27.01.1960

DIENST-UNTERRICHT

Reibert redivivus

Nach jedem Waschen ist sofort abzutrocknen." Schon mit dieser starren Frottier-Doktrin - wie übrigens mit vielen ähnlichen Thesen - gibt der Bundeswehr-Hauptmann Jürgen Brandt unverhüllt zu erkennen, für wie gering er Gesittung und Intelligenz bundesdeutscher Korporäle und Rekruten hielt, als er sich unterfing, ein altes Kommiß-Institut neu zu beleben: den sogenannten Reibert - das beinahe klassische "Handbuch für den deutschen Soldaten", anhand dessen sich zu Reichswehr-Zeiten selbst begriffsstutzige Stabsgefreite aus Hinterpommern nicht ohne pädagogischen Nutzen auf den "Dienstunterricht im Heere" zu präparieren verstanden.

Damals - die erste von insgesamt 16 "Reibert"-Auflagen kam 1929 heraus hatte der Schöpfer dieses offiziösen Hilfswerks für Unteroffiziere, denen sich die offiziellen Dienstvorschriften nicht so ohne weiteres auftaten, denn auch tatsächlich noch gute Gründe, sein militärisches Repetitorium bis zum Exzeß erschöpfend abzufassen, geradeso, als gelte es beim Kommiß, Schneemenschen mit den Tabus der Zivilisation vertraut zu machen: "Fingernägel mit einem Messer zu beschneiden oder zu reinigen, ist gefährlich."

Wilhelm Reibert, später Doktor beider Rechte, in Hitlers Wehrmacht Oberst, hatte in der königlich-preußischen Armee und im Reichsheer Weimarer Zeit als etatmäßiger Spieß der 16. Kompanie des Infanterie -Regiments 15 hinreichend Gelegenheit gehabt, einschlägige Erfahrungen zu sammeln. Dabei war ihm offenkundig nicht entgangen, daß der Fortschritt von Hygiene und allgemeinem Bildungsprozeß im Hunderttausend-Mann-Heer wiederaufgehoben wurde, und zwar durch die Prinzipien, nach denen die Heeresleitung den Mannschaftsersatz auswählte.

In den Wehrpflicht-Armeen des Kaiserreichs hatten Rekruten aus allen Berufs - und Gesellschaftsgruppen auf dem Kasernenhof gestanden - Großstädter neben Dörflern, Hanseaten neben Masuren, Einjährig-Freiwillige neben Hilfsschülern, eingeschriebene Sozialisten neben Alldeutschen.

Das Freiwilligen-Heer der Republik hingegen bevorzugte einseitig das platte Land als Nachwuchs-Reservoir; die technische Intelligenz der Industriereviere galt eher als suspekt.

Das Offizierkorps des Heeres, einheitlich unpolitisch im Sinne von antidemokratisch, schirmte sich wasserdicht gegen die Einflüsse der Gesellschaft ab, allen Ernstes von der Fiktion besessen, man könne das Heer aus dem vorhandenen Staat in einen imaginären Zukunftsstaat konservativer Machart "hinüberretten". Für derart romantische Pläne boten sich folgsame Bauern- und Handwerkersöhne aus der Provinz als zuverlässiges "Material" an, während die fixen jungen Leute in den Großstädten längst vom rüden Geist des Aufruhrs infiziert waren.

Außerdem billigte, der Versailler Friedensvertrag den deutschen Streitkräften ohnehin keine Waffen zu, deren Handhabung ein rasches Reaktionsvermögen voraussetzte. Die gleichfalls im Friedensvertrag vorgeschriebene Dienstzeit von zwölf Jahren ließ den Ausbildern überdies einen so weiten Spielraum, daß Gewehrgriffe und Zähneputzen in langsamem Rhythmus exerziert werden konnten.

