21.11.1956

GERSCHLERFirma für Weltrekorde

Einer der gefragtesten Männer in Melbourne, wo am Donnerstag die XVI. Olympischen Sommerspiele beginnen, ist zur Zeit ein Deutscher: der Direktor des Freiburger Universitätsinstituts für Leibesübungen, Woldemar Gerschler. Schon vor dem Abflug nach Australien hatte Gerschler, der die Läufer der deutschen Leichtathletik-Mannschaft als Trainer betreut, vorsorglich gedroht: "Diesmal schalte ich zwei Vorzimmer zwischen mich und meine Besucher. Sonst geht es mir wieder so wie nach Helsinki."
Nach den letzten Olympischen Spielen in Helsinki hatte die deutsche Sportpresse den Olympia-Trainer der deutschen Läufer heftig attackiert. Es ging nicht so sehr darum, daß Gerschler im Olympischen Dorf von ausländischen Spitzensportlern überlaufen worden war. Die Sportjournalisten regten sich auf, weil der offizielle deutsche Olympia-Trainer den Luxemburger Läufer Josy Barthel systematisch auf den Olympia-Sieg im 1500-Meter-Lauf vorbereitet hatte.
Dieser Erfolg hätte jedoch - meinten die Deutschen - eigentlich dem deutschen Läufer Werner Lueg zugestanden, der kurz zuvor die Weltrekordzeit über diese Distanz erreicht hatte. Lueg wurde im Endlauf nicht nur von dem bis dahin wenig bekannten Barthel, sondern auch noch von einem Amerikaner geschlagen und mußte mit der Bronzemedaille vorliebnehmen.
Daß der deutschen Mannschaft das olympische Gold entging, wurde nun dem Barthel-Trainer Woldemar Gerschler zum Vorwurf gemacht: dem Mann, der einst den deutschen Mittelstreckler Rudolf Harbig entdeckt und zum Weltrekord geführt hatte und der später auch den Belgier Roger Moens (Weltrekord über 800 Meter) und den Engländer Gordon Pirie (Weltrekorde über 3000 und 5000 Meter) betreute. Diese auffallende Erfolgs-Serie verschaffte Gerschler den Ruf eines "Medizinmannes der abendländischen Leichtathleten".
Seit Gerschler Anfang November in Melbourne eintraf, gibt sich die internationale Läufer-Elite ein Stelldichein bei dem deutschen "Wunder-Trainer", um vielleicht eine Kostprobe aus dessen Ideen-Gepäck naschen zu können. Während Gerschler auf den Übungsplätzen rings um das Olympische Dorf die deutschen Läufer kräftig bewegte und für die bevorstehenden Wettbewerbe präparierte, spielte mancher Begleiter ausländischer Mannschaften mit scheinbar gelangweiltem Kulissenblick den Kiebitz, um endlich hinter dieses andere "deutsche Wunder" zu kommen und vielleicht noch in letzter Stunde eine Geheimwaffe der Deutschen für den Muskelkrieg von Melbourne auszuspionieren.
Mehr noch als vor vier Jahren sind die Olympischen Spiele diesmal eine Angelegenheit des sportlichen Generalstabs am Rande der Kampfstätten, eine Sache der Trainer-Strategie. Schon in Helsinki hatte sich gezeigt: Krasse Außenseiter haben auf der olympischen Aschenbahn nicht einmal mehr Zufalls-Chancen. 1952 wurde der am besten vorbereitete Leichtathlet auch der erfolgreichste: der tschechische Olympiasieger über 5000 und 10 000 Meter und im Marathonlauf, Emil Zatopek.
Gerschler hielt den Tschechen damals für den "austrainiertesten Sportler der gesamten Sportgeschichte" - aber nicht für ein Phänomen, für einen Übermenschen mit unnatürlicher Organkraft. Gerschler: "Zatopek ist ein Läufer, dem es gelang, mit Hilfe eines intensiven Trainings in den Grenzbereich seiner Leistungsfähigkeit hineinzustoßen."
