27.01.1960

LÜNEBURGEiner haßt uns

Spät am Abend machte Lüneburgs Oberstadtdirektor, Dr. Walter Bötcher, sich noch einmal auf den Weg ins Rathaus. Als er das ehrwürdige Gebäude betreten wollte, sprang ihn unvermutet ein großer Hund vom Typ Airedale an und machte Anstalten, die Beinkleider des Oberstadtdirektors zu zerfetzen. Das Untier gehörte zu einem Wachmann, der alsbald aufgeregt herbeischlurfte und den Kläffer an die Leine legte.
Der Vorfall erschreckte den Oberstadtdirektor, verärgerte ihn aber nicht: Hund und Mann waren auf sein Geheiß eingesetzt worden, um das historische Stadthaus vor Schaden zu bewahren.
Nicht nur für das Lüneburger Rathaus ist seit einigen Wochen Sonderschutz angeordnet: In sämtlichen städtischen Ämtern sind Nachtwachen auf Posten gezogen; die Kirchen bleiben nachts hell erleuchtet, und auf den Betbänken kauern einsame Aufseher; zahlreiche Firmen haben ihre Belegschaft schichtweise zum Nachtdienst eingeteilt; in der lokalen "Landeszeitung" schlafen Setzer an ihren Maschinen; das wegen seines Restaurants weithin geschätzte Hotel Wellenkamp hat einen zweiten Nachtportier engagiert.
Zu diesen, in der friedlichen Geschichte der 1003 Jahre alten Salzstadt einmaligen Anstrengungen haben sich die Lüneburger aufgerafft, seit eine Serie von rätselhaften Bränden die 60 000 zumeist protestantischen Seelen des Gemeinwesens in argen Schrecken versetzt hat:
- In der Nacht zum 23. Dezember 1959 ging das historische Alte Kaufhaus in Flammen auf;
- in den Morgenstunden des 29. Dezember sank die Ratsbücherei in Asche;
- in der Nacht zum 14. Januar 1960 schlug Feuer aus dem 500 Jahre alten Gasthaus "Zur Krone".
Aus dem Umstand, daß die Brände jedesmal historische Bauten heimsuchten,
schließt die Polizei, daß ein Brandstifter oder gar eine ganze Brandstifterbande am Werk ist, obschon nur in einem Fall Indizien für diese Annahme sprechen: Ein Brandherd im Restaurant "Zur Krone" war ein Klavier, das man mit Zeitungspapier vollgestopft hatte. Die Ursachen des Feuers im Alten Kaufhaus und in der Ratsbücherei sind noch unbekannt. Für Oberstadtdirektor Dr. Bötcher freilich steht fest: "Einer haßt Lüneburg und die Lüneburger."
So werden denn dem "Feuerteufel" (Bild-Zeitung) auch alle anderen ungeklärten Vorkommnisse zugeschrieben, die es in Lüneburg letzthin zu verzeichnen gab. Die Reporter der ortsansässigen "Landeszeitung" registrierten nicht drei, sondern gleich zehn "Anschläge", davon allein drei in der Nacht des Ratsbücherei-Brandes.
Nach Ansicht der Lüneburger Presseleute hat der Amoklauf des "Feuerteufels" am 9. Oktober 1959 begonnen. An diesem Tage setzten Einbrecher, die ihre Spuren vernichten wollten, das Büro einer Baufirma in Brand. Seither gewann sogar die Tatsache an Bedeutung, daß der "hohle Stamm eines etwas 50jährigen Baumes ... gestern um 12.30 Uhr ... von unbekannten Tätern in Brand gesteckt" wurde.
Die Behörden hielten es bald für ratsam,
eine polizeiliche "Sonderkommission B" - B bedeutet Brände - ins Leben zu rufen, aus- Hannover einen Oberbeamten und 16 Mann der Bereitschaftspolizei zur Verstärkung anzufordern und jeden Vormittag eine "Lagebesprechung" abzuhalten. Außer dem Regierungspräsidenten Dr. Erich Krause ("Flüster-Krause") und dessen Mitarbeitern nehmen an der Besprechung die Oberhäupter der Stadt Feuerwehrkommandeure und leitende Beamte der Schutz- und Kriminalpolizei teil und gehen selten eher als nach neunzig Minuten wieder auseinander.
