03.02.1960

MASSU-INTERVIEWDie letzte Kugel

Der 37jährige deutsche Chefreporter Hans
Ulrich Kempski darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, den Lauf der Geschichte zwar nicht verändert, aber doch beschleunigt zu haben: Sein Interview mit Frankreichs Haudegen-General Massu, das die in München erscheinende "Süddeutsche Zeitung" (SZ) veröffentlichte, löste in den Straßen Algiers blutige Unruhen aus und brachte jene Lawine ins Rollen, die Charles de Gaulles V. Republik hinwegzufegen droht.
Jacques Massu, Superpräfekt von Algier und Chef der französischen Landstreitkräfte in Algerien, hatte Kempski gegenüber die Algerienpolitik de Gaulles offen kritisiert. Sagte Massu: "Die Armee hat nicht erwarten können, daß General de Gaulle eine solche Politik treiben würde ... Die größte Enttäuschung war für uns, daß General de Gaulle ein Mann der Linken geworden ist."
Zugleich drohte Massu, der als ein Anführer des Putsches vom 13. Mai dem "Retter der Nation" zur Macht verhalf, offen mit erneuter Rebellion: "Die Armee hat die Macht. Sie hat sie bisher nicht gezeigt, weil die Gelegenheit hierzu noch nicht gegeben war. Die Armee würde aber in einer bestimmten Situation ihre Macht einsetzen."
Sehr bald sollte sich erweisen, daß diese Sätze gefährliches politisches Dynamit enthielten: Am 19. Januar erschien das Interview, am 20. Januar wurde Massu nach Paris zitiert, drei Tage später war er seines Postens ledig, indes die Ultras in Algier gegen de Gaulle, aber für Jacques Massu demonstrierten und die erste durch Kempski gezündete Explosion 25 Tote und 141 Verletzte forderte.
Zaghafte Versuche des algerischen Oberkommandos, die verräterischen Äußerungen des Fallschirmjäger-Generals zu dementieren, schlugen fehl. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß Kempski nicht nur die von ihm wörtlich zitierten Kraftsprüche Massus, sondern auch den Gesamtverlauf des Gesprächs mit dem General korrekt wiedergegeben hat.
Der ultramontane, stets der Politik des französischen Nachbarn bedingungslos ergebene "Rheinische Merkur" kritisierte freilich: "Wer ... dieses Interview und seine Umstände näher betrachtet, wird es nicht so sehr als einen Beweis für die Macht der Presse denn als Symptom für eine bestimmte Art von Journalismus werten müssen, die zwar das Selbstgefühl des Schreibers, kaum jedoch das Empfinden für die öffentliche Verantwortung der Presse zu befriedigen vermag."
Mit den weltbewegenden Konsequenzen seines Interviews rückte Kempski in die historische Position beispielsweise jenes britischen Amateur-Journalisten, der am 28. Oktober 1908 ein Gespräch mit Wilhelm II. im Londoner "Daily Telegraph" wiedergab. Der Oberst außer Dienst Stewart Wortley wußte zu melden, daß nach Meinung des deutschen Kaisers
- die Masse der Deutschen keine freundlichen Gefühle für England hege, der Kaiser selbst sich freilich als Sprecher einer englandfreundlichen "Minorität der besten Elemente" betrachte;
- der Sieg der Briten über die Buren auch ihm, Wilhelm, zu verdanken sei, da er Pläne für die südafrikanischen Operationen selbst entworfen und dem britischen Generalstab zugestellt habe.
Da der säbelrasselnde Wilhelm in eben der Zeit, da sich die Isolierung Deutschlands abzuzeichnen begann, auch noch Frankreich und Rußland nach Kräften brüskierte, schreibt der Historiker Eyck: "Wenn ein Preis für den ausgesetzt gewesen wäre, der es fertigbrachte, in einem Atem möglichst viele Menschen und Völker gleichzeitig vor den Kopf zu stoßen, der Verfasser dieses Interviews hätte ihn sich verdient."