Deshalb dämpfte der deutsche Olympia-Trainer schon lange vor Melbourne allzu hohe Erwartungen auf ein deutsches Leichtathletik-Wunder bei den Olympischen Spielen. Die Voraussetzungen für einen Olympia-Sieg im Jahre 1956 faßt Gerschler in seine "Formel von den drei T" zusammen, die für den gesamten Hochleistungssport gilt: "Talent plus tägliches Training".
Mit Lauf-Talenten ist der deutsche Sport nach Ansicht Gerschlers, der als Direktor des Sportinstituts der Freiburger Universität auch hauptberuflich engsten Kontakt mit dem sportlichen Nachwuchs hat, zumindest ausreichend eingedeckt. "Wir haben nach dem Kriege geradezu eine Talent-Schwemme an Läufern gehabt."
Daß dennoch die Medaillen-Beute in Helsinki recht bescheiden war und in Melbourne höchstwahrscheinlich nicht wesentlich größer sein wird, begründet Gerschler mit dem Fehlen der anderen zwei T: dem "täglichen Training", das abzuleisten deutschen Leichtathleten oft beim besten Willen nicht möglich ist.
Der deutsche Mittelstreckler und Olympiadritte von Helsinki, Werner Lueg, der in Melbourne nicht mehr dabei ist, mußte im vergangenen Jahr mitunter nachts trainieren. Der Stuttgarter Edmund Brenner, der Mitte dieses Jahres die beste deutsche 800-Meter-Zeit seit Harbig lief, dann aber durch Muskelschaden aus dem Rennen geworfen wurde und die Qualifikation für Melbourne nicht mehr schaffte, gab seine Ferien daran, um bis zu Gerschlers Abflug in Freiburg wie besessen zu trainieren.
Studierende deutsche Spitzensportler wie der Nürnberger 400-Meter-Spezialist Karl -Friedrich Haas müssen ihr tägliches Leben nach scharf kalkulierten Terminplänen einrichten, um wenigstens ein Minimum an Trainingstagen herauszuwirtschaften. Dazu Gerschler: "Die ruhigen Zeiten des wöchentlich dreimaligen Trainings sind für den Hochleistungssportler vorbei."
Trainingsschwierigkeiten erklären auch das Zurückfallen der deutschen Leichtathleten in den technischen Übungen, in denen sie bei den Olympischen Spielen von Berlin im Jahre 1936 zumindest noch kräftig mithielten. Diese Disziplinen - Speer-, Diskus- und Hammerwerfen, Kugelstoßen, Weit-, Hoch- und Stabhochsprung, Dreisprung und Hürdenlauf - erfordern durchweg intakte Übungsstätten und Geräte, die an vielen Orten für tägliches Training einfach nicht zur Verfügung stehen.
Der Werfer, Springer und Hürdler bleibt immer an seine Spezial-Übungsstätte gebunden und ist auf die Anwesenheit des Trainers angewiesen. Der Läufer kann seine "Planübungen" gelegentlich von der Aschenbahn verlagern. Er kann außerdem auch nach Fernsteuerung sinnvoll und intensiv trainieren, eine Methode, die gerade Gerschler mit verblüffendem Erfolg vorexerziert hat.
Mit seinen detaillierten schriftlichen Trainingsanweisungen hat er unter anderem den Engländer Gordon Pirie zu seinen Weltrekorden über 3000 und 5000 Meter geführt. Pirie hielt sich nur wenige Tage in Gerschlers Freiburger Trainings-Zentrale auf. Er erhielt Gerschlers Trainings-Programme per Post und schickte ebenso regelmäßig ausführliche Protokolle über sein Training und sein Befinden nach Freiburg.
Diese Fernsteuerung ist anwendbar und erfolgreich, weil gewisse Grundprinzipien der "Methode Gerschler" nicht an die persönliche Anwesenheit des Trainers gebunden sind. Nach Gerschler hat ein talentierter Sportler nur dann Aussicht auf Erfolg im modernen Hochleistungssport, wenn er
- Individuell,
- täglich,
- ganzjährig,
- der Jahreszeit entsprechend und
- systematisch in "Intervallen" trainiert.
