19.12.1956

DYLAN THOMASHund unter der Haut

Am kommenden Samstag, dem letzten Wochenende vor Weihnachten, wird sich im Berliner Schiller-Theater der Vorhang vor einer Szenerie heben, die von eigentümlichen, kaum noch menschenähnlichen Kreaturen und Schemen belebt wird. "Unter dem Milchwald", das ursprünglich für den englischen Rundfunk geschriebene "Spiel für Stimmen" des 1953 im Alter von 39 Jahren verstorbenen Waliser Dichters Dylan Thomas, kommt ein halbes Jahr nach seiner Weltpremiere in Edinburgh nun auch aufs deutsche Theater.
Boleslaw Barlog, der Hausherr im Schiller-Theater, bleibt mit seiner Berliner Inszenierung nicht lange allein. Gustaf Gründgens in Hamburg und Hans Schweikart in München haben sich das Stück des Engländers ebenfalls für ihre Häuser gesichert.
Was damit dem deutschen Theaterpublikum bevorsteht, hat der Kritiker Friedrich Luft schon nach der Edinburgher Premiere so formuliert: "Thomas' quellende Sprache senkt sich wie ein warmer Regen über eine Landschaft des Alltags. Und siehe, nun blühen die Kleinstadtfiguren, werden spektakulär, werden in all ihrer Spießigkeit interessant, rund, tragisch oder komisch.
Es begibt sich "Unter dem Milchwald" nichts weiter als eides langen Kleinstadt -Tages Reise in die Nacht. Personen der Handlung sind "die Babies" und die Bauern, die Fischer, die Händler und Rentner, der Schuster, Schullehrer, Schankwirt und Briefträger, der Leichenbestatter und das leichte Weib, Säufer und Schneider, Pfarrer und Polizist, die schwimmfüßigen Muschelweiber und reinlichen Hausfrauen".
Alle diese Waliser Kleinstadttypen aber erscheinen bei Thomas verformt durch eine unbändige Phantasie. "Ein Dichter hebt heimlich das Dach von den Häusern", fand Friedrich Luft. Der Blick in das Innere erweist sich als Besuch in einem Menschen-Zoo, dessen Insassen nur durch die Gitterstäbe der Konvention daran gehindert werden, sich aus Gier oder Gemeinheit oder trunkener Verzückung selber oder gegenseitig zu zerfleischen. Mit der Fauna und Flora seiner Pans-Szenerie rührt Thomas an den Schlaf der Welt "unter dem Milchwald". Es melden sich anonyme Stimmen und die Stimmen Ertrunkener, zuweilen klopft und jault und schreit irgend etwas im Hintergrund.
Das wesentliche Ereignis des Stücks aber ist seine Sprache, die Luft "eine große Ohrenlust" nannte: eine "krause, weltverliebte, von barocken Wortballungen schäumende Dichtung". Anders als Thornton Wilders Schauspiel "Unsere kleine Stadt" wird das Kleinstadt-Stück des Walisers Dylan Thomas von keiner auch noch so dünnen Handlung vorangetragen,
sondern allein von einer in Lautmalerei verliebten, mit Klangzeichen und Assoziationen magisch arbeitenden Wortmusik.
Von ihr hat der unter dem Pseudonym "Pem" schreibende ehemalige Berliner Reporter Paul Marcus gesagt: "Thomas' Sprache läßt sich auch mit den Ohren sehen." Pem blieb nicht als einziger kritisch vor dem Edinburgher Versuch, ein reines "Spiel für Stimmen", eine Funkdichtung also, auf die Bühnenbretter und damit ins Sichtbare zu heben.
"'Unter dem Milchwald' ist ein Werk von viel größerer Originalität als Mr. Thornton Wilders 'Unsere kleine Stadt'",
urteilte die Londoner "Times". "Aber die Bühnenbearbeitung erinnert durch ihre Nachteile fortwährend an Wilder. Der Grund dafür ist, daß dieses Stück ursprünglich weder zum Lesen noch zum Ansehen gedacht war, sondern zum Hören."
Die deutsche Dylan-Thomas-Premiere auf dem Theater steht darum in einer Reihe mit dem dramatisierten Romanfragment "Der Prozeß" von Franz Kafka und dem Theater-"Tagebuch der Anne Frank" (SPIEGEL 41/1956) - mit theaterfremden Stoffen also, die einer mehr oder minder geschickten Bearbeitung für die Bühne unterworfen wurden.
