09.03.1960

DAS BLUTBAD VON LEMBERG - Ein Erlebnisbericht von Moritz Grünbart

Noch bevor der Ehrenrot der Christdemokraten zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten ist, um zu prüfen, Inwieweit Bundesminister Theodor Oberländer und seine Soldaten vom Ukrainer-Bataillon "Nachtigall" in die Lemberger Morde vom Juni/Juli 1941 verwickelt sind, meldet sich ein neuer Zeuge zu Wort Moritz Grünbart schildert in seinem Bericht die Greuel, die von deutschuniformierten Ukrainern im Laufe der ersten Kriegstage in Lemberg verübt wurden. Nach Aussage von Oberländer war das Bataillon "Nachtigall" zu jener Zeit die einzige deutschuniformierte Ausländertruppe in Lemberg. Zeugenaussagen, wonach seine Soldaten in der Ukrainer-Stadt Morde verübt hatten, hat Oberländer bisher stereotyp bestritten "Ich bin in Lemberg dauernd unterwegs gewesen und kann sagen, daß in Lemberg von Nachtigall in diesen Tagen kein einziger Schuß gefallen ist."
Im Frühjahr 1941 saß ich als sowjetischer Häftling im Brigittka-Gefängnis in Lemberg. Dort hätte ich den Krieg aushalten können. Gewiß, es gab nicht viel mehr als Wasser und Brot, aber man hatte nicht ständig den Tod vor Augen wie im Getto von Kielce, wo meine Eltern und meine sechs Brüder geblieben waren. Ich war ein junger Mann und wollte leben. Da war es besser, "als deutscher Spion" bei den Russen gefangen zu sein statt als Jude unter deutscher Herrschaft im Getto. Meine Mitgefangenen waren Polen, Ukrainer, Russen und Juden, von denen die meisten Zionisten waren.
Von dem Ausbruch des Krieges zwischen Rußland und Deutschland bekamen wir Gefangenen sofort einiges zu spüren: Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe, bei denen das Brigittka-Gefängnis bis in die Grundfesten wankte und zitterte, aber auch eine wachsende Nervosität der Wachen. Nacht für Nacht holten sie Gefangene aus ihren Zellen, meist Ukrainer und Zionisten. Die kamen nicht mehr wieder, und wir hörten, sie seien erschossen worden.
Am 24. oder 25. Juni verließen die Russen Lemberg. Wir waren, uns zunächst selbst überlassen. Als die Russen abzogen, hörten wir draußen viele Schüsse. Später hörten wir, daß die in der Stadt lebenden Ukrainer auf die abziehenden russischen Truppen geschossen hatten. Dieser sowjetische Abzug war aber nur von sehr kurzer Dauer. Noch am selben Tage waren unsere Wächter wieder da, und dann hörte ich, daß die Russen Vergeltung an den Ukrainern übten, die sie beschossen hatten. Ich weiß nicht, wie viele sie im Brigittka-Gefängnis erschossen haben, aber es müssen viele hundert Menschen gewesen sein.
Dann zogen die Russen endgültig ab, ich glaube, am 27. oder 28. Juni, und dann lag völlige Stille über dem Gefängnis und der Stadt. Alles atmete auf. Noch am selben Tage kamen Bürger aus Lemberg in das Brigittka -Gefängnis, Juden und Polen, die nach: Angehörigen suchten. Sie brachen Türen auf, und alle, die noch in den Zellen waren - Polen, Russen, Ukrainer und Juden -, wurden befreit. Ein jüdischer Kaufmann, der seine Verwandten suchte, aber nicht mehr fand, nahm mich mit zu seiner Familie. Das Leben in der Stadt schien an diesen Tagen bis zum Eintreffen der Deutschen völlig ruhig und normal. Man hatte keine Angst und fühlte sich frei, ich besonders, der ich fast drei Monate lang im Gefängnis gesessen hatte. Alle warteten ab, wer nun nach Lemberg kommen würde - die Deutschen oder wieder die Russen. Auch die Ukrainer verhielten sich völlig still.
