28.11.1956

NAHER OSTEN / BEN-GURION Liebe zu Platon

David Ben-Gurion, der 70jährige Ministerpräsident von Eretz Yisrael, ist ein sehr eigenwilliger Verehrer der klassischen Philosophie und Literatur Griechenlands.
Jede freie Minute, die ihm sein Amt läßt, benutzt er, um sich in seine Privatbibliothek zurückzuziehen und Platon, Aeschylos und Sophokles in den Urtexten zu lesen. Selten versäumt er es in seinen Reden, die Weisheiten der griechischen Antike zu zitieren.
Und doch hatte sich bislang dem Kopfe des David Ben-Gurion ein zentrales Thema der griechischen Klassik nicht erschlossen. Als im letzten Jahr in den Theatern Israels der "König Ödipus" des Sophokles aufgeführt wurde, räsonierte der alte Mann: "Unsere Nation kann das Thema dieser Tragödie einfach nicht begreifen: die Idee, daß das Schicksal ungerecht sein kann, daß es das Geschick eines Menschen bestimmt, und daß ein Mann nicht Einfluß auf das Schicksal nehmen kann!"
Der Alte und der Staat Israel, der vor allem sein Werk ist, könnten ein lebendes Symbol für jene stolze Kritik am "Ödipus" sein. Ben-Gurion und seine Juden waren aus den elendsten Winkeln der Welt, in denen sie immer nur Werkzeug, nie Herr eines schier allmächtigen Schicksals gewesen waren, nach Israel gekommen. In einer Umwelt, die ihnen todfeind war, hatten sie, zum erstenmal seit Generationen, ihr Geschick selbst in die Hand genommen. Aus den vom Schicksal Geprügelten wurde ein hellwaches, handelndes, sich in den widerwärtigen Geschichtsläuften behauptendes Staatsvolk. Die Israelis wurden die "Preußen des Orients".
Mit Sorge hatte der inzwischen verstorbene erste Präsident des jungen Staates, der weltkluge und universal gebildete Chaim Weizmann, die Wandlung des jüdischen Volkes beobachtet, die sich auf dem Boden seiner historischen Heimat vollzog. "Ben-Gurion", so wetterte Chaim Weizmann einmal über den politischen "Realismus" seines Ministerpräsidenten, "ist nichts anderes als ein verdammter Faschist!"
Es war "politischer Realismus" gewesen, ein Versuch, das Geschick selbst in die Hand zu nehmen, als Ben-Gurion seine Truppen zum Präventivkrieg gegen Ägypten losbrechen ließ, obgleich er noch wenige Wochen vor Kriegsausbruch der Welt versichert hatte: "Wir werden nie einen Krieg beginnen. Wir glauben nicht, daß Kriege umfassende Lösungen historischer Probleme erzielen können."
Es war der Versuch gewesen, die Welt vor vollendete Tatsachen zu stellen, als Ben-Gurion, nachdem die Ägypter binnen sechs Tagen von der Halbinsel Sinai vertrieben worden waren, vor dem israelischen Parlament verkündete, daß die Vereinbarungen des ägyptisch-israelischen Waffenstillstandes von 1949 "tot" seien. "Keine Macht der Welt", so brüstete sich der Alte, "ist in der Lage, uns zu zwingen, daß wir uns wieder aus dem Sinai-Gebiet zurückziehen." Der Knesset, das Parlament, tobte vor Begeisterung.
Doch wenige Tage später erlebte der Politiker Ben-Gurion, daß man an einem Tag verlieren kann, was man in sechs Tagen mit den Waffen erobert hat. Er wurde zu der Erkenntnis gezwungen, daß die Geschichte den Politiker zuweilen als Hammer, zuweilen als Amboß benutzt.
Die Mächte, die stärker waren als Ben -Gurion und seine Soldaten, waren die Sowjet-Union und die Vereinigten Staaten. Als Moskau mit einer Intervention im Nahen Osten drohte, falls Israel die Beschlüsse der Vereinten Nationen ignoriere und seine Truppen aus dem Sinai-Gebiet nicht zurückziehe, schickte Präsident Eisenhower dem israelischen Ministerpräsidenten eine persönliche Botschaft. Darin hieß es, daß Israel keine Hilfe von den USA erwarten könne, wenn es von den Sowjets angegriffen werde, und der Aufforderung der Uno, seine Truppen von ägyptischem Gebiet zurückzuziehen, nicht vorher nachgekommen sei.
Als Ben-Gurion die Botschaft Eisenhowers erhielt, lag er mit schwerem Fieber danieder. Er stand sofort auf, brütete einige Stunden lang über dem Dokument und las dann bis tief in die Nacht hinein in dem Buch Hiob der Bibel.
Am nächsten Morgen - "ich habe keine Zeit, mich krank zu fühlen" - trat er vor den Knesset: "Die Regierung ist darauf vorbereitet, ihre Streitkräfte von den ägyptischen Territorien abzuziehen, wenn die Polizeitruppen der Vereinten Nationen die Zone des Suez-Kanals besetzt haben."
Parlament und Bevölkerung waren fassungslos. Für Israel schienen die Zeiger der Uhr wieder auf das Jahr 1949 zurückgedreht. Die Anstrengungen um den Aufbau des Staates und der Armee schienen zwecklos gewesen, das Blut in der Wüste Sinai schien sinnlos vergossen zu sein.
Wenige Tage später brachte die rechtsradikale "Herut-Partei" einen Antrag im Parlament ein, die Regierung wegen ihres Entschlusses zu rügen. Der Sprecher der Partei, Arie Ben-Eliezer, schimpfte: "Die Armee war auf dem Schlachtfeld siegreich, die Regierung dagegen unterlag im Nervenkrieg!"
Ben-Gurion aber verteidigte seinen Mut, sich dem Unabwendbaren in Demut zu fügen. Er zitierte Platon, um den Abgeordneten den Begriff von Mut zu erklären, den er in der Nacht, als er die Botschaft des amerikanischen Präsidenten erhalten hatte, gefaßt hatte:
"Jener Weise", so sprach Ben-Gurion, "ist der Meinung, daß Mut eine besondere Art des Wissens ist; des Wissens nämlich um das, was wirklich gefürchtet werden muß, und des Wissens um das, was nicht gefürchtet zu werden braucht!"
Das Parlament verzichtete auf die Lorbeeren des sechstägigen Blitzkrieges in der Sinai-Wüste und entschied sich mit 66 zu 13 Stimmen für die Weisheit des Platon.
Ministerpräsident Ben-Gurion
Was man an einem Tag verlieren kann

DER SPIEGEL 48/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.