24.02.1960

EISKUNSTLAUFSie schwimmen

Zwei Wochen, bevor am vergangenen Donnerstag der amerikanische Vizepräsident Richard Nixon in Kaliforniens Schneeparadies Squaw Valley die Olympischen Winterspiele 1960 eröffnete und die zu friedlich-fairem Wettstreit aufgerufenen Wintersportler aus aller Welt der von Walt Disneys 2645-Stimmen-Chor gesungenen Hymne "These Things Shall Be" lauschten, erlebten rund 30 Millionen eurovisionär gekoppelte Fernsehkunden aus 17 Nationen in Europa eine Generalprobe für eben diese Spiele, bei der es offenkundig weder fair noch friedlich zuging: die in Garmisch-Partenkirchen abgehaltene Europameisterschaft im Eiskunstlauf.
Kaum hatten nämlich der 23jährige Frankfurter Dekorateur Franz Ningel und seine Partnerin, die 21jährige Zahntechnikerin Margrit Göbl aus Oberammergau, nach einer spektakulären, in ungewöhnlich hohem Tempo vorgetragenen und von prasselndem Beifall begleiteten Kür dem Publikum japsend ihre Referenz erwiesen, da schlug die Stimmung jäh um, und das Garmischer Eisstadion erdröhnte vom Protestgeschrei.
Mit Gebrüll und Pfiffen machte das Publikum seinem Zorn Luft über die punktrichterliche Bewertung der Göbl/Ningel-Kür, durch die das deutsche Eislaufpaar hinter das vorher gestartete und weniger eindrucksvoll gelaufene Leningrader Lehrer-Ehepaar Nina und Stanislaw Schuk placiert wurde.
Doch nicht allein das Publikum erboste sich über die Entscheidung der sieben Punktrichter. Auch zahlreiche Fachkritiker wurden augenblicklich von starken Zweifeln an der Objektivität der Preisrichter befallen. Das bekamen nicht nur die Preisrichter selber zu spüren, sondern auch das dritte der drei in Garmisch gestarteten überdurchschnittlichen Paare, die 16jährige Frankfurter Oberschülerin Marika Kilius und ihr zwei Jahre älterer Partner, der Garmischer Oberschüler Hans-Jürgen Bäumler, die Titelverteidiger der Eiskunstlauf-Europameisterschaft.
Sie starteten als zehntes Paar ziemlich zum Schluß des turbulenten Eis-Wettkampfs, und obwohl sie "nicht den Schwung und das Tempo hatten wie Göbl/Ningel" (so der Berliner "Tagesspiegel"), hielten dieselben Punktrichter, die zuvor Göbl/ Ningel augenscheinlich unterbewertet und damit den Publikumsprotest ausgelöst hatten, jetzt eine eklatant höhere Bewertung als bei sämtlichen anderen Paaren für angebracht: Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler wurden wieder Europameister im Paarlauf.
Die Umstände, unter denen dieser Sieg errungen wurde, ließen in den beiden jungen Europameistern Freude über den Erfolg gar nicht erst aufkommen. Denn kurz nach Bekanntgabe der Entscheidung taten die Fernsehkommentatoren von elf Sendern das, was der deutsche Fernsehsprecher Heinz Maegerlein zur Untermauerung seiner eigenen These verkündete: "Unabhängig voneinander haben die Fernsehkommentatoren von elf Sendern Göbl/ Ningel als die wahren Europameister bezeichnet."
Noch während die letzten Paare auf dem Eis ihre Figuren liefen, traf denn auch im Garmischer Eisstadion auf telephonischem und telegraphischem Wege für die augenscheinlich geprellten drittplacierten Läufer Göbl/Ningel derart viel Trost und gegen das Punktgericht so heftiger Protest ein, daß die "Bild"-Zeitung feststellte: "Die Leitungen waren blockiert. Alle wollten Margrit und Franz sprechen, ihnen sagen, daß sie die Helden des Abends gewesen sind . . . "
"Skandal mit schlechten Noten", titelte, die "Welt" und veröffentlichte eines dieser Protesttelegramme: "Die Wertung des Paares Göbl/Ningel läßt die Vermutung bewußt unsportlicher und parteilicher Haltung der Richter aufkommen." Befand die "Welt" über die Kür-Entscheidung gegen Göbl/ Ningel: "Bei einer so harmonischen, dabei sportlichen und glänzend dargebotenen Kür blieb es ... unverständlich, daß alle sieben Kampfrichter mit Ausnahme des westdeutschen Göbl/Ningel geringer bewerteten als die Russen, die vor ihnen gelaufen waren."
Tatsächlich hatte der von Westdeutschland gestellte Preisrichter, der Stuttgarter Adolf Walker, als einziger Margrit Göbl und Franz Ningel den ersten Platz zuerkannt und diese Tatsache - als habe er ein besonders riskantes Unternehmen erfolgreich abgeschlossen - mit den Worten kommentiert: "Ich bin stolz darauf." Daß ihn seine sechs Richter-Kollegen überstimmten, bezeichnete Walker als "sportliche Ungerechtigkeit". Göbl/ Ningel als Leidtragende der auf diese Art dokumentierten Unfähigkeit des eissportlichen Richter-Kollegiums suchte Walker zu trösten: "Für mich wart ihr die Besten."
Obwohl sich Adolf Walker damit bewußt von seinen "unsportlichen" Richter-Kollegen separierte, schützte ihn dieser Schritt doch nicht vor dem Pressegewitter, das sich am nächsten Tag gegen sämtliche Punktrichter der Meisterschaft von Garmisch entlud.
"Göbl/Ningel betrogen!" dröhnte die "Bild"-Zeitung und zitierte einen anonymen Kunstlauf-Experten: "Man müßte sieben Burschen aus dem Urwald holen, sieben Wilde aus dem Busch, die noch nie Eis gesehen haben. Die würden ein gerechteres Urteil fällen als diese Preisrichter von Garmisch ..." Und das Blatt wetterte gegen die sieben Punkteverteiler: "Diese Wertung war ein siebenfacher, pelzvermummter Hohn."
