20.06.1956

CAMUSHalbseidene Tapferkeit

In einer Bar des Amsterdamer Matrosenviertels Zeedijk begegnen sich zwei Pariser Anwälte. Der eine von ihnen, der sich Jean-Baptiste Clamence nennt, hat Frankreich aus einem obskuren Grund heimlich verlassen müssen. Er lebt seit geraumer Zeit unter seinem angenommenen Namen in Amsterdam, wo er den zweifelhaften Besuchern der "Mexiko-City"-Bar mit menschenfreundlicher Advokatenschläue aus der Verlegenheit hilft, wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Der andere, sein zufälliger Gesprächspartner, ist nur ein Statist, der keine andere Funktion hat, als in jener Matrosenkneipe die Lebensbeichte seines absonderlichen Landsmannes entgegenzunehmen.
Der verkrachte Advokat Clamence ist die Hauptfigur eines romanhaften Bekenntnisbuches, er ist der Held der von dem Franzosen Albert Camus soeben im Pariser Verlag Gallimard veröffentlichten Erzählung "La Chute" ("Der Sturz")*. Der symbolisch klingende Titel und der absonderliche Held dieses Buches haben unter den Stammgästen der Pariser Literatencafés den Verdacht geweckt, daß Camus resigniert habe. Wirklich hat Camus, der in dem endlosen und leidenschaftlichen Gespräch der französischen Literatur über das Thema Freiheit zusammen mit seinem Gegenspieler Sartre federführend ist, seine Thesen diesmal einer wenig vertrauenerweckenden Gestalt anvertraut.
Dieser Anwalt Clamence ist etwa vierzig Jahre alt; er besitzt pedantisch gepflegte Fingernägel, einen abgetragenen Kamelhaarmantel und eine Statur, die etwa an einen Rugby-Spieler erinnert. Er hat überdies eine verdächtige Schwäche: Er liebt es, sich in der Art prätentiöser Pariser Literaten auszudrücken. "Der Stil wie die Halbseide", spottet er, "verbergen allzuoft Ekzeme."
Das Ekzem, unter dem Clamence leidet, ist seine Vergangenheit. Von außen gesehen war sie nahezu ohne Fehl. Spezialität des Advokaten Clamence waren die "noblen Fälle" – die Rechtshändel der Witwen und Waisen, in denen Clamence eine Beredsamkeit und eine Überzeugungskraft entwickelte, die ihm den Ruf eintrugen, "daß die Justiz jeden Abend mit mir zu Bett geht". Clamence war auch ein Mann mit exemplarischen Manieren: Er half den Blinden über die Fahrbahn, er gab Straßenpassanten stets höflich Auskunft, ließ eiligen Mitmenschen am Taxistand den Vortritt und kaufte einer alten Frau ihre Blumen ab, obwohl er wußte, "daß sie die Blumen auf dem Friedhof Montparnasse gestohlen hatte".
Aber er hat eines Tages entdeckt, daß er durchaus nicht jener Übermensch ist, den "eine Art höheres Dekret autorisiert hatte, glücklich zu sein" – sondern ein erbärmlicher Komödiant, dessen Tugenden eine Farce waren und der im Grunde keiner anderen Liebe fähig war als der Liebe zu sich selbst. "Das Bekenntnis meiner Fehler", läßt der Autor Camus seinen Helden Jean-Baptiste Clamence zynisch sagen, "erlaubt es mir mit größerer Leichtigkeit, von neuem mit ihnen zu beginnen und dabei zweifachen Genuß zu verspüren: zunächst den Genuß meiner Natur und alsdann den Genuß einer charmanten Reue."
Der moralisch höchst anspruchsvolle Verfasser solcher Sentenzen, der heute 42jährige Schriftsteller Albert Camus, nimmt in der zeitgenössischen französisehen Literatur eine Sonderstellung ein. Er war dreißig, als seine Werke bereits ins Japanische und Tschechische übersetzt wurden – in zwei Sprachen, die dem Camus-Verleger Gaston Gallimard, in dessen Verlagshaus Camus heute das Amt eines Lektors versieht, als legitimer Prüfstein des internationalen Renommees eines Autors gelten.
