22.08.1956

GAGENEin Notkartell?

Seit die deutsche Filmindustrie von einer Konjunktursaison zur anderen hastet und immer mehr und immer teuerere Filme dreht, macht sich immer stärker ein Mangel bemerkbar, unter dem das deutsche Schaugewerbe bisher nie zu leiden hatte: der Mangel an geeigneten Darstellern. Das Star-Angebot reicht nicht mehr für die Rekordzahl von 142 Filmen, deren Herstellung Deutschlands Filmproduzenten für die Kinosaison 1956/57 angekündigt haben*.
Da sich die deutschen Filmproduzenten in den vergangenen Jahren nicht darum bemüht haben, eine entsprechende Nachwuchsgeneration von Darstellern heranzubilden, macht heute die Besetzung, eines Films mitunter mehr Schwierigkeiten als die Finanzierung. Die wenigen zugkräftigen, erprobten Schauspieler hetzen von Atelier zu Atelier - und schrauben von Film zu Film ihre Gagenforderungen in die Höhe.
Sagt der Produzent mit dem umfangreichsten Produktionsprogramm, der Chef der CCC-Film, Artur Brauner: "Wer im letzten Jahr noch für fünf Mille zu haben war, tut es heute nicht mehr unter 10 000 Mark, und wer vor ein paar Monaten noch bereit war, für 10 000 Mark seine Hüften zu wiegen, verlangt für die gleiche Tätigkeit jetzt das Doppelte. Ich mache nicht mehr mit, ich zahle keine Irrsinnsgagen mehr."
Daß die meisten Filmproduzenten mittlerweile ähnlich dachten, zeigte sich gegen Ende des vergangenen Monats. In einem beschwörenden Warn- und Mahnbrief forderte der Produzentenverband den Verband der Filmverleiher zu gemeinsamem Handeln auf, "um der nicht mehr zu verantwortenden Verteuerung unserer Produktion durch überhöhte, sachlich nicht gerechtfertigte Gagen entgegenzutreten".
Die Gagen hätten eine solche Höhe erreicht, klagten die Produzenten, daß sie die Rentabilität der deutschen Filmproduktion gefährdeten. "Ein Stillstand dieser Aufwärtsbewegung ist nicht abzusehen, da der Mangel an bekannten und publikumswirksamen Darstellern die Gagen nach oben treibt."
Welche Höhe Gagen bereits erreicht haben, läßt sich an der Tatsache ablesen, daß nun schon sechs deutsche Filmschauspieler 100 000 Mark und mehr je Film bekommen: O. W. Fischer, Curd Jürgens, Maria Schell, O. E. Hasse, Hans Albers und Caterina Valente.
Aber, erläuterten die Produzenten: "Es handelt sich hier in erster Linie nicht um Spitzenstars, die auch international gesehen stets eine Ausnahmestellung haben, sondern vielmehr um die Gagen der wichtigen mittleren Schauspieler und Chargen, die heute bereits Beträge, und zwar sowohl Pauschal- wie Tagesgagen, erhalten, die in keinem Verhältnis mehr zu ihrem Marktwert stehen."
Zu dieser breiten Mittelschicht gehören Talente wie Sonja Ziemann, Nadja Tiller, Rudolf Prack und Adrian Hoven, deren Gagen zwischen 35 000 und 75 000 Mark je Film schwanken. Zu diesen Arrivierten gehören aber auch die routinierten Filmkomiker; sie können gar nicht alle Verträge unterschreiben, die ihnen in dieser Saison angeboten werden. So mußte beispielsweise ein Joe Stöckl in den letzten vier Monaten 12 Angebote ablehnen. Oskar Sima hat sich schon für 14 Filmrollen verpflichtet, Rudolf Carl für elf, Beppo Brem für neun, Georg Thomalla, Hans Moser und der erst kürzlich für den Film entdeckte Rudolf Vogel haben Verträge über je acht Filmrollen abgeschlossen. Theo Lingen, Rudolf Platte, Gunther Philipp und Paul Hörbiger werden in je fünf Filmen spielen.
Sie belasten den Gagen-Etat eines jeden Films ebensosehr wie die teueren Chargen. Darsteller wie Erich Ponto und Paul Bildt kassieren pro Drehtag bis zu 3000 Mark.
