22.08.1956

BERGBAU / URANFlicks Versuchsschacht

Zwischen der provisorischen Hauptstadt Bonn und dem nordbayrischen Industrie-Ort Sulzbach-Rosenberg pendelten in letzter Zeit Kuriere, die dem Bundesminister für Atomfragen, Franz-Josef Strauß, versiegelte Mappen überbrachten. Der Inhalt dieser Dossiers gewann für Strauß an Bedeutung, seit er sich sehr intensiv mit der Frage befaßt, ob die in der atomaren Entwicklung zurückgebliebene Bundesrepublik diesen Rückstand aufholen kann, wenn sie sich eine - auch noch so bescheidene - eigene Atombrennstoffquelle schafft.
Die Möglichkeit, eine solche Quelle zu erschließen, bietet sich dem Minister Strauß in seiner bayrischen Heimat - im Fichtelgebirge, wohin die Eisenwerksgesellschaft Maximilianshütte AG, eine Tochtergesellschaft des Friedrich-Flick-Konzerns in Sulzbach-Rosenberg, bereits vor fünf Jahren Uransucher aussandte.
Am heftigsten reagierten die Geigerzählrohre der Suchtrupps am Rudolfstein und am Nordosthang des Schneebergs bei Weißerrstadt (siehe Karte). Durch Probebohrungen stellten Fachleute fest, daß in dieser Gegend in vier Sohlen bis zu einer Tiefe von 200 Metern die ergiebigsten Uranvorkommen der Bundesrepublik lagern.
Daraufhin wurde der Flickschen Maximilianshütte in aller Stille die offizielle Konzession erteilt, weiter nach Uran zu forschen und bei Weißenstadt einen Versuchsschacht in Betrieb zu setzen. Die Maxhütten-Leute förderten inzwischen etwa 50 Tonnen uranhaltigen Gesteins zutage, die anschließend von der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt (Degussa) in Frankfurt am Main aufbereitet worden sind. Flicks Hüttendirektion aus dem nordbayrischen Sulzbach-Rosenberg konnte dem Atomminister Strauß bereits einen fünf Kilogramm schweren Würfel Uranmetall höchster Reinheit überreichen - die erste kompakte Ausbeute aus dem Versuchsbergwerk im Fichtelgebirge.
In Flicks Konzessionsbereich werden etwa 100 000 Tonnen Uranerz vermutet, die bei einem Durchschnittsgehalt von 500 Gramm reinem Uran je Tonne Fördergut etwa 50 Tonnen Uran ergeben sollen.
Der Gestehungspreis des deutschen Urans liegt allerdings wegen der hohen Aufbereitungskosten der uranarmen Erze mit 675 bis 700 Mark je Kilogramm weit über dem internationalen Durchschnitt. (In Amerika kostet die gleiche Menge etwa 200 Mark.) Trotzdem soll die Flicksche Uranfundgrube möglichst bald zu einem modernen Bergbaubetrieb ausgebaut werden, denn Minister Strauß ist während seiner verschiedenen Auslandreisen, als er in Madrid, Stockholm, London und Washington wegen Uran-Ankäufe anfragte, überall auf Ablehnung gestoßen.
Erst nach zähen Verhandlungen bewilligten die Amerikaner kürzlich dem bundesdeutschen Atomminister eine Leihgabe von Brennstoffelementen, die zusammen zwölf Kilogramm Uran 235* - den wirksamen Bestandteil des Urans - enthalten sollen. Diese Brennstoffelemente werden zusammen mit den in Amerika bestellten drei Forschungsreaktoren geliefert. Die Engländer, die zwei Reaktoren für die Bundesrepublik bauen, wollen Strauß ebenfalls nur eine bescheidene Menge Brennstoffelemente leihen.
Strauß mußte vertraglich garantieren, daß die verbrauchten Elemente später an die amerikanische und die englische Atomenergiebehörde zur chemischen Aufbereitung zurückgeliefert werden. Wörtlich heißt es in dem deutsch-britischen Atomabkommen vom 31. Juli dieses Jahres: "Die Bundesregierung verpflichtet sich, sicherzustellen, daß Unterlagen über die Höhe der Betriebsleistung im Betrieb und den Verbrauch an Reaktor - Brennstoffen geführt werden und daß darüber jährlich oder zu Fristen, die im Zusammenhang mit der Aufbereitung der bestrahlten Brennstoffe erforderlich sind, an die (Atomenergie-)Behörde berichtet wird." Damit sicherten sich die Angloamerikaner die Kontrolle der Reaktorbetriebe.
Uran unter Adenauers Rosenbeeten?
Nirgendwo im Ausland konnte Strauß auch nur ein Gramm Uran käuflich erwerben, weil man dort ganz offensichtlich fürchtet, die westdeutsche Industrie könnte ihren Rückstand auf atomarem Gebiet - besonders im Bau von Atomkraftanlagen und Schiffen mit Atomantrieb - sehr bald aufholen und darin zu einem gefährlichen Konkurrenten werden.