Ähnlich scharf legte sich die "Deutsche Zeitung" ins Zeug: "Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler ... errangen nur deshalb den Titel, weil ihnen konfuse Punktrichter in völliger Verblendung den Schemel vor Europas Eislaufthron, den sie ohne diese Hilfestellung wohl kaum allein hätten besteigen können, hinschoben. Margrit Göbl und Franz Ningel ... wurden von (den) Punktrichtern um die Früchte ihrer Trainingsarbeit gebracht und auf den dritten Platz geschoben. Margrit Göbl/Franz Ningel zeigten ... die reifste Leistung ... Kilius/Bäumler waren eine Idee besser als die Russen, daß sie höher bewertet wurden als Göbl/Ningel, verdanken sie wohl nur den Punktrichtern."
Der Berichterstatter des Blattes hatte folgende Merkwürdigkeit beobachtet: "Einer der sieben Kampfrichter des Paarlaufens sagte kurz nach dem Abschluß der Konkurrenz noch auf dem Eis: Eigentlich waren Göbl/Ningel doch die Besten'. Und dieser Kampfrichter hatte die Deutschen (Göbl/ Ningel) auf den dritten Platz gesetzt! Die vier Kampfrichter des Ostblocks hielten zusammen, als sie den Schuks höhere Noten gaben als Göbl/Ningel. Zwei Deutsche vorn, das durfte nicht sein."
Die "Süddeutsche Zeitung" meinte: "Unter den Zuschauern gab es wohl niemanden, der ihre (Göbl/Ningels) Kunst nicht über jene der bestimmt ausgezeichneten Russen gestellt hätte. Die Kampfrichter aber waren anderer Ansicht. Und es erhebt sich bei solch krassen Fehlleistungen die Frage, warum gerade bei Eiskunstlaufmeisterschaften immer wieder Aktive über die Klinge springen müssen." Vermerkte der Berliner "Tagesspiegel" düster: "Es ist ein schlechtes Geschäft, dieses Eiskunstlaufen, daran gibt es wohl keinen Zweifel. Und es wird Zeit, daß die ISU* einmal einen eisernen Besen nimmt."
Wer das Walten der sieben internationalen Punktrichter von Garmisch näher untersucht, gelangt in der Tat sehr bald zu der Feststellung, daß die Richter nicht nur eine dem Publikumsempfinden völlig widersprechende Entscheidung über Sieg und Placierung in der Europameisterschaft ausgebrütet und damit den vorolympischen Krawall provoziert, sondern gleichzeitig auch den Nachweis ermöglicht haben, daß es innerhalb ihres Zirkels sehr wohl möglich ist, über die gleiche Leistung grundverschieden zu urteilen.
So setzte zum Beispiel der Vertreter der Bundesrepublik, Walker, das Paar Göbl/ Ningel auf den ersten Platz. Die sowjetische Punktrichterin Tolmachewa hingegen war Walkers Favoriten weniger geneigt: In ihrer Wertung endeten Göbl/Ningel auf dem vierten Rang. Dafür wertete die Punktrichterin Tolmachewa ihre eigenen Landsleute, das Ehepaar Schuk, als neue Europameister, während ihr deutscher Kollege dem Russenpaar nur den dritten Platz zubilligte.
Die Unzulänglichkeit des Bewertungssystems, Ursprung allen Ärgers im internationalen Eiskunstlauf, konnte kaum besser als durch diese beiden Kampfrichter dokumentiert werden, denn ihr Verhalten verstärkt jenen Verdacht, der schon seit geraumer Zeit das Klima dieses Sports beeinträchtigt, daß nämlich Preisrichter sich in ihrem Urteil von persönlichen Sympathien und nationalen Sentiments leiten lassen können. Ausgerechnet die sowjetische Punktrichterin und der westdeutsche Vertreter wußten - im Gegensatz zu den übrigen Preisrichtern von Garmisch - Landsleute mit Chancen auf einen der vorderen Plätze im Wettbewerb, und sie zögerten nicht, sie auch mit den entsprechend hohen Noten zu unterstützen.
Derartige Hintertüren zu gesteuerten Fehlwertungen öffnen sich dadurch, daß die Leistungen im Eiskunstlauf nicht objektiv meßbar sind - durch Feststellung von Höhe, Weite oder Geschwindigkeit wie in der Athletik oder durch die Trefferanzahl wie im Fußball. So mußte man denn ein Punkt-Bewertungssystem ausklügeln, das ebenso kompliziert wie fragwürdig ist, weil es den Kampfrichtern die Möglichkeit zu Manipulationen bietet.
Die Punktrichter müssen nach einem Kürlaufen zweimal in ihre Zensurenkästen greifen und durch Ziffern zwischen eins und sechs zwei Urteile abgeben. Um die einzelnen Leistungen noch schärfer gegeneinander abzugrenzen, dürfen die Richter bei der Beurteilung Dezimalbrüche verwenden, können mithin zwischen den einzelnen Wertzahlen (1 bedeutet ungenügend, 2 fehlerhaft, 3 genügend, 4 gut, 5 sehr gut und 6 tadellos) Werte wie 4,8 oder 5,6 verkünden.
In der Rangfolge der beiden Punktrichternoten rangiert seit kurzem die Bewertung für Idee, Phantasie, Stil, Ausführung und Musikalität vor der Note für den wirklichen sportlichen Wert, nämlich die Schwierigkeit. Früher war es umgekehrt: Die Schönheit der Ausführung einer Kür war der sportlichen Schwierigkeit nachgeordnet; durch diesen Wandel ist der Eiskunstlauf noch näher an die Show-Grenze herangerückt.
Für die Beurteilung der Leistung ist beispielsweise maßgebend, daß die Sprünge sowohl im Ansatz als auch beim Aufsetzen "kantenrein" ausgeführt werden müssen, wobei die Häufigkeit der Drehungen eine höhere Note bewirken kann. Ein Sturz stört das Gesamtbild meist nicht entscheidend; bei zwei Stürzen sind jedoch Abzüge von 0,1 bis 0,2 Punkten zu befürchten.
