10.02.1960

ROM-SYNODEBaskenmützen verboten

Seit der 78jährige Angelo Roncalli als Papst Johannes XXIII. und als Bischof von Rom auf dem Stuhle Petri sitzt, erfreut sich das Oberhaupt der katholischen Christenheit des Rufs, einer der fortschrittlichsten Kleriker seiner Zeit zu sein. In den letzten Januartagen aber wurde deutlich, daß sich das reformatorische Temperament des Papstes nur begrenzt durchzusetzen vermag gegenüber einer breiten konservativen Strömung im Katholizismus, die sich einer weitgehenden Modernisierung der Kirche entgegenstemmt.
Die Synode der Diözese Rom verabschiedete nämlich am vorvergangenen Wochenende unter dem Vorsitz des Papstes, der in seiner Eigenschaft als Bischof von Rom amtierte, eine neue Konstitution für die kirchliche Arbeit innerhalb der Diözese, die für nichtitalienische Kleriker recht enttäuschend ausfiel: Deutsche und amerikanische Geistliche in Rom sprechen bereits von einer Kluft zwischen dem germanogallischen und dem spanisch-italienischen Katholizismus.
Dabei hatte der reformfreudige Papst von Anfang an der römischen Synode die Aufgabe gestellt, "Ausgangspunkt einer noch größeren Bewegung" zu werden, mit der "die göttliche Institution der Kirche mehr denn je zu einer unlösbaren Einheit zusammengeschmiedet" werden soll. Die Synode von Rom sollte zudem Antwort geben auf die heiklen Fragen, die das Atomzeitalter der katholischen Kirche stellt.
Formulierte Papst Johannes XXIII.: "Heute handelt es sich nicht mehr um das alte Rom,... sondern um eine moderne Weltstadt mit zwei Millionen Menschen, mit allen geistigen und moralischen Problemen, die unsere Verstädterung mit sich bringt, aber auch mit Problemen, die ihr in ganz besonderer Weise eigen sind."
Es waren denn auch die völlig überholten Seelsorge-Verhältnisse in der Diözese Rom, die den Heiligen Vater zur Einberufung der römischen Synode bewogen. Seit 800 Jahren haben die Päpste - sie sind zugleich Bischöfe von Rom - nicht mehr die Kirchenversammlung der wichtigsten Diözese des Katholizismus einberufen, obwohl das Kanonische Recht den Bischöfen vorschreibt, mindestens alle zehn Jahre eine Synode abzuhalten.
Die Päpste konnten sich im Falle Roms allerdings stets auf besondere Verhältnisse berufen, die eine Synode nahezu überflüssig zu machen schienen. Die Ewige Stadt besaß jahrhundertelang eine so geringe Bevölkerung, daß noch im Jahre 1823 von, den 138 000 Römern mehr als die Hälfte dem Klerus angehörte, freilich weniger als Seelsorger denn als Angestellte des päpstlichen Hofs oder der kurialen Organisationen. Erst nach der Einigung Italiens und der Beseitigung des weltlichen Kirchenstaats vergrößerte sich die Bevölkerung Roms rapide.
Aber gerade das schnelle, schier unaufhaltsame Wachstum der Stadt zerstörte die kirchenorganisatorische Struktur Roms. Die Mehrzahl der Kirchen lag im alten Stadtkern, die Masse der neuen Bevölkerung dagegen siedelte sich immer mehr außerhalb der historischen Innenstadt an. Im Jahre 1911 wohnten 68,4 Prozent der Römer im alten Stadtkern, heute sind es nur noch 25 Prozent. Die Diözese besaß jedoch nicht die erforderlichen Mittel, am Stadtrand in ausreichender Anzahl neue Kirchen zu bauen.
Zu dem Mangel an Kirchen trat ein Mangel an Geistlichen. Zwar ist Rom die Stadt der katholischen Theologen, aber die jungen Priester werden eher vom Glanz kurialer Karrieren als von dem anonymen Dienst der Seelsorge angezogen. "Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, erkennen wir doch die harte Wirklichkeit", argumentierte Johannes XXIII. "Die Stadt Rom zählt etwa zwei Millionen Seelen. Für die Seelsorge stehen 220 Weltgeistliche und 370 Ordensgeistliche zur Verfügung, das heißt auf je 3300 Seelen kommt ein Priester." So stark ist der Priestermangel, daß 70 Prozent der römischen Bevölkerung sterben, ohne die Sterbesakramente erhalten zu haben.
Papst Johannes XXIII. aber, ohnehin an einer engen Zusammenarbeit zwischen Bischof und niederem Klerus interessierter als sein Vorgänger Pius XII., war von Anfang an entschlossen, das Leben der Diözese Rom den Bedingungen des 20. Jahrhunderts anzupassen. "Wir müssen endlich", forderte der Heilige Vater im Februar 1959 in einem Hirtenbrief an die Katholiken Roms, "die Probleme eures geistigen Lebens studieren, Mißbräuche abstellen und den Gottesdienst verstärken."
