06.01.1960

HAMBURG

Programm-Spirale

Ein Plakat mit Sätzen wie "Natürlich hat die Linie einen Sinn, aber der Sinn ist nicht das Gemeinte" und "Wir wundern uns, wie gerade wir auf dem Strich gehen" lud vor kurzem "Sinnsucher" in die Hamburger Hochschule für Bildende Künste.

Die aufgerufenen Sinnsucher sollten gegen fünf Mark Eintritt im Hochschul-Raufm 213 einer "großen Konzentrationsübung" beiwohnen: Es war geplant, bei "stetem Abspielen arabischer Musik" mit "Bleistift, Tinte, Urin des Propheten, Ölfarbe" in einer "Tage und Nächte ununterbrochenen" Anstrengung eine spiralige Linie an den Wänden entlangzuziehen.

Die in Marktschreier-Manier angekündigte Linienziehung galt als Demonstration, mit der ein Gastdozent der Hamburger Hochschule, der 31jährige, aus Wien gebürtige Vollbart Fritz Hundertwasser, gegen eine in der Malerei herrschende Modeströmung protestieren wollte, gegen den sogenannten Tachismus (französisch "la tache" = der Fleck). Statt zu einer Demonstration gegen den Tachismus wurde die Scharlatan-Aktion Hundertwassers zu einer öffentlichen Blamage des Hamburger Kunst-Instituts und seiner Personalpolitik.

Das Hamburger Institut, dessen Faschingsveranstaltung "Li-La-Lerchenfeld" im hanseatischen Raum populärer ist als seine fachliche Arbeit, hatte sich im Sog des hamburgischen Lokalpatriotismus 1955 vom angemessenen Status einer Landeskunstschule zur "Staatlichen Hochschule für Bildende Künste" befördern können. Mit der Beförderung konnte freilich die Besetzung der Lehrstühle nicht Schritt halten; der energische Verwaltungsakt allein genügte nicht, die Hafenstadt Hamburg für musische Temperamente wie Malprofessoren attraktiv zu machen.

So war der gegenwärtige Direktor der Kunsthochschule, Professor Dr. Hans von Oppen, um so eher geneigt, einer Anregung nachzukommen, die er von dem Hamburger Malermeister Siegfried Poppe empfing. Dr. von Oppen heute: "Vielleicht war es mein Fehler." Bildersammler Poppe - "Pinsel-Poppe" genannt, weil er einen Malereibetrieb unterhält, und wegen seiner Generosität nicht nur von den Studenten als Mäzen der Kunsthochschule empfunden - hatte aus seiner privaten Sammlung dem Direktor von Oppen einige Bilder Hundertwassers gezeigt. Von Oppen: "Ich ließ die Bilder herholen, zeigte sie dem Kollegium und schlug Hundertwasser als Gastdozent vor."

Immerhin konnte sich Direktor von Oppen darauf berufen, daß Kunstzeitschriften Bilder von und Aufsätze über Hundertwasser veröffentlicht hatten, zudem formulierte der als Experte renommierte Kunstschriftsteller Will Grohmann über den "Selbstversorger in Berühmtheit" Hundertwasser ("Frankfurter Allgemeine"), er dürfte unter den jungen österreichischen Malern "mit seinen Spiralbildern, in die er seine biologisch-kosmischen Mythen hineingeheimnist, der erregendste und zukunftsreichste sein"

Hundertwasser wurde mit Zustimmung des Regierungsdirektors Stock von der Hamburger Kulturbehörde für zwei Semester berufen - Stock heute: "Die Bürgerschaft, die nicht zum großen Teil aus musischen Menschen besteht, ist über den Fall aufgebracht. Das hat mich am meisten aufgeregt" - und begann, seine Schüler auf Packpapier malen zu lassen; wer diese Technik nicht befolgte, sah seine Arbeit mit rotem Pinsel zunichte gemacht.

Dann rief Hundertwasser die "Sinnsucher" der Welt, aber natürlich auch Rundfunk, Fernsehen und Presse zur Teilnahme an seinem Jahrmarkts-Unternehmen der endlosen Linie auf. "Die Linie sollte ... eine gewaltige Sonne werden", erklärte er, "die meine Schüler umgibt und in deren Zentrum sie Kraft für eine ungeheure schöpferische Leistung finden würden."