Die Rangfolge der einzelnen Teilnehmer bei einer Paarlauf-Konkurrenz ergibt sich nicht aus den Noten allein, sondern aus der sogenannten Platzziffer, die wiederum aus der Gesamtzahl der Noten errechnet wird. Die Platzziffern lassen sich folglich erst nach der Vorstellung des letzten Paares ermitteln, wenn feststeht, wie die einzelnen Richter aufgrund der Wertung jedes Paar hinsichtlich seines Platzes eingestuft haben. Die Addition der Placierungen ergibt die Platzziffer des betreffenden Paars. Der Sieger eines von neun Preisrichtern gewerteten Wettbewerbs kann also beispielsweise im günstigsten Fall die Platzziffer neun, das zweitplacierte Paar eine "18" und das dritte eine "27" erhalten, falls alle Preisrichter für jedes Paar übereinstimmend gewertet haben. Die endgültige Punktzahl eines Teilnehmerpaares wiederum resultiert - unabhängig von der Platzziffer - aus der Addition seiner Punkte, dividiert durch die Anzahl der Kampfrichter.
Angesichts derart komplizierter Rechenkünste war es nicht verwunderlich, daß sowohl Preisrichter als auch Läufer gelegentlich erkennen mußten, daß sie den mathematischen Anforderungen ihres Sports nicht gewachsen sind.
So waren zum Beispiel die Sportkommissare der Deutschen Eislauf-Meisterschaft 1955 im Berliner Sportpalast offenkundig nicht in der Lage, das mit der Meisterschaft verbundene Rechenproblem korrekt zu bewältigen. Der damals zwölfjährige Münchner Manfred Schnelldorfer war feierlich als Meister geehrt worden. Er konnte sich seines Erfolges jedoch nur so lange freuen, bis - Monate später - ein Rechenfehler in der Wertung entdeckt wurde, der das Urteil umwarf: Manfred Schnelldorfer mußte seine goldene Meisterplakette an den Düsseldorfer Tilo Gutzeit abtreten, der nachträglich zum Deutschen Eiskunstlauf-Meister erklärt wurde.
Auch nach der diesjährigen Europameisterschaft in Garmisch-Partenkirchen machte ein junger Eiskunstläufer Bekanntschaft mit preisrichterlichen Spitzfindigkeiten und seltsamer Platzziffer-Mathematik. Dem jungen Franzosen Calmat war nämlich aufgefallen, daß er nur Vierter geworden war, obwohl er mit Platzziffer 30 und 1602,4 Punkten gegenüber dem Dritten, Schnelldorfer (Platzziffer 31/1602,8 Punkte), trotz seines Mankos von 0,4 Punkten aufgrund der besseren Platzziffer auch - eine bessere Placierung als Schnelldorfer verdient hätte.
Calmats Einspruch wurde abgewiesen. Zwar sei er formell im Recht, wurde ihm bedeutet, tatsächlich sei die Platzziffer und nicht die Zahl der Punkte für die Placierung entscheidend. In diesem Falle gebühre der dritte Platz jedoch Schnelldorfer, da dieser Läufer von den Preisrichtern besser als er, Calmat, placiert wurde. Nach den Bestimmungen muß nämlich "die Zahl der besseren Plätze noch höher als die Platzziffer selbst eingeschätzt werden". Mit anderen Worten: Wird Läufer A durch fünf von neun Preisrichtern auf einen bestimmten Rang eingestuft, Läufer B jedoch nur durch vier der neun Richter auf den gleichen Platz gesetzt, so muß in der Endabrechnung Läufer A selbst dann vor B rangieren, wenn B - wie in diesem Fall Calmat - eine bessere Platzziffer errang.
Wenn jedoch Apfelsinen, Äpfel und Limonadenflaschen auf die Preisrichter herabprasselten, so war niemals ein simpler Rechenfehler die Ursache, sondern stets die Preisrichter selbst, die das Publikum durch
subjektive Urteile in Harnisch brachten. Zu einem solchen Bombardement kam es bei den Olympischen Spielen 1956, als die Richter die damals 12jährige Marika Kilius und ihren Partner Franz Ningel, mit dem sie ihre Eislaufkarriere begann, augenscheinlich kraß benachteiligten und ihnen anstatt des von den Zuschauern erwarteten zweiten oder dritten Platzes nur den vierten Rang zusprachen.
Wenige Wochen später lieferten die Richter bei den Weltmeisterschaften in Garmisch noch nachdrücklicher den Beweis, daß es sich bei ihren Entscheidungen nicht um eine objektive Beurteilung, sondern vielmehr um reine Ermessensfragen handelt. Die Kanadier Dafoe/ Bowden liefen auf dieser Weltmeisterschaft "die Kür ihres Lebens, in einer Perfektion, wie man sie vorher und nachher niemals von einem Paar gesehen hatte" (so "Sports Illustrated"). Jedermann erwartete die Weltmeisterschafts-Entscheidung zugunsten dieser kanadischen Eiskünstler, denn auch die Olympiasieger Sissy Schwarz/Kurt Oppelt (Österreich) vermochten selbst für Laienbegriffe keine gleichwertige Leistung zu zeigen. Die Punktrichter jedoch sahen den Fall anders: Unter ohrenbetäubendem Krawall des Publikums sprachen sie den Österreichern die Weltmeisterschaft zu. Genau das brauchten Schwarz/Oppelt noch: Als Olympiasieger und Weltmeister konnten sie aus dem Amateursport ausscheiden und zur lukrativen Eis-Revue übertreten.
Daß damals in Garmisch eine Fehlentscheidung gefällt wurde, hat vor kurzem Kurt Oppelt bestätigt: "Ich habe das am eigenen Leibe gespürt, was Kilius/Bäumler (deren Europa-Meisterschafts-Sieg von der Presse abgewertet wird) jetzt mitmachen müssen. Wir kamen 1956 als Olympiasieger zur Weltmeisterschaft nach Garmisch, und damals gewannen wir den Titel, obwohl die Kanadier Dafoe/Bowden die bessere Kür liefen."
Verrät Ernst Baier, ehemaliger Weltmeister und Olympiasieger: "Leider wirkt sich die bedauerliche Tatsache aus, daß der Eislaufsport immer mehr ein Sport der Manager und Funktionäre, der hochgespielten Sonja-Henie-Nacheiferer, der ,Beziehungen' und Sympathien und weniger der objektiven Auswahl und Leistung geworden ist."