Camus gilt als der Moralist unter den Mythenschöpfern der modernen Existenzphilosophie. Das Moralische bewährt sich in den Büchern von Camus gegenüber dem "Absurden", dem schlechthin Unbegreiflichen und Feindseligen einer Welt, in der die Menschen einem Schicksal ausgeliefert sind, zu dem sie keine Beziehung mehr haben. Das Absurde ist für Camus jener Abgrund, der sich auftut, wenn dem qualvollen Ruf des Menschen das Schweigen des Universums antwortet.
Wie der "methodische Zweifel" den Philosophen René Descartes im siebzehnten Jahrhundert zu der einzigen Gewißheit führte: "Ich denke, also bin ich", so entdeckte Camus im zwanzigsten Jahrhundert als erste und einzige Wahrheit, daß "ich an nichts glaube und daß alles absurd ist". An diesem meinem Schrei, sagt Camus, kann ich nicht zweifeln: Ich muß zumindest an meinen Protest glauben. Die Revolte gegen sein Schicksal verleiht dem Menschen seinen Wert: Aus seinem "Nein" wird letztlich ein "Ja", das Bewußtsein einer moralischen Kraft, die der Mensch an sich selbst erfährt und nicht mehr von einem Prinzip ableitet.
Was er unter diesem "Ja" verstand, hatte Camus am deutlichsten in seinem 1947 erschienenen Roman "Die Pest" erläutert. In der "Pest" beschrieb Camus die Verwüstungen, die jene legendäre Seuche in der nordafrikanischen Stadt Oran anrichtete. Diese Chronik war der klinische Bericht über eine epidemische Krankheit, die im weiteren Sinne moralisch gemeint war: Symptome der "Pest" waren die Konzentrationslager, der Totalitarismus und die Tyrannei in jeder Form; der Anteil des Unmenschlichen am Leben. Ausrotten kann man den Bazillus der Pest nicht, konstatiert bei Camus der Arzt Rieux; er gehört zum Leben, "er stirbt nicht und verschwindet niemals ganz".
Die Bekämpfung der Seuche verlangt nach Menschen, die wie der Arzt Rieux ohne Hoffnung ihre Pflicht tun, die der Ansicht sind, "daß es weder notwendig ist, zu hoffen, wenn man etwas unternehmen will, noch Erfolg zu haben, wenn man standhaft bleiben möchte". Camus lehrte in der "Pest" die stoische Tapferkeit des Unglaubens. Die Bilanz, die Camus in der "Pest" gezogen hatte, war eine Bilanz zugunsten des Menschen. Die "Pest" sei eine Konfession, erläuterte Camus in einem Brief an Sartre, "und alles ist darin so kalkuliert, daß dieses Bekenntnis um so vollständiger ist, je mittelbarer ich die Form der Darstellung wählte".
Für sein neues Bekenntnisbuch, die Lebensbeichte des Advokaten Clamence, wählte Camus dagegen die unmittelbarste Form der Darstellung, die es gibt: den Monolog. Aber er überläßt es obendrein dem Leser, darüber zu entscheiden, was im Monolog des Jean-Baptiste Clamence Lüge und Wahrheit ist. "Man sieht
manchmal klarer in die Seele eines Menschen, der lügt, als in die Seele eines Menschen, der die Wahrheit spricht", bemerkt Clamence. "Die Wahrheit blendet wie das Licht. Die Lüge dagegen ist ein schöner Dämmerzustand, der jedes Ding zur Geltung bringt."
So scheint es dem Advokaten Clamence paradox, daß es Menschen gibt, die sich nach dem Richteramt drängen, bei dem es auch um die Ermittlung der Wahrheit geht. Immerhin: "Ich fand mich mit der Existenz eines solchen Menschen ab, da ich ihn wahrnahm, aber ich tat es in ähnlicher Weise, wie ich die Heuschrecken wahrnahm."

