10.02.1960

FRANCIS DRAKEVerlorener Sieg

Am 29. Juli im Jahre des Herrn 1583
wurde - so steht es jedenfalls in englischen Schulbüchern und nicht nur da - an der englischen Südküste dem Seehelden Francis Drake gemeldet, eine gewaltige Flotte sei bei der Einfahrt in den Ärmelkanal gesichtet worden: die "unbesiegliche Armada" der Spanier.
Drake vergnügte sich in diesem Augenblick hoch über dem Hafen von Plymouth mit einem Kugelspiel. "Wir können die Partie beenden und danach die Spanier schlagen", bemerkte er lässig - auch diese Äußerung wurde historisch. Dann tat er beides.
Der amerikanische Historiker Garrett Mattingly, Professor für Geschichte an der Columbia-Universität, New York, bestätigt in einem Buch über die Niederlage der Armada*, die schlagfertige Antwort sei dem ruhmredigen Drake durchaus zuzutrauen. Der Sieg über die Armada jedoch - dramatisches Ende der spanischen und glanzvoller Auftakt der englischen Vormachtstellung in der Welt - sei, soweit er überhaupt einem einzelnen Mann zugeschrieben werden könne, nicht das Werk Drakes gewesen, sondern das Verdienst seines Vorgesetzten, des Lordadmirals Howard of Effingham. Auf einem in England sehr populären Gemälde "Das Kugelspiel" macht der Lordadmiral Effingham eine viel schlechtere Figur: Während er aufgeregt und dringlich auf Drake einredet, schiebt ihn Drake gelassen beiseite, um seine Kegelei zu Ende zu bringen.
Englische Historiker hatten allerdings bereits seit Jahrzehnten die legendäre Heldenrolle des Francis Drake im Kampf gegen die spanische Armada mit Skepsis beurteilt, so daß die Entzauberung des Helden durch den amerikanischen Historiker bei den Fachleuten nicht auf Widerstand stieß. "Ein weiterer Schuljungen-Held geht zum Teufel", kommentierte der liberale "News Chronicle"; im "Times Literary Supplement", Englands bedeutender literarischer Zeitschrift, wurde das Buch von Mattingly überschwenglich gelobt. Der Oxforder Professor A. L. Rowse, ein Spezialist englischer Geschichte unter der ersten Elisabeth, begeisterte sich in der "New York Times", das Buch sei "gleichermaßen ein Kunstwerk und ein Meisterwerk der Gelehrsamkeit ... Es ist so geschickt angelegt, daß es sich wie ein Roman liest, wie ein vorzüglicher Roman eines der besten Schriftsteller".
Für seine Argumentation zuungunsten von Drake erwies sich als nötig, daß Mattingly das Drama der Armada vor ein weitgespanntes Panorama der geschichtlichen Situation im Europa des Jahres 1588 stellt. Mattinglys Prospekt reicht von den beiden Hauptgegenspielern, König Philipp II. von Spanien und Königin Elisabeth I. von England, mit deren Admiralen, dem spanischen Herzog Medina Sidonia und dem englischen Lordadmiral Howard of Effingham, über den vorsichtigen Papst Sixtus V., den politisch bedrängten König Heinrich III. von Frankreich bis zu dem sternengläubigen Habsburgkaiser Rudolf II., der sich im Prager Alchimistengäßlein vor einer ungewissen Zukunft ängstigte.
Europa erwartete sich in einer Atmosphäre religiöser Kriege zwischen den rivalisierenden christlichen Konfessionen und der ungelösten Konkurrenz zwischen Spanien und England um die Vormacht in der Welt von diesem Jahr 1588 bedeutsame Ereignisse. In Flugschriften kursierte eine Voraussage des sogenannten Regiomontanus, eines fränkischen Mathematikers namens Johannes Müller, der bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts für das Jahr 1588 vorausgesagt hatte, daß "Imperien zusammenschrumpfen werden". Die Angabe des Sterndeuters wirkte so beunruhigend, daß es Königin Elisabeth für ratsam hielt, die Veröffentlichung der düsteren Prophezeiung in ihrem Reich zu unterbinden, die Weissagung aber gleichzeitig öffentlich widerlegen zu lassen.
Mit Sicherheit stand zu erwarten, daß es in diesem Jahr zu einer Auseinandersetzung zwischen der englischen und der spanischen Flotte kommen werde, und wenn auch nicht feststand, wer gewinnen würde, so galt doch soviel für sicher, daß einer der Gegenspieler der englische Seeheld Drake sein werde.
Drake genoß in Europa, in England wie in Spanien, legendären Ruf: "El Draque" hatte schon seit Jahren mit geheimer Zustimmung Königin Elisabeths als Freibeuter gegen die Spanier gekämpft, er hatte die reiche Stadt Nombre de Dios in Panama überfallen und ausgeraubt, San Domingo und Cartagena geplündert und, wie er sich brüstete, "dem König von Spanien den Bart versengt", als er sich mit seiner Flotte in den Hafen von Cadiz wagte und dort 33 Schiffe zerstörte. Europa sprach, wie Mattingly nachweist, von dem erwarteten Seekrieg zwischen England und Spanien wie von einem Duell zwischen König Philipp und Drake.
