20.01.1960

DIE DEUTSCHE REICHS-PARTEI

- das vierte Gebot ihres Wahlprogramms lautet: Du sollst Dich zum Deutschen Reich und den echten Werten seiner ganzen Geschichte bekennen. Nur Emporkömmlinge leugnen ihre Vergangenheit - umfaßt nach eigener Angabe gegenwärtig etwa 16 000 Mitglieder, die mit Monatsbeiträgen von fünfzig Pfennig bis zu zwei Mark eine "innere deutsche Erneuerung erstreben": Deutsche Jungen seid tapfer, deutsche Mädel seid frisch und sauber!" und "Achte Europa, aber liebe das Reich!"
Quellflüsse dieses nationalen Stroms sind die "Deutsche Rechts-Partei" - ihre Anhängerzahl hob 1949 immerhin fünf Abgeordnete in Bundestagssessel - und die "Nationaldemokratische Partei" in Hessen; beim Zusammenschluß der beiden Gruppen wurde endlich der mythische Begriff vom "Reich" zum Parteititel und -programm. Unter dem Blick des Reichsadlers, der die Parteiplakate schmückt, fanden sich 1959 in Rheinland -Pfalz genug Wähler aufgerufen, der rechtsradikalen Partei über die Fünf-Prozent-Hürde zu helfen.
PARTEICHEF Wilhelm Meinberg, Jahrgang 1898, Schutz- und Trutzbündler zunächst und danach Stahlhelmführer im Ruhrkampf, schleuste 1930 seine Mannschaft korporativ in die NSDAP und hatte auf diese Weise das goldene Parteiabzeichen verdient. Damit war die Karriere sicher: Landtagsabgeordneter in Preußen, Reichstagsmitglied, preußischer Staatsrat, Reichsobmann des Reichsnährstands. Im Kriege wurde der SS -Gruppenführer honoris causa zum Sonderbeauftragten für den Kohle-Transport ernannt. Bei soviel Ämtern war nach 1945 eine gewisse Zurückhaltung geboten. 1953 schloß sich Meinberg der Deutschen Reichspartei an und wurde im selben Jahr zu ihrem Vorsitzenden gewählt.
Ein Kernsatz des "Reichsruf"-Hauptschriftleiters Adolf von Thadden, geboren 1921 in Trieglaff, Vorstandsmitglied der "Deutschen Reichs-Partei", lautet: "Solange noch ein einziger fremder Soldat auf deutschem Boden steht, wird es keine Wiedervereinigung geben." DEM DRITTEN REICH hat er sich nur durch Ableistung von Arbeits- und Wehrdienst verpflichten können; letzte Dienststellung: Brigade-Adjutant. Adolf von Thadden ist ein Halbbruder des dreißig Jahre älteren Präsidenten des Evangelischen Kirchentags, Reinold von Thadden-Trieglaff; seine Halbschwester Elisabeth wurde 1944 von den Nazis hingerichtet, weil sie 1943 - als sie den Krieg bereits verloren sah - ein Exposé für die Organisation von Kinderspeisungen durch das Rote Kreuz und die Quäker verfaßt hatte.
Halbbruder Adolf war schon zwei Jahre nach dem Zusammenbruch Mitglied der "Deutschen Rechtspartei", die ihre Anhänger vorwiegend in Niedersachsen suchte und fand. 8,1 Prozent aller niedersächsischen Stimmen gingen 1949 an die DRP, aber als sich aus der nationalen Gruppe die Supranationalen lösten, angeführt von Dorls, Remer und Westarp und unter eigenem Firmennamen SRP, war es mit den Wahlerfolgen vorbei. 1951 bekam die SRP im Landtag 16 Mandate, und für die Mutterpartei blieb nichts übrig. Die SRP wurde vom Bundesverfassungsgericht als "verfassungsfeindlich" verboten.
Als Dreißigjähriger versuchte Adolf von Thadden, gemeinsam mit dem Fliegerobersten Rudel und dem Goebbels-Staatssekretär Naumann die "Nationale Rechte" wiederzubeleben, ohne rechte Zustimmung der Wählerschaft. Für den Bundestag reichten die Stimmen 1953 und 1957 nicht mehr.
Zwei von den 16 000, die sich nach DRP -Gebot "zur Volksgemeinschaft" bekennen, malten am Heiligen Abend 1959 mit roter Farbe Hakenkreuze an die Pforte der Kölner Synagoge. Daneben schrieben sie: "Juden raus!"

DER SPIEGEL 4/1960
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