Das war die Zeit, zu der die Unteroffizier-Kantinen im deutschen Heer der Wandspruch zierte: "Der einzige Nachteil der Pommern ist, daß ihrer so wenige sind." Und als Erziehungs- und Ausbildungsmaxime galt die Redensart: "Man kann gar nicht so dumm denken, wie's wirklich kommt."

In dem Instruktionsbuch, mit dem Wilhelm Reibert den Bedürfnissen der Dümmsten Rechnung zu tragen suchte, behalf er sich denn auch mit Formeln, die jedermann alsbald auswendig hersagen konnte und von denen manche mit der Zeit Kabarettreife erlangten: "Das Gewehr 98 ist im Jahre 1898 in der deutschen Armee eingeführt worden und führt diese Jahreszahl als nähere Bezeichnung." Und: "Viele Jahrtausende vor Christi Geburt war der größte Teil des heutigen deutschen Landes von ungeheurenEismassenbedeckt."

Diesen letzten Satz hat Hauptmann Jürgen Brandt von der Panzertruppenschule in Munsterlager bei seinem Experiment, aus dem alten "Reibert" abzuschreiben, "was daraus nützlich erschien", nicht übernommen - wie denn überhaupt der neue "Reibert/Brandt" dem "Staatsbürger in Uniform' keinen ebenbürtigen Ersatz für den historisch-ideologischen Teil des alten "Reibert" zu bieten vermag. Der alte "Reibert" hatte sich bemüht, den Rekruten "Einheit und Größe des Deutschen Reiches" und den etwas fatalen Umstand plausibel zu machen, daß die Alliierten den Ersten Weltkrieg lediglich in Anführungsstrichen "gewonnen" hätten. Der neue "Reibert" verliert noch nicht einmal ein Wort über die "Innere Führung" der Bundeswehr, geschweige denn über die Verfassungspflichten der Bundessoldaten.

Statt dessen hält sich die neue Instruktionsfibel phantasielos fast wörtlich an die alten "Reibert"-Regeln der "Körperreinigung und Gesundheitspflege", die wiederum so naiv-akribisch formuliert worden sind, als ob die Freiwilligen und

Wehrpflichtigen der Bundeswehr aus dem Busch entsprungen wären.

Obschon heißes Wasser die Rückstände von Waffen- und Motoren-Öl leichter zu lösen vermag, wäscht sich der Soldat, so schreibt es der neue wie einst der alte "Reibert" vor, "mit kaltem Wasser" - und zwar täglich die Füße "wenn möglich", die Hände dagegen "wiederholt" und einmal am Tage "Gesicht, Hals, Ohren, Brust, Achselhöhlen". Auch der "Schritt" gehört zum täglichen Waschpensum, aber "zum Waschen wird (nur) der Oberkörper entblößt".

Bei weitem strenger noch sind die Rasier -Vorschriften ausgefallen. Täglich rasiert sich der Soldat allerdings nur, wenn nötig". "Frisch" rasieren aber muß er sich, bevor er zum Wachdienst oder zu Besichtigungen antritt, sich bei Vorgesetzten meldet oder in die Stadt geht und bei "besonderen Gelegenheiten".

Fußnägel mit "abgestumpfter Schere" zu stutzen, erlaubt der neue "Reibert"; Hühneraugen mit einer Rasierklinge "eigenmächtig" zu entfernen, verbietet er. Auch "eigenmächtige Marscherleichterungen sind (immer noch) verboten".

Schon der alte "Reibert" hatte den Soldaten weismachen wollen, "daß die Luft durch die Reihen streichen kann", wenn man "beim Marsch im befohlenen Abstand auf Vordermann und im Glied" bleibt. Die Floskel, daß "Abstand, Vordermann und Nebenmann" auch "im Interesse der militärischen Ordnung" lägen, hatte die Frischluft-Verheißung freilich eingeschränkt.