Die spätere Geschichtsschreibung übernahm diese Legende. Sir Julian Corbett, Urheber eines Standardwerks über die Armada, ging - so Mattingly - bei der Deutung der Seeschlacht von der Voraussetzung aus, daß Drake bei jeder Gelegenheit "wie eine Kombination von Horatio Nelson und A.T. Mahan" gehandelt habe - wie eine Kombination aus dem prominentesten Seehelden der angelsächsischen Welt, Lord Nelson, und dem bedeutendsten amerikanischen Flotten-Theoretiker, dessen Ruf etwa dem des Preußen Clausewitz in Deutschland vergleichbar ist.
In Wirklichkeit hatte Königin Elisabeth vorsorglich den erprobten Freibeuter Drake für den großen Kampf, der gegen die Armada zu erwarten stand, dem Großadmiral Lord Howard unterstellt, weil die Königin, wie Mattingly vermutet, der Meinung gewesen sei, "mit Howard an der Spitze würde weniger Gefahr bestehen, daß die Operation zu einer Freibeuter-Expedition entartete". Es war deutlich, daß es bei der bevorstehenden Seeschlacht weniger auf persönliche Kühnheit ankam. Die Engländer setzten auf ihre modernen Schiffe, auf bessere Bestückung der Schiffe mit Kanonen und auf eine gediegene Organisation des Nachschubs von Munition und Verpflegung.
Mattingly zufolge war die Ursache des englischen Siegs in der Seeschlacht am Ende wirklich der Nachschub, freilich weniger der gut funktionierende englische, als der mißglückte spanische. Die Spanier hatten sich ohnehin insofern gegenüber den Engländern benachteiligt, als sie bis in den Ärmelkanal vordrangen, also unter der britischen Küste operierten.
So kam es zwischen dem 2. und 9. August 1588 zum Kampf, bei dem sich im wesentlichen drei Stationen abzeichnen: die unentschiedene Schlacht vor der Insel Wight, die Verbrennung von Armada-Schiffen im Hafen von Calais und das für Königin Elisabeth siegreiche Gefecht vor Gravelines in der Nähe von Dünkirchen.
Die Ansicht, daß eine Minderheit von kleinen englischen Schiffen dabei die "unbesiegliche Armada" zerstreut habe, verwies Mattingly gleichfalls ins Reich der Legende. Königin Elisabeth besaß 1588 die stärkste Flotte, die es in Europa bis dahin je gegeben hatte. Zwar war ihr die Armada mit ihren hundertdreißig Schiffen der Zahl nach etwas überlegen. Aber die englische Flotte verfügte, nach Mattingly, über einen Kern von Schiffen, "nach neuer Art gebaut und bewaffnet und fähig, alle nur denkbaren Feinde niederzusegeln und niederzukämpfen".
Die englischen Schiffe waren schneller und waren besser bestückt. Die Geschütze der Spanier dagegen besaßen nur geringe Reichweite und waren so schwach, daß ihre Kugeln allenfalls den Seeleuten an Deck gefährlich wurden, nicht aber ausreichten, um die feindlichen Schiffe zu zerstören.
Die spanische Flotte befolgte denn auch notgedrungen eine Taktik, wie sie bereits zur Zeit der alten Römer üblich war: Die Seeleute mußten versuchen, den Feind zu rammen, an Bord der feindlichen Schiffe zu springen und den Gegner im Kampf von Mann gegen Mann zu überwältigen. Die neuen englischen Feldschlangen jedoch konnten Löcher in die feindlichen Schiffe schießen und sie versenken.
Allzuviel Erfolg hatten Howards Kanoniere allerdings nicht. Schießübungen gab es nicht, und das artilleristische Können war, an modernen Maßstäben gemessen, auf beiden Seiten erbärmlich. Ein englischer Kapitän klagte, als alles vorbei war: "Unsere Sünden müssen wohl die Ursache dafür sein, daß so viel Pulver verwendet wurde und so viele Schüsse fielen, so viel Zeit zum Kampf verbraucht und vergleichsweise so wenig Schaden angerichtet wurde."
Mattingly kann nachweisen, daß sich auch spanische Fachleute im vorhinein darüber klar waren, wie gering ihre militärischen Erfolgsaussichten gegenüber den ungleich moderner gerüsteten Engländern waren. Der amerikanische Historiker entdeckte einen Geheimbericht, den ein Sonder-Emissär des Papstes aus Lissabon an Sixtus geschickt hatte.
Der Nuntius hatte in Lissabon, wo die Armada vor dem Auslaufen versammelt war, einen der höchsten spanischen Offiziere gefragt, wie der Herzog Medina Sidonia eine Schlacht im Kanal zu gewinnen gedenke, und folgende Antwort erhalten:
"Das ist ganz einfach. Es ist wohlbekannt, daß wir für die Sache Gottes kämpfen. Wenn wir also auf die Engländer treffen, wird Gott die Dinge gewiß so regeln, daß wir sie entern können, indem er entweder verrücktes Wetter schickt oder - das ist wahrscheinlicher - die Engländer ihren Verstand verlieren läßt.
