17.02.1960

Antisemitismus / MATHILDE LUDENDORFFGOTTERKENNTNIS (L)

Vor Gericht stand Franz Freiherr Karg von Bebenburg, 50 Jahre alt Verlagsinhaber in Pähl, einem Dorf nahe dem Starnberger See. Der Staatsanwalt beschuldigte ihn der üblen Nachrede, verübt durch einen Aufsatz, der unter seiner, des Freiherrn, Verantwortung veröffentlicht worden war. Der Artikel zitiert einige anonyme ägyptische Studenten, die angeblich vor kurzem Westberlin besuchten. Bebenburgs Publikation zufolge hatten sie sich so geäußert:
- "Das Furchtbarste an moralischer Verkommenheit ist Westberlin. An jeder Straßenecke steht eine hungernde Frau und bietet sich an. Ganz Westberlin sieht aus wie eine Kolonie von Israel. Zwei vor Haß gegen die Deutschen berstende Juden, Heinz Galinski und Joachim Lipschitz, tyrannisieren das rechtlos gemachte deutsche Volk in Westberlin. Die Juden bekommen die schönsten Wohnungen und Geschäfte - für die Deutschen ist nichts da. Das ganze nennt sich freie Welt."
Der Staatsanwalt beantragte, den Freiherrn zu sechs Monaten Gefängnis zu verurteilen. Das Gericht sprach ihn indes frei - "mangels ausreichenden Schuldnachweises".
Das Ganze spielte sich am 13. Januar in einem Gebäude der oberbayrischen Stadt Weilheim ab, das man den Post-Stadel nennt. Wegen Maurerarbeiten im Weilheimer Amtsgerichtsgebäude hatte Richter Bechtold die Verhandlung in einen kleinen Raum des Stadel verlegen lassen. Außer der Suite des Freiherrn hatten denn auch nur sechs Weilheimer Stammkiebitze den Weg zum Ort der Handlung gefunden. So kam es, daß Verhandlung und Urteil der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt wurden, obwohl beiden zeitgeschichtliche Bedeutung keineswegs abzusprechen war.
Karg von Bebenburg - dessen drahtige Erscheinung für gewöhnlich in einem Rock
temperiert bajuwarischen Schnitts steckt - ist nämlich Schwiegersohn und Chefmanager der Mathilde Ludendorff, die gemeinhin und nicht ohne guten Grund als die Urgroßmutter des deutschen Antisemitismus gilt.
Nordrhein-Westfalens Justizminister Dufhues gab deswegen Befehl, den Spuren ihres Wirkens unter den schmierenden und krakeelenden Neo-Antisemiten der jüngsten Zeit nachzuspüren, was denn auch geschah freilich bislang ohne recht überzeugenden Erfolg.
Mathilde Ludendorff hat sich nach 1945 mit feinem Bedacht dem Antisemitismus gröberer Prägung ferngehalten und sich in ihren Publikationen mehr darauf verlegt, die delikateren philosophischen und theologischen Aspekte der Weltgeschichte zu erörtern, wobei antisemitische Ansichten sich unverfänglicher vortragen lassen. Ihr taktisch versierter Schwiegersohn Franz Karg von Bebenburg ist ihr dabei eine unentbehrliche Stütze geworden.
Er ist Leiter des zu Pähl ansässigen Ludendorff-Verlages "Hohe Warte" und Herausgeber der Halbmonatszeitschrift "Der Quell". Von jener Hohen Warte aus benetzt er - und zwar nicht nur vermittels des "Quells", sondern auch mittels anderer publizistischer Hervorbringungen - die deutsche Seelenlandschaft mit einem Produkt, das sich "Gotterkenntnis (L)" nennt. Diese Gotteserkenntnis mit dem okkulten L ist der Mathilde Ludendorff in vielen Jahren - wie sie sich auszudrücken pflegt - "geworden". Ein Hümpel von Druckschriften verschiedenster Art und Beschwerlichkeit - darunter Wälzer von mehreren hundert Seiten - legt für dieses Werden bedrückendes Zeugnis ab. Zu den Ingredienzen der Gotterkenntnis (L) gehören auch Rassismus ("Mischrassentum widerspricht den ehernen Gesetzen des Lebens") und die Bekämpfung eines Phantoms, das Mathilde Ludendorff die "Weltherrschaft Judas" nennt.
Seit rund vier Jahrzehnten versucht Mathilde Ludendorff mit wechselnder Lautstärke und wechselndem Erfolg den Deutschen einzureden, daß die gesamte Weltgeschichte ein Synagogen-Komplott sei. Juda beabsichtige nämlich alle Völker der Erde, insbesondere aber die Deutschen, in Kriege zu stürzen, sie durch Intrigen und Mordtaten ihrer besten Dichter und Staatsmänner zu berauben und sie schließlich völlig zu unterjochen. Christentum, Freimaurerei und Marxismus seien nichts anderes als schändliche Werkzeuge zur Förderung dieses verruchten Unternehmens.
Mathilde Ludendorff hat die aus einer so grausigen Perspektive sich zwangsläufig ergebenden Probleme lange "umsonnen" und ist dabei zu dem Schluß gelangt, daß die Weltgeschichte eigentlich nichts anderes sei als die Auseinandersetzung zweier Rassengruppen - nämlich von Rassen mit einer "Lichtlehre" (man nennt sie "Edelrassen", wozu verständlicherweise die Germanen gehören) und solchen mit einer "Schachtlehre" (auch "Niederrassen" genannt, wozu Mathilde Ludendorff vornehmlich die Juden zählt).
Die Niederrassen-Abkömmlinge nennt Mathilde Ludendorff zuweilen auch "Kinder von Haß und Vernunft".
Die Weltgeschichte wäre nun - jedenfalls laut Mathilde Ludendorff - halb so schlimm ausgefallen, wenn jede der beiden Rassengruppen bei ihrer Lehre geblieben wäre, die "Niederen" bei ihrem Schacht und die "Edlinge" bei ihrem Licht. Zwar waren und sind noch heute die Edlinge immer bereit, das Licht sozusagen für sich zu behalten, indessen zeigten die Schachtlehrlinge von Beginn der Weltgeschichte an das hartnäckige Verlangen, ihre Lehren (so zum Beispiel das Christentum) gleichsam auf die Körper der Edlinge zu transplantieren, um sie dadurch zu entmannen - was man denn auch an der christlichen Missionsarbeit, der freimaurerischen Demagogie und der marxistischen Propaganda unschwer erkennen kann.
Freilich ist Mathilde Ludendorff keine Rassistin von der gewöhnlichen Art - wie etwa die Nazis, die der Meinung waren, jeder, dem das Schicksal vier arische Großeltern vergönnt habe, sei schon deswegen zum Herrenmenschen prädestiniert. Gegen solchen "Rassendünkel" macht Mathilde Ludendorff geltend, daß auch Edlinge "gar leicht innerhalb ihres Lebens tief hinab bis in den untersten Stollen des Schachtes steigen" können; wohingegen es Schachtlehrlingen durchaus vergönnt sein kann, "am Lebensabend auf hoher Berglehne" anzulangen, wobei der fein gewählte Ausdruck "Berglehne" freilich andeutet, daß so ein Schachtlehrling zwar hoch, aber schließlich doch nicht ganz hoch kommt.
Tatsächlich räumt denn auch Mathilde Ludendorff ein, daß ein Schachtlehrling es bedeutend schwerer als ein Edling hat, an der Berglehne hochzukommen, was ja auch schon insofern verständlich ist, als der Niederrassling im Schacht geboren wird, während der Edelrassling bequemerweise - wie Mathilde Ludendorff sich ausdrückt - oberhalb der "Talsohle" zur Welt kommt.
Daß die Schachtlehrlinge nun eben doch nicht ganz nach oben kommen, ist aber - so Mathilde Ludendorff - wiederum auch nicht ganz so schlimm, denn schließlich gelingt auch den allermeisten Edlingen nicht, was Mathilde Ludendorff "Selbstschöpfung" nennt. Es bestehe mithin kein "Anlaß zu Dünkel einzelner Vertreter der Rassen, die eine Lichtlehre im Erbgut tragen und deshalb gewöhnlich ,Edelrassen' genannt werden".
Allerdings hat Mathilde Ludendorff diese mehr detaillierten Ausführungen darüber, wie es mit den Rassen steht, ihren dicken Büchern vorbehalten, während sie sich in kleineren und deswegen leichter zu bewältigenden Schriften an den populären Geschmack zu halten pflegt, wo sie dann die "furchtbaren Ziele" des Judentums handgreiflicher beschreibt, nämlich als "entsetzlich hemmungslose Wege zum Ziel, bei denen jede List, jeder Lug, jedes Morden widerstrebender oder gar nur gefährlicher Nichtjuden eine Tugend vor Jahweh" sei.
Aus dem Dunstkreis eines solchen, mehr handgreiflichen Antisemitismus kam denn auch jener Artikel, der dem Majordomus des Hauses Ludendorff, Karg von Bebenburg, eine Strafanzeige des Berliner Innensenators Lipschitz und den Strafantrag der Weilheimer Staatsanwaltschaft eingebracht hatte
Der Artikel war in der Folge 1 des Jahrgangs 11 der Zeitschrift "Der Quell" unter dem Datum vom 5. Januar 1959 erschienen. Als sein Verfasser figurierte ein Felix Wietholdt, der - so ließ der Inhalt vermuten in Kairo ansässig ist.
Der Verfasser zeigt sich darin bestrebt, die deutsche Öffentlichkeit ohne jede Zimperlichkeit darüber zu unterrichten, was ägyptische Studenten, die in jüngster Zeit Rußland, die DDR oder die Bundesrepublik besuchten, über die Verhältnisse in jenen Ländern denken.
Was die Sowjet-Union angeht, so ließ der kairoanische Chronist sich von ägyptischen Rußlandheimkehrern zum Beispiel dahingehend informieren, daß man "an die molligen russischen Mädchen ... nicht herankommen" kann, daß hingegen "die technischen Wissenschaften bei den Russen vorbildlich behandelt werden".