Der Papst berief eine Synode für den Januar 1960 ein und ernannte acht Kommissionen, die alle Bereiche des kirchlichen Lebens in der Diözese untersuchen sollten. Die 30 Mitglieder arbeiteten mehr als 800 Berichte aus, die dem Heiligen Vater und seinen engsten Beratern vorgelegt wurden. Eine sogenannte Vorbereitungskommission feilte dann an den einzelnen Artikeln des neuen Grundgesetzes für die Diözese Rom, das auf der Synode vorgelegt werden sollte.
Bald zeigte sich jedoch, daß die offensichtlichen Neuerungsbestrebungen des Papstes von der konservativen Mehrheit der Vorbereitungskommission nicht gebilligt wurden. Johannes XXIII. mußte sich vielmehr mit seinen Ratgebern auf einen Kompromiß einigen, der schwerlich geeignet sein wird, junge Menschen für den Priesterberuf zu begeistern.
In Rom hatte man zum Beispiel gehofft, daß die alten Bekleidungsvorschriften revidiert werden würden, die das Tragen der langen schwarzen Soutane - vor über hundert Jahren von Papst Pius IX. als Protest gegen den "Modernismus" eingeführt - zur Pflicht machen. Die römische Synode bestätigte jedoch den Bekleidungs-Ukas des neunten Pius und verbot sogar das Tragen von Baskenmützen, eine Mode, die jüngere Kleriker von ihren französischen Amtsbrüdern übernommen hatten.
Die 770 Paragraphen der neuen Grundsatzordnung bestimmen außerdem, daß Kleriker vom Tabak "nur mäßigen Gebrauch" machen dürfen. Auch sollen sich die Priester von Espresso-Bars und Gaststätten fernhalten. Kino- und Theaterbesuche sind verboten. Gestattet ist die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen, wenn dazu ausdrücklich eine Genehmigung der Kirchenoberen vorliegt.
Typisch für den konservativen Geist des neuen Grundgesetzes ist die Bestimmung, daß Priester auch die Pfarrkinos nicht betreten dürfen, wenn im Dunkel des Vorführraums "gemischtes Publikum", also auch Frauen, anwesend ist. Den Beziehungen des Priesters zum weiblichen Geschlecht gilt denn auch die besondere Aufmerksamkeit der katholischen Verfassungsväter.
So legt die Verfassung den Priestern für die - nur mit Sondererlaubnis gestattete - Benutzung von Autos, Motorrädern und Fahrrädern nahe: "Es vermeide der Priester oder Ordensmann, außer in wirklich dringenden und außergewöhnlichen Fällen, allein mit einer Frau zu reisen, auch wenn es sich um eine Verwandte handelt." Umgekehrt dürfen Nonnen nicht in Begleitung eines Mannes reisen. Und weiter: "Gespräche geistlichen Inhalts sollen in der Regel mit Frauen nicht außerhalb des Beichtstuhls geführt werden; wenn solche Gespräche jedoch notwendig sind, sollen sie maßvoll, kurz und niemals in abgeschlossenen Räumen geführt werden."
Während die Lebensführung des Priesters ungewöhnlich ausführlich behandelt wurde, schenkte die Synode der dringend notwendigen Reorganisation und Intensivierung der Seelsorge und der karitativen Tätigkeit nur wenig Beachtung. Zwar sieht die neue Verfassung eine finanzielle Besserstellung der Vize-Pfarrer vor und erlaubt auch die österliche Segnung der Wohnung von Kommunisten, sofern mindestens ein Familienmitglied als praktizierender Katholik gilt; den Fragen eines praktischen Christentums wußte aber die Synode keine neue Form zu gehen.
Deutsche und amerikanische Theologen in Rom kritisierten: Auf der Synode habe ein "typisch römischer Formalismus" geherrscht, der kaum auf die Probleme eingehe, denen die katholische Kirche in der industriellen Gesellschaft gegenüberstehe. Die römische Synode sei nicht, wie vom Heiligen Vater ursprünglich geplant, zum "Ausgangspunkt einer noch größeren Bewegung" geworden, sondern habe Beschlüsse gefaßt, die geeignet seien, den methodischen Unterschied zwischen dem gallo-germanischen Katholizismus modernen Zuschnitts und dem erzkonservativen Episkopat Italiens und Spaniens zu verschärfen.
Der Unmut der nichtitalienischen Kleriker ist verständlich, denn das Grundgesetz gilt auch für katholische Besucher Roms. Fremde Kleriker - so forderten die römischen Verfassungsväter-dürften auf keinen Fall das "heilige Antlitz" der Ewigen Stadt durch ungewöhnliches Betragen beleidigen und "Erstaunen und Ärgernis erregen".
Rom-Bischof Johannes XXIII.
"Erkennen wir doch die Wirklichkeit!"

DER SPIEGEL 7/1960
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