"Wenn wir nahe an sie herankommen, werden spanischer Mut und spanischer Stahl und die große Zahl von Soldaten, die wir an Bord haben, unseren Sieg sicherstellen. Aber wenn uns Gott nicht mit einem Wunder hilft, werden die Engländer, die schnellere, wendigere Schiffe besitzen als wir und viel mehr weitreichende Kanonen und die ihren Vorteil genauso gut verstehen wie wir, uns niemals nahe herankommen lassen, sondern in weiter Entfernung bleiben und uns mit ihren Feldschlangen in Stücke schießen, ohne daß wir ihnen ernsten Schaden antun können. Wir fahren also nach England in der zuversichtlichen Hoffnung auf ein Wunder."
Das Wunder blieb aus und nach der Schlacht von Gravelines gaben die Spanier auf; die Engländer verzichteten darauf, die geschlagenen Spanier zu verfolgen. Erst auf der Rückfahrt verlor der spanische Admiral Herzog Medina Sidonia bei einem Sturm eine große Zahl seiner Schiffe; 66 von 130 brachte er immerhin wieder nach Spanien zurück.
Einen in irgendwelcher Art bestimmenden Einfluß des Vizeadmirals Drake auf die taktischen Operationen der englischen Flotte, der seinen Ruf als Besieger der Armada rechtfertigen könnte, konnte Mattingly nicht feststellen. Dagegen entdeckte er ein indirektes Verdienst Drakes am Zusammenbruch der Armada, das die Historiker bisher kaum beachtet hatten.
Die Resignation der spanischen Flotte nach sieben Tagen Kampf war nicht zum geringen Teil dadurch begründet, daß den Seeleuten die Verpflegung ausgegangen war -ein Umstand, der nie dazu angetan ist, die Kampfmoral einer Truppe zu wahren. Das Trinkwasser war aus vielen Tonnen ausgeronnen, in anderen stank es. Pökelfleisch, Mehl und andere Lebensmittel waren verschimmelt und konnten nicht einmal von den Seeleuten jener Tage, die Schlimmes gewöhnt waren, verdaut werden. Dieser Umstand bewog den Herzog mindestens ebensosehr, das Unternehmen aufzugeben, wie die Erkenntnis der technischen Überlegenheit der Engländer.
Daß den Spaniern, deren Schiffe mit ungewöhnlich viel Mannschaft besetzt waren, der Proviant so schnell verdarb, war aber die Folge eines Piratenstücks, das Drake einige Zeit vor der Schlacht gelang. Drake hatte vor dem portugiesischen Kap St. Vincent - Portugal gehörte damals zu Spanien - eine bedeutende Menge von Küfermaterial, Faßreifen und Dauben, beschlagnahmt, das er verbrennen ließ: Es reichte zum Transport von 25 000 bis 30 000 Tonnen Proviant und war für die Ausrüstung der Armada bestimmt gewesen.
Der größte Teil der Fässer, die in Lissabon für die Armada gefüllt wurden, mußte daher in aller Eile aus ungeeignetem grünem Holz hergestellt werden, das in der Augusthitze den Anforderungen nicht standhielt. Drake hatte tatsächlich einen "tödlichen Schlag" gegen die Armada geführt, wie Mattingly es nannte, aber nicht 1588 im Kanal, sondern 1587 vor Kap St. Vincent.
Im übrigen machten beide Herrscher, Königin Elisabeth und König Philipp, für Sieg und Niederlage nicht ihre Admirale verantwortlich, sondern das Wetter. Eine Medaille, die Königin Elisabeth zur Feier des Sieges prägen ließ, enthielt die Inschrift "Deus afflavit et dissipati sunt" - "Gott blies, und (die Spanier) wurden zerstreut". Etwa zur gleichen Zeit ließ König Philipp die spanischen Bischöfe wissen, sein "Unternehmen" sei durch einen Sturm vereitelt worden.
In Wirklichkeit - und beide Herrscher wußten das - hatte das schönste Sommerwetter geherrscht, und ein heftiger Wind, der sich plötzlich bei Gravelines erhob, hatte eher die Spanier begünstigt. Die Engländer aber hielten es für zweckmäßig, ihren Sieg einem direkten Akt Gottes zuzuschreiben - als Zeichen, daß der Allmächtige auf der protestantischen Seite stand. Den Spaniern wiederum schien es erträglicher, vom Sturm besiegt worden zu sein als von den Engländern.
* Garrett Mattingly: "The Defeat of the Spanish Armada"; Verlag Jonathan Cape, London; 382 Seiten; 25 Shilling.
Kugelspieler Drake, rechts neben ihm Lordadmiral Effingham (noch einem Stich von Lucas): Ein Schuljungen-Held ging zum Teufel

DER SPIEGEL 7/1960
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