Die "Milchwald"-Stimmen sind bei Dylan Thomas nicht eigentlich Personen, sondern großenteils gestaltete Sexualreflexe oder Spottgeburten, die vom Autor bewußt bis zur Clownerie vereinfacht wurden.
Es ist kein Zufall, daß Thomas nie den Versuch unternahm, ein dramatisches Werk, zu schreiben. Er sagte von sich, er sei "erste Klasse der zweiten Klasse", womit er ausdrücken wollte, daß ihm etwa Shakespeares oder Goethes klassische Problematik nicht anstünde. Mit seinem "Milchwald"-Hörspiel verfolgte er nicht etwa die Absicht, Gevatter Mitmensch wie er leibt und lebt auf die Bühne zu bringen. Er wollte statt dessen mit Hilfe einer Vielzahl von rasch auf- und wieder untertauchenden Stimmen die Atmosphäre beschwören, in der dieser Mitmensch lebt, ohne es recht zu wissen.
Dabei achtete Thomas sorgsam darauf, daß der Hörer in seinem Stück keinen Satz findet, den er schwarz auf weiß nach Hause tragen könnte. Während das klassische Drama dem Zuschauer die Probleme gleichsam in die Hand gibt, setzt Thomas in seinem Stimmen-Spiel alles daran, dem Hörer oder Leser jeden Ansatz zu einem Problem zu zerschlagen.
Clown im Kulturbetrieb
Im "Milchwald" sagt er zum Beispiel von Mr. Beynon, dem Metzger, der Hunde, Eulen, Ratten und angeblich auch Menschen zu Wurst macht, er rase in seiner blutigen Schürze die Krönungsstraße hinunter, "einen Finger im Mund, aber nicht seinen eigenen". Das ist nicht nur der Traum des Metzgers, sondern eine Formel für das Unterbewußtsein seiner Mitbewohner, die ihm alle nur denkbaren Gemeinheiten zutrauen.
Ähnlich verhält es sich mit den übrigen "Stimmien", aus deren Zusammenklang sich eine Art Wort-Polyphonie ergibt Dylan Thomas variiert nicht nur im "Milchwald", sondern auch in seinen anderen Dichtungen den "inneren Monolog" des Iren James Joyce ("Ulysses"), indem er diese Kunstform völlig von der visuell faßbaren Wirklichkeit ablöst.
Dylan Thomas, der am 9. November 1953 im New Yorker St. Vincent's Hospital starb, war im Kulturbetrieb dieser Jahre eine Rarität. Als Dichter glaubte er nicht an die Kultur, und er machte Ernst mit diesem Nicht-Glauben, indem er seine Kräfte systematisch ruinierte - in der erklärten Absicht, seinen Tod herbeizuführen.
In seinem kurzen Leben spielte Dylan Thomas die Rolle eines Clowns und erreichte auf diese Weise zweierlei: Man zahlte ihm seine Drinks, ohne die er nicht auskommen konnte, und man nahm ihm die bitteren Wahrheiten seiner Dichtung nicht übel. Lange Zeit galt er als Marin mit einem Tick - ein Typ, für den die Engländer seit jeher nicht nur nachsichtiges Verständnis, sondern sogar eine Art gutmutiger Zuneigung aufbringen.
Er wurde schließlich zu einer Art englischem Nationalphänomen. Seine neunzig Gedichte, die 1953 unter dem Titel "Collected Poems" erschienen, mußten siebenmal nachgedruckt werden, und der Verlag J. M. Dent' & Sons in London vermeldete stolz den Verkauf von zehntausend Exemplaren binnen einem einzigen Jahr. Solche Verkaufsziffern erreichten nicht einmal die Gedichtbände des Nobelpreisträgers Thomas Stearns Eliot und des englischen Lyrikers Wystan Hugh Auden.
In einer Gelegenheitsarbeit "How to be a Poet or The Ascent of Parnassus Made Easy" ("Wie man ein Dichter wird oder Die leicht gemachte Besteigung des Parnass"), zu der ihn 1951 die englische Literatur-Zeitschrift "Circus" ermutigte, beschrieb Dylan Thomas ironisch in der Figur eines Mannes namens Cribbe einen Schriftstellertyp, den er sein Leben lang verachtete und wohl sogar haßte.