Aber auch die Besucher, die fünf Mark entrichten wollten, wurden als Zuschauer nicht in den Raum 213 gelassen, in dem Hundertwasser mit Schülern und Freunden die Spiral-Linie zog, die - dem Plakat -Manifest zufolge - möglichst bis über das Dach des Hauses hinausreichen sollte. Die Hochschul-Leitung, die ihr Personal -Debakel zum öffentlichen Skandal heranwachsen sah, verbot zunächst die Teilnahme von Besuchern und erzwang nach 46 1/2 Stunden den Abbruch der unsinnigen Demonstration. Auf Vorschlag des Direktors hat Hundertwasser inzwischen angeboten, seine Gastdozentur - Monatseinkommen 1100 Mark - niederzulegen.

Dem Hamburger Kunstinstitut wäre die blamable Affäre mit Hundertwasser erspart geblieben, wenn es sich gründlicher über Unternehmungen unterrichtet hätte, mit denen der Pseudo-Künstler zuvor Aufmerksamkeit zu erregen versucht hatte. Vollbart Hundertwasser, der auch beim Unterricht gern seine Pelzmütze auf dem Kopf behält und barfuß geht, hatte bereits in Wien alberne Thesen wie "Durch das Weizenessen zur Unabhängigkeit" vertreten und im Herbst auf schreierischen Plakaten gegen "die verbrecherische Methodik unseres Unterrichtssystems" polemisiert, "das in den Hochschulen, Akademien, Gymnasien und Schulen praktiziert wird". Hundertwasser rief die Jugend auf, "Kunsthoch- und Philosophie-Schulen nicht mehr zu "besuchen", und ermahnte die philosophische Fakultät der Universität Wien, "sich aufzulösen und sich dem Pintorarium anzuschließen" - einer von ihm geforderten Denk-, Lebens- und Malschule.

Er dementierte aber nach dem erzwungenen Abbruch seiner Spiral-Linie, daß diese Unternehmung ein Teil seines Programms sei, Kunststudenten den Besuch von Hochschulen zu verleiden. Die Linie sei "kein Scherz, kein Jungbubenstreich, sondern eine sehr ernste Sache".

Die "ernste Sache", willkommenes Argumentations-Material für alle, denen jegliche Form moderner Kunstbetätigung als Scharlatanerie verdächtig ist, war zum Glück mit wasserlöslichen Farben betrieben worden, was die Restaurierung des verunstalteten Hochschulsaals erheblich verbilligen dürfte.

Bildhauer Gustav Seitz, einer der prominentesten unter den Professoren, die von der Hamburger Hochschule gewonnen werden konnten - Seitz kommt aus der DDR -, urteilte nach der Linien-Aktion über Hundertwasser: "Er vermasselt das Ansehen der Arbeit." Auch Vertreter des Studenten-Ausschusses distanzierten sich: "Mit seinen Messias-Allüren erschien er uns wie ein komischer Heiliger ... Von ihm geht keine Kraft aus." Der hansestädtische Regierungsdirektor Stock kommentierte das Hochschul-Dilemma: "Ein Hecht wäre ganz gut gewesen. Aber nicht so einer." Und ein Maler namens Arie Goral protestierte in einem Rundschreiben "Sturm im Hundertwasserglas" gegen "die totale Bluffaufrüstung auf dem Strich mit Schaumschläger" und kehrte aus Protest für zwei Tage die Bilder, die er im Hamburger Museum für Völkerkunde ausgestellt hatte, mit der Vorderseite zur Wand.

Ein Mitstreiter und Begleiter Hundertwassers, Herbert Schuldt, beurteilt die Angelegenheit allerdings anders. Er meint unbekümmert, daß Hundertwasser nur Ausführender einer Idee gewesen sei, die von dem Philosophie-Studenten und Manifest-Verfasser Bazon Brock stamme, daß Hundertwasser aber "die Angelegenheit mit der Linie gar nicht kapiert" habe. Seine "Hinterwäldlermanieren" hätten das Unternehmen verdorben.

Hochschulsaal 213: Pinsel-Poppe entdeckte ...

Spiral-Maler Hundertwasser

... einen neuen Dozenten


DER SPIEGEL 1/1960
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