Angriff auf den Ehrenmann

Clamence kommt zu der Schlußfolgerung, daß der Mensch über das Böse nicht im Namen eines Guten richten kann, das er selbst nicht besitzt. Er entsinnt sich, daß er früher im Scherz als perfekte Form der Verteidigung die "gemischte Methode" vorgeschlagen habe, die darin besteht, einen Dieb moralisch zu entlasten, indem man die Verbrechen eines Ehrenmannes schildert.
"Nehmen wir an", erläutert Clamence einen solchen Fall, "daß ich irgendeinen rührenden Bürger, etwa einen Mörder aus Eifersucht, zu verteidigen hätte. Bedenken Sie, meine Herren Geschworenen, würde ich sagen, wie verzeihlich es ist, sich zu erzürnen, wenn ein Mensch erlebt, wie seine natürliche Güte durch die Bosheit des Geschlechts auf die Probe gestellt wird. Ist es umgekehrt nicht viel schlimmer, wenn ein Mensch wie ich, der niemals gut war und niemals darunter litt, daß man ihm Hörner aufsetzte, den Platz auf der Bank diesseits der Schranken des Gerichts einnimmt?
"Ich bin frei und zugleich dem strengen Gesetz, das Sie vertreten, unterworfen", äußert Clamence in seinem imaginären Plädoyer vor den Geschworenen. "Und dennoch, wer bin ich? ... Ich hätte niemanden umgebracht? Gewiß, bisher noch nicht! Aber ließ ich es nicht zu, daß verdienstliche Menschen den Tod erleiden mußten? Es wäre doch möglich. Und vielleicht bin ich bereit, es von neuem zu tun. Während dieser da – sehen Sie ihn nur an – nicht noch einmal das gleiche tun wird. Ist er doch ganz verblüfft darüber, daß er so vollständige Arbeit geleistet hat."
Die Anspielung des Advokaten auf jenes passive Verbrechen, den Tod eines anderen zugelassen zu haben, bezieht sich auf einen konkreten Vorfall. Es war in einer Novembernacht, als Clamence durch einen feinen, diesigen Regen über eine der Seine-Brücken ging: "Ich kam gerade von einer Freundin, die sicher schon schlief." Auf dem Pont Royal überholte er eine zierliche, ganz in Schwarz gekleidete junge Frau, die versonnen an der Brüstung der Brücke lehnte und in den Fluß starrte: "Zwischen den dunklen Haaren und dem Mantelkragen sah man nur einen frischen, regennassen Nacken, für den ich nicht unempfindlich war."
Einen Augenblick später hört Clamence durch das nächtliche Schweigen das grausig-klatschende Geräusch eines Körpers, der auf das Wasser aufschlägt. Fast zugleich dringt ein Schrei an sein Ohr, der sich den Fluß abwärts entfernt und schließlich erlischt. "Das Schweigen, das darauf folgte", beichtet Clamence seinem Zufalls-Vertrauten, "schien mir in der plötzlich erstarrten Nacht endlos zu sein. Ich wollte laufen und rührte mich nicht. Ich zitterte, wie ich glaube, vor Kälte und Ergriffenheit ... Ich sagte mir, daß es schnell zu handeln gelte, und ich fühlte, wie sich eine unwiderstehliche Schwäche in meinem Körper ausbreitete. Ich habe vergessen, was ich damals dachte. Vielleicht: 'Zu spät' oder 'Zu weit' oder ähnliches. Ich horchte immer noch, ohne mich von der Stelle zu rühren. Dann entfernte ich mich langsam im Regen. Ich sprach zu niemandem davon."

Wo beginnt die Beichte?