Die Französin Jacqueline du Bief, Weltmeisterin 1952, hat nach ihrem Übertritt zur Eis-Revue die Quälgeister aufs Korn genommen, die ihr während ihrer Amateurkarriere das Leben schwergemacht hatten: die Preisrichter. In einem unter dem vielsagenden Titel "Dünnes Eis" veröffentlichten Buch entlarvte sie die Richter als korruptionsverdächtige Wichtigtuer und rechnete ihnen die ihr zugefügten Ungerechtigkeiten vor.
Die großartige englische Läuferin Yvonne Sudgen zog aus dieser Veröffentlichung eine englische Konsequenz, nachdem bei den Europameisterschaften 1956 die Jury der Österreicherin Hanna Eigl den Titel zuschanzte, obwohl Yvonne Sudgen die bessere Kür gelaufen hatte. Yvonne Sudgen war überzeugt, daß die Kampfrichter bereits mit einer vorgefaßten Meinung in die Arena getreten waren, und machte mit dem Eissport Schluß.
Sie war nicht die erste Eisläuferin, die sich als Opfer einer sogenannten "Block-Wahl" fühlte - eine nach dem Kriege von Ostblock-Kampfrichtern eingeführte Taktik, die Stimmen auf einen Favoriten zu konzentrieren -, und sie wird vermutlich, nicht die letzte sein.
Wie gering die Garantie für eine gerechte Bewertung der Leistungen von Eisläufern ist, zeigte sich bei einem Experiment, das auf einem Schweizer Preisrichterkurs vorgenommen wurde. Den Preisrichtern wurde ein Film mit den Kürläufen der drei erstplacierten Läufer der US-Meisterschaft vorgeführt, und die Richter hatten die Leistungen zu beurteilen. Nach einer zweiten Vorführung dieses Films konnten die Eislauf-Richter von der Wandlungsfähigkeit ihrer eigenen Urteilskraft überrascht sein: Fast alle hatten nämlich beim zweiten Mal anders als bei der ersten Vorführung gewertet.
Um solchen Überraschungen im Ernstfall zu entgehen, hat sich die Mehrheit der Richter zu einer Bewertungstaktik bekannt, die ihrem Experten-Renommee am allerwenigsten gefährlich werden kann: Sie halten sich an die als der Spitzenklasse zugehörig abgestempelten Paare oder Läufer und erheben diese Favoriten zum Maßstab für die Leistungen der anderen. Nur zu leicht unterläuft es dabei, daß die untergeordneten und weniger günstig genormten Teilnehmer auch dann den kürzeren ziehen, wenn es ihnen gelingt, tatsächlich die Favoriten zu übertreffen.
Bestätigt Ernst Baier: "Daß Kilius/ Bäumler in Garmisch abermals als Europameister bewertet wurden, hatte nicht allein sportliche Gründe. Da eben im Eislauf die Unwägbarkeiten sehr groß sind, wertet es jeder Preisrichter zunächst als Pluspunkt, daß ein Paar seine Meisterschaft zu verteidigen hat, mithin auf jeden Fall schon Spitzenklasse ist."
Überdies hatten Kilius/Bäumler automatisch zwei weitere entscheidende Vorteile. Zum einen wirkten das grazile, blonde Mädchen und der schlanke, dunkelhaarige Mann schon durch ihre Erscheinung attraktiver auf die Punktrichter als ihre Gegenspieler Göbl/Ningel; zum anderen hatten sie bei der Auslosung enorm viel Glück: Sie brauchten erst volle zwanzig
Minuten nach Göbl/Ningel zu starten. Später Start ist für Favoriten eine entscheidende Chance: Alles wartet auf die Titelverteidiger. Die vorher gestarteten Paare sind nicht mehr so stark oder günstig im Gedächtnis, und der Preisrichter wird von dem Gefühl bedrängt, den Meister nun höher zu bewerten als die vorausgegangenen Konkurrenten.
Unter diesen Aspekten braucht sich freilich niemand zu wundern, daß Margrit Göbl nach der Entscheidung von Garmisch resigniert bemerkte: "Wir wußten vorher, daß wir Dritte werden würden." Franz Ningel bitter: "Wir hätten in der Luft zerspringen können wie Feuerwerkskörper - wir wären Dritte geworden. Man läuft nicht gegen Leistungen, man läuft gegen Namen."
Zusätzliche Gefahr droht den nicht genormten Eisläufern von der Unsicherheit der Preisrichter gegenüber frischen Stilelementen. Die Läufer gehen stets ein Risiko ein, wenn sie neue Ideen aufs Eis bringen, weil ungewiß ist, wie die Kampfrichter darauf reagieren werden.
Auch die Anwendung bestimmter Hebefiguren ist riskant. Kein Paar mit Ambitionen kann auf Hebefiguren verzichten. Sie sind jedoch nur dann statthaft, wenn der Sprung so aussieht, als habe ihn die Partnerin allein ausgeführt, und der Partner sich nicht um die eigene Achse dreht. Andere Hebefiguren - Tragen der Partnerin, Halten der Partnerin über dem Kopf sowie Herumschleudern an einem Arm und einem Bein - wurden vor zwei Jahren in den Bereich des Schaulaufs und der Akrobatik verwiesen und verboten. Sie können nach Ermessen des Kampfrichters entweder ignoriert oder sogar abwertend angekreidet werden. Fatal ist allerdings, "daß es ziemlich schwierig ist, die Grenzen gegenüber solchen ,Variety Show'-Figuren zu ziehen", gibt der Züricher "Sport" zu bedenken - und das gilt vornehmlich für die Kampfrichter, von denen ein Praktiker wie Ernst Baier in Garmisch gerade festgestellt hat: "Sie schwimmen."
Es ist mithin ein beinahe selbstverständlicher Zustand, daß die Eisläufer den Kampfrichtern mißtrauen. Verschärft wird diese Reaktion dadurch, daß sich der Eislaufsport durch ein sehr wesentliches Merkmal von anderen Sportarten unterscheidet, in denen die Sieger gleichfalls nach einem Punktsystem ermittelt werden, wie zum Beispiel Turmspringen, Schwimmen, Turnen, Dressurreiten oder Kunstradfahren: Diese Besonderheit liegt in den fetten Gagen begründet, die Läufer und Paare der Spitzenklasse einmal verdienen können, falls sie im Amateursport den notwendigen Kurswert erwerben und sich entschließen, ihren Amateurstatus zugunsten eines Engagements an der Eis-Revue aufzugeben.