Ich denke an diese zwei, vielleicht auch drei Tage, in denen Lemberg sich selbst überlassen war, gern zurück. Zum erstenmal seit langen Wochen hatte ich wieder das Gefühl der Geborgenheit im Schoße einer Familie, wenn es auch nicht meine eigene war. In diesen Tagen wurde ich von der jüdischen Familie, die mich aufgenommen hatte, sehr verwöhnt. Auch machte ich dort die Bekanntschaft des ukrainischen Hausmeisters, dem ich vielleicht mein Leben verdanke. Er stand, wie er sagte, in Verbindung mit einer ukrainischen Nationalisten-Gruppe. Er machte mir dunkle Andeutungen von Nachrichten, die über Funk in die Stadt gekommen waren: Alle ukrainischen Männer sollten sich bereit halten, denn früh am nächsten Morgen kämen ihre Brüder, das heißt Ukrainer, die unter deutscher Führung in der Wehrmacht dienten. Der Hausmeister, der wohl an mir jungem Burschen einen Narren gefressen hatte, riet mir, mich gut zu verstecken. In den ersten Tagen, und besonders beim Einmarsch der ukrainischen Soldaten in deutscher Uniform, werde es unter den Juden von Lemberg ein Blutbad geben. "Ein großes Schlachten", waren seine Worte. Ich höre sie noch deutlich.
Zusammen mit der Familie, die mich so gut aufgenommen hatte, verbarg ich mich am nächsten Morgen, dem 30. Juni 1941, schon ganz früh, als es noch dunkel war, im Keller eines gegenüberliegenden Wohnhauses. Der ukrainische Hausmeister hatte mir dieses Versteck gezeigt. Vielleicht gegen sieben Uhr hörten wir in unserem Versteck die ersten Laute: Nagelstiefel auf dem Pflaster, Hämmern gegen die Haustüren, dann Schüsse und Schreie. So ging es mit kurzen Unterbrechungen bis zum späten Nachmittag. Als es dann ruhiger wurde und schließlich gar nichts mehr zu hören war, wurde ich ungeduldig. Das untätige Warten im Keller war mir unerträglich.
Zusammen mit zwei anderen jungen Burschen wagte ich mich vorsichtig hinaus auf die Straße. Sogleich erkannten wir, daß wir zu früh aus dem Versteck gekommen waren. Die ganze Straße entlang standen jüdische Männer, Frauen und Kinder in Reihen angetreten. Sie wurden von Soldaten in deutschen Uniformen und von Zivilisten bewacht. Einer der Soldaten entdeckte mich und meine Begleiter. Auf ukrainisch rief er uns zu, stehenzubleiben. Wir flüchteten jedoch blindlings ins nächste Haus, dann die Treppe empor bis zum fünften Stock, wo es nicht mehr weiterging. Soldaten und Zivilisten, die uns nachgelaufen waren, holten uns ein und trieben uns mit Schlägen die Treppe hinunter zu den anderen auf die Straße. Unterwegs flehte ich einen Soldaten an, der mich mit dem Kolben schlug, er solle mich schonen. "Ich war doch auch Gefangener bei den Russen, in der Brigittka" rief ich.
Statt auf mich zu hören, schlug und schimpfte er nur noch mehr auf mich ein. Ich war zu kopflos, um Einzelheiten seiner Uniform zu erkennen, die mir im übrigen auch nichts weiter gesagt hätten, als daß er eben deutsche Montur trug. Ich verstehe nichts von Tressen und Dienstgraden. Aber eines ist ganz sicher: Trotz seiner deutschen Uniform war er kein Deutscher, sondern ein Ukrainer. Wir Juden, die wir in Polen gelebt hatten, können einen Ukrainer ebenso sicher erkennen wie er uns.