Der Autor der "Chute" läßt es offen, ob den Advokaten ein Verbrechen, ein beruflicher Fehltritt, eine fixe Idee oder eine Art von moralischer Selbstkasteiung in das Exil der Amsterdamer "Mexico-City"-Bar getrieben hat. Dieser Jean-Baptiste Clamence spricht zuweilen Sätze, die wie verstümmelte Zitate aus früheren Camus-Botschaften wirken, aber die Ironie des Untertons hat das moralische Pathos von ehedem zersetzt.
Clamence ist vielmehr der Mann der gewitzten Provisorien, ein Mann, der weiß, daß man nach einem Mittel sinnen muß, "alle Welt ins Bad zu schicken damit man das Recht bekommt, selber in der Sonne zu trocknen".
Die einfache Idee des Camus-Advokaten, die er seinen "Geniestreich" nennt, ist die von ihm erfolgreich praktizierte Methode des "Bußrichtertums": "Da man die anderen nicht verurteilen konnte, ohne sich alsbald selbst das Urteil zu sprechen, mußte man sich selbst anklagen, um das Recht zu haben, andere zu richten. Da jeder Richter eines Tages als Büßer endet, mußte man den umgekehrten Weg gehen und das Amt eines Büßers ausüben, um als Richter zu enden."
Clamence ist nicht besser und nicht schlechter als seine obskuren Klienten, aber er besitzt "die Überlegenheit des Wissenden, die mir das Recht gibt, zu sprechen". Warum sollte er sich ändern, fragt Camus. Hat er nicht das Glück gefunden, das ihm zukommt?
Die Reverenz vor dem Glück hat im Werk von Camus eine symptomatische Bedeutung. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", hieß der letzte Satz seines Essays über den "Mythos des Sisyphos". Sisyphos, von den Göttern dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit einen Stein den Berg hinaufzuschieben, einen Stein, der dann doch stets wieder in die Tiefe rollt, war für Camus das Sinnbild der Weigerung, vor einem vernunftwidrigen Schicksal zu kapitulieren.
Als Camus in seinem Essay "L'Homme Revolte" gegen seine Zeit zu Felde gezogen war, die in einem halben Jahrhundert "siebzig Millionen Menschen umbringt, entwurzelt oder unterjocht", hatte er sich von der Zeitschrift Sartres, "Temps Modernes", den Vorwurf gefallen lassen müssen, er sei ein bürgerlicher Idealist mit den unklaren Vorstellungen eines Tolstoianers. Diesmal nun hat Camus – sonst vorangetrieben von besorgter Bruderliebe für die Menschen, die "wenn schon nicht unschuldig, so doch schuldig sind nur aus Unwissenheit – seine Kritiker in Verlegenheit gebracht. Sie mißtrauen den Monologen dieses Anwaltes, weil sie nicht sicher sind, ob er die neuesten Ansichten des Schriftstellers Camus verbreitet oder ob dieser Mann nur als Produkt einer Welt zu gelten hat, gegen die zu revoltieren ist.
In einem redaktionellen Nachwort versuchte Camus immerhin seinen Lesern auf den Weg zu helfen. Aber er tat es listig mit einigen Fragen: "Wo beginnt die Beichte, wo die Anklage? Macht der, der in diesem Buche spricht, sich selbst oder seiner Zeit den Prozeß? Ist sein Fall ein Fall besonderer Art oder der des Menschen von heute?"
In der nationalistisch orientierten, dem Links-Intellektuellen Camus nicht sonderlich freundlich gesonnenen Zeitung "Paris-Presse" beklagte der Kritiker Kleber Haedens reichlich verwirrt: "Es ist uns völlig unbekannt, was der Autor über seinen Helden denkt, da der Held die ganze Zeit über spricht und der Autor infolgedessen nicht ein einziges Mal zu Wort kommt."
Im "Figaro Littéraire" gab Haedens Kritikerkollege André Rousseaux auf die lehrerhafte Frage, was Camus in seinem neuen Buch "wohl habe sagen wollen", eine klare, wenn auch sehr pessimistische Antwort. "Wir sind weit entfernt von der tristen, aber entschlossenen Liebe, mit der die Gestalten der 'Pest' ausgerüstet waren. Es gibt im übrigen weder eine versuchte noch mögliche Gemeinschaft in diesem Buch, sondern nur die Konfession eines einzigen Menschen, dem es auferlegt wurde, bis zum Ende von dem Bösen zu zeugen, das in der Welt und in ihm selbst vorhanden ist."
Tatsächlich haben unter den Kritikern der "Chute" nicht wenige das Gefühl, daß Camus mit seiner Schwarzmalerei diesmal zu weit gegangen sei. Die These von Camus, daß der Mensch gegen die absurde Struktur der Welt eine humane Tapferkeit zu bewahren habe, daß er auf seinem Protest bestehen müsse, auch wenn dieser Protest sinnlos ist – diese These wollen sie aus dem Sarkasmus eines verkrachten Rechtsanwalts nicht mehr heraushören.
Die schärfste Attacke kam aus einem Gremium, im dem zwar nicht die Unschuld, aber die Unsterblichkeit zu Hause ist, der Académie Francaise.
"Ich erkläre mich unschuldig der Niederträchtigkeiten, die man mir zuschreibt, und ich erkenne das schlechte Gewissen, das man mir systematisch unterstellt, nicht an", schrieb in der Zeitung "Le Monde" das Akademie-Mitglied Emile Henriot, der sich als Kritiker stellvertretend für die Menschheit getroffen fühlte. Nicht der Nihilismus, sondern sein Sarkasmus angesichts des Nichts sei dem Schriftsteller Camus vorzuwerfen, "denn da es sich in der 'Chute' um die Frage unserer Erniedrigung handelt, lud das Thema nicht zum Lachen ein."
* Albert Camus: "La Chute"; Verlag Gallimaid, Paris; 170 Seiten; 390 ffrs.

DER SPIEGEL 25/1956
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