90 Prozent aller Meister der Eislaufkunst taten den Schritt, der einst der Norwegerin Sonja Henie in den USA Dollar-Millionen eintrug - so das deutsche Weltmeister-Ehepaar Falk, die deutsche Weltmeisterin Gundi Busch, die amerikanischen Eislauf-Kanonen Dick Button, Hayes Alan Jenkins und Ronnie Robertson. Die drei österreichischen Europameisterinnnen Hanna Eigl, Ingrid Wendl, Hanna Walter erzielten nach ihren Übertritten zum Berufssport jeweils Jahreseinkommen von 40 000 bis 50 000 Mark.
Mit Ausnahme der derzeitigen Titelträgerin Ina Bauer sind selbst sämtliche Deutsche Meisterinnen seit 1948, nämlich Irene Braun, Helga Dudzinski, Erika Kraft und Rosl Pettinger, in der Eis-Revue gelandet. Von den international berühmten Eis-Künstlerinnen der letzten zehn Jahre haben nur zwei den verlockenden Angeboten der Revue-Manager widerstanden: die englische Olympiasiegerin 1952, Jeanette Altwegg, die lieber Erzieherin in der Schweiz als Flitter-Girl einer Eisschau sein wollte, und die amerikanische Arzttochter Tenley Albright, die ein Medizinstudium in Harvard vorzog.
Eine rotblonde deutsche Eisläuferin - aufgrund ihrer besonderen Eignung seit Jahren revueverdächtig - mußte indes vor kurzem erfahren, daß man nicht nur an der Ungerechtigkeit und Unzulänglichkeit einzelner Punktrichter scheitern kann, sondern auch an der im Grunde widersinnigen Gewichtsverteilung des für den Einzelwettbewerbe geltenden Bewertungssystems, das die vorgeschriebenen, haargenau nachzuzeichnenden Pflichtfiguren mit 60 Prozent, den Kür-Vortrag hingegen nur mit 40 Prozent in der Gesamtnote berücksichtigt.
Die neunzehnjährige Ina Bauer aus Krefeld, die sich innerhalb von zehn Jahren als sogenanntes "Nesthäkchen", als "Kleiner Fratz", "Eisfee", Feuerteufelchen", "Roter Kobold" und "Feuerschopf" nicht nur zu einem bevorzugten Story-Objekt der Sportjournalisten (Trainer Scholdan: "Sie ist zu früh Star geworden; sie wurde angehimmelt, nur weil sie eine gute Kür lief und weil man .. neue Stars brauchte"), sondern auch zur derzeit anerkannt stärksten Kürläuferin Europas entwickelt hatte, mußte in Garmisch-Partenkirchen auf väterliche Order mitten aus der Europameisterschaft heraus retirieren.
Schon bald nach Beginn der Pflichtfiguren-Abnahme der Europameisterschaft hatten die Fachleute nämlich festgestellt, daß Ina Bauer auch in diesem Jahr den angestrebten Sprung zur Europameisterschaft nicht schaffen könne, da sie bereits in der Pflicht hoffnungslos auf den vierten Platz zurückgefallen war und wegen der Über-Wertung dieses Meisterschaftsteils keine Aussichten hatte, den Rückstand mit einer Glanz-Kür aufzuholen. Schrieb die "Welt": "Die Enttäuschung unter den deutschen Experten war groß, denn keiner konnte Verbesserungen gegenüber vergangenen Jahren feststellen. Ina Bauers Figuren waren schlecht angelegt, zeigten eine schlechte Achse und wenig Deckung. Auch die Haltung der Deutschen wurde von den Kampfrichtern bemängelt."
Trainer Scholdan wußte eine Erklärung: "Ina hat sich gegenüber dem vorigen Jahr verbessert. Aber sie ist innerlich nicht ausgeglichen. Im Training läuft sie Figuren, die durchaus den Anforderungen genügen. Aber wenn sie vor den Kampfrichtern steht, wird sie nervös und aufgeregt und bleibt weit unter dem zurück, was sie wirklich zu leisten vermag ... Das ist das typische Temperament der Rothaarigen."
Zu Ina Bauers Pech wurde auf verschiedenen Fachkongressen der Internationalen Eislauf-Vereinigung (ISU) um eine Aufwertung des Kür-Anteils auf 50 Prozent (wie es ihn früher bereits einmal gab) bisher vergebens palavert.
Der Krefelder Krawattenstoff-Webereibesitzer Carl Bauer (Bauer: "Der 'Millionär' steht auch nur in der ,Bild'-Zeitung") hielt die Beendigung der Pflichtfiguren in Garmisch für den geeigneten Zeitpunkt, seine Tochter aus der Konkurrenz zu nehmen. Damit schwächte er das deutsche Olympiaaufgebot
- denn auch Ina sollte als Nationale Meisterin in Squaw Valley für Deutschland Pirouetten drehen - und mußte dann in Kauf nehmen, daß Ina Bauer vorerst für alle Starts gesperrt wurde.
Carl Bauer, der in den vergangenen drei Jahren seine Ehefrau und seine Tochter Ina für insgesamt 18 Monate zum Spezial-Eislauftraining nach den USA geschickt hatte, begründete seinen überraschenden und in der Sportwelt einmaligen Entschluß kurz und bündig: "Ich habe es nun endgültig satt. Ich habe kein Familienleben mehr, und außerdem ist nun genug Geld in die Sache gesteckt worden."
Indes, Vater Bauer hatte noch mehr Motive. Ihm paßte die Atmosphäre nicht mehr, in der seine Tochter ihren Sport betrieb. Erklärte Bauer: "Schon nach der Europameisterschaft 1959 in Davos sagte ich: 'Hört jetzt auf!' Mir ging der gegen Ina entfesselte Nervenkrieg gegen den Strich. Wenn Ina ihre Pflichtfiguren lief, machten Journalisten und Eissportfreunde ihre Glossen über Inas Figuren."