Ungeschick und Taktlosigkeit der preußischen Majestät, die Wortley in dem naiven Glauben wiedergab, er werde der deutsch-englischen Verständigung einen Dienst erweisen, führten im Reichstag zu einem Sturm gegen Wilhelms persönliches Regiment, an dem sich erstmals auch die kaisertreuen Konservativen beteiligten. Reichskanzler von Bülow mußte die aufgebrachten Parlamentarier schließlich mit dem Versprechen beschwichtigen, hinfort solche kaiserlichen Eskapaden zu verhindern.
Daß nicht selten der Zufall dem Reporter bei geschichtsnotorischen Unternehmungen Hilfe steht, zeigt die Geschichte des Spionagefalls Redl, den Egon Erwin Kisch aufdeckte. Der "rasende Reporter", der im Jahre 1913 für die Prager "Bohemia" arbeitete, war als leidenschaftlicher Amateurfußballer Obmann des Fußballclubs DBC Sturm in Prag. Weil einer der besten Männer seiner Mannschaft - der Schlosser Wagner - fehlte, verlor der DBC das entscheidende Spiel um den ersten Platz. Von Kisch tags darauf zur Rede gestellt: gab Wagner als Entschuldigung an, er habe im Auftrag hoher Offiziere eine Wohnung öffnen und die Schlösser sämtlicher Schubladen aufbrechen müssen.
Hellhörig geworden, ging Reporter Kisch dem geheimnisvollen Einbruch nach und fand bald heraus, daß es sich nur um die Wohnung des Oberst Redl handeln konnte, der damals Generalstabschef beim k. u. k. Armeekorps in Prag war. Nach Meldungen aus Wien hatte sich Redl in einem "Anfall von Geistesverwirrung" erschossen.
Das Kriegsministerium, das den peinlichen Spionagefall vertuschen wollte - Redl war überführt und zum Freitod gezwungen worden -, veröffentlichte einen überschwenglichen Nachruf. Kisch witterte den Skandal. Um den Zensor zu überlisten, tarnte er die sensationelle Meldung als offizielles Dementi, das seine Spekulationen freilich in aller Breite wiedergab.
Schrieb Kisch über die Wirkung seiner Nachricht: "Verweigerung des Heeresbudgets nach tobender Parlamentssitzung, ... Pensionierung des höchsten Militärs, Debatten im In- und Ausland über die Wehrfähigkeit der österreichischen Monarchie."*
Hans Ulrich Kempski, dem Kollegen und Freunde Bescheidenheit nachrühmen, leugnet nicht, daß auch er vom Glück begünstigt war. Sagte der SZ-Chefreporter, der im Krieg als Fallschirmjäger bei Monte Cassino kämpfte, an Werner Höfers sonntäglichem Fernsehstammtisch: "Als ich Massu gegenübersaß, hatte ich schon den Eindruck, daß ihm diese internationale Gewerkschaft der Fallschirmjäger, wie sie mancher Berufssoldat empfinden mag, etwas zu bedeuten hat ..."
SZ-Chefredakteur Werner Friedmann, der den Weltreisenden Kempski mit einem "teuren Auto" vergleicht, "dem man viel Benzin geben muß", meint freilich: "Es war ja nicht so, daß der Kempski durch den algerischen Busch irrte und dabei zufällig Massu traf, sondern er kam zur rechten Zeit - die Situation war reif."
Daß die Situation "reif" war, spürte Kempski, als ihn der Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte in Algerien, General Maurice Challe, empfing. Die beiden plauderten zunächst unverbindlich, bis der Reporter auf die Tage vor dem 13. Mai 1958 zu sprechen kam und die Bemerkung einfließen ließ: "Ich habe das Gefühl, zur Zeit ist es in Algier noch interessanter als damals.". Der General, so weiß Kempski heute zu erzählen, ist daraufhin schreckensbleich geworden - ich aber wußte plötzlich, daß ich die Situation richtig einschätzte."
Kempski hatte sich zuvor vergebens um ein Interview mit Massu bemüht, und als Challe sich in gönnerischer Stimmung bereit erklärte, ihn dieses und jenes sehen und wissen zu lassen, blieb Kempski mit der Beharrlichkeit des Reporters von Geblüt bei seinem Verlangen, den legendären Massu zu treffen, dessen Erkennungsmarken-Kette am Handgelenk im Mai 1958 weltberühmt geworden war.