Vergleichsweise unerfreulicher als die Moskauer Erlebnisse in Moll war das, was laut Wietholdt ägyptischen Studenten in Leipzig und anderen DDR-Städten zustieß. Ihnen begegneten dort deutsche Studenten, die weder an Allah noch an sonst irgendeinen Gott zu glauben vorgaben und die außerdem den Adolf Hitler allen Ernstes für einen Verbrecher hielten. Welchen Harm die Ägypter bei solchen Äußerungen empfanden, exemplifizierte Felix Wietholdt
unter anderem, indem er einen nicht näher bezeichneten Studenten so zitierte:
- "Ich bin ein junger Mensch und verliebe mich nicht in Tote, sympathisch an Adolf Hitler ist mir nur, daß er die Juden bekämpft und so viele von ihnen getötet hat..."
Hatte Wietholdt seine Chronistenpflicht streng erfüllt, indem er diese blutrünstige Meinung getreulich, wiedergab, so sah "Quell"-Herausgeber und Ludendorff -Amtswalter Karg von Bebenburg seinerseits auch keine Veranlassung, der deutschen Öffentlichkeit vorzuenthalten, welch schreckliche Ansichten unter ägyptischen Medizinstudenten in Umlauf sind: Karg von Bebenburg druckte die Mordparole aus dem Land der Pharaonen gewissenhaft ab.
Mit dem gleichen unnachgiebigen Publizisten-Ethos (Mathilde Ludendorff über ihren Schwiegersohn: "Franz ist ein Siegfried") veröffentlichte der von Bebenburg auch, was nun gleich "mehrere" ägyptische Studenten über Westberlin zu sagen hatten
- nämlich, daß dort Heinz Galinski und
Joachim Lipschitz ein jüdisches Tyrannenregiment über das rechtlos gemachte deutsche Volk errichtet hätten.
Richter Bechtold kam zu dem Schluß, daß dem angeklagten Freiherrn nicht zu widerlegen sei, er habe mit der Veröffentlichung des Wietholdt-Artikels nichts anderes bezweckt, als die "Quell"-Leser korrekt zu unterrichten, und keineswegs beabsichtigt, dem Lipschitz und dem Galinski etwas so Übles wie den Versuch der Errichtung einer jüdischen Gewaltherrschaft nachzusagen. Die von ägyptischen Studenten geäußerte, von Wietholdt referierte
und von Bebenburg publizierte Behauptung sei ja auch so absurd; daß sie jedermann sofort als "vollkommenen Mist" erkennen könne. Eben deswegen - so begründete Bechtold seinen Freispruch - habe der Angeklagte die Wiedergabe der ägyptischen Äußerungen auch nicht für geeignet halten können, die Herren Lipschitz und Galinski verächtlich zu machen.
Richter Bechtold hatte nur zu untersuchen gehabt, ob der Pähler Freiherr sich einer üblen Nachrede gegen Lipschitz und Galinski schuldig gemacht habe; hingegen war es nicht seine Pflicht gewesen zu prüfen, ob Franz Karg von Bebenburg auch wegen einer "Äußerung des Rassenwahns" zu belangen sei.
Zwar kennt das deutsche Strafgesetzbuch keinen solchen Straftatbestand - so daß westdeutsche Gerichte im Falle von antisemitischen Äußerungen mit anderen Tatbeständen, wie Beleidigung von Gemeinschaften oder Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener oder grobem Unfug, arbeiten müssen -, aber in Bayern ist neben dem für die gesamte Bundesrepublik gültigen Strafkatalog auch ein "Gesetz gegen Rassenwahn und Völkerhaß" vom 13. März 1946 geltendes Recht.
Dieses Gesetz bedroht den mit Gefängnis, der "durch Äußerungen oder Handlungen des Rassenwahns oder Völkerhasses die Bevölkerung beunruhigt und dadurch die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet".
Allerdings dürfen Verbrechen gegen dieses Gesetz nur dann strafverfolgt werden, wenn der Ministerpräsident der bayrischen Landesregierung auf Vorschlag der
Staatsanwaltschaft dazu eine Genehmigung erteilt.
Um eine solche Genehmigung aber war die Weilheimer Staatsanwaltschaft im Fall des Freiherrn von Bebenburg nicht eingekommen. Sie hatte vornehmlich deswegen auf einen solchen Schritt verzichtet, weil nach ihrer Auffassung nicht erweisbar war, daß durch die Publikation des Wietholdt-Artikels im "Quell" "die Bevölkerung beunruhigt und dadurch die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet" worden sei.
Völlig unerheblich für die Rechtsfindung blieb dank diesem Verzicht der Staatsanwaltschaft die Tatsache, daß der Verfasser des inkriminierten "Quell"-Aufsatzes keineswegs ein journalistischer Neuling namens Wietholdt, sondern in Wirklichkeit kein anderer als Johann von Leers war, der unter Hitler als Reichsschulungsleiter des Nationalsozialistischen Studentenbundes, Reichsredner und Publizist gegen die Juden hetzte und nach dem Kriege zunächst in Argentinien und jetzt in Ägypten als der wohl letzte staatlich geförderte Prophet des völkischen Antisemitismus tätig ist.
Werdegang und gegenwärtiges Wirken des von Leers lassen kaum einen Zweifel daran, daß die Meinungen, die ihm zufolge ägyptische Studenten etwa über Hitlers segensreichen Judenmord hegen, auch seine eigenen sind -, und zwar so sehr seine eigenen, daß der Verdacht aufkommt, die von ihm zitierten ägyptischen Zeugen seien überhaupt nicht existent, sondern erfunden, um unter dem dünnen Vorwand der Berichterstattung über ägyptische politische Psychologie handfeste antisemitische Mordparolen zu verbreiten.
In seinem Artikel läßt nämlich Wietholdt alias von Leers einen ägyptischen Studenten namens Murad solche Wunderleistungen an Kenntnis deutscher Geschichte und Sprache vollbringen, daß der Leser kaum noch umhin kann, besagten Murad für einen sogenannten Türken und demzufolge auch alle anderen ägyptischen Zeugen für Mystifikationen zu halten.
Der angebliche Murad, den von Leers nicht nur als "schön", sondern vorsorglich auch noch als "hochbegabt" einfuhrt, berichtete dem völkischen Germanen-Barden in Kairo von einem Besuch bei einem niedersächsischen Bauern im Calenberger Land: "Einmal an einem Sommernachmittag habe ich mit ihm (dem Bauern) ...
einen Spaziergang gemacht zu einem Eichenwäldchen, in dem ein Hünengrab lag. Der alte Bauer sagte mir: ,Hier ist der letzte Kampf der Sachsen gegen Schlachterkarl gewesen'" wobei der hochbegabte Murad sofort verstand, daß es sich bei der Person mit dem Namen Schlachterkarl um keine andere als den Sachsentöter, Karl den Großen, handeln könne.
Muselmane Murad und der Bauer kamen auch auf das anerkannt denkwürdige Ereignis der Schlacht von Tours und Poitiers (732) zu sprechen, nach welcher der fränkische Hausmeier Karl Martell die sarazenischen Reiterscharen des Propheten Mohammed über die Pyrenäen zurückjagte. Während seit Jahrhunderten zumal in Europa die Auffassung gängig ist, der Sieg des Karl Martell sei höchst verdienstvoll gewesen, einigte sich der Bauer mit seinem schönen arabischen Gast darauf, den Ausgang der Schlacht heftig zu mißbilligen.
Murad machte den verspäteten Vorschlag, die Niedersachsen hätten damals
dem fränkischen Karl Martell in den Rücken fallen sollen, und der Calenberger gab eine Antwort, die dem angeblichen Murad offenbar so unvergeßlich schön schien, daß sie sich ihm gleich auch noch in ihrer plattdeutschen Formulierung fest einprägte - nämlich so: "Joa, dann hätt wi Germanen und ji Muslimen den Swienskerl" - womit Karl Martell gemeint war - "tosammen dotslagen."
Was aus einer so korrigierten Schlacht von Tours und Poitiers alles hätte werden können, beschrieb der Calenberger - immer laut Murad und Johann von Leers in den schönsten Farben: "Jowoll! Und vier Millionen Frauen wären nicht als Hexen verbrannt worden" (weil nämlich dann das Christentum nicht nach Deutschland gekommen wäre) "und es hätte keinen Dreißigjährigen Krieg gegeben ... und wir hätten auch den großen Ersten Weltkrieg nicht verloren ..."
Diese eigenwilligen Calenberger Auslassungen müssen dem Edlen von Bebenburg lieb und vertraut vorgekommen sein, denn daß "Rom" (das Christentum) und "Juda" für alle Mißhelligkeiten der deutschen Geschichte verantwortlich sind, ist dem "Hause Ludendorff", dessen Erbe der Freiherr jetzt verwaltet, bereits seit Jahrzehnten feste Gewißheit.
So kündete Mathilde Ludendorff unter anderem im Jahre 1936 in einer pikant illustrierten Broschüre, "die Christen" hätten nicht weniger als neun Millionen grauenvolle Folterungen und Verbrennungen von Hexen auf dem Gewissen.
Ein Jahr später enthüllte sie - was sie freilich auch schon früher getan hatte -, daß "Rom-Juda" sowohl für den Ersten Weltkrieg als auch für den schließlichen Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1918 verantwortlich sei.
Bei gleicher Gelegenheit erklärte die Erfinderin der Gotterkenntnis (L) auch, wieso und in welcher Weise Rom und Juda bei der Versklavung der Deutschen zusammenwirken:
"Wir wurden von den Juden und den Priesterkasten" (des Christentums) überlistet und versklavt, weil ... Jahrhunderte lang die jungen Geschlechter unseres Volkes von der 'Auserwähltheit' des jüdischen Volkes, von der ,Unantastbarkeit' seines schauerlichen Geschichtebuches, das für uns ,Gotteswort' sein sollte, überzeugt und mit gefälschter Geschichteunterweisung auferzogen wurden. Dann natürlich waren die armen, auf diese Weise völlig wehrlos gemachten Geschlechterfolgen unseres Volkes Opfer von Judenlist und -trug."