Noch vor wenigen Wochen forderte der amerikanische McKinney-Ausschuß - ein Gremium von Politikern, Wirtschaftlern und Wissenschaftlern, das sich laufend mit Atomfragen beschäftigt - die Regierung in Washington zu verschärfter Wachsamkeit gegenüber den deutschen Atombestrebungen auf. Das Problem, wie man die deutsche Entwicklung auf dem Gebiet der Atomenergie in die "rechte Bahn" lenken könne - so hieß es in einem Expertenbericht - gehöre zu den wichtigsten internationalen Atomproblemen überhaupt.
Durch die Absagen des Auslandes wurde Minister Strauß immer mehr auf den steinigen Pfad der Autarkie gedrängt, der in das Flicksche Urankonzessionsgebiet bei Weißenstadt führt. Dieser Landstrich wird sehr bald eine ähnliche Bedeutung haben wie das sowjetzonale Aue. Strauß brennt darauf, das Uranversuchsbergwerk der Maxhütte möglichst schnell so weit auszubauen, daß es jährlich sieben bis acht Tonnen Uran liefern kann. In dieser Menge ist etwa viermal soviel Uran 235 (dem wirksamen Uranbestandteil) enthalten wie in der amerikanischen Leihgabe. Die bescheidene Fichtelgebirgsproduktion würde ausreichen, um zunächst den einzigen Atommeiler zu speisen, der in Westdeutschland selbst gebaut wird und in Karlsruhe aufgestellt werden soll.
Der alte Konzernherr Friedrich Flick hat es aber mit dem Ausbau der Uranfundgrube bei Weißenstadt nicht so eilig wie Atomminister Strauß. Für Flick ist der Uranbergbau nur dann interessant wenn der Staat das Geld für den zügigen Anlauf des Förderbetriebes vorschießt. Die Direktion der Flickschen Maximilianshütte AG hat bereits eine Aufstellung der Zuschüsse nach Bonn geschickt, die Flick vom Staat erwartet, wenn er den Uranbergbau ankurbeln soll. Sofort benötigt werden 2,2 Millionen Mark, davon sind 500 000 Mark als Lohnzulagen für die Uranbergleute vorgesehen. (Laut Bundeshaushaltsplan stehen dem Minister für Atomfragen in diesem Jahr ganze 2,5 Millionen Mark für die Förderung des Uranbergbaues und der Uransuche zur Verfügung.)
Zur Zeit wird in Straußens Ministerium an dem Plan gearbeitet, eine Uran-Bergbaugesellschaft zu gründen, deren Anteile zu zwei Drittel in staatlicher Hand bleiben sollen. Den Rest könnte Flick übernehmen.
Um dem etwas halsstarrigen Flick zu beweisen, daß es auch noch andere Gesellschaften gibt, die das Risiko der Uransuche und Versuchsförderung auf sich nehmen, wurde vor kurzem der Bayerischen Braunkohlen - Industrie AG (BBI) in Schwandorf, einem Tochterunternehmen der Elektrizitätsgesellschaft Bayernwerk, eine Aufsuchungskonzession für ein weitläufiges Gebiet erteilt, das direkt an das Flicksche Konzessionsrevier grenzt und bis an die österreichische Grenze bei Passau reicht. Nach Ansicht der Geologen soll in diesem bergigen Terrain mehr Uran zu holen sein als im Schwarzwald, im Waldecker Bergland und im Harz, wo bereits vor längerer Zeit Probebohrungen vorgenommen worden sind.
Bundesminister Strauß möchte alle diese Forschungen weitertreiben. Da aber sein Etat ebenso dürftig ist wie die bisherige Uran-Ausbeute, und da die Bundesregierung wegen des wehrpolitischen Engagements mit Geld für Forschungszwecke aller Art ebenso knausert wie Amerika mit seinen Uranleihgaben an Westdeutschland, ersuchte Minister Strauß die westdeutsche Wirtschaft, die geologischen Untersuchungen zu fördern
Neuerdings betätigen sich Uranspürer sogar in der nächsten Umgebung des Straußschen Atomministeriums. Sie tasten das Rheinische Siebengebirge mit Spürinstrumenten ab. Dabei will ein besonders eifriger Meßtrupp auf eine uranführende Gesteinsschicht gestoßen sein, die bis in die Nähe der Rhöndorfer Rosenbeete des Bundeskanzlers Konrad Adenauer reichen soll.
* Uran 235 ist im natürlichen Uran nur zu 0,7 Prozent enthalten
Atomminister Strauß mit amerikanischem Recktor-Konstrukteur: Uran nur leihweise

DER SPIEGEL 34/1956
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