Bis dahin hatte Vater Bauer sich "erst ein einziges Mal in Inas Eislauf eingemischt" - in einen Zwist mit einer in Krefeld verbreiteten westdeutschen Lokalzeitung. Das Blatt hatte von Ina Bauers Mutter erfolgreich einen Trainingsbericht erbeten. Der Bericht enthielt die Formulierung: "Ina Bauer hat sich gut entwickelt". Er wurde mit einem Photo illustriert, das die weiblichen Formen der jungen Eisläuferin betont herausstellte. Bildunterschrift: "Ina hat sich gut entwickelt. Wie Frau Bauer es meint, sieht man." Vater Bauer verbat sich weitere Veröffentlichungen dieser Art, "und von da an wurde Ina in Krefeld abgewertet".
Zusätzlichen Verdruß bereitete Carl Bauer im vergangenen Sommer jener Rechtsstreit mit der Internationalen Eislauf-Vereinigung, der ihn zwang, abermals "in Inas Eislauf einzugreifen". Es ging um einen unter Mitwirkung Ina Bauers gedrehten Eislauffilm. Obwohl der Deutsche Eissport-Verband keine Einwände erhoben hatte und "wir keinen Pfennig für den Film bekamen", verlangte die ISU wegen Verstoßes gegen das Amateurgesetz unter Androhung einer Sperre gegen Ina die Zurückziehung des Films. Die Verletzung des Amateurgesetzes, so argumentierte die ISU, bestand in dem Vorspann-Text, der Film sei unter Förderung des Jugendwerks der Shell AG entstanden.
Carl Bauer sah allerdings Grund genug, sich der Forderung der ISU zu widersetzen. Sein Argument: Sowohl im deutschen Olympiafilm als auch in Reiterfilmen über Winkler und Thiedemann und selbst in einem Film über die Eiskunstlauf - Weltmeisterschaft werde der Shell-Text geduldet. Bauer: "Nirgendwo Einwände - aber bei meiner Tochter!"
Auch als die Shell ihren Text entfernen ließ, war die ISU nicht zufrieden. Vater Bauer: "Der Name Ina Bauer sollte nicht im Zusammenhang mit Plakat- und Anzeigen-Werbung genannt werden." Die ISU zog ihre Drohung tatsächlich erst zurück, als der mittlerweile über ein Jahr gelaufene Film verschwand; die Produktionsgesellschaft mußte ihn vom Verleih zurückkaufen.
Doch auch nach Beilegung des Streits mit Inas internationaler Fachorganisation mußte Vater Bauer alsbald eine beunruhigende Feststellung treffen: "Alles schoß auf Ina! Berichte sollten Ina heruntermachen. Man wies schon vor der Meisterschaft auf ihre Schwäche in der Pflicht
hin. Vielleicht ist sie nervlich für diesen Sport zu schwach. Sie ist noch ein Kind. Mir gefielen die Belastungen nicht mehr, die sie in ihrem Sport in wachsendem Maße ertragen mußte."
Als Carl Bauer vernahm, daß sein Kind in Garmisch - wegen angeblich unrechtmäßig verschafften "Sondertrainings" (Bauer: "Sie hatte überhaupt kein Sondertraining") - als "unsportlich und unverschämt angeprangert" wurde, berief er die Bauersche Eislaufdelegation so eilig nach Krefeld zurück, daß Minister Gerhard Schröder, Schutzherr der Meisterschaften, bei seinem Mittagsempfang vergebens nach dem kleinen "Feuerteufel" aus Krefeld Ausschau hielt.
"Ich habe vier Kinder. Wenn die mal Geld verdienen - dann werden sie dieses Geld für sich selbst verdienen", erklärte indes Carl Bauer zu der Vermutung, er werde Ina jetzt in eine Eis-Revue stecken, um das in ihren Eislaufsport investierte Geld auf diesem Wege wieder hereinzubekommen. Da sich Webereibesitzer
Carl Bauer für die Abberufung seines "roten Kobolds" einen taktisch nicht gerade günstigen Zeitpunkt ausgesucht hatte, durfte er nicht überrascht sein, als schlechter Verlierer und Sportfeind attackiert zu werden. So fühlte sich der Sportkritiker Ernst Werner im "Sport" durch den eigentümlichen Abgang der Eislaufmeisterin Ina Bauer zu folgender pauschaler Standpauke veranlaßt:
"Sie alle verpesten die reine Luft des Sports, diese überehrgeizigen Eislaufstars und Starmütter, mitsamt ihrem Anhang professionaler Müßiggänger, die einander befehden und sich schmähen, die Kampfrichter, Presse- und Fernsehmänner beschimpfen, wenn deren Aussage ihnen mißfällt. Da muß aufgeräumt werden!"
Tatsächlich hatte Fernsehmann Heinz Maegerlein, der den Garmischer Paarlaufsieg Kilius/ Bäumlers als unverdient kritisiert hatte, das Pech, der Mutter Hans-Jürgen Bäumlers über den Weg zu laufen. Einem Bericht des Berliner "Abend" zufolge hat sie ihn "derart giftig" angesprochen, daß ihm (Maegerlein) nichts übriggeblieben sei, als sie einfach stehenzulassen.
Nun scheint gerade Frau Bäumler der Prototyp einer "Eislauf-Mutter" zu sein, von der Ernst Baier sagt, man müsse sie eigentlich "fesseln", denn "sie jammert immer und will alles organisieren, erzählt, was sie alles für ihren Sohn tue, daß sie zum Beispiel als Kellnerin bei den Amerikanern für den armen Jürgen arbeite." (Mutter Bäumler in Squaw Valley: "Die Kinder sind nicht mit guten Wünschen, sondern mit Hammerschlägen verabschiedet worden.")