Cribbe, der nur auf Karriere aus ist findet in einem Kreis von Provinziellen wohlwollende Unterstützung, als er in fürchterlichen und platten Reimen den Wunsch formuliert, nichts weiter als ein einfacher Landarbeiter zu sein. Er wird von Hand zu Hand weitergereicht und gerät schließlich an einen Verleger, der sich vertraglich verpflichtet, Cribbes nächsten Gedichtband herauszubringen "unter der Bedingung, daß er (der Verleger) die erste Option auf seine nächsten neun Romane bekommt".
Nun hat Cribbe, der Lyriker, bis dahin noch nie daran gedacht, einen Roman zu schreiben, aber er weiß, daß sich Romane gut verkaufen lassen. Cribbe setzt sich an seinen Tisch und schreibt los, und da er keinerlei geistige Ambitionen hat, erreicht er genau das, was sein Verleger von ihm haben wollte.
Der Erfolg verschafft ihm Zutritt zu einem angesehenen literarischen Club; er wird Rezensent, und weil er von Büchern nicht viel versteht, verlegt er sich darauf, sie alle mit schwülstigen Worten zu loben. Nachdem er nun auch noch zu Haus und Ehestand gekommen ist, hat er nach Meinung der Umwelt und auch des Autors Thomas seinen Weg gemacht.
Leben wie ein junger Hund
Dylan Thomas war das genaue Gegenteil seines Cribbe. Mit sechzehn Jahren verließ er die Schule - aus Abneigung gegen das, was er dort lernen sollte.
Ein Jahr lang versuchte er sich als Reporter in seiner walisischen Vaterstadt Swansea, mit wenig Erfolg. Dann ging er nach London und führte dort das verwegene Leben eines Bohemien. In Londoner Kneipen erwarb er sich einen bedeutenden Ruf - als Geschichtenerzähler, aber noch mehr durch seinen ungeheuren Bierkonsum. In Ermangelung einer eigenen Schlafstatt quartierte er sich abends bei Freunden ein. Als sich endlich niemand mehr fand, der ihn aufnehmen oder seine Schulden bezahlen wollte, kehrte er indigniert nach Wales zurück.
Nicht ein einziges Mal hatte er während dieser Zeit versucht, seine Gedichte an einen Verleger zu verkaufen. Wenn Freunde sie ihm mit List entrissen, pflegte er sich laut zu beklagen.
Er verabscheute es, Dichtung als etwas "Öffentliches" oder gar als Handelsware aufzufassen. Auch der Hunger und die äußerste Primitivität seiner Lebensverhältnisse konnten ihn von dieser Ansicht nicht abbringen.
Dagegen hatte Thomas in privatem Kreis ein starkes Mitteilungsbedürfnis. Der englische Kritiker John Davenport weiß sich zu erinnern: "Nachdem er schrecklich viel getrunken hatte, kam er irgendwie wieder zu sich. Außerordentlich erschöpft, nervös, so stand er da, und plötzlich fing er an zu stammeln, ... 'Ich weiß nicht, ob Sie es mir erlauben ... natürlich haben Sie nicht die Zeit ...', er suchte in seinen
Taschen und förderte ein Gedicht zutage, das er einem zu lesen gab.
"So stand er da, mit seinem schmutzigen, krausen Haar. Wahrscheinlich trug er eine Hose, die jemand anderem gehörte. Man sah die abgekauten Fingernägel, wenn er die Hand ausstreckte, als wollte er eine Fünf-Pfund-Note in Empfang nehmen ... So gab er einem etwas so Wunderbares."
Bettelei um Almosen kam ihm ebenso selbstverständlich vor wie seine schmutzige Umgebung und die alkoholischen Orgien, die sich meistens über mehrere Tage hinzogen. Der englische Schriftsteller Robert Ranke Graves ("Ich Claudius, Kaiser und Gott") urteilte über Dylan Thomas: "Er hat sich nie angemaßt, mehr als ein junger Hund zu sein - geistreich, ungezogen, bezaubernd, verantwortungslos und verstockt."
Diese scheinbare Anspruchslosigkeit war in Wahrheit aber die Attitüde eines Poeten, der das Leben durchschaut zu haben glaubte - und es als hündisch auffaßte. So hatte es vor ihm schon Kafka gehalten, der gleichfalls auf das Bild vom Hunde ("Forschungen eines Hundes") gekommen war.