Auch heute noch macht Mathilde Ludendorff nicht den geringsten Hehl daraus, daß sie das bekämpft, was sie "das Joch Jakobs" (gemeint: die Herrschaft der Juden über die anderen Völker der Erde) nennt. Allerdings hat sie für diesen ihren völkischen Befreiungskampf eine Rechtfertigung zur Hand, die sie aus der Bibel selbst ableitet.
Die Gott-Schauerin erklärt das sinngemäß etwa so: Ihr Kampf gegen die jüdische Weltherrschaft richte sich keineswegs gegen die Juden allgemein - vielmehr nur gegen das Macht-Monopol, das, so glaubt sie fest und unverwandt, die jüdische Priesterkaste auf der Erde errichten wolle. Dieser Kampf aber sei paradoxerweise sogar durch die jüdische Überlieferung von vornherein legitimiert. Beweis: 1. Mose 27!
An dieser Stelle des Alten Testaments wird berichtet, wie Jakob, der zweite Sohn des biblischen Hirten-Häuptlings Isaak, seinem sterbenden und blinden Vater einen Segensspruch abschwindelt, der eigentlich dem Erstgeborenen Esau gehört und der ihm - dem fälschlich Gesegneten - die Herrschaft über die Völker in Aussicht stellt.
Der betrogene Esau bemüht sich bei seinem Vater daraufhin um einen zweiten Segen und erhält ihn schließlich: "Es wird geschehen, daß du auch ein Herr sein und sein (Jakobs) Joch von deinem Halse reißen wirst."
Aus unerfindlichen Gründen ist nun Mathilde Ludendorff zu der Einsicht gelangt, daß die Figuren dieser vorgeschichtlichen Hirten-Legende so zu deuten sind: Der listige Jakob ist kein anderer als "der Jude", während der tumbe, etwas gefräßige, aber arbeitsame Esau - wie Mathilde Ludendorff sich heute pauschal, aber vorsichtig ausdrückt - die Personifizierung aller "Nicht-Juden" ist. (Wobei unklar bleibt welcher Rasse eigentlich der Vater der beiden, nämlich Isaak, zuzurechnen sei.)
So ausgelegt, bedeutet die Isaak-Story eine aus jüdischer Überlieferung stammende, bis heute gültige und von den Juden nicht abzustreitende Rechtfertigung des Kampfes aller Esaus kontra den Herrschaftsanspruch aller Jakobse.
Daß diese ihre Entdeckung der geheimen Bedeutung des Esau-Segens auf Juden einen geradezu niederschmetternden Eindruck mache, illustriert Mathilde Ludendorff gern und nicht ohne beträchtlichen Aufwand eindrucksvoller mimischer Darbietungen. Eines Tages nach dem Zweiten Weltkrieg, so berichtete sie, sei ein amerikanischer Jude - "ein Polizist oder so etwas Ähnliches" - zu ihr gekommen und habe sie wegen ihrer Einstellung gegen die Juden beschimpft. Sie aber habe geantwortet: "Ich weiß gar nicht, warum Sie mich alte Frau so beschimpfen! Ich bekämpfe die Juden doch nur im Rahmen des Esau-Segens."
An dieser Stelle ihres Berichts leuchten Mathilde Ludendorffs Augen im Vorgeschmack des kommenden Triumphes auf: "Da wurde er ganz bleich, ging rückwärts und verbeugte sich immer wieder tief und sein Kinn ging immer so" - wobei die greise Gotterkennerin mit der flachen Hand eine Bewegung unterhalb ihres Kinns ausführt, die offenbar andeuten soll, wie dem armen Israeliten vor Entsetzen ob dieser Entlarvung letzter jüdischer Geheimnisse das Gebiß geklappert habe.
Es mag nun fraglich sein, ob die Weilheimer Behörden die unverkennbar intime geistige Verwandtschaft zwischen den Ansichten des Johann von Leers und der von ihm zitierten Ägypter einerseits und der Mathilde Ludendorff andererseits ausreichend gewürdigt haben. Es darf deswegen trotz des Weilheimer Spruchs nach wie vor als zweifelhaft gelten, ob die Wiedergabe der angeblich ägyptischen Äußerungen in der Zeitschrift "Der Quell" nicht doch eine "Äußerung des Rassenwahns" im Sinne des bayrischen Landesgesetzes vom 13. März 1946 ist.
Indes, wenn man zu Weilheim die Anwendbarkeit jenes Gesetzes auf den Fall des Freiherrn von Bebenburg hätte behaupten wollen, so hätte man vor einem Rattenschwanz höchst diffiziler Fragen gestanden. Man hätte:
- die Einlassung des Freiherrn, er habe nur die zugegebenermaßen abstrusen ägyptischen Ansichten korrekt wiedergeben wollen, als unwahr abweisen müssen,
- anstelle dessen beweisen müssen, daß die Äußerungen der Ägypter mit den Konzeptionen des Hauses Ludendorff insofern identisch sind, als beide "Rassenwahn" oder "Völkerhaß" darstellen,
- klären müssen, ob die These von der Bekämpfung des Judentums "im Rahmen des Esau-Segens" nur eine Finte des Hauses Ludendorff ist, um einen in Wirklichkeit aus rassistischen Gründen
geführten Feldzug als eine Abwehrhandlung gegen jüdische Weltherrschaftspläne zu tarnen, und schließlich
- untersuchen müssen, ob die Bekämpfung des Judentums im Rahmen des Esau -Segens nicht als Abwehrhandlung gegen einen zwar irrtümlicherweise, aber doch guten Glaubens angenommenen Weltherrschaftsanspruch der jüdischen Priesterkaste zugelassen werden muß. Mathilde Ludendorffs Esau-These (die sie an einem Wintertag des Jahres 1924 zusammen mit ihrem damaligen Gesinnungsfreund, und späteren Ehemann Erich Ludendorff gefunden haben will) soll nämlich besagen, daß die Gotterkenntnis (L) nicht jeden Juden schlechthin, sondern nur solche Juden bekämpft, die als Anhänger der jüdischen Religionsgemeinschaft den Weltherrschaftsanspruch der jüdischen Priester
repräsentieren und vertreten. Daß diese feine Unterscheidung in der Praxis jedoch wenig besagt, ist allerdings noch heute Mathilde Ludendorffs freimütig verbreitete Meinung. Nach ihrer Ansicht ist nämlich "sehr hell zu belichten":
"Jeder Jude, der den Rabbinergesetzen nicht restlos gehorcht, gerät in die Gefahr, daß der kleine oder sogar der große Bannfluch über ihn gesprochen wird. Wer diese entsetzlich grausamen Rabbinergesetze kennt, und wer es weiß, daß der vom Bannfluch betroffene Jude den grausamen Folgen wegen der internationalen jüdischen Organisation in keinem Land der Erde entrinnen kann, der wird es bei seiner eigenen moralisch unantastbaren Abwehr gebieterisch von sich verlangen, daß er auch diese Tatsache nicht vergißt."
Mithin: Da nach Mathilde Ludendorffs Auffassung "jeder" Jude den "grausamen Rabbinergesetzen" unterworfen ist, bleibt ihre Unterscheidung zwischen religiösen und anderen Juden eine rein theoretische. Die "anderen" Juden gibt es nämlich nicht, so daß aufrechte Gotterkenner jeden Juden, wie immer er sich auch ausgeben mag, ohne viel zu fragen bekämpfen dürfen. Sie treffen zweifelsfrei immer den richtigen, nämlich einen Repräsentanten des jüdischen Weltherrschaftsanspruchs.
Ob aber diese generelle Anti-Juda -Kampfparole schon unbedingt gleichzusetzen ist mit "Rassenwahn", hätte wahrscheinlich nur dann geklärt werden können, wenn die Weilheimer Justiz sich eine verläßliche Vorstellung von dem gemacht hätte, was Mathilde Ludendorff ihr "philosophisches Werk" nennt. Das aber wäre ein Unterfangen gewesen, welches angesichts der mal sentimental verquollenen, mal akribisch Talmud und Bibel zitierenden Schreibweise der Schauerin von vornherein wenig Erfolg versprochen hätte.
Tatsächlich haben sich gerade in letzter Zeit die Zweifel gemehrt, ob man dem Antisemitismus überhaupt mit einem gesetzlich formulierten Verbot von der Art des bayrischen Landesgesetzes gegen Rassenwahn und Völkerhaß beikommen könne.
Der Entwurf eines "Volksverhetzungs" -Paragraphen traf im Bundestag, zumal bei der Opposition, auf wenig Gegenliebe - und das, obwohl um die Jahreswende eine trübe Welle antisemitischen Spülichts gegen die Sockel der humanitären Gesittung in Westdeutschland schwappte.
Nachdem zwei antisemitische Herostraten namens Strunk und Schönen am Heiligabend die Kölner Synagoge mit Hakenkreuz und antijüdischem Spruchgut beschmiert hatten, gab Nordrhein-Westfalens Innenminister Dufhues der Büberei mit mehrfachen Auftritten im Fernsehen üppige Publizität. Von Stund an fühlten sich überall in deutschen Landen, schließlich sogar außerhalb der bundesrepublikanischen Grenzen, sozial Labile von der Sucht befallen, mosaische Gotteshäuser zu schänden, den Arm zum "deutschen Gruß" zu recken; "Juden raus" zu rufen und dem Adolf Hitler posthum "Heil" zu wünschen.
Amtlich zählte man Ende Januar 414 Fälle von antisemitischen Äußerungen und Ausschreitungen. Westdeutschlands Bürger, Prominente wie Jedermänner, standen vor Fragen, wie sie in der deutschen Geschichte nicht eben neu sind - nämlich:
- was Antisemitismus überhaupt sei (eine
gesellschaftliche Krankheit oder ein Verbrechen),
- wie ihm zu wehren sei (mit polizeilichen
oder propagandistischen und erzieherischen Mitteln), und
- ob der Antisemitismus überhaupt eine öffentliche Gefahr darstelle.