Auf dieses "Intervalltraining", das heißt die Wahl und den Wechsel kürzerer Strecken für das Lauf-Training, erhebt Gerschler keinen Patentanspruch - "Heute trainiert man auf der ganzen Welt in Intervallen" -, aber er weist darauf hin, daß er diese Methode zumindest für sich selbst entdeckt und nicht etwa anderen nachgeahmt hat. "Mit Harbig habe ich trainiert und gewartet, was kommt", sagt Gerschler. "Mit Pirie weiß ich heute, was kommt, und trainiere danach."
In Zatopeks Trainingsprogramm für die Langstreckenläufe in Helsinki nahm die 400-Meter-Distanz, also eine Sprint-Strecke, breiten Raum ein. Auch andere Disziplinen haben inzwischen das von der Leichtathletik entwickelte Intervalltraining übernommen. Fast genau vier Wochen vor den olympischen Schwimmwettbewerben von Melbourne unterbot der 17jährige Australier Murray Rose über 1500 Meter Kraul die bis dahin für unerreichbar gehaltene 18-Minuten-Grenze. Sein Trainer gab danach bekannt, daß sein Schützling im Training niemals längere Distanzen als 400 Meter zurücklegt, also das von den Leichtathleten entwickelte Intervalltraining praktiziert.
Eine Gerschler-Variante dieser weltweit verbreiteten Methode ist seine Wahl und seine Dosierung allerkürzester Trainingsstrecken, vor allem der Sprintstrecken l00 und 200 Meter. Ein Intervall-Programm nach Gerschler sieht zum Beispiel so aus: je nach Jahreszeit
- 20 bis 40mal 200 Meter in je ca. 28 bis 29 Sekunden;
- 6 bis 8mal 600 Meter in je ca. 84 bis 90 Sekunden;
- 10 bis 20mal 400 Meter in 63, 60, 58 und 56 Sekunden.
Zum Ableisten einer solchen Gerschler -Lektion benötigt ein Sportler mit Warmlaufen und ca. anderthalb Minuten Pause zwischen den einzelnen Intervallen im Winter etwa zwei bis drei Stunden, im Sommer etwa anderthalb-Stunden - weil dann das Tempo höher liegt - und außerdem enorme Kräfte.
Das Geheimnis des Trainers ist dabei nicht nur die Massierung der Strecken, sondern mehr noch die Dosierung der Zeiten. Außerdem muß er das Gesamtpensum jeweils so bemessen, daß die verbrauchten Körperkräfte bis zum nächsten Tag völlig regeneriert sein können. Andernfalls kommt es zum "Übertraining", dessen Folge meistens chronische Übermüdung ist. Die Beschwerden bei einem solchen Zuviel an Bewegung gleichen also denjenigen der sogenannten Manager -Krankheit aus Mangel an Bewegung.
Allerdings verordnet der Freiburger Sportpädagoge solche Hochleistungsdosen erst, wenn ein Sportler die "Basis" des Gerschler-Pensums ohne deutliche Ermüdungserscheinungen bewältigt: 40mal 200 Meter jeweils in ca. 29 Sekunden. Diese Grundlage erwirbt sich ein unter Gerschler trainierender Läufer meistens schon im Winter, wenn auch erst nach drei bis dreieinhalb Monaten täglichen Trainings.
Die Franzosen haben für dieses zielstrebige Hochleistungstraining, das in seiner deutschen Gründlichkeit international fast ohne Beispiel ist, die Vokabel "gerschleriser" geprägt. Dieser Ausdruck meint auch die sportmedizinische Seite des wissenschaftlich unterbauten Freiburger Trainingssystems. Nach Gerschlers Meinung ist dieses System überhaupt nur anwendbar, wenn Arzt und Trainer ständig zusammenarbeiten. So ist neben jener Basis, der Absolvierung von 40mal 200 Metern hintereinander ohne Erschöpfungszeichen, die O.K.-Erklärung des Freiburger Sportphysiologen Professor Reindell die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme eines systematischen Lauftrainings bei Gerschler.
"Reindell ist der Kopf! Ich bin nur das ausführende Organ der Firma", untertreibt Gerschler seine Position im Schaltraum der Freiburger Trainingszentrale. Zum Gehirntrust dieser "Firma für Weltrekorde" gehört als Dritter im Bunde ein Freiburger Neurologe, der Nervenarzt Dr. Schildge. Seine Zusammenarbeit mit Professor Reindell ist so eng, daß beide ihre sportmedizinischen Abhandlungen teilweise gemeinsam publizieren.
