27.06.1956

AFRIKA / TOGODas deutsche Schicksal

Seit 36 Jahren ringt Deutschlands einstige westafrikanische Musterkolonie Togo mit dem gleichen widrigen Schicksal, das heute das Land ihrer früheren Kolonialherren befallen hat: der Teilung der angestammten Heimat.
Das ehemalige Deutsch-Togo ist seit 1920 zwischen Engländern und Franzosen aufgeteilt. In den letzten Wochen endete eine von den Vereinten Nationen beaufsichtigte Volksabstimmung in der britisch besetzten Westzone Togos mit einem beklemmenden Ergebnis: Die Mehrheit der Bevölkerung im westlichen Togo bekundete mit ihren
Wahlzetteln, daß ihr die Segnungen der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung im britischen Herrschaftsbereich lieber sind als die zweifelhaften Aussichten einer Wiedervereinigung mit dem französisch besetzten und armen Ost-Togo.
Togos nationales Unglück begann im Hochsommer 1914, als von West und Ost die alliierten Truppen in das kaum verteidigte - 1884 von dem Militärarzt Gustav Nachtigal gegründete - Musterländle in Westafrika einmarschierten, die Briten vom Westen, die Franzosen vom Osten.
Am härtesten traf die Teilung Togos die Ewes, einen etwa 400 000 Seelen großen und zivilisierten Negerstamm im Süden Togos. Die Teilung schnitt das Stammesgebiet in zwei Hälften. Die Ewes nahmen den Spruch des Völkerbundes nicht widerspruchslos hin: Alsbald entstand eine Widerstandsbewegung, die- sich den neuen, fremden Kolonialherren erbittert widersetzte.
Es waren Neger aus dem Ewe-Stamm, die nach dem ersten Weltkrieg den "Club von Deutsch-Togo" gründeten, eine politische Partei, die Briten und Franzosen bald zu unterdrücken suchten, was jedoch nicht gänzlich gelang.
Jahrzehntelang widerlegte - der "Club von Deutsch-Togo" durch seine Existenz die These, mit der die Friedensväter von Versailles die Enteignung des deutschen Kolonialbesitzes propagandistisch gerechtfertigt hatten: der These von der kolonial politischen Unfähigkeit der Deutschen. Die Ewes verlangten unaufhörlich vom Völkerbund, Togo wieder der deutschen Kolonialmacht zu unterstellen.
Zum Symbol dieser Bewegung wurde der Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg, der letzte kaiserliche Gouverneur von Deutsch-Togo. Der Glanz des patriarchalischen Statthalters umweht ihn bis in die jüngsten Tage. In der kalorienarmen Reichsmarkzeit wurde das aus Mecklenburg vertriebene Herzogpaar ständig mit Kaffeesendungen versorgt, die ihm treue Ewes aus Togo schickten.
Noch 1955 erreichte den Herzog ein rührendes Huldigungsschreiben aus Westafrika, in dem es hieß: "Häuptling Bamezon läßt viel grüßen. Häuptling Laurenze Akpami de Be wird bald einen Brief schreiben an Seine Hoheit. Häuptling Filicio de Souza läßt Eure Hoheit vielmals grüßen und daß er Deutschland nie vergessen wird, nur daß er blind geworden ist und kann leider nicht mehr aufstehen und sehen. Er läßt immer vorlesen ein deutsches Buch, worin Eure Hoheits Brief sind zur Erinnerung."
Die Erinnerung an die deutsche Kolonialherrschaft beflügelte die schwarzen Patrioten auch in ihrem Kampf gegen die beiden Mandatsmächte. "Die Weißen behaupten immer", nörgelte die schwarze Patrioten-Zeitung "Standard", "sie könnten uns die Unabhängigkeit nicht geben, weil wir zu arm sind und uns ohne ihre Zuschüsse nicht selber ernähren können. Dabei war Toga in der deutschen Zeit ein Land, das sich selbst erhielt. Wenn wir heute auf die Unterstützung von außen angewiesen sind, dann liegt das einzig und allein an der maßlos aufgeblasenen Kolonialbürokratie der Briten und Franzosen."
Seit dem zweiten Weltkrieg wird die schwarze Unabhängigkeits-Bewegung von einem Mann geführt, der die Einheit und Freiheit des Landes auf dem Umweg über die Rückkehr Togos zu Deutschland erzwingen will. Der Name dieses eigenwilligen Widerstandskämpfers: Aboki Nikodeme Amegah, Redakteur des "Standard".