So glichen denn auch die öffentlichen Debatten der Jahreswende 1959/60 zuweilen bis in Einzelheiten der Formulierung hinein Überlegungen, die deutsche Politiker und Publizisten ein halbes Jahrhundert zuvor angestellt hatten.
Erklärte zum Beispiel Bundesjustizminister Schäffer am 3. Dezember 1959 vor dem Bundestag: "Gewiß kann zum Glück keine Rede davon sein, daß es einen Antisemitismus im eigentlichen Sinne in Deutschland gibt", so ähnelte die Auslassung auf ein Haar dem, was im Jahre 1906 der damalige Führer der SPD, August Bebel, gemeint hatte: "Tröstlich ist, daß er" (der Antisemitismus) "in Deutschland nie Aussicht hat, irgendeinen maßgebenden Einfluß auf das staatliche und soziale Leben auszuüben."
Im Bundestag erklärte der sozialdemokratische Abgeordnete Wittrock: "Dieser Aufgabe" (der Bekämpfung des Antisemitismus) "kann die Gesellschaft sich nicht durch eine neue Strafvorschrift entledigen, die gleichsam zuständigkeitshalber der Polizei überweist, was die gesellschaftlichen Kräfte selber in die Hand nehmen müssen."
Ähnlich hatte sich der sozialistische Schriftsteller und Journalist Franz Mehring im Jahre 1891 geäußert (nachdem im Zuge einer antisemitischen Welle ein jüdischer Schlachter namens Buschoff des Ritualmords an einem fünfjährigen Kind angeklagt und schließlich freigesprochen worden war): "Es ist ein blöder Fanatismus, an jüdische Blut-, an Ritualmorde zu glauben, aber ein ebenso blöder Fanatismus gehört dazu, den Glauben an solche Morde mit einem unerschöpflichen Überschwange von Schimpfworten ausrotten zu wollen oder ihn gar dem sorgenden Vaterauge der Polizei und Staatsanwaltschaft zu empfehlen."
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Böhm ein besonders warmherziger Verteidiger jüdischer Belange - lehnte in der Dezember-Beratung das "Volksverhetzungs-Gesetz" ab. Seine Argumentation lief auf etwa folgendes hinaus: Der Antisemitismus sei letztlich nur der Reflex einer primär keineswegs auf die Juden fixierten Haß-Bewegung, die in Krisenzeiten anschwelle und sich erst dann gegen bestimmte Personengruppen einsteuere, um an dem Haß-Objekt sich abreagieren zu können.
"Wir können", sagte Böhm, "auch gar nicht wissen, gegen was sich der Haß einer künftigen radikalen Bewegung bei uns richtet. Diese Bewegung wird eventuell sagen: Wir werden unseren Haß gegen irgend etwas richten, das nicht im Paragraphen 130" (dem geplanten Gesetz gegen Volksverhetzung) "steht. Sie wird sich dann für ihre Verunglimpfungen Opfer aussuchen, die weder unter den Begriff 'national' noch unter die Begriffe ,rassisch' oder 'religiös' fallen. Dann sitzen wir wieder da."
"Wer gehaßt wird", hatte im Jahre 1894 nahezu gleichlautend der zunächst sozialistische, später katholische Wiener Schriftsteller Hermann Bahr geschrieben, "tut im Grund dabei nichts. Der Jude ist ihnen" (den Hassern) "nur eben bequem. Die Franzosen haben dafür der Reihe nach zuerst den Preußen und dann den Juden und neuestens den Bankier gebraucht, und es hat sich ihnen nicht um den Preußen und nicht um den Juden und nicht um den Bankier gehandelt: Es handelt sich immer nur um den Haß, um die starken Aufregungen, die er gewährt."
Tatsächlich hat es zu allen Zeiten Judenhaß gegeben - nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien, England und Frankreich, nicht erst im 19. und 20. Jahrhundert, sondern auch früher. Französische Könige verwiesen die Juden des Landes, zum erstenmal im 12. Jahrhundert und zum andernmal im 14. Jahrhundert. Englische Könige beschuldigten die Juden der Falschmünzerei und setzten sie grausamen Verfolgungen aus.
Nach Deutschland kamen die Juden auf den Spuren der römischen Legionen. In römischen Garnisonstädten wie Trier und Köln gab es die ersten Judengemeinden. Die Kölner Juden werden erstmalig in einem kaiserlichen Privilegien-Dekret aus dem Jahre 321 erwähnt.
Aktiver Haß gegen die Juden begann sich in Deutschland wie auch in anderen Ländern zur Zeit der Kreuzzüge zu regen. Man
verübelte ihnen den Kreuzestod Christi, beschuldigte sie der Gottlosigkeit, des Menschenhasses und geheimer Untaten, wie der Hostienschändung, der Verübung von Ritualmorden und - in Pestzeiten - der Brunnenvergiftung.
Als Händler ins Land gekommen, gründeten die Juden die ersten Kreditinstitute der abendländischen Geschichte, zumal das kirchliche Zinsverbot christlichen Kaufleuten das Wuchern untersagte. Überdies verboten sogenannte Judenordnungen den Juden, Land zu erwerben oder bestimmte ("ehrliche") Handwerke auszuüben.
Bei Juden verschuldete Fürsten und Grundherrn sahen es nicht ungern, wenn sich die naive Abneigung ihrer christlichen Untertanen gegen das Volk der Christus -Kreuziger in Pogromen Luft machte und die jüdischen Gläubiger entweder getötet oder doch so in Bedrängnis gebracht wurden, daß sie sich hilfeflehend an den Landesherrn wenden mußten: Sogenannte Schutzbriefe gewährten die Fürsten gern gegen den Erlaß ihrer Schulden.
Letztlich aber dürfte auch dem religiösen Judenhaß ein massenpsychologisches Motiv innegewohnt haben: Alle gesellschaftlichen Bildungen zeigen - wie Soziologen beobachtet haben - das Bestreben, ihre innere Homogenität zu bewahren und mithin Fremdes und Fremdartiges in einer psychologischen Reflexbewegung abzuwehren. Die vorgebrachten Judenhaß-Gründe - seien sie nun religiöser oder rassistischer Art - sind in der Tat nichts anderes als nachträgliche Rationalisierungen der reflexartigen Abwehrbewegung gegen das Fremde schlechthin.
Indes, alle diese psychologischen Deutungsversuche vermögen nicht oder jedenfalls nicht ausreichend zu erklären, warum der Antisemitismus - obwohl zu fast allen Zeiten in allen Ländern Europas vorkommend - sich gerade in Deutschland bis zu dem satanischen Höhepunkt hitlerischer Judenmorde steigern konnte.
Um diese Aufgabe hat sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg eine ganze Reihe von insbesondere ausländischen, meistens aus Deutschland emigrierten Wissenschaftlern bemüht - mit eindrucksvollem Erfolg vor allem Paul W. Massing in seinem Buch "Rehearsal for Destruction"*.
Massing sucht die Ursachen des "völkischen" - nicht mehr religiösen - Antisemitismus vornehmlich auf soziologischem Gebiet und meint, kurz zusammengefaßt, etwa folgendes: Der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts überall in Europa zu beobachtende Prozeß der Entstehung einer Industrie- und Massengesellschaft vollzog sich in Deutschland nach der Gründung des Bismarck-Reiches schneller und überstürzter als in allen anderen vergleichbaren Staaten. Überall bildete sich im Zuge dieses Prozesses eine Angestelltenschicht, die - aus selbständigen Berufsgruppen wie dem Bauerntum und der Handwerkerschaft stammend - sich plötzlich ihrer Selbständigkeit beraubt und dem Auf und Ab konjunktureller Zufälligkeiten ausgesetzt sah.
Die neue Schicht versuchte ihre ungewohnte Situation zu interpretieren und Konzeptionen für die Verteidigung ihrer Interessen zu entwickeln - ein Erfordernis, das im eben erstandenen Deutschen Reich durch eine Reihe schnell aufeinanderfolgender Wirtschaftskrisen noch dramatisiert wurde. Als Gegner empfand man das "anonyme Kapital" und das sozialistisch organisierte Proletariat.
Auf beiden Seiten sah man "den Juden" am Werk - also Repräsentanten einer Gesellschaftsgruppe, die bis dahin hinter
Getto-Mauern ein zwar unheimliches, aber doch abseitiges Leben geführt hatten, nunmehr indes als Bankiers, Ärzte, Rechtsanwälte und Funktionäre der Arbeiterbewegung mitten unter dem Volk erschienen.
Das Auftreten des emanzipierten Juden fiel also in Deutschland mit dem Entstehen des unselbständigen oder in seiner Selbständigkeit bedrohten Mittelstandes zusammen - und es mag zumindest erklärlich erscheinen, daß der neue Mittelstand in "den Juden" die heimlichen Verursacher seiner Misere erkennen zu können glaubte.
Daß dieser Auffassung jedenfalls der Schein einer gewissen Berechtigung nicht fehlte, erkannte der deutsche, über den Vorwurf des Antisemitismus völlig erhabene Nationalökonom Werner Sombart: "Ganz besonders deutlich kommt diese jüdische Mission - den Übergang zum Kapitalismus zu befördern - dort zum Ausdruck, wo es gilt, die heute noch konservierten Reste vorkapitalistischer Organisation aus der Welt zu schaffen: in der Zersetzung der letzten Handwerke und der handwerksmäßigen Krämerei... Weshalb sich denn gerade in jenen Kreisen des sinkenden Handwerks ein durchaus naturwüchsiger Antisemitismus entwickelt hat, der sich, wie es solchen blinden Volksbewegungen eigen zu seid pflegt, an die greifbare Form (das Judentum) statt an den inneren Kern (den Kapitalismus) hält."