Wichtigstes Resultat dieser Lagebesprechungen ist bisher ein Alarmplan, der es ermöglichen soll, ganze Straßenzüge innerhalb weniger Minuten abzuriegeln - eine Aktion, die in der vorletzten Woche beinahe versehentlich ausgelöst wurde, als der Musiker des Restaurants "Löwenbräu" sich dadurch verdächtig machte, daß er zu später Stunde seinem Heim zustrebte.
Von ähnlichem Gewicht sind die meisten der rund 150 Spuren, die aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung - wer "zur Aufklärung der Tat" beiträgt, erhält 5000 Mark Belohnung - die "Sonderkommission B" beschäftigen. Heißt es im Lokalblatt: "Jede Hinweisakte wird in mehrfacher Ausfertigung angelegt, damit mehrere Beamte gleichzeitig an derselben Sache arbeiten können."
Die allgemeine Furcht vor dem nächsten Feuer hat dazu geführt, daß die Bürger der Stadt wie in den Zeiten des großdeutschen Luftschutzes damit begonnen haben, den Boden zu entrümpeln. Einschlägige Geschäfte raten in Zeitungsanzeigen zum Kauf eines Feuerlöschers "für Brandobjekte jeder Art".
Auch die Schlosser von Lüneburg verzeichnen einen Konjunkturanstieg: Sie müssen Kellerfenster vergittern und Haustüren mit Sicherheitsschlössern versehen. Berichtete die "Hannoversche Presse": "Seit der Feuerteufel umgeht, hütet jeder sein Haus. Überall werden neue Schlösser eingesetzt, alte repariert. Trotzdem weiß keiner, ob sein Haus morgen noch steht. Das zerrt an den Nerven."
Besonderen-Kummer verursachte alteingesessenen Bürgern die Tatsache, daß zusammen mit Altem Kaufhaus und Ratsbücherei wertvolles Kulturgut verbrannte. Im Kaufhaus fiel den Flammen nicht nur ein umfängliches. Heringslager anheim, sondern auch das Inventar des "Ostpreußischen Jagdmuseums - Wild, Wald und Pferde Ostpreußens - e.V.".
Dieses Museum war von einem Ludwig Loeffke aus Allenstein, Forstmeister zur Wiederverwendung, erst im Dezember 1958 eingerichtet worden. Neben Hirschgeweihen - darunter die 23 Pfund schweren Stangen eines Hirsches namens Matador - und ausgestopften- ostdeutschen Vögeln vermochte Forstmeister Loeffke seinen Besuchern auch zwei Glasdöschen mit Elchlosung sowie das Eiserne Kreuz des ostpreußischen Jägermeisters Greff vorzuweisen, der im Ersten Weltkrieg von den Russen standrechtlich erschossen wurde.
Fast noch schwerwiegender als der mehr ideelle Verlust des Forstmeisters Loeffke, dessen Museum nun neu aufgebaut werden muß ("Es ist nicht Ostpreußenart, diesen Schicksalsschlag tatenlos hinzunehmen"), erscheint die materielle Einbuße der Lüneburger Ratsbücherei: Tausende unersetzlicher Folianten wurden durch die Flammen vernichtet.
In Hinblick auf solche Verluste durfte Lüneburg bundesweiter Anteilnahme sicher
sein: Vom Rhein aus setzte sich der Bundestagsabgeordnete Kreitmeyer für eine weitere Verstärkung der Polizeikräfte der Heidestadt ein, und vom Main kabelte Frankfurts Oberbürgermeister Bockelmann: "Mit großem Bedauern durch Fernsehen von Vernichtung des alten Lüneburger Kaufhauses erfahren. Spreche mein herzliches Bedauern aus."
Inzwischen geben sich Lüneburgs Bürger der unangenehmen Erwartung hin, daß es bald wieder brennen wird - eine Theorie, der auch die Polizei zuneigt. Orakelte die "Landeszeitung": "Bis, wir wieder aufatmen und in Ruhe und ohne Furcht leben können, werden wir weiter bereit sein müssen, ohne Panik, ohne Gerüchtemacherei das, was Lüneburg schön macht, gegen den Verbrecher zu verteidigen, der diese Stadt und ihre Menschen aus Gründen, die noch niemand kennt, so fürchterlich haßt."

DER SPIEGEL 5/1960
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