In den meisten Fällen aber sind die deutschen Filmproduzenten das Opfer ihrer eigenen Hysterie geworden. Symptomatisch ist der Fall des österreichischen Schauspielers Rudolf Lenz: Als eine kleine österreichische Filmfirma, die Wiener Rondo-Produktion, im vorletzten Jahr einen Kulturfilm über die Tierwelt Österreichs drehte, stellte sich nach dem Entwickeln der Filmrollen heraus, daß die Farbaufnahmen über alle Erwartungen gut gelungen waren. Die Produktion beschloß daraufhin, eine kleine Handlung in die bereits gedrehten Naturaufnahmen einzubauen und so den Film auf abendfüllende Länge zu strecken.
Das sollte möglichst billig werden, deshalb verpflichtete die Rondo-Produktion zwei mittelklassige Schauspieler: Rudolf Lenz, einen hölzernen Liebhaber, und Anita Gutwell, ein Wiener Pummerl. Beide spielten ihre Rollen für das sprichwörtliche Butterbrot. Aber nun trat das Unerwartete ein: Der Film, mit dem Titel "Der Förster vom Silberwald", wurde ein Millionenerfolg.
Risikobeteiligung für Schauspieler
Für alle Kritiker stand fest, daß der Film nicht etwa wegen der nachträglich eingebauten, faden Handlung oder wegen der beiden Hauptdarsteller ein Erfolg geworden war, sondern wegen der Natur- und Tieraufnahmen. Trotzdem überboten sich die Produzenten sogleich, um die beiden Darsteller des Erfolgfilms nun ebenfalls für eine Hauptrolle zu ergattern. Heute bekommen die beiden Schauspieler, die vor dem Alpen-Panorama des Silberwaldes ohne eigenes Zutun in die Starkategorie hineingerutscht sind, die gleichen Gagen wie erprobte Schauspieler mit "Verkaufsnamen": Rudolf Lenz bekommt 60 000 Mark und Anita Gutwell 40 000 Mark je Film.
Aber auch unbekannte Schauspieler, die sich in Deutschland noch nicht in einem Kassenfilm bewährt haben, wurden aus unerfindlichen Gründen mit Stargagen bedacht. So wird wahrscheinlich Dr. Wolf Schwarz die geheimnisvollen Gründe nicht preisgeben, derentwegen er als Vorstandsmitglied der "Bavaria" der in Deutschland unbekannten französischen Schauspielerin Odile Versois, der älteren Schwester Marina Vladys, für eine Rolle in dem Bavaria-Film "Herrscher ohne Krone" 75 000 Mark Gage plus 15 000 Mark Spesenpauschale zahlte.
Schon einmal hatten sich die deutschen Produzenten aufgerafft, die Gagenspirale wieder zusammenzudrücken Am 5 September des vergangenen Jahres gründeten sie in Berlin die "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Filmproduzenten", die prompt beschloß, eine sogenannte Gagenkartei anzulegen.
Alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft sollten sich verpflichten, der Zentralkartei die von ihnen gezahlten Gagen zu melden. Die Zentralkartei wiederum sollte die anderen Mitglieder informieren. So wollten die Produzenten jegliche Gagentreiberei von vornherein unmöglich machen.
Die auf der Gründungsversammlung im Berliner "Hotel am Zoo" zur Schau getragene Einmütigkeit der Produzenten bröckelte indessen bald ab. Zwar trafen sich die Beiräte der Arbeitsgemeinschaft noch einige Male, aber das Problem der steigenden Gagen vermochten auch sie nicht zu lösen.
Schnell wurde ein neuer Dreh gefunden, die selbstgeschaffene Kontroll-Instanz irrezuführen. Brav teilten die Filmhersteller der Zentralkartei die Höhe der Gagen-Summe mit. Daß ein Schauspieler aber als zusätzliches Honorar beispielsweise noch einen Mercedes 180 bekam, brauchte nach den Abmachungen nicht gemeldet zu werden, die lediglich Angaben über die Höhe der Beträge vorsahen.
Nachdem der Berliner Arbeitsgemeinschaft, die noch heute besteht, kein Erfolg beschieden war, versuchten die sich gegenseitig mißtrauenden Filmproduzenten das Problem auf andere Weise zu lösen. Die neuen Bestrebungen gingen von der Auffassung aus, die der Filmjournalist Hans R. Beierlein in der Münchner "Abendzeitung" niedergelegt hatte.
