28.11.1956

ZONENGRENZE / GESCHICHTEWohin gehört Fehmarn?

Die 12 766 Einwohner der schleswig-holsteinischen Insel Fehmarn können der Liste jener Manner, die sich Verdienste um ihr Eiland erworben haben, einen neuen Namen einfügen: den des britischen Diplomaten Lord Strang. Ihm allein verdanken sie es, daß sie 1945 nicht ein Teil der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands wurden, sondern unter die Oberhoheit der britischen Militärregierung kamen.
Diese überraschende Tatsache wird in einem Buch mitgeteilt, das in diesen Tagen in England erschienen ist. Es sind die Erinnerungen des britischen Diplomaten Sir William Strang, der 1953 den Dienst quittierte, nachdem er 34 Jahre im britischen Auswärtigen Dienst gestanden hatte, und der seit 1954 Baron Strang of Stonesfield ist. Lord Strang legte das Manuskript seiner Memoiren vor dem Druck dem Foreign Office zur Begutachtung vor, und dieses Amt zeigte sich "großzügig in der Einschätzung dessen, was das öffentliche Interesse an Enthüllung oder Kommentar erlaubt".
In dem Buch ist freilich nicht nur zu lesen, wie die Insel Fehmarn der westlichen Welt erhalten blieb. Lord Strang erläutert auch, warum die westlichen Alliierten 1945 den Sowjets eine deutsche Zone zugestanden, die 47 Prozent des Reichsgebiets von 1937 sowie 38 Prozent seiner Bevölkerung umfaßt und damit entschieden größer ist als jede der westlichen Zonen. Für den Sinn dieser Regelung konnten die Historiker bisher keine rechte Erklärung anbieten.
Strang war der britische Vertreter in jenem alliierten Komitee, das die Zonengrenzen durch Deutschland zog. Er sagt jetzt freimütig, warum diese Linie für den Osten militärisch höchst günstig wurde, nämlich so, daß sie an einer Stelle nur 150 Kilometer vom Rhein entfernt ist: Die Westmächte glaubten, der Sowjet-Union ein besonders großes Stück deutschen Gebiets anbieten zu müssen, weil sonst nach ihrer Auffassung Gefahr bestand, daß die Sowjet-Armeen an den Grenzen Deutschlands haltmachten und den erschöpfenden Endkampf mit der Wehrmacht den Engländern und den Amerikanern allein überlassen würden.
Strangs Buch beweist wieder einmal, mit welcher Sorglosigkeit die Westmächte während des Krieges an das dachten, was danach kommen sollte. Winston Churchill, Englands Kriegspremier, gestand schon in seinen Erinnerungen ein, daß er sich während des Krieges unter dem Druck der militärischen Ereignisse lange Zeit überhaupt nicht um die Frage gekümmert hatte, wie nach dem alliierten Siege die Besatzungszonen abgegrenzt werden sollten.
England, Amerika und die Sowjet-Union hatten zwar gegen Ende 1943 beschlossen, die "European Advisory Commission" (EAC) einzusetzen. Diese "Beratungskommission für Europa" sollte sich mit dem Problem befassen, doch beichtet Churchill, daß die Pläne dieses Gremiums wegen Zeitmangels lange überhaupt nicht vor das Kabinett kamen.
"Die Frage der russischen Besatzungszone in Deutschland", schrieb Churchill nicht ohne nachträgliches Bedauern, "spielte ... bei unseren anglo-amerikanischen Diskussionen kaum eine Rolle... Eine russische Zone in Deutschland blieb eine akademische Vorstellung ..."
Strang enthüllt nun, warum die "akademische Vorstellung" in der EAC jene praktische Gestalt annahm, die heute für Politiker und Strategen des Westens ein Alptraum ist. Gemeinsam mit dem damaligen amerikanischen Botschafter in London, John Winant - er beging später Selbstmord -, und dem sowjetischen Botschafter Fjodor Gusew konferierte Strang auf 120 Sitzungen neunzehn Monate lang in London.
Strang bezeugt, daß alle Vereinbarungen der Kommission von den Regierungen glatt genehmigt wurden. "Die Gesamtsumme unserer Leistungen, als Ganzes betrachtet, war eindrucksvoll," freut sich Strang noch heute. Mit dem Stolz des Berufsdiplomaten, der sich einem Politiker - wie seinem Außenminister - überlegen fühlt, fügt er hinzu: "Was mehr ist: Die von der Kommission getroffenen Vereinbarungen wurden anders als manche von denen, die von erhabeneren Konferenzen ausgearbeitet wurden, auch in die Tat umgesetzt."
Er räumt freilich ein, daß die Sowjets die Verhandlungen in der EAC verschleppten. Anfang 1945 etwa mußte die Kommission ihre Arbeiten neun Wochen ruhen lassen, weil Botschafter Gusew keine Zeit zu einer Sitzung fand. Strang erkennt heute nachträglich, daß die Sowjets wohl meinten, die Zeit arbeite für sie - "je mehr sie in Mitteleuropa vordrangen, desto mehr würde sich ihre Position bei dem Handel verbessern."