Meint Ernst Baier: "Die 'Eislauf-Eltern' wollen überall dabeisein und mitsprechen. Sie sind eine Belastung für das Können der Läufer." Das gibt es in keiner anderen Sportdisziplin: Die Fachleute sprechen von einer "Diktatur der Mütter", einer Erscheinung, die freilich keineswegs auf Deutschland beschränkt ist. Als Läufer verschiedener Nationen 1959 eine ausgedehnte Europatournee unternahmen, reiste ein Dutzend Mütter auf Veranstalterkosten wochenlang mit umher. Selbstverständlich waren in dem Flugzeug, das die deutschen Eisläufer zum Olympia nach Squaw Valley beförderte, auch Plätze für die Teilnehmer-Mütter Bauer, Kilius und Bäumler reserviert. Dadurch, daß Ina Bauer abtrat, wurde ein Platz frei für Rosemarie Brüning, Trainerin von Göbl/Ningel, die sonst hätte zu Hause bleiben müssen.
Freilich hat sich auch gezeigt, daß alleinreisenden Eisläuferinnen Abenteuer widerfahren können, die eine mütterliche Eskorte gewiß zu verhindern wüßte. So entdeckte man einen von seiner Mannschaft vermißten bayrischen Eishockeyspieler nach einem Berlin-Gastspiel im Berliner Hotelzimmer der schottischen Eisläuferin Erica Batchelor, die sich später mit dem Spieler verlobte.
Weniger gemütlich ging es unlängst im Garmischer Pensionszimmer der 17jährigen italienischen Eisläuferin Anna Galmarini zu. Einem 23jährigen Berliner, Manfred Pfaff, der mittels einer Liebesromanze mit der Läuferin während der Europameisterschaft Publicity erwarb, widerfuhr das Mißgeschick, daß er zu später Stunde bei der Galmarini aus dem Kleiderschrank gerissen und von Vater Galmarini und dem deutschen Galmarini-Trainer Erich Zeller verprügelt wurde. Pfaff reichte eine Strafanzeige gegen Zeller ein und behauptete, auch die Läuferin Galmarini sei im Verlauf des delikaten Zwischenfalls von Zeller geschlagen worden. (Zeller ist Bundestrainer des Deutschen Eissport-Verbandes und Privattrainer von Kilius/Bäumler.)
Eine milde Dosis von der rüden Ader ihres Trainers scheint indes auch die sanftblonde Marika Kilius ("Sport Illustrierte": " ... sicherlich wird sie einmal eine gute Hausfrau") eingefangen zu haben, denn nach dem Pro-Ningel-Krawall von Garmisch entfuhr Deutschlands "Sportlerin des Jahres" (1959) die Bemerkung: "Immer hat man mit dem Ningel Ärger, den Kerl könnt' ich umbringen." Das war immerhin auf jenen Eisläufer gemünzt, an dessen Hand Marika einst zur Spitzenklasse aufstieg. (Weltmeister-Ehepaar Falk: "Ihr sollt unsere Nachfolger werden.")
Auch Franz Ningel weiß, daß ihm Marika Kilius nicht nur über den Kopf gewachsen ist - das war der Grund zur Trennung* -, sondern ausschließlich unter dem kalten Blickwinkel des Konkurrenten von ihm Notiz nimmt. Sprach Ningel bekümmert:
"Ich bin... menschlich enttäuscht von Marika. Wir sind jahrelang zusammen gelaufen, wir haben viele schöne Erfolge erkämpft. Und als ich aufhörte, weil Marika zu groß für mich war, habe ich den beiden (der Kilius und dem Ningel-Nachfolger Bäumler) viel Glück gewünscht. Heute sind wir leider so weit, daß Marika mich kaum noch sieht. Sie kann es nicht begreifen, daß ich meine sportliche Laufbahn noch nicht aufgegeben habe. Und ich werde sie auch nicht aufgeben, bis wir (Ningel und Kilius-Nachfolgerin Göbl) einmal unser Ziel erreicht haben."
Die Eissport-Allianz Kilius/Ningel (Ernst Baier: "Eine ideale Besetzung; der Ningel ist ein Kopf") begann auf der Frankfurter Rollschuhbahn "Nizza", wo sich die kleine Friseurstochter Marika mit ihrem hochgesteckten Haarknoten schon als Vierjährige tummelte. Rollschuhläufer Franz Ningel willigte gern ein, als der Sportlehrer Berntheusel vorschlug: "Wie wär's denn mit den beiden als Paarlaufpärchen?"
Friseur Kilius und Elektriker Ningel opferten Zeit und Geld für die sportliche Ausbildung des Pärchens, und die Erfolge ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Auf Rollen wurden Marika und Franz sowohl einzeln als auch im Paarlauf Weltmeister - was gegenüber dem Eislauf freilich vergleichsweise einfach ist-, und auch auf dem Eis erzielten sie im Laufe der Jahre so gute Fortschritte, daß sie nach drei Deutschen Meisterschaften und Bronzemedaillen auf der Europameisterschaft den zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft 1957 in Colorado Springs errangen.
Doch da war schon das Ende der Sportgemeinschaft Kilius/Ningel abzusehen: Franz Ningel konnte mit dem Wachstum seiner Partnerin nicht Schritt halten, weil sein sieben Jahre älterer Organismus damit bereits aufgehört hatte. Besorgte Frankfurter Ningel-Freunde sammelten rund 4000 Mark, damit sich Franz Ningel bei einem Schweizer Spezialisten Hormonspritzen abholen konnte, die das Wachstum wieder ankurbeln sollten.
Da jedoch die Spritzen nichts bewirkten, die schlanke Marika aber weiter kräftig aufschoß, konnte Franz Ningel nichts einwenden, als Mutter Kilius im Jahre 1957 verfügte: "Warum sollen wir uns etwas vormachen, es geht nicht mehr. Sie müssen sich trennen."
Franz wich von Marikas Seite. Wenig später, als habe er darauf gelauert, war schon der Jüngling mit der richtigen Größe, der schwarzgelockte Ningel-Nachfolger Hans-Jürgen Bäumler zur Stelle.
Er hatte es bis dahin als Einzelläufer nur zu Heiterkeitserfolgen bei Show-Clownerien, nicht aber zu einer Meisterschaft gebracht. Nun jedoch, an der Seite der von Franz Ningel trefflich gedrillten Partnerin, ging es mit seiner Karriere ruckartig bergauf: Nach einem Sommertraining in Cortina gewannen Kilius/Bäumler prompt die Deutsche Meisterschaft 1958.