Aber während Kafka ein letztes geringes Glück noch aus der gleichsam schadenfrohen Enttäuschung darüber zieht, daß ihm der Zugang zum Glück ein für allemal verstellt ist, drängt es Dylan Thomas, mit der hündischen Existenz endgültig Schluß zu machen und zielbewußt dem Tode zuzustreben. Er fühlte sich, wie er es in seinen "25 Poems" ausdrückte, als ein
... Hund unter Verzauberern, Atlas-Fresser mit der Gier nach Neuem.
Die "Verzauberer", so meinte er, pflegten über
Gebühr die "Haut", die um das "persönliche Dunkel", aber auch um die "gereinigte Nacktheit des Lichtes" liegt. "Haut" war für Thomas ein Synonym für anständige Manieren und Bildung, die er in einem Atemzuge mit Voreingenommenheit und Feigheit nannte.
Wie er einem Freunde gegenüber bekannte, beherrschte ihn von - jeher der Wunsch, "fähig zu sein, mein Fleisch abzureißen, diese entsetzliche, schreckliche Haut loszuwerden, die wir haben" - wobei er das Wort "Haut" in seinem eigenen, übertragenen Sinne gebrauchte.
Das Bild des Hundes unter der Haut galt ihm nicht nur als Bezeichnung für alles Niedrige im Menschen, sondern zugleich auch für das Ursprüngliche und Schöpferische. Das Niedrige und das Schöpferische schienen ihm ein und derselben Quelle zu entstammen.
Seine Gedichte hielt er für seine "Kämpfe". Er meinte, ihre Lektüre sei für andere Menschen nützlich "oder sollte es sein ... denn sie sind die persönlichen Aufzeichnungen desselben Kampfes, mit dem auch sie (die anderen) notwendigerweise zu tun haben".
Dennoch ist Thomas in Deutschland nur einem kleinen Kreis bekannt geworden: Die bisher in Deutschland erschienenen Thomas-Bände haben erst eine recht bescheidene Anzahl von Käufern gefunden. Dr. Karl August Götz vom Heidelberger Drei Brücken Verlag, in dem Ostern 1957 der dritte Band einer deutschen Dylan -Thomas-Ausgabe erscheinen soll, ist dadurch nicht entmutigt. Die deutschen Übersetzungen**, meint er, "können mit einem kleinen, aber nicht abreißenden Interessentenkreis rechnen".
Um so größerer Nachfrage begegnete das Werk von Dylan Thomas noch zu Lebzeiten des Dichters in Übersee. Als nach dem zweiten Weltkrieg in England und Amerika förmlich ein Dylan-Thomas -Rummel losbrach, wurde dem Dichter Angst. "Ich wollte, ich wäre wieder, was ich vor zwanzig Jahren war", bekannte er einem amerikanischen Journalisten. "Damals war ich arrogant und verloren. Heute bin ich ärmlich und geformt."
Dylan Thomas fühlte sich diesem Rummel um seine Person fast wehrlos ausgesetzt. Die englische Dichterin Dame Edith Sitwell, die sich seiner schon früh angenommen und ihn nach Erscheinen seiner ersten Gedichte gegen wütende Angriffe verteidigt hatte, urteilt: "... Er war edelmütig in seiner Begeisterung und aufrichtig in seinen Freundschaften. Leider aber waren einige der Leute, die sich um ihn drängten, seiner nicht würdig."
Der erste und vorläufig einzige Dylan -Thomas-Biograph, der amerikanische Dichter John Malcolm Brinnin, hat zu seinem Ärger sehr viele dieser falschen Freunde kennengelernt. Er hatte als beratendes Vorstandsmitglied des New Yorker Poetry Center den Lyriker Thomas im Jahre 1949 zu Dichterlesungen in die Staaten eingeladen und ihn bis 1953 auf insgesamt drei Tourneen begleitet. Brinnin bekennt, er sei dabei wiederholt dem physischen Zusammenbruch nahe gewesen.
Thomas, den er als "den aufreizendsten, den meisten Ärger verursachenden und gleichzeitig liebenswertesten Menschen" bezeichnet, dem er je begegnet sei, zeigte wenig Neigung, sich wie ein gefeierter Dichter aufzuführen. Vor jedem Auftreten wurde er von einer "knochenzitternden Angst" erfaßt, und sein "Manager" Brinnin mußte ihn durch geduldiges Zureden daran hindern, einfach das Weite zu suchen.