Im neuen "Reibert" ist daraus eine regelrechte Philosophie der preußischen Exerzierordnung entwickelt worden, die allen in Kolonnen-Wolken gewonnenen Erfahrungen altgedienter Marschierer widerspricht: "Beim Marsch wird auf Vordermann und im Glied marschiert, dadurch kann die Luft durch die Kolonne streichen und Erfrischung bringen."

Erst durch die Vielzahl der Monturen - Dienst-, Ausgeh-, Kampf-, Arbeits- und Sportanzug - zählt der Soldat, so weiß der neue "Reibert" es zu begründen, zu den feinen Leuten. Denn: "Jeder wohlerzogene Mensch trägt zu verschiedenen Anlässen verschiedene Anzüge, so auch der Soldat." Und daß es sich wenigstens halbwegs bezahlt macht, wenn er die Klamotten in Schuß hält, kann der Soldat dem Satz entnehmen: "Wie im Zivilleben der sorgfältig gekleidete Mensch höher bewertet und mehr geschätzt wird als jener, der glaubt, sein Äußeres vernachlässigen zu können, so ist auch der Anzug des Soldaten mit ein Maßstab für seine Bewertung."

Auf "wohlerzogene" Zivilmenschen beruft sich der neue "Reibert" auch in dem Kapitel "Benehmen gegen Vorgesetzte". Die Vorgesetzten sollen nun wirklich nicht mehr - trotz in Wehrmachtzeiten liebgewordener Gewohnheiten - in der dritten Person angeredet werden. Geantwortet wird ihnen allerdings nach wie vor "an Stelle von 'Ja' ... mit 'Jawohl' unter Hinzufügung von 'Herr' und Dienstgrad". Ebenso kompliziert bleibt das Vorgesetztenverhältnis für den Soldaten, der im zweiten oder dritten Glied steht und dort gerufen wird. Richtige Reaktion: "Hier, Herr Leutnant" zurückrufen, alsdann um den Flügel der Abteilung herum nach vorn zum Leutnant traben. Bequemer wäre es freilich, legeren Schritts - in Kriegszeiten durchaus üblich - durchs erste Glied nach vorn zu gehen.

Auch Grußvorschriften, obschon neu geregelt, sind immer noch dazu angetan, den Untergebenen zu irritieren. Der Gruß ohne Kopfbedeckung - bei der Reichs-Wehr durch Blickwendung, in der Wehrmacht als "deutscher Gruß" entboten - ist nach amerikanischem Muster im Gehen, Stehen und Sitzen" durch "Anlegen der rechten Hand" an den Kopf ersetzt worden. Besucht der Rekrut den Rekrutenleutnant, verfährt er so: "Ehe der Soldat das Zimmer betritt, klopft er an. Im Zimmer tritt er von der Tür weg, damit sie geöffnet werden kann. Er nimmt die Mütze in die linke Hand (Hand am Schirm, Futter zum Körper), nimmt Grundstellung ein und grüßt durch Anlegen der rechten Hand an den Kopf. Mit dem Sprechen beginnt er erst, wenn der Gruß beendet ist."

Für das "Verhalten bei besonderen Gelegenheiten" akzeptiert der neue "Reibert" allerdings nicht das amerikanische Vorbild. In dem Buch, in dem zwar mit keinem Wort der Versuch unternommen wird zu umschreiben, was "soldatisch" ist, wird aber ausdrücklich als "unsoldatisch" gebrandmarkt, was in den Armeen der atlantischen Bundesbrüder gang und gäbe ist: "Rauchen auf der Straße, Herumstehen an Theken und Büfetts, das Sitzen an den Bars".

Auch "dumme Bemerkungen" muß sich der deutsche Soldat verkneifen, jedenfalls in Kinos und Theatern, in denen er "pünktlich" zu erscheinen hat. "Hetzerischer und gehässiger Kritik an der Regierung" soll er "entgegentreten".

Bundeswehr-Knigge Brandt: Man kann gar nicht so dumm denken ...

Wehrmacht-Knigge Reibert

... wie's wirklich kommt


DER SPIEGEL 5/1960
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