Alle Juden, die auf der Straße angetreten waren, wurden nun zum Samastynow-Gefängnis gebracht, das ist ein kleineres Aushilfsgefängnis für politische Gefangene gewesen, kleiner als die Brigittka. Wir wurden unterwegs von den uniformierten Ukrainern sowie von Zivilisten begleitet, die gelbe oder gelbblaue Armbinden trugen. Sie waren auch Ukrainer, aber aus Lemberg. Unterwegs schlugen und schrien alle auf uns ein. Es gab schon Tote und Verletzte. Aber am Gefängnistor wurde es noch schlimmer: Dort stand im Gang zum Hof ein doppeltes Spalier, nur deutschuniformierte Ukrainer. Sie hatten Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett. Wir wurden durch dieses Spalier hindurchgetrieben, in den Gefängnishof. Dabei stachen und schlugen die Soldaten auf uns ein, gleich, ob Frauen, Männer oder Kinder dabei getroffen wurden. Nur wenige überlebten diesen Gang, und der riesige Gefängnishof war von unzähligen Leichen übersät ... Auch viele Sterbende lagen dort, wie ich später sah. Denn wie durch ein Wunder bin ich selbst am Leben geblieben. Als ich aus meiner Besinnungslosigkeit erwachte, konnte ich mich zu einem Brunnen in der Mitte des Hofes schleppen und waschen. Ich hatte viel Blut verloren und war sehr schwach. Aber das Wasser verhalf mir wieder zu einem klaren Kopf. Ich verhielt mich ganz ruhig und wartete ab.
Als es ganz dunkel geworden und allmählich Stille eingetreten war, kamen einige Ukrainer in deutscher Uniform. Sie befahlen den wenigen Überlebenden, darunter auch mir, die auf dem Hof liegenden Toten und Halbtoten auf Lastwagen zu laden. Ich hatte den Eindruck, daß die Männer ganz ruhig und sachlich mit uns sprachen. Überhaupt war das ganze furchtbare Geschehen nicht die Tat wilder, betrunkener Soldaten. Ich hatte vielmehr den Eindruck, daß alles genau befohlen und organisiert war und wie eine Maschine ablief. Soviel ich weiß, haben die Soldaten auch nicht gestohlen oder Frauen vergewaltigt, sondern nur alle erreichbaren Juden zusammengetrieben und ermordet. Ich selbst habe zum Beispiel meine goldene Armbanduhr und mein Geld bei mir behalten. Ich kann nicht sagen, wie viele Tote es gegeben hat. Ich kann auch nicht sagen, ob außer am Samastynow-Gefängnis noch an anderen Stellen von Lemberg ähnliches geschehen ist.
Ich weiß nur, daß ich mit dem ersten Lkw voller,Leichen hinausgefahren bin, daß draußen alles still und dunkel war und daß ich dann vom Wagen abspringen und flüchten konnte. Ich rannte blind durch die Stadt, möglichst weit weg von den Massenmorden. Ich lief, solange ich laufen konnte, bis ich mich einigermaßen sicher glaubte. Die Nacht verbrachte ich auf der Straße. Alles schien ruhig.
Ich blieb noch zwei Tage in Lemberg, immer in Verstecken. Dabei traf ich einige andere Juden, die auf ähnliche Weise den Morden entkommen wären. Wie ich hörte, gingen die Aktionen unter Führung der ukrainischen Soldaten in deutscher Uniform auch am zweiten und dritten Tag nach dem Einmarsch weiter, wenn auch weniger heftig. Ich selbst sah nichts mehr davon. Ich wagte mich erst am dritten Tag nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Versteck. Ich war ganz von dem Gedanken erfüllt, nur heraus aus der Stadt zu kommen. Mit dem Geld, das ich noch hatte, besorgte ich mir und zwei anderen Überlebenden einen Transport per Lastwagen aus der Stadt heraus zu einem kleinen Ort, vielleicht 30 oder 40 Kilometer von Lemberg. Dort waren schon deutsche Truppen eingezogen, aber es schien nicht in dem Maße wie in Lernberg etwas geschehen zu sein. Ich sah Juden auf dem Marktplatz stehen und ganz ruhig miteinander reden. Die Restaurants waren offen, und ich, halb verhungert, ging dort hinein und aß zum ersten Male wieder richtig.
Eine deutsche Familie nahm sich dann meiner an und pflegte mich, bis ich mich wieder auf den Weg machen konnte, zurück ins Getto nach Kielce, wo meine Eltern und Brüder waren. Wenn ich schon sterben mußte, dann nicht allein, sondern mit ihnen zusammen.
Grünbart

DER SPIEGEL 11/1960
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