Wer trainingshalber im Gästehaus des Freiburger Universitätsinstituts Quartier bezieht, wird erst einmal in die von Professor Reindell geleitete Röntgenabteilung der Medizinischen Universitätsklinik geschickt, dort in einem speziell für Sportuntersuchungen eingerichteten Laboratorium auf die Test-Pritsche gepackt und nach allen Seiten seiner Körperfunktionen förmlich "vermessen". Die Hauptapparatur dieses 50 000-Mark-Laboratoriums ist ein "Robot-Arzt", ein kompliziertes Instrument, das mittels einer Gesichtsmaske und eines "Ergometer" genannten Tretmechanismus das Verhältnis zwischen Körperleistung und Herztätigkeit, Blutkreislauf sowie Sauerstoffaufnahme und Kohlensäureabgabe des Prüflings feststellt.
Professor Reindell doziert: "Durch kombinierte Untersuchungen von Kreislauf und Atmung unter dosierter Ergometerbelastung sind wir heute in der Lage, ganz sichere und meßbare Aussagen über den Trainingserfolg zu machen."
Auf den Heimweg ins Gästehaus gibt Professor Reindell dem Untersuchten eine Art Gesundheits-Steckbrief mit. An Hand dieser physiologischen Analyse und eines Gutachtens des Sportprofessors stellt Gerschler dann sein Trainingsprogramm für den Betreffenden zusammen, sofern er ihn nicht zunächst, ebenfalls nach Reindells Beurteilung, dazu bewegt, "toxischen Schäden vorzubeugen" Das, heißt in der Praxis für den betroffenen Sportler meistens, daß er sich seine schlechten Zähne ziehen oder die vereiterten Mandeln herausnehmen lassen muß.
"Hochleistungssport ist an sich durchaus nicht schädlich", hat Professor Reindell festgestellt. "Sport führt zu Anpassungsvorgängen, die mit einer veränderten Tätigkeit der belasteten Organe, insbesondere des Kreislaufs, einhergeht." Es kommt zu Änderungen der Herzschlagzahl - das Herz schlägt bei Hochleistungssportlern langsamer -, der Blutdruck kann absinken, der Herzmuskel sich vergrößern, das Herz sich zum "Sportherz" entwickeln. Professor Reindell, der seit dem 1. Oktober einen Lehrstuhl für Leistungs- und Sportmedizin an der Freiburger Universität innehat, konnte nachweisen, daß es nur dann zu Schäden durch Hochleistungssport kommt, "Wenn irgendwelche toxischen Einwirkungen, etwa durch schlechte Zähne oder durch vereiterte Mandeln, die Funktion des Organismus stören".
Im übrigen aber, so behaupten Gerschler und Reindell übereinstimmend, setzen sportliche Höchstleistungen vor allem ein intensives Herztraining voraus. Ihrer Erfahrung nach können die Grenzen der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit eines Menschen durch wissenschaftliche Methoden nicht nur errechnet, sondern auch beträchtlich erweitert werden.
Grundüberlegung dabei ist, daß das Herz wie jeder ändere Muskel durch systematische Belastung gestärkt und damit leistungsfähiger gemacht werden kann. So wie sich der Bizeps bei ständiger Armtätigkeit kräftigt und vergrößert, so nimmt bei entsprechender Beanspruchung auch das Herzvolumen zu. Es kommt zur Ausbildung eines vergrößerten Herzens, des sogenannten Sportherzens, das - wie Gerschler behauptet und Reindell nachgewiesen hat - nicht nur ungefährlich, sondern sogar leistungsfähiger als das Normalherz ist.
Beim "normalen" Zivilisations-Menschen, der sich meistens zu wenig bewegt, verläuft die Entwicklung oft umgekehrt: Das zu wenig belastete Herz kann sich - ebenfalls wie jede andere Muskelsubstanz - zurückbilden. Das Herzvolumen ist dann unter Umständen nur halb so groß wie das Volumen des "Sportherzens" eines Höchstleistungs-Sportlers (siehe Graphik Seite 48).
Diese Variabilität des Herzvolumens erklärt die Veränderung des