Während die deutsche Arbeiterschaft im marxistischen Sozialismus eine - wie es jedenfalls schien - zukunftsträchtige Interpretation ihrer aktuellen Notlage gefunden hatte (und sich denn auch bis in die jüngste Zeit als praktisch immun gegen den Antisemitismus erwies), wurde der Antisemitismus zur Ersatz-Religion des deutschen Mittelstandes, dessen er sich insbesondere in wirtschaftlichen Notzeiten immer wieder bediente.
Diese Theorie Massings wird durch eine ganze Reihe von Tatsachen gestützt: Der völkische Antisemitismus faßte im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts in Deutschland Fuß. In der gleichen Zeit ging die Zahl der Selbständigen beträchtlich zurück, schoß die Zahl der Angestellten enorm nach oben - allein im Zeitraum von 1882 bis 1907 um 592,4 Prozent. Hatten im Jahre 1882 die Angestellten 6,5 Prozent der großstädtischen Bevölkerung gestellt, so bildeten sie 1907 bereits 12,7. In der gleichen Zeit ging der Anteil der Selbständigen von 31,9 auf 18,8 Prozent zurück.
Massings Theorie, wonach der Antisemitismus von der Konjunktur abhängig ist, wird auch durch die Tatsache glaubhaft gemacht, daß die erste nichtkonfessionelle
antisemitische Streitschrift mit Publikumserfolg im Wirtschaftskrisen-Jahr 1873 erschien. Das Ende der "Gründer-Zeit" durch einen riesigen Bankkrach zeichnete sich eben ab, als ein Journalist namens Wilhelm Marr dem auf die Straße geworfenen Stehkragen-Proletariat eine Erklärung für dessen Unglück lieferte. Die Überschrift der von ihm veröffentlichten Broschüre lautete: "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum - Vom nicht-confessionellen Standpunkt aus betrachtet. Vae Victis!"
Ein Jahr später folgte die "Gartenlaube", das mittelständische Massenblatt jener Zeit, mit einer Artikelserie "Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin". Ihr Verfasser, ein Otto Glagau, proklamierte: "Als ein fremder Stamm steht es (das Judentum) dem deutschen Volk gegenüber und
ihm das Mark aus. Die soziale Frage ist wesentlich Gründer- und Judenfrage, alles übrige ist Schwindel."
Ein weiteres Jahr später avancierte der Antisemitismus aus der Massenpresse in die hohe Politik. Die Berliner "Kreuzzeitung", das Blatt des konservativen preußischen Junkertums, das damals noch mit Bismarck verfeindet war, attackierte den Kanzler, indem sie ihm vorwarf, eine "von und für Juden betriebene Politik" zu machen und sich von seinem jüdischen Finanzberater, dem Bankier Gerson von Bleichröder, und von jüdischen Abgeordneten wie Bamberger und Lasker beeinflussen zu lassen.
Der Antisemitismus war damit zu einer Waffe der Konservativen geworden, derer sie sich immer dann bedienten, wenn sie mittelständische Wählermassen entweder gegen den Freihandel der Liberalen oder gegen den Sozialismus mobilisieren wollten.
Zu einer wichtigen Figur in diesem zynischen Spiel entwickelte sich der Hofprediger Adolf Stoecker. Er hatte Ende der siebziger Jahre zu Berlin eine Christlichsoziale Arbeiterpartei gegründet, um die deutsche Arbeiterschaft vor dem
Atheismus und Internationalismus der SPD zu retten. Stoeckers Partei mickerte jedoch ohne Eindruck auf die Arbeiterschaft dahin, bis Stoecker sich entschloß, antisemitische Parolen in sein Programm aufzunehmen. Von da an begann die Stoecker-Bewegung zu florieren. Lehrer, Offiziere, Handwerker und Angestellte strömten ihr zu. Die Massenversammlung - bis dahin allein ein Vorrecht linksradikaler Bewegungen - wurde nun auch zum Instrument rechtsextremistischer Politik.
Stoecker versuchte, wie später auch Hitler, antisemitische Affekte mit anti-kapitalistischen, nationalistischen und christlichen Tendenzen zu vermischen. So attackierte er unter anderen Bismarcks Bankier Bleichröder und zog sich dadurch den Zorn des Kanzlers zu. Schrieb Bismarcks Sohn Herbert in einem Brief: "Auch gegen Bleichröder hetzt Stoecker nicht etwa, weil er Jude, sondern weil er reich ist."
Bismarck selbst gutachtete: "Die Interessen des Geldjudentums sind eben mit der Erhaltung unserer Staatseinrichtungen verknüpft und können der letzten nicht entbehren. Das besitzlose Judentum (hingegen) in Presse und Parlament, das wenig zu verlieren und viel zu gewinnen hat und sich jeder politischen Opposition anschließt, kann unter Umständen auch zu einem Bündnis mit der Sozialdemokratie, einschließlich Stoecker, gelangen. Gegen dieses richtet sich auch die Agitation des Herrn Stoecker nicht vorzugsweise; seine Reden sind auf den Neid und die Begehrlichkeit der Besitzlosen gegenüber den Besitzenden gerichtet."
Zweifellos war Stoecker kein Rassist reiner Prägung, und ohne Frage wohnten seinem Antisemitismus Hemmungen christlicher und wohl auch echt sozialistischer Gesittung inne. Der solcherart ideologisch gebremste Stoecker-Antisemitismus genügte den Massen denn auch bald nicht mehr.
Der Radau-Antisemitismus erhob in Berlin sein Haupt. Eduard Bernstein, ein sozialdemokratischer Ideologe, beobachtete ihn in der Silvesternacht 1880: "Organisierte Banden zogen in der Friedrichstadt vor die besuchteren Cafes, brüllten, nachdem allerhand Schimpfreden gehalten worden, taktmäßig immer wieder ,Juden raus!' ... provozierten Prügelszenen, Zertrümmerung von Fensterscheiben und ähnliche Wüstheiten mehr."
Zu gleicher Zeit etwa begannen Amateurpolitiker, gescheiterte Existenzen aus Offiziers- und Literatenkreisen (darunter auch Nietzsches Schwager Förster), neben der Stoecker-Bewegung neue antisemitische Parteien zu gründen.
Als erster Antisemit ohne christliche Verbrämung zog im Jahre 1887 ein damals 26jähriger Bibliothekar namens Otto Boeckel in den Reichstag ein. Seine Wähler waren hessische Kleinbauern, denen er mit der Parole "Macht euch frei vom jüdischen Zwischenhandel" eine Erklärung für ihre damalige Notlage geliefert hatte.
Mitte der neunziger Jahre erhielt Boeckel im Reichstag kräftigen Sukkurs. Pommersche Bauern hatten einen Radau-Antisemiten namens Hermann Ahlwardt gewählt, der einst Volksschullehrer gewesen war, aber wegen Veruntreuung von Schulgeldern aus dem Staatsdienst hatte ausscheiden müssen. Unter dem Titel "Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum" hatte Ahlwardt in einem Buch von 250 Seiten seine persönlichen bitteren Erfahrungen mit Banken und Leihhäusern zu einem historischen Schauergemälde vom Wirken jüdischer Finanzkreise erhöht.
Wie Ahlwardt im Wahlfeldzug des Jahres 1892 zu seinem demagogischen Erfolg in Pommern kam, beschrieb ein konservativer Politiker so:
"Mit einem Sekretär hatte er (Ahlwardt) systematisch die Bauernhöfe besucht und jeden Bauern gefragt, wieviel Morgen Land
er habe und wieviel Vieh. Dann wandte er sich zum Sekretär, der ein Riesennotizbuch zückte, und diktierte ihm: ,Notieren Sie! Gussow hat 30 Morgen, 3 Kühe, 4 Schweine, müßte haben: 60 Morgen, 12 Kühe, 10 Schweine'."
Im Jahre 1893 zählte die Fraktion der Antisemiten im Reichstag 16 Abgeordnete. Sie hatte damit freilich einen Höhepunkt erklommen, den sie bis zu Hitler nie wieder erreichen sollte. 1903 wurden elf deklarierte Antisemiten gewählt, 1912 nur noch sieben.
Der Antisemitismus schien - wie auch August Bebel damals glaubte - seine Schlacht verloren zu haben. Als einziger Prophet des Rassenhasses kämpfte ein sächsischer Ingenieur namens Theodor Fritsch unentwegt gegen das angebliche Joch Judas.
Boeckel hatte sich schon 1908 "verbittert und menschenscheu" - wie einer seiner Biographen schrieb - aus der Politik zurückgezogen. Ahlwardt hatte sich in Böhmen als Finanzmakler kleiner Leute versucht, war schließlich wegen Erpressung verurteilt worden und starb an den Folgen eines Verkehrsunfalls im Jahre 1914.
Fritsch jedoch arbeitete an einem schon 1887 erstmals herausgebrachten "Antisemiten-Catechismus", den er immer mehr vervollständigte und zu einem Kompendium aller antisemitischen Un- und Halbwahrheiten ausbaute: dem berüchtigten "Handbuch der Judenfrage".
Die mit dem Bankkrach des Jahres 1873 einsetzende und mit der langsamen wirtschaftlichen Konsolidierung des Bismarck -Reichs nach 1903 auslaufende Antisemiten -Welle hatte einen Brodel von Anti-Affekten der verschiedensten Herkunft ausgelöst. Mittelstands-Ressentiments gegen "das Kapital" hatten sich mit nationalistischen Gefühlen gemischt, aufklärerische, antichristliche Vorstellungen waren mit lebensreformerischen, deutschtümelnden oder quasi-sozialistischen Wunschgebilden eine Verbindung eingegangen. Der Antisemitismus hatte das Ferment des Affekt-Konglomerats abgegeben.
Als folgenschwer sollte sich später erweisen, daß eine ganze Reihe von gesellschaftsstützenden Faktoren des Bismarck -Reichs sich mehrfach mit den Antisemiten in deren "Blütezeit" um die Jahrhundertwende ganz oder halb identifiziert hatte
- die evangelische Kirche durch die
Stoecker-Bewegung,
- die deutschen Katholiken (wenn auch
nur für eine ganz kurze Zeit) durch eine antisemitische Artikelserie im Zentralorgan des Zentrums, "Germania",
- die Großgrundbesitzer, der preußische Adel und damit auch das Militär durch mehrfaches demagogisches und parlamentarisches Fraternisieren und
- eine ganze Reihe von Mittelstands -Organisationen wie der Deutsche Handlungsgehilfenverband, der Verein Deutscher Studenten und der Bauernverband durch Aufnahme antisemitischer Parolen in ihre Programme.
