08.08.1956

ARMEEVerirrte Kugeln

In der Juli-Mitte wehten auf Ostberlins öffentlichen Gebäuden Fahnen, deren Bedeutung den meisten Betrachtern unbekannt war. Sie zeigten das Rot-Gelb -Violett der spanischen Republik, die vor
nunmehr siebzehn Jahren unter den Trümmern und Blutbächen des spanischen Bürgerkrieges erstickte.
Die Regierung der Sowjetzone und die SED feierten im engeren Kreis alter Kämpfer der Internationalen Brigaden im Kultursaal der "Elektro-Apparate-Werke J. W. Stalin" in Berlin-Treptow den Tag, an dem sich der Beginn des spanischen Bürgerkrieges zum 20. Male jährte, jenes Krieges, um den die stalinistische Geschichtsschreibung wegen seines unerfreulichen Ausgangs nicht allzuviel Aufhebens gemacht hatte.
Um so auffallender mußte es sein, daß die Regierung der Sowjetzone diesen Gedenktag zum Anlaß einer demonstrativen Feier nahm. Da die Spitzen der Regierung gerade in Moskau waren, hielt der amtierende Ministerpräsident, Heinrich Rau - weiland Kommandeur der XI. Internationalen Brigade in Spanien -, die Gedenkrede.
Bei dieser Gelegenheit stiftete die Regierung zu den bereits vorhandenen über 35 Orden und Ehrenzeichen der "DDR" einen exklusiven neuen Orden: "Die Hans-Beimler-Medaille". Ausgerechnet dem Ulbricht-Widersacher Franz Dahlem, der eben politisch rehabilitiert wurde, jedoch seinen Politbürostuhl noch nicht wieder besteigen darf, heftete Heinrich Rau als einem der ersten die neue Plakette an die Brust.
Auch drei führende Politoffiziere der "Nationalen Volksarmee" - wie Rau und Dahlem alte Interbrigadisten - wurden in den neuen Traditionsorden aufgenommen:
- Generalleutnant Heinz Hoffmann, 45, Vertreter der Volksarmee im Oberkommando der Ostblockstaaten in Moskau:
- Chefinspekteur Herbert Grünstein, 44,
Schwiegersohn von Anna Pauker, Stellvertreter des Ministers des Innern;
- Richard Staimer, 49, ehemaliger Pieck -Schwiegersohn und Chef der Wehrsportorganisation "Gesellschaft für Sport und Technik".
Die plötzliche Begeisterung für die spanischen Bürgerkriegskämpfe kommt nicht von ungefähr. Sie entspricht dem in Ostberlin als dringlich geltenden Bedürfnis, der sich formierenden "Nationalen Volksarmee" außer den ideologischen Korsettstangen auch so etwas wie eine nationale Tradition zu verpassen. Nach jahrelangem Suchen scheint die SED nunmehr in den deutschen Interbrigadisten des spanischen Krieges das soldatisch-militärische Leitbild gefunden zu haben.
Daß es nun gerade Spanienkämpfer Hans Beimler war, der zum neuen Nationalhelden avancierte, hat einen etwas makabren Hintergrund. Denn in der roten Walhalla war dem toten KPD-Spitzenfunktionär der dreißiger Jahre bisher kaum Lorbeer gewunden worden. Die Umstände, unter denen der Politkommissar der Internationalen Brigaden Hans
Beimler im Dezember 1936 in den Kämpfen um Madrid sein Leben verlor, sind recht umstritten.
Beimler, Arbeitersohn aus dem Bayrischen Wald, hatte sich der KPD gleich nach ihrer Gründung angeschlossen. Anfang der dreißiger Jahre saß er im Zentralkomitee der Partei und gehörte dem Reichstag an. Im April 1933 schafften ihn die Nationalsozialisten ins Konzentrationslager. Aber schon nach vier Wochen gelang Beimler die Flucht ins Ausland
Der internationale Warndienst der "Roten Hilfe", in dem Ulbricht und Pieck maßgeblichen Einfluß hatten, riet allen Emigrantengruppen zur Vorsicht: Möglicherweise sei Beimler von der Gestapo "umgedreht". Trotzdem war Beimler nach dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges einer der ersten, die unter kommunistischen Emigranten freiwillige Legionäre sammelten.