Als das der kleine Franz sah, faßte er den Entschluß, künftig ebenfalls wieder auf Erfolge im Eiskunst-Paarlauf auszugehen. Zu diesem Zweck nahm er sich die schwarzhaarige, attraktive Margrit Göbl, bei der keine Wachstumsprobleme zu befürchten waren.
So ist es gekommen, daß Marika Kilius - inzwischen mit Bäumler zum Europameister und Vize-Weltmeister aufgestiegen
- und Franz Ningel sich fortan als erbitterte Gegner um die einst gemeinsam angegangene Aufgabe bemühten, Nachfolger von Ria und Paul Falk zu werden. Ria und Paul Falk sind es nämlich gewesen, die mit durchschlagendem Erfolg eine Aufstockung der von Maxi und Ernst Baier begründeten deutschen Vorherrschaft im Paarlauf bewerkstelligten.
Die Baiers hatten sich ihre Spitzenstellung durch einen neuen Paarlaufstil erobert, den sie mit einer bis dahin nicht gekannten Perfektion ausführten. Sie liefen als erste völlig im Gleichklang, wie synchronisiert. Da in jenen Jahren - ab 1935 - das sogenannte "Schattenlaufen" (Figuren nebeneinander) und das "Spiegelbild" (Figuren gegeneinander), nicht aber akrobatische Hebefiguren - reines Anliften ohne Sprungunterstützung der Partnerin war auch damals verboten - die höchsten Wertungen einbrachten und von den Baiers hundertprozentig beherrscht wurden, war das deutsche Olympiasieger-Paar von 1936 unschlagbar.
Maxi Herber und Ernst Baier bewiesen das wieder und wieder in einer Art Dauerduell mit dem Wiener Geschwisterpaar Erik und Ilse Pausin. Diese Vertreter der österreichischen Schule betonten in ihrem Kürvortrag das tänzerisch-akrobatische Stilelement und wurden - mitunter freilich nur wegen des geringeren Kurswertes jener Figuren - von den Baiers stets bezwungen.
Erbe der großen Baier-Tradition wurde das Olympiasiegerpaar der Spiele 1952, Ria und Paul Falk.
Freilich mochten sich die Falks nicht mit einer bloßen Nachahmung der bekannten Baierschen Eis-Mathematik begnügen. Der Sitte ambitionierter Eisläufer folgend, strebten sie nach ihrer eigenen Note und nach neuen Ideen. So kultivierten sie ihr Programm, indem sie jene kraftvollen, zeitweilig wieder erlaubten Hebeschleuderfiguren - Ria hoch über dem Kopf ihres Partners - einbezogen, für die sie berühmt wurden, ohne sie indes zum Hauptakzent ihrer Kür zu machen: Die Basis blieb das Schattenlaufen.
Auch Kilius/Bäumler und Göbl/Ningel bewegen sich auf der Grundlage der von den Falks rezipierten Baier-Schule, doch können sie die von den Falks entwickelten Variationen nur unvollkommen übernehmen,
weil gerade die attraktivsten Hebeschleuderfiguren inzwischen bei den Preisrichtern wieder verpönt und zum Teil sogar verboten sind. Wer von ihnen nach Anregungen für neue Ideen Ausschau hielt - die Läufer suchen eifrig, seit die Falks aufgehört haben -, konnte kürzlich auf den Europameisterschaften in Garmisch-Partenkirchen Hilfe aus dem Osten finden. Verwunderte sich ein Kritiker über das Ehepaar Schuk aus Leningrad: "Sie sprengten den Rahmen des sportlichen Laufens und fanden einen Weg zur ballettmäßigen Deutung der Musik."
Ernst Baier urteilte ähnlich über diese in Westeuropa bisher unbekannte Form des Paarlaufens: "Die Russen haben neue, belebende Elemente in das Paarlaufen gebracht und damit vielleicht eine neue Epoche eingeleitet. Sie haben sich dabei förmlich in Lyrik verloren, nämlich auf Kosten der Dynamik. Die deutschen Paare hingegen - vorwiegend Göbl/Ningel - waren dynamisch erstklassig. Aber wo blieb bei ihnen die Lyrik? Kilius/Bäumler
zum Beispiel laufen auf der Musik, die russischen Eisläufer aber beginnen mit der Interpretation der Musik durch Eislauffiguren."
Nach Altmeister Baiers Ansicht sind die Preisrichter mit wenigen Ausnahmen "noch gar nicht fähig", solche Interpretationen wie die der Russen zu erkennen, "denn das sind Sphären, die eine Schulung auf diesem Gebiet voraussetzen. Es ist ungewöhnlich schwierig, sportliche Leistungen und ihre Kombination mit Musik in Einklang zu bringen, und das wird auch noch gar nicht gewürdigt".
In der Tat standen die Preisrichter der Europameisterschaften unzweideutig vor der Alternative, sich entweder für die gängige Art des Eiskunstlaufs der Deutschen oder den neuen Trend der sowjetischen Figuren-Lyriker zu entscheiden. Die Placierung des Russen-Paares zwischen zwei deutschen Paaren wirkte wie ein Keil und dokumentierte das Dilemma der Richter.
Die Preisrichter des am vergangenen Freitag entschiedenen olympischen Paarlaufens in Squaw Valley schlossen keinen Kompromiß und setzten die sowjetischen Musik-Interpreten Schuk auf den sechsten Platz. Göbl/Ningel mußten als erstes Paar aufs Eis und wurden Fünfte. Die Goldmedaille fiel an das kanadische Weltmeister-Paar Barbara Wagner/Robert Paul, die Silbermedaille erhielten die deutschen Europameister Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler.
Konstatierte die Stuttgarter "Sport Illustrierte" in ihrer Vor-Olympia-Nummer: "Rein leistungsmäßig hatten Kilius/Bäumler schon im vergangenen Winter die Kanadier Wagner/Paul glatt eingeholt ... aber wer die Gepflogenheiten im internationalen Eiskunstlauf kennt, weiß sehr wohl, wie die Olympiasieger 1960 heißen werden."
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* Internationale Eislaut-Vereinigung.
* Marika Kilius - heute 169 Zentimeter groß maß 166 Zentimeter, als sie sich von dem 158 Zentimeter großen Franz Ningel trennte.
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DER SPIEGEL 9/1960
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