Gusew, den Strang heute noch "einen finsteren, ziemlich hölzernen Menschen" nennt, scheint bei den Angelsachsen den Eindruck genährt zu haben, die sowjetische Lust zum Vormarsch in Europa sei begrenzt. Jedenfalls erläutert Strang die Konzessionen, die England und Amerika damals den Sowjets wegen des Umfangs ihrer Zone machten, ausdrücklich mit der Befürchtung, die Sowjets könnten sonst an der deutschen Reichsgrenze stehenbleiben:
"Es konnte nicht vorausgesehen werden, wie weit die westlichen alliierten Streitkräfte nach Deutschland vorstoßen würden. Es bestanden immer noch Zweifel darüber, ob die sowjetischen Armeen die deutsche Grenze überschreiten würden. Es schien unserer Regierung, daß es von Vorteil wäre, wenn sie (die Sowjets) ermuntert würden, mit uns bis zum Ende zusammenzuarbeiten."
Als zusätzliche Gründe dafür, daß Stalins Armeen so weite Gebiete überlassen wurden, nennt Strang Befürchtungen der englischen Militärs, sie selbst würden nach dem Kriege nicht genügend Soldaten haben, um eine sehr große Zone besetzt zu halten. Außerdem habe man berücksichtigen müssen, daß die Sowjetzone vielleicht durch eine Änderung der deutschen Grenzen zugunsten Polens verkleinert werden könnte.
"Wenn wir versucht hätten, die Grenzen der Sowjetzone sehr weit nach Osten zurückzustecken", faßt Strang jedoch zusammen, "wäre es fast gewiß überhaupt nicht zu einer Vereinbarung gekommen."
Einen Trost, der die "eindrucksvolle Gesamtsumme unserer Leistungen" rechtfertigen soll, findet er freilich: "Wenn es zu dem Zeitpunkt, zu dem die westlichen Streitkräfte 1945 mit den sowjetischen bei Torgau an der Elbe zusammentrafen, kein Abkommen gegeben hätte, dann hätten wir und die Amerikaner vielleicht eine Regelung aushandeln können, die die Ostgrenze unserer Zonen an die Elbe verlegt hätte, mehr als hundert Meilen östlich der Linie, auf die wir uns tatsächlich geeinigt hatten. Berlin aber, das die Russen bereits besetzt hatten, würde dann gewiß ein Teil der Sowjetzone geblieben sein."
Strang wirft auch die Frage auf, warum keinerlei Abmachungen über den freien Zugang der Westmächte nach Berlin durch die Sowjetzone getroffen wurden. Er entschuldigt sich: "Weder die britische noch die amerikanische Delegation erhielt Instruktionen, diese Frage während der Verhandlungen über Deutschland zu stellen." Strang gibt zu: "Die Möglichkeit einer Vereinbarung bestand damals, und vielleicht nur damals. Es mag ein Fehler gewesen sein, daß wir nicht versuchten, eine Klausel über den Zugang nach Berlin einem der Protokolle der 'European Advisory Commission' beizufügen."
In merkwürdigem Gegensatz zu der Großzügigkeit, mit der die Angelsachsen damals den Berlin-Verkehr behandelten und Land an die Sowjets verschenkten, steht der erbitterte Privatkrieg, den Strang auf eigene Faust um die Insel Fehmarn führte.
"Als wir die Grenzen der Besatzungszonen in Deutschland erörterten", so erzählt er, "versuchte Gusew zwei Monate hindurch, die Einbeziehung der Ostsee -Insel Fehmarn in die Sowjetzone zu erreichen. Nach dem Text unseres Entwurfs fiel die Insel zwar als Teil der Provinz Schleswig-Holstein, zu der sie gehört, klar in die britische Zone, aber der Zeichner, der die dazugehörige Landkarte entworfen hatte, hatte es etwas unklar gelassen, wohin sie fiel.
"Gusew machte sich das zunutze. Er kämpfte verbissen - wenn auch mit gelegentlichem Augenzwinkern, denn er wußte, daß er frech war -, um dies weitere Vordringen der Sowjets in der Ostsee in Richtung Dänemark durchzusetzen.
"Ich widersetzte mich nicht weniger verbissen, obwohl das Foreign Office mich ermächtigt hatte, nachzugeben. Ich blieb dabei, und eines Tages ließ Gusew die Forderung unschuldig fallen, als hätte sie nie etwas für ihn bedeutet."
Als Motto hat Lord Strang seinem Buch den Satz vorangestellt: "Animas fieri sapientiores quiescendo" - "Möchten die Geister weiser werden in Zurückgezogen heit."
* Lord Strang: "Home and Abroad"; Verlag André Deutsch, London, 1956; 21 shilling.
Sowjetischer Diplomat Gusew
Ober die russische Zone ...
Britischer Memoirenautor Strang
... nur akademische Vorstellungen

DER SPIEGEL 48/1956
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