Durch diese vorwiegend opportunistischen Akte der Stützen der Gesellschaft hatte der Antisemitismus eine moralische Reputation erlangt, die nach dem verlorenen Weltkrieg die Basis für Hitlers demagogische Erfolge abgeben sollte - auf eine kurze Formel gebracht: Nachdem der königlich-preußische Hofprediger Stoecker dem Antisemitismus gefrönt hatte, sah das deutsche Bürgertum keine Bedenken mehr, in der gleichen Weise zu interpretieren, was ihm im 20. Jahrhundert an Unglück zustieß: die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, die darauffolgende Inflation von 1919 bis 1923 und schließlich die 1929 einsetzende Wirtschaftskrise, die Hitler endgültig zu Sieg und Machtergreifung verhalf. Mit dem Sieg Hitlers zog der antisemitische Affekt in die Wilhelmstraße ein. Der Judenhaß wurde zur Staatsgesinnung.
Indes, schon die Geschichte des deutschen Rechtsradikalismus der zwanziger Jahre hatte gezeigt, daß der "Hasse -Juda!"-Affekt nur einen einzigen Oberschamanen dulden wollte: Zwischen Hitler und dem Hause Ludendorff gab es fortwährend Reibereien.
Nach 1945 hat sich Mathilde Ludendorff gegen den Vorwurf, eine antisemitische Komplicin Hitlers gewesen zu sein, mit
dem Hinweis verteidigt, sie und der "Feldherr" Ludendorff hätten immer vor Gewalttaten gegen die Juden gewarnt. Unbestreitbar ist, daß es in den Schriften des Gotterkenner-Paares eine Reihe von Stellen gibt, die sich so deuten lassen.
Darüber hinaus aber: Während Hitler den Antisemitismus mit dem Willen zur endlichen Untat vollendete, verschnulzte Mathilde Ludendorff den Antisemitismus zur Ruhrgeschichte vom germanischen Lichtmenschen und zum Schauerroman vom teuflischen Wirken der jüdischen "Schacht"-Menschen. Letztlich ist sie die Courths-Mahler und der Mickey Spillane des deutschen Antisemitismus in einer Person.
Diese wunderliche Mischung kam am 4. Oktober des Jahres 1877 in Wiesbaden als Tochter eines evangelischen Pfarrers namens Spiess zur Welt. Resoluter denn der damals in bemittelten Kreisen obligate Jungfrauen-Typ, studierte sie Medizin und widmete sich schließlich der, Nervenhellkunde. Der Münchner Psychiater Kraepelin erwählte sie zu seiner Assistentin.
Im Jahre 1904 verehelichte sie sich mit dem Zoologen und späteren Privatdozenten Adolf von Kemnitz. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor - zwei Söhne, die heute in München wohnen, und eine Tochter, die heute mit Franz Freiherr Karg von Bebenburg verheiratet ist.
Adolf von Kemnitz erlag im Jahre 1917 den Folgen eines Unglücksfalls. Seine Witwe heiratete einen Major Kleine, ließ sich jedoch von ihm wieder scheiden, nachdem sie Ludendorff kennengelernt hatte. Mathilde Ludendorff heute: "Er (Kleine) stand im Schatten des Feldherrn." Während des Krieges hatte Mathilde von Kemnitz zwei Bücher - die ersten ihrer Produktion - erscheinen lassen: "Das Weib und seine Bestimmung" und "Erotische Wiedergeburt". Sie bewegte sich darin
in einem Themenkreis, der ihrer wissenschaftlichen Ausbildung entsprach, zeigte aber schon das Bestreben, Fachwissen durch das Timbre einer Seherin aufzuwerten und zu philosophischer Erkenntnis zu überhöhen.
Sie folgte damit dem Beispiel des als Naturwissenschaftler hochgeachteten, als Philosoph aber kläglich gescheiterten Ernst Haeckel, von dessen "Welträtsel" sie sich offenbar zu ähnlich dilettantischen Anstrengungen angeregt fühlte.
1921 erschien ihr "Triumph des Unsterblichkeitswillens", worin sie damals gemeinhin als zutreffend geltende Einsichten über das Entstehen und die Entwicklung des Lebens auf der Erde zu dem ersten Dokument ihrer Gotterkenntnis (L) verschnulzte. Die auch nicht eben blitzneue These besagte, daß ein unbewußter Welten -Gott vermittels der Entwicklung "bis hin zum Menschen" sich seiner selbst bewußt werden wolle.
Es folgten bis in die Gegenwart hinein unter anderem:
- "Schöpfungsgeschichte",
- "Selbstschöpfung",
- "Des Kindes Seele und der Eltern
Amt",
- "Der ungesühnte Frevel" (eine historische Kriminalstory über jüdisch-freimaurerische Mordpläne gegen Luther, Lessing, Mozart und Schiller),
- "Die Volksseele und ihre Machtgestalter",
- "Erlösung von Jesu Christo" (eine dilettantische Christus-Geschichte),
- "Das Gottlied der Völker",
- "Wunder der Biologie im Lichte meiner Gotterkenntnis" und nach dem Zweiten Weltkrieg
- "In den Gefilden der Gottoffenbarung".
Von dem letzten Werk der Mathilde Ludendorff erfuhren Deutschlands Gotterkenner (L) am "Ostara"-Tag (so genannt zu Ehren der germanischen Göttin gleichen Namens) des vorigen Jahres - und zwar im "Feldherrn-Zimmer" eines Hauses zu Tutzing am Starnberger See, wo die Ludendorffs seit mehr als drei Jahrzehnten ansässig sind.
Die Schauerin las aus dem damals noch nicht veröffentlichten Werk vor. Der Eindruck muß beachtlich gewesen sein, denn ein anwesender Gotterkenner, der Oberlandesgerichtsrat i. R. Dr. Edmund Reinhard, bezeugte hinterher glaubwürdig, ihm seien dabei sowohl "die Umwelt" als auch die "Gedanken an persönliches Wohl und Wehe" und selbst "die unablässige Sorge um unseres Volkes und der Menschheit Schicksal" total entglitten.
Des ehemaligen Oberlandesgerichtsrats Vergeßlichkeit wird begreiflich, wenn man erfährt, was Mathilde Ludendorff von ihrem noch unveröffentlichten Buch zu künden hatte: "Alle unsere Betrachtungen in diesem Werk waren uns vergönnt, weil wir in tiefer Verwebung mit Gottes absoluter, das heißt unbedingter Vollkommenheit Gottes Wesen und die Schöpfung umsannen."
Unter dem Eindruck dessen, was die oberste Gotterkennerin da "umsonnen" hatte, verfiel Reinhard nicht nur dem Gedächtnisschwund, sondern erinnerte sich paradoxerweise auch einer Tagung, die vier Jahre zuvor (Ostern 1955) an gleicher
Stelle stattgefunden und wovon Frau Ludendorff bei jener Gelegenheit gesprochen hatte - nämlich von dem Eindruck, den ihr erstes philosophisches Werk ("Triumph der Unsterblichkeit") seinerzeit auf den "Feldherrn Erich Ludendorff" (militärischer Dienstgrad: General) gemacht hatte.
Im Winter 1923/24 habe Ludendorff, so berichtete seine Witwe, ihr philosophisches Erstlingswerk nicht nur gelesen, sondern "aufgenommen" und gar gleich "tief aufgenommen", wobei ihm zur Überzeugung geworden sei, "daß die Gotterkenntnis meiner (der Mathilde Ludendorffs) Werke nicht nur die Grundlage der Volksschöpfung, sondern der einzige Weg ist, unserem Volke die Freiheit zu bringen und seine völkische Eigenart zu retten, aber auch anderen Völkern diese Rettung zu sichern".
Diese Aussage Mathilde Ludendorffs ist unbestreitbar wahr, denn "der Feldherr" hat sie zu seinen Lebzeiten schwarz auf weiß bestätigt. In seinem "Werk" über "Mathilde Ludendorff, ihr Werk und Wirken" hat der Ex-General den geistigen Werdegang seiner Frau und dessen Produkt genau beschrieben:
Sie (Mathilde von Kemnitz) schuf "durch Verbindung der Philosophie mit den Naturwissenschaften im starken Gotterleben und überbewußter Schau völlig Neues... Die Philosophie Mathilde Ludendorffs wurde Gotterkenntnis. Sie ist das große Geschenk, das die Deutsche Frau Mathilde Ludendorff Menschen und Völkern gibt, das größte, was ihnen überhaupt werden kann."
Das Neue, das seiner Frau in "überbewußter Schau" zuteil geworden war, beschrieb "der Feldherr" so:
"Sie zeigte das Wirken der Volksseele - d. h. des Rasseerbgutes im Unterbewußtsein, wie es Gott erlebt und dem Göttlichen gegenübersteht mit den Charaktereigenschaften der Rasse - in den einzelnen Volkskindern, und wie sie in rassereinen Völkern, aber selbst noch in rassengemischten, deren Hüterin werden kann."
Mathilde von Kemnitz war dem General Ludendorff im Jahre 1923 in München begegnet. Ihr rassistisch-antisemitischer Gesinnungsgenosse und persönlicher Gegner
Alfred Rosenberg - später in Nürnberg gehenkt - berichtete 1931 in seinen "NS -Monatsheften", die Doktorin von Kemnitz habe sich, ehe sie ihr Schicksal an das Ludendorffs band, dem Adolf Hitler "als Führerin" angeboten. Ihr sei aber bedeutet worden, "daß dafür in der NSDAP keine Verwendung bestünde".