Journalisten wich er grundsätzlich aus. Er bediente sich dabei zuweilen des ebenso simplen wie wirkungslosen Tricks, den er zuvor schon auf einer Italien-Tournee praktiziert hatte: Er versuchte, sich in einen Schrank zu verkriechen. "Ich bin all dieser verfluchten Schreiber hier müde", schrie Thomas gelegentlich. "Warum gebt ihr mir zu Ehren nicht eine Gesellschaft ohne Schriftsteller, nur mit hübschen Frauen?" Sie wurde gegeben.
Brinnin weiß zu berichten, daß Thomas nur aus Schüchternheit und gleichsam zur Selbstverteidigung getrunken habe, "aus dem Bedürfnis, eine Schranke zwischen seinem Schuldbewußtsein und seinem Lachen zu errichten, zwischen sich und der Welt, die ihn umgab, sogar zwischen sich und einer anderen Person ... Wenn er dieses Bedürfnis verspürte, war der Rausch eine andere Art von Lizenz zur Teilnahme und gleichzeitig zur Fernhaltung der Verantwortung für Situationen, die er nicht beherrschen konnte."
Ende im Alkohol
Die Trinkkumpane verleiteten Dylan Thomas zu immer wüsteren Exzessen. Das Frühstück des Dichters bestand bald nur noch aus Brandy und Ei, und Mickey Spillanes Groschen-"Thriller" wurden zur Lieblingslektüre des "Milchwald"-Poeten. Mehr und mehr entglitt ihm jegliche Selbstkontrolle. Sogar wohlmeinenden Bekannten erschien er bald nur noch als schreiender Possenreißer. Er verschmähte es schließlich nicht mehr, seinen Gastgebern Oberhemden zu stehlen.
Brinnin wich nicht von seiner Seite, er folgte dem Dylan Thomas endlich sogar zurück nach Wales. Die Ehe des Dichters war zu diesem Zeitpunkt bereits zerruttet. Er unternahm kaum noch einen Versuch, seine Frau und seine drei Kinder zu unterhalten. Peinlich berührt beschreibt Brinnin mehrere tätliche Auseinandersetzungen, zu denen sich die Eheleute in Gegenwart ihrer Gäste hinreißen ließen. Diese Ehe, schreibt Brinnin, war "eine Sache der Rivalität" geworden, in der die Partner "einander im Todesgriff hielten".
Biograph Brinnin erklärt, daß der sozusagen hautlos gewordene Dichter am Ende jede Beziehung zur vordergründigen Wirklichkeit verloren hatte. Diese Tatsache aber scheint Brinnin nur konsequent angesichts der lebenslangen Mühe, die Thomas sich gab, um seine "Haut" loszuwerden. Für Brinnin war der Dichter schon zu seinen Lebzeiten ein psychisch toter Mann.
Als während der dritten Amerika -Tournee - Dylan Thomas befand sich auf dem Wege nach Los Angeles, wo er mit Igor Strawinsky eine Oper schreiben wollte - auch der physische Tod eintrat, entstand in Literaturkreisen eine ungewöhnliche Erregung. Die widersprüchlichsten Versionen über die Todesursache wurden laut, darunter als wohl absurdeste die, Dylan Thomas sei von Dichter-Konkurrenten vergiftet worden.
Die glaubwürdigste und wohl auch einzig richtige Version ist die des Arztes vom Gesundheitsamt in New York City, Sie besagt, daß Dylan Thomas an einer Alkoholvergiftung starb, die durch eine Lungenentzündung kompliziert worden war.
** Dylan Thomas: "Tode und Tore", Gedichte, Englisch und Deutsch; F. H. Kerle Verlag, Heidelberg; 91 Seiten; 8,50 Mark. - Dylan Thomas: "Unter dem Milchwald". Ein Spiel für Stimmen. Deutsche Nachdichtung von Erich Fried: Drei Brücken Verlag, Heidelberg; 87 Seiten; 8,80 Mark.
Lyriker Thomas
"Mit den Ohren sehen"
"Milchwald"-Probe in Berlin*: Besuch im Menschen-Zoo
* Probenbild aus dem Schiller-Theater: Oben Theodor Vogeler; sitzend (von links nach rechts) Kurt Buecheler, Rudolf Fernau und Else Ehser; rechts Regisseur Boleslaw Barlog.

DER SPIEGEL 51/1956
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