Beierlein riet den Produzenten: "Ich würde folgenden Brief an unsere hochbezahlten Stars schreiben. Sie sind davon überzeugt, daß Ihr Name die Menschen in Scharen ins Kino lockt. Ich bin nicht dieser Meinung. Aber lassen Sie sich Ihren Glauben nicht nehmen. Ganz im Gegenteil. Ich möchte Ihre Überzeugung nämlich zur Grundlage eines neuen Arbeitsverhältnisses machen. Sie bekommen - wie immer - Ihre, na sagen wir, 100 000 Mark. Die Hälfte bar auf den Tisch des Hauses, mit der anderen Hälfte gehen Sie ins Risiko."
Weiter: "Das kann Ihnen ja nichts ausmachen, denn Sie sind der festen Überzeugung, daß es Ihre Zugkraft ermöglicht, daß der Film nicht nur sein Geld einspielt, sondern auch Gewinn abwirft. In diesem Falle also werden Sie voll und ganz auf Ihre Kosten kommen. Geht die Rechnung nicht auf, dann nehmen Sie Ihrem Produzenten, der weit mehr investierte als Sie selbst, einen Teil des Risikos ab. Er wird es Ihnen sicher nicht vergessen."
Über eine solche Risikobeteiligung des Stars berieten vor drei Monaten die Filmhersteller mit den Agenten der Schauspieler. Die Vertreter des "Verbandes Deutscher Filmproduzenten" und die Abgesandten des "Verbandes deutscher Film-Manager" wurden sich überraschend schnell einig und formulierten am 2. Juni ein Übereinkommen, das eine echte Risikobeteiligung der Schauspieler vorsah. Produzenten und Manager hatten eine gleitende Skala für alle Darsteller ausgearbeitet, deren Gage 25 000 Mark je Film überschreitet.
Die Schauspieler meuterten
Diese Darsteller sollten einen Teil ihrer Gage erst dann erhalten, wenn der Film die Herstellungskosten oder sogar einen Gewinn eingespielt hatte. Zum Beispiel sollten einem 40 000-Mark-Star während der Drehzeit erst einmal 30 000 Mark ausgezahlt werden; 10 000 Mark sollten als ,Risikoanteil" eingefroren bleiben, bis der Film sich als Kassenerfolg erwiesen hatte. Je höher die Gage, desto höher sollte auch der Risikoanteil sein: Bei 80 000 Mark sollten 35 000 Mark zurückgehalten werden, bei 100 000 Mark sogar 50 000 Mark.
Das Abkommen war schon von den Unterhändlern unterzeichnet worden und sollte vorbehaltlich der Zustimmung der beiden Verbandsvorstände in Kraft treten, da meuterten die Schauspieler. Wenn sie schon einerseits am Risiko - und mithin auch am Verlust - beteiligt sein sollten, so wollten sie andererseits ebenso an einem möglichen Gewinn partizipieren.
Doch das lehnten die Produzenten ab. Der zweite Versuch, die Gagen-Inflation zu stoppen, war gescheitert.
Ende des letzten Monats schließlich schlug der Produzentenverband in seinem Brief an die Filmverleiher eine Reihe von radikalen Maßnahmen vor. Die Filmhersteller wollen eine "vernünftige Gagenregelung notfalls auf dem Wege eines genehmigungspflichtigen Notkartells" anstreben. Sie empfehlen:
- Gagenstopp von mindestens einjähriger Dauer.
- Bei höheren Gagen wird ein Teil der Summe erst ausgezahlt, wenn die Herstellungskosten des Films wieder eingespielt worden sind.
- Alle im deutschen Film arbeitenden Schauspieler werden klassifiziert und in Gagengruppen eingeteilt.
- Produzenten, die sich nicht an diese Bestimmungen halten, werden mit hohen Konventionalstrafen belegt.
Anfang September sollen die Einzelheiten des geplanten Notkartells, das vom Bonner Wirtschaftsministerium genehmigt werden müßte, auf einer Sitzung der Produzenten und Verleiher ausgearbeitet werden.
* Vor dem Kriege produzierte die deutsche Filmindustrie für das größere Reichsgebiet durchschnittlich nur 90 bis 110 Filme.
100 000-Mark-Stars Fischer, Maria Schell, Albers, Hasse, Caterina Valente, Jürgens: "Lassen Sie sich Ihren Glauben nicht nehmen"
"Bavaria"-Schauspielerin Odile Versois
75 000 Mark - wofür?
"Silberwald"-Paar Anita Gutwell, Lenz
Zusammen 100000 Mark je Film

DER SPIEGEL 34/1956
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