Während Stalin noch mit seiner Entscheidung über eine sowjetische Intervention in Spanien zögerte, organisierte Beimler in Marseille bereits die erste Thälmann-Hundertschaft, aus der später die Thälmann-Brigade wurde, eine renommierte Kampfgruppe. Die kommunistischen Legionäre wählten Beimler zu ihrem Politkommissar.
In Spanien geriet Beimler jedoch bald mit sowjetischen Kommissaren über Kreuz, die mit allen Mitteln den sowjetischen Führungsanspruch in den Interbrigaden sichern wollten. Dieser Kampf hatte seinen ersten Höhepunkt, als Franco den Stadtrand von Madrid erreichte und begann, die Hauptstadt zu belagern.
Beimler, dem damals auch Heinrich Rau nahestand, hatte angesichts der kritischen militärischen Lage an der Front zuwenig Sinn für blutige Fraktionsintrigen in der Etappe. Er trat mit wenigen anderen gleichgesinnten KP-Offizieren für eine Einheitsfront ein, solange die Kämpfe währten.
Das war der Anfang von Beimlers Ende. Im November 1936 wurde er ins Hinterland abgeschoben, mit dem "Spezialauftrag", Maulesel zu besorgen. Doch meuternde Gruppen der französischen Brigadisten verlangten mit Erfolg Verhandlungen über
den deutschen Kommissar. Kurz darauf erhielt Beimler den Befehl, mit einem anderen deutschen Politkommissar, Luis Schuster, und einem als Vertrauensmann der Sowjets bekannten dritten Offizier ein Spähtrupp-Unternehmen an einer Frontstelle durchzuführen, an der sich die Gegner teilweise auf Handgranaten-Wurfnähe gegenüberlagen.
Auf diesem für Politkommissare völlig ungewöhnlichen Unternehmen fielen Beimler und Schuster nach dem offiziellen Bericht der XI. Internationalen Brigade vom 5. Dezember 1936 durch "verirrte Kugeln", obwohl ihr Einsatzstreifen theoretisch gesichert war.
In dem unter so mysteriös ums Leben gekommenen Hans Beimler entdeckte nun die SED ein zeitnahes Exempel deutschproletarischen Kämpfertums, das der "Nationalen Volksarmee" als Leitbild präsentiert werden kann. Eine ganze Woche lang hatte darum die Zonenpresse der Auflage nachzukommen, die Rolle der Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg zu glorifizieren. Die staatliche Filmproduktion "Defa" brachte einen Gedenkfilm "Mich dürstet" mit politischen Lektionen, und der "Verlag des Ministeriums für nationale Verteidigung" publizierte eine Tornisterbroschüre für die "Nationale Volksarmee" von Gustav Szinda: "Die XI. Brigade".
Eine außenpolitische Sensation dieser Gedenkwoche war es, daß sich unter den Ehrengästen aus den Reihen der "Interbrigaden" der jugoslawische Generalleutnant Srecka Manola befand, den Titos "Bund der Kommunisten" erstmals als offiziellen Vertreter nach Ostberlin gesandt hatte.
So kommt es, daß Mitteldeutschlands Rekruten in den Lesezimmern ihrer Unterkünfte immer mehr Broschüren und Bücher finden, in denen vom spanischen Bürgerkrieg die Rede ist. Aber auch diese Broschüren werden ihnen nicht Gewißheit darüber verschaffen, ob ihr neuestes Idol Beimler nun von vorn oder von hinten erschossen wurde.
Aufbahrung des Politkommissars Beimler (1936): Woher kam der Schuß?
Sowjetzonale Ernst-Beimler-Medaille: Vorbild proletarischen Kämpfertums
Spanienkämpfer Rau, Staimer (l. u. M.): Neuentdeckte Tradition

DER SPIEGEL 32/1956
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