Challe stellte den Kontakt her und schickte einen Major aus seinem Stabe als Dolmetscher mit. Massu empfing den Reporter nach der Intervention Challes betont freundlich. Schreibt Kempski: "Der General befindet sich in einer aufgeräumten, gelösten Stimmung. Weit zurückgelehnt in seinen Sessel, hat er die Beine von sich gestreckt und übereinandergeschlagen ... Ich beginne mit einer Konversation über Fallschirmabsprünge, ganz darauf eingestellt, daß es bei einer harmlosen Konversation, die bestimmt keine Schlagzeilen hergibt, bleiben wird. Da plötzlich richtet sich General Massu auf und sagt: 'Bitte, stellen Sie Ihre Fragen!'"
Als der General dann begann, in alter Fallschirmjäger-Kameraderie offen seinen höchsten Chef zu kritisieren, mochte das freilich besondere Gründe haben: Insgeheim - so wird heute in Paris behauptet - habe der General Massu gewußt, daß Staatschef de Gaulle ihn seines Postens entheben wollte. So erhebt sich denn die Frage, ob der Haudegen Massu durch dieses Interview dem Charles de Gaulle zuvorkommen und seine Abberufung zu provozieren suchte, um selbst mit einem gehörigen Eklat von der algerischen Bühne abzutreten.
Sowenig der Reporter ahnen konnte, welche Folgen die von ihm nach München durchgegebenen Zeilen haben würden, so sicher ist auch, daß die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" die Tragweite des Interviews nicht richtig abzuschätzen wußte. Auf Anweisung ihres Chefredakteurs placierten die Umbruchredakteure der SZ das hochbrisante Massu-Gespräch als bescheidenen Zweispalter auf die erste Seite und ließen den Text im inneren Teil des Blattes weiterlaufen. Sagt Friedmann heute: "Wir ahnten zwar, daß dieses Interview politisch bedeutsam werden könnte, aber wir haben auch gedacht, das wird der Massu vorher schon gesagt haben - warum sollte er das ausgerechnet dem Kempski erzählen?"
Nicht ohne Stolz spricht Werner Friedmann von seinem Chefreporter heute als "dem politischen Reporter Deutschlands" und läßt durchblicken, daß die steile Karriere Kempskis zum guten Teil auf die väterliche Anleitung zurückzuführen sei, die er - Friedmann - dem Kempski angedeihen ließ. Plaudert der SZ-Chefredakteur: "Er war ein kleiner dpa-Reporter, als ich ihn 1949 kennenlernte. Er gefiel mir ich habe ihn,an meine Brust gedrückt und ihm die vielen Adjektive abgewöhnt. Er schrieb zu blumig, wissen Sie."
Drei Jahre später ist Kempski bereits der Star der Redaktion, der Tschu En-lai, Ulbricht und Chruschtschow interviewt und seinen Kollegen deutlich zu verstehen gibt, wie wenig er es schätzt, wenn an seinen Sätzen ein Komma geändert wird. Seither muß sich Chefredakteur Friedmann selbst der Mühe unterziehen, Kempski-Reportagen auf die erwünschte Länge zusammenzustreichen.
Die Sensation, die Hans Ulrich Kempski seiner Zeitung jüngst aus Algier meldete, brachte dem Reporter freilich nicht nur Ruhm und Ehren, sondern auch eine handfeste Drohung ein. Während Kempski behauptet, er sei von den Generälen Challe und Massu als Medium benutzt worden, um den Staatschef de Gaulle auf die Gefahren seiner Algerienpolitik aufmerksam zu machen, erklärt Massu, der Journalist habe ihn in eine Falle gelockt.
Sagte Madame Massu einem Reporter des "Daily Express": "Wenn mein Mann nur eine Kugel hätte und vor die Wahl gestellt würde, den Münchner Journalisten zu erschießen ... oder einen (algerischen FLN-) Rebellen, er würde den Journalisten niederknallen, darauf können Sie sich verlassen."
* Egon Erwin Kisch: "Marktplatz der Sensationen"; Aufbau-Verlag, Berlin; 1947.
Reporter Kempski
Nach dem Interview ...
General Massu
... 25 Tote
Reporter Kisch
Nach der Reportage ...
Oberst Redl
... ein tobendes Parlament

DER SPIEGEL 6/1960
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