Amegah führt seit Jahren einen erbitterten Kampf gegen die französische Kolonialpolizei im östlichen Teil Togos. Als 1952 eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen Toga bereiste, um zu erkunden, ob das Land nun endlich für die Selbstregierung reif sei, befürchtete Amegah, die Franzosen würden nur gekaufte Negerpolitiker an die Uno-Kommission heranlassen. Deshalb malte er an sein Haus in großen Buchstaben das verheißungsvolle Wort "Freiheit", auf daß es den Uno-Inspekteuren in die Augen steche.
Die Kornmission jedoch fuhr achtlos an der "Freiheit" des Aboki Nikodeme Amegah vorbei. Kaum war die Kommission verschwunden, da griffen sich die französischen Polizisten den Freiheitshelden und schleppten ihn zu einem Verhör, das den schwarzen Patrioten sechs Zähne kostete, ihn aber zu noch bissigeren Artikeln gegen die Kolonialherren inspirierte.
Aboki Amegah verlor aber nicht nur seine Zähne, sondern auch den Glauben, daß die Vereinten Nationen in der Lage seien, Togo die Freiheit und die Einheit zu bringen. So kam er auf den Gedanken, die Rückgabe Togos an die Deutsche Bundesrepublik zu propagieren. Ende 1952 schlug die "Juvento", wie sich die Freiheitsbewegung der schwarzen Togo-Patrioten nennt, dem Treuhänderrat der Vereinten Nationen in einem Memorandum vor, die Uno solle die Deutschen als Schutzmacht nach Togo zurückrufen, wenn man schon durchaus die Auffassungen der britischen und französischen Kolonialherren teile, daß die Bevölkerung Togos für die Selbstregierung noch nicht reif sei.
Wirtschaftswunder statt Wiedervereinigung
Die Engländer beantworteten diesen Vorstoß der schwarzen Patrioten im Treuhänderrat der Uno mit einem Vorschlag, der die hochgeschraubten Erwartungen der dunkelhäutigen Wiedervereiniger beträchtlich dämpfte. England schlug vor, die Bevölkerung West-Togos darüber abstimmen zu lassen, ob sie die Vereinigung mit der britischen Goldküste oder mit der französischen Ostzone wünscht.
Die britische Fragestellung setzte den schwarzen Amegah und seine Mannen in arge Verlegenheit. In West-Togo werden seit kurzem die ersten Ergebnisse einer günstigen wirtschaftlichen Entwicklung spürbar, die unbestreitbar der britischen Kolonialpolitik zu danken ist. Am Volta -Fluß werden mit britischem und kanadischem Kapital riesige Wasserkraftwerke gebaut, mit deren Hilfe die reichen Eisen - und Bauxitlager der ehemaligen deutschen Kolonie erschlossen werden sollen. Das Projekt ist jedoch nur realisierbar, wenn West-Togo auf die nationale Einheit verzichtet.
Das Ergebnis der Volksabstimmung, die in den letzten Wochen stattfand, machte alle Hoffnungen der Wiedervereiniger zunichte: 58 Prozent der Bevölkerung in der Westzone entschieden sich für den Anschluß ar die Goldküste, ohne Rücksicht auf die Brüder in Ost-Togo. Der Wirtschaftsaufschwung, den die Integration mit der britischen Goldküste verheißt, ist der Togo-Negern offenbar mehr wert als die von den Ewe-Führern propagierte nationale Einheit.
Inzwischen aber klammern sich die schwarzen Wiedervereiniger zäher denn je an der Idee fest, mit Hilfe Deutschlands die Einigkeit Togos doch noch erzwinger zu können. Solchem Wunschdenken aber begegnen die britischen Kolonialoffiziere mit einem Argument, dem die Freunde des Aboki Nikodeme Amegah nichts entgegen zusetzen haben: Die Deutschen, so kontern die britischen Verwalter die Wiedervereinigungswünsche der Neger, hätten bisher wenig Talent dabei bekundet, ihr eigenes Land aus der Zwickmühle der nationaler Teilung zu befreien.
Letzter Togo-Gouverneur Herzog Adolf
Bamezon läßt grüßen

DER SPIEGEL 26/1956
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Das deutsche Schicksal

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