mit den Worten endet:
Ich, der Erde sechster Teil,
worauf der Mensch geraume Weil
schon überwand den Jammer
mit Sichel und mit Hammer.
Begründet heute Skoda: "Ich hatte das Geld nötig, das Leben ist ja so teuer."
Auch Josef Meinrad beschuldigte Weigel
- der ihn fast immer gelobt hatte-, ihm vorgehalten zu haben, daß er - was er selbst zugab - zur gleichen Zeit in einem vom amerikanischen Außenministerium finanzierten Propagandafilm und in einem von den Sowjets finanzierten Film Hauptrollen gespielt habe.
Schließlich erklärte Burgschauspieler Moog an Hand einer Weigel-Kritik über seine "Tartuffe"-Rolle ("Heinz Moog betreibt eine gutgehende Gesichterschneiderei"), Weigels Kritik sei zersetzend.
Frau Dorschs Vernehmung brachte nicht viel Neues. Sie bestritt verzweifelt, daß sie laut Fernschreiben der "BZ" dieser Zeitung mitgeteilt habe, Direktor Rott wolle sie zur Belohnung für die Ohrfeigen zum Ehrenmitglied des Burgtheaters machen. Sie sei am Telephon von der Redaktion mißverstanden worden.
Schließlich verkündete Oberlandesgerichtsrat Dr. Strobl das Urteil und stellte fest: Eine Kritik berechtigt nicht zu Ohrfeigen. Auch für die Schmähungen 'Dreckskerl' und 'Dreckfink' (die von Frau Dorsch dem Kritiker an den Kopf geschleudert worden waren) hat die Verteidigung den angebotenen Wahrheitsbeweis für einen unsauberen Charakter Weigels nicht erbringen können." Er verurteilte Frau Dorsch zu 500 Schilling (etwa 80 Mark), der in solchen Fällen üblichen Geldstrafe, oder drei Tagen Arrest.
Die paradoxe Konsequenz des Falles hat aber schon vor einigen Tagen eine prominente Schauspielerin des Burgtheaters, die Max-Reinhardt-Witwe Helene Thimig, gezogen: "Wenn sich das einbürgert, daß man für schlechte Kritiken Ohrfeigen verteilt, so sind die Folgen unabsehbar. Da werden dann Schauspielerinnen für gute Kritiken dem Kritiker eben Liebesnächte schenken müssen .
Kritiker Weigel
Der Stephansdom und das Burgtheater...
Burgschauspielerin Dorsch
... dürfen nicht angegriffen werden

DER SPIEGEL 24/1956
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