Rosenberg bemerkt in diesem Zusammenhang anzüglich, daß er "auf private Dinge" nicht eingehen wolle, und begnügt sich zu erzählen, daß die bei Hitler abgeblitzte Seherin von da an "einen anderen Namen umwarb" - eben den Ludendorffs.
Unverkennbar ist, daß die selbst einigermaßen überspannte Nervenspezialistin von Kemnitz in dem General einen Geistes- und Lebensgefährten gefunden hatte, der zu ihr paßte.
Erich Ludendorff hatte sich vor Ausbruch des Krieges aus kleinen Verhältnissen zu einer geachteten Position im Großen Generalstab emporgearbeitet. Gleich in den ersten Tagen des Krieges zeichnete er sich darüber hinaus durch Tapferkeit aus, indem er die belgische Festung Lüttich im Handstreich eroberte.
Im August 1914 berief ihn der Kaiser nach dem Osten. Als Generalstabschef des Oberbefehlshabers von Hindenburg gelang es ihm, die tief nach Ostpreußen eingedrungenen Russen bei Tannenberg einzukesseln und zu vernichten.
Mit Hindenburg wuchs er zu jener mythischen Doppelgestalt zusammen, von der sich das damalige Deutschland den "Sieg -Frieden" erhoffte. 1916 übernahmen Hindenburg und Ludendorff - letzterer mit dem Titel eines Generalquartiermeisters - die Heeresleitung an allen Fronten. Die Niederlage abzuwenden, gelang ihnen indes nicht.
Für Ludendorff wurde der deutsche Zusammenbruch auch zur psychischen Katastrophe. Sein Denken kreiste fortan nahezu ausschließlich um die Frage, wie es möglich war, daß Deutschland den Krieg verlor, obwohl er - dem es nie vergönnt war, wie Hindenburg ein Generalfeldmarschall zu werden, und der sich deswegen selbst einen "Feldherrn" nannte - die deutschen Heere geführt hatte.
Schon 1922, also noch bevor Ludendorff seine spätere Frau kennenlernte, zeichnete sich in seinen Schriften die fixe Idee ab, die deutsche Niederlage sei weder durch die Unterlegenheit der deutschen Kräfte noch durch Versagen der deutschen militärischen Führung, sondern durch die Tätigkeit geheimer Mächte, durch "einen Dolchstoß" von hinten, bewirkt worden.
Nach seiner Begegnung mit der Nervenärztin deformierte sich die geistige, politische und historische Vorstellungswelt des Generals zu einem Schreckenskabinett. Freimaurer, Jesuiten, der christliche Klerus ganz allgemein und sozialistische Funktionäre wurden von ihm mal als willenlose Werkzeuge der schlimmsten aller "überstaatlichen Mächte", nämlich des Judentums, entlarvt, zu anderen Malen aber als untereinander wildverfeindete Weltherrschafts-Aspiranten dargestellt.
Auf jeden Fall aber galt das Wirken dieser "Mächte" - wie sie auch immer sich gegenseitig verhielten - der Vernichtung des deutschen Volkes. So wollte es die germanisch-depressive Grundstimmung des Generals und der Mathilde von Kemnitz, die er schließlich im Herbst 1926 zu seiner Ehefrau machte.
Daß es gar nicht so einfach war, den Deutschen die eigenartigen Ansichten des Hauses Ludendorff beizubringen, gestand die Gotterkennerin 1928: "Dem Deutschen Volk wird es, zu seiner Ehre sei es gesagt, am allerschwersten, sich dazu aufzuraffen, die Tatsache zu glauben, daß seit Jahrhunderten die Weltgeschichte in Verbrecherkaschemmen gemacht wurde."
Und doch war es so - jedenfalls laut Mathilde Ludendorff: "So haben sie (die Juden) sich denn mit ihren geheimen Komplicen, den eingeweihten Erzbruderschaften der Freimaurer, Jesuiten, Rosenkreuzer und anderer okkulter Logen, seit je wie die Geier auf die Großen der Wirtsvölker, die sie vernichten wollten, gestürzt, gar oft sehr eifrig unterstützt von machtgierigen, grausamen Priestern Roms."
Ludendorff verstieg sich zum Schluß zu vollkommen irren Vorstellungen. Er entdeckte endlich neben den bereits gründlich entlarvten überstaatlichen Mächten wie Jesuiten, Freimaurern und Sozialisten noch eine weitere Macht dieser Sorte, nämlich die tibetanische Lama-Kirche (wobei er offenließ, ob sie wiederum nur ein Werkzeug jüdischer Weltverschwörung sei oder die Weltvorherrschaft sozusagen auf eigene Rechnung betreibe). Jedenfalls erörterte er 1937 allen Ernstes, ob Stalin nicht ein Beauftragter des Dalai Lama sei.
Tatsächlich ist verschiedentlich die Frage erörtert worden, ob Ludendorff nicht im
medizinischen Sinne geisteskrank gewesen sei. Ludendorff litt an der Basedowschen Krankheit, die zuweilen seelische Erregungszustände, gelegentlich auch Hysterien auslöst. Als Professor Sauerbruch den General nach dem Kriege am Kropf operiert hatte, stieg der Feldherr mit den pathetischen Worten vom Operationstisch herunter: "Wenn Sie diese Operation vor vielen Jahren vorgenommen hätten, dann hätten wir den Krieg gewonnen."
An eine seelische Entstellung des Generals glaubten auch Hitler und seine Paladine. Allerdings führten sie das Phänomen vornehmlich auf die Mathilde Ludendorff zurück, die Hitler für ein "hysterisches Frauenzimmer" hielt.
Hitlers Verhältnis zu Ludendorff blieb bis zu dem Tode des Generals im Jahre 1937 zweideutig. Einesteils scheute er sich, den "Feldherrn" direkt anzugreifen, weil er ihm einen gewissen Einfluß auf die Generalität zutraute, andererseits sah er in der Ludendorff-Bewegung eine lästige Konkurrenz.
Ludendorff hatte sich nach dem gemeinsamen Putsch vom 9. November 1923 vor der Münchner Feldherrnhalle langsam von Hitler getrennt. Er gründete seine eigene Bewegung - meistens unter dem Namen "Tannenbergbund" firmierend - und schuf eigene Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch die Zeitschrift "Am heiligen Quell Deutscher Kraft", seit ihrem Wiedererscheinen unter der Leitung Karg von Bebenburgs schlicht "Der Quell" genannt.
1930 richtete Ludendorff einen öffentlichen Angriff gegen Hitler, indem er schrieb, dessen Politik führe das deutsche Volk "aus der Gewalt des Juden und Freimaurers in die Roms" - mit anderen Worten: Hitler sei ein Werkzeug der Jesuiten geworden.
Kurz nach Hitlers Machtergreifung im Jahre 1933 sagte Ludendorff - diesmal erstaunlich hellsichtig - alles voraus, was aus diesem Ereignis an Unglück erwachsen werde. Er telegraphierte an Hindenburg:
"Sie haben durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unser heiliges deutsches Vaterland einem der größten Demagogen aller Zeiten ausgeliefert. Ich prophezeie Ihnen freilich, daß dieser unselige Mann unser Reich in den Abgrund stürzen und unsere Nation in unfaßbares Elend bringen wird. Kommende Geschlechter werden Sie wegen dieser Handlung im Grabe verfluchen."
Hitler rächte sich für diese - nun einmal treffende - Ludendorff-Entlarvung mit dem Verbot vieler Ludendorff-Schriften, -Wirksamkeiten und -Zeitschriften. Gleichwohl kam es zwischen den beiden niemals zu einem radikalen Bruch. Urteilte das Münchner Institut für Zeitgeschichte 1956 in einem Gutachten: Ludendorff habe sich im Dritten Reich auch deswegen ein beträchtliches Maß an Opposition leisten können, weil er weltanschaulich keine dem Nationalsozialismus entgegengesetzte Position innehatte, sondern dessen Ideen nur in der Theorie viel radikaler, verstiegener und ohne alle Abschwächungen ... vertrat". Auch "die antisemitische Hetze" der Ludendorff-Presse, so meinte das Institut für Zeitgeschichte, "stand der des 'Stürmers' kaum nach..."
Zu ähnlichen Urteilen gelangten auch bayrische Spruchkammern, die 1950 und 1951 Mathilde Ludendorffs Hilfestellung für den Nationalsozialismus zu untersuchen hatten. Im zweiten Verfahren wurde die Gotterkennerin "wegen außerordentlicher Begünstigung des Nazismus" als "Belastete" eingestuft.
Trotz dieser Urteile erlitt die vom Haus Ludendorff betriebene Aufklärung über das germanenfeindliche Wirken Judas durch Krieg und Entnazifizierung kaum eine Unterbrechung. Bereits 1947 hatte der Bund für Gotterkenntnis (L) e. V. (früher: Bund für deutsche Gotterkenntnis) in Stuttgart eine "Religionsphilosophische Feierstunde" und im Zoologischen Institut der Universität Kiel eine Gedenkstunde zu Ehren des "Feldherrn" veranstalten können.
Bescheiden aufgemachte Zeitschriften, wie die hektographierten "Antworten an unsere Freunde", hielten damals den Geist des Kampfes gegen die "überstaatlichen Mächte" wach. Man zitierte mit frommem Augenaufschlag aus der ausländischen Presse Artikel, die ins Weltbild der Gotterkenner paßten - so etwa einen Bericht über eine interkonfessionelle Priesterkonferenz, auf der "ein enges Band zwischen Judentum und Christentum" proklamiert wurde - wobei jeder sturmerprobte Gotterkenner verstand, was mit dem Zitat gesagt werden sollte, daß nämlich Judentum und
Christentum Verschworene im Kampf gegen das Germanentum sind.
Seit 1948 erscheint als Halbmonatszeitschrift "Der Quell" - zur Zeit, wie Franz von Bebenburg vor Gericht angab, mit einer Auflage von 7100 Stück. Daneben gibt es neuerdings für fünfzig Pfennig "Die Volkswarte", eine Wochenzeitschrift, von der 8000 Exemplare gedruckt - werden, und schließlich "Das Füllhorn", eine Zeitschrift für die Jugend.
Aber auch sonst sind die Gotterkenner rührig:
- 1955 wurde von Mathilde Ludendorff
persönlich eine "Hochschule für Gotterkenntnis" gegründet,
- alljährlich finden Ferienlager statt (im
vorigen Sommer waren es von Juli bis September 13 an der Zahl),
- sporadisch und regional verschieden versammelt man sich zu Erzieher- oder "Lebenskunde"-Tagungen, und
- im Hauptquartier des Bundes für Gotterkenntnis zu Tutzing am Starnberger See schraffiert man nach Generalstabsmanier bestimmte Landstriche der Bundesrepublik, um damit anzudeuten, daß sich dort eine ludendorffianische "Vortragsfront" entlangziehe. Gegenwärtig scheint - laut Tutzinger Generalstabskarte - eine Ludendorffer Aufklärungsschlacht in Nordrhein-Westfalen entbrannt zu sein: entlang der Linie Krefeld-Hückeswagen.
Der einzige Publizist, der sich nach 1945 gründlich und ausführlich mit dem Hause Ludendorff befaßt hat - Winfried Martini -, bezifferte 1949 die Ludendorffianer in der Bundesrepublik auf rund 100 000, eine Zahl, die inzwischen eher gestiegen denn zurückgegangen sein dürfte.
Obwohl Franz Freiherr von Bebenburg auch gegenüber engeren Mitarbeitern mit Auskünften über das wirtschaftliche Gedeihen des Hauses Ludendorff kargt, läßt die Rührigkeit seiner Hohen Warte doch vermuten, daß die Gotterkenntnis (L) für den engeren Clan der Ludendorffer also speziell für ihn und seine Schwiegermutter - auch in finanzieller Hinsicht einiges abwirft.
Eine nicht unwichtige Rolle spielen dabei die spartanisch knapp gehaltenen Salärs, durch welche die minderen, fast durchweg im Pensionsalter befindlichen Apostel der Gotterkenntnis (L) zu reger Produktion von Artikeln und Vorträgen angehalten werden. Erfreulicherweise verfügen die meisten von ihnen noch über andere Einkünfte.
Die obersten Führer des Bundes für Gotterkenntnis (L) e. V. zum Beispiel geben juristische Dienstgrade an - so der für den Bund zeichnende Wilhelm Prothmann den Beruf eines Rechtsanwalts, der Vorsitzende des Bundes, Reinhard, den Titel eines Oberlandesgerichtsrats i. R. und der gleichfalls als Gotterkenner-Funktionär tätige Dr. jur. Rudolf Sand den eines Oberamtsrichters.
Unter den Haus-Schriftstellern des Verlags Hohe Warte befindet sich neben einem Oberlehrer, einem Regierungsbaumeister, einem freischaffenden Literaturhistoriker auch ein Bruder des bekannten pazifistischen Schriftstellers Fritz von Unruh mit Namen Karl von Unruh.
Die meisten dieser Paladine Mathilde Ludendorffs versammelten sich am 13. Januar in der Tutzinger Hauptstraße Nummer 74, dem Sitz der Gotterkennerin und ihres Bundes. Es herrschte gedrückte Stimmung unter den Getreuen nicht nur, weil es galt, den amtlich geäußerten Verdacht abzuwehren, das Haus Ludendorff sei für die jüngste Antisemiten-Welle mitverantwortlich, sondern auch noch aus einem sehr viel eindrucksvolleren Grund.
Die Chefin verkündete ihn persönlich: Dieser Tag sei ein Jahweh-Tag, einer von jenen Tagen also, an denen die Juden, wie Mathilde Ludendorff unverdrossen glaubt, aus kabbalistischer Verbohrtheit ihre Untaten zu begehen pflegen. Ein Jahweh-Tag ist der 13. 1. 1960, weil, wenn man die Ziffern dieses Datums in der geeigneten Weise zusammenzählt - nämlich so: 13 plus 1 plus 1 plus 9 plus 6 plus 0 -, sich 30, also zweimal 15 ergibt, und 15 ist laut Kabbalah eine Jahweh-Zahl.
Mit den Hakenkreuzen der "Hitlerbub'n"
- so nennt sie die Schmierer - an den
Synagogen habe sie nichts zu tun, beteuert die Jahweh-Entlarverin. Doch leugnet sie keineswegs, zu dem einstigen Nazi-Emblem
gewisse Beziehungen zu unterhalten, freilich nur sozusagen neckische.
Und das erläuterte sie am Unglückstag, dem 13. 1. 1960, so: Immer, wenn sie nach dem Kriege in "Deutschen Feierstunden" (Eintritt: fünf Mark) vom Adel der lichtäugigen Menschenseele zu künden hatte, habe sie ein spezielles Vortragskleid getragen - und das sei allerdings mit einer breiten Hakenkreuzborte versehen.
Für diese aparte Zierde hat Mathilde Ludendorff heute jedoch eine schelmische Erklärung parat: "Das trug ich damals, weil's doch verboten war und deshalb Spaß machte."
Was Mathilde Ludendorff am Jahweh -Tag im Feldherrn-Zimmer, umgeben von Feldherrnbildern en masse, mit schwindelfreier Altersgrazie diskutierte, wurde am selben Tage im Kellergeschoß desselben Hauses mit deutschem Bierernst erörtert - nämlich von den Paladinen.
Unter der Anleitung des forschen Karg von Bebenburg formulierte man dort eine Erklärung, welche die Gotterkenntnis (L) endgültig von dem Vorwurf des Antisemitismus befreien soll. Tatsächlich gelang den vereinten Gotterkennern ein erstaunlicher Satz. Er besagt im Grunde nichts anderes, als daß der einzige Weg deutsch-jüdischer Verständigung über Mathilde Ludendorff geht.
Die Gotterkenner proklamierten: "Es ist das Bestreben der Ludendorff-Bewegung, alle Hindernisse zu beseitigen, die einer Verständigung zwischen Deutschen und Juden entgegenstehen."
Diese Proklamation ist offenkundig nur mit jenem Geisteszustand zu erklären, dem der Biograph des Hauses Ludendorff, Winfried Martini, schon 1948/49 unter den Ludendorffianern begegnete. Martini hatte den Anhängern der Schauerin einige "besonders saftige Stellen" antisemitischen Inhalts aus den Schriften der Ludendorff vorgelegt, erhielt aber gleichwohl stets die stereotype Antwort, "Frau Ludendorff habe nie etwas gegen die Juden geäußert".
Martini sinnierte daraufhin: "Daß sie (die Befragten) dabei bewußt logen, ist kaum anzunehmen, da ja, falls ihre intellektuelle Kontrolle funktionierte, ihnen angesichts des Hinweises auf solche Stellen die Aussichtslosigkeit ihres Leugnens klar sein mußte. Da sie aber dabei blieben, so ist wohl nur der Schluß erlaubt, daß eben ihre intellektuelle Kontrolle im Rahmen jenes Gedankensystems (der Gotterkenntnis) ausgeschaltet ist, sie also echten Wahnideen erlegen sind."
Tatsächlich ist diese Erklärung aus einem speziellen Grund naheliegend: Mathilde von Kemnitz hatte sich während des Ersten Weltkriegs unter dem Einfluß ihres Lehrers, des Professors der Psychiatrie Kraepelin, besonders viel mit einem psychologischen Phänomen beschäftigt, für das Kraepelin die Bezeichnung "induziertes Irresein" gewählt hatte. Die Auffassung Kraepelins war, daß man sonst normalen Menschen Wahnideen induzieren (suggerieren) könne, die dann der Berichtigung durch Beweisgründe nicht mehr zugänglich seien.
Diese Theorie des Professors Kraepelin deformierte sich in dem Kopf von dessen Assistentin Mathilde von Kemnitz schließlich zum psychologischen Fundament ihrer Auffassung, wonach das gesamte Weltgeschehen seit Moses Zeiten im Grunde nichts anderes als eine riesige Verschwörung der Juden sei. Diesen sei nämlich gelungen, der Menschheit - und insbesondere den Deutschen - eine Art von Irresein zu "induzieren", und zwar zunächst mit Hilfe des Christentums, dann aber auch mittels der Freimaurerei und des Sozialismus.
Vermöge dieses epochalen Suggestivunternehmens habe "Juda" vornehmlich die Deutschen, aber auch andere Völker ihrer "arteigenen Gotterkenntnis" entfremdet und damit wehrlos gemacht - eine Verschwörung, die sozusagen in letzter Minute von ihr, der Gotterkennerin, und dem "Feldherrn" Erich Ludendorff aufgedeckt worden sei.
Martini gesteht in seinem Buch "Die Legende vom Hause Ludendorff", ihm sei nicht gelungen, auszumachen, ob Mathilde Ludendorff selbst an ihre Lehre glaube oder nicht, und kommt zu dem Schluß: "Entweder ist Frau Ludendorff eine infame und schamlose Lügnerin oder sie leidet an psychischen Defekten und an einer hochgradigen Urteilsschwäche, die angesichts ihrer formalen Bildung nur pathologisch verstanden werden kann. Ein Drittes gibt es nicht."
* Auf deutsch "Vorgeschichte des politischen Antisemitismus", Europäische Verlagsanstalt.
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Christlicher Antisemit Stoecker
Es geht nicht um die Juden...
...sondern um den Haß schlechthin: Judenverbrennung 1493
Radau-Antisemit Ahlwardt (1893): Arischer Verzweiflungskampf in Leihhäusern
Gotterkenner Reinhard: Vortragsfront von Krefeld nach Hückeswagen
Ludendorff, Hitler (1923): Germanische Depressionen und...
Mathilde Ludendorff, Kinder (zwanziger Jahre)
...Schnulzen aus "überbewußter Schau"
Mathilde Ludendorff vor der Spruchkammer
Schacht-Menschen steigen manchmal auf

DER SPIEGEL 8/1960
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Antisemitismus / MATHILDE LUDENDORFF:
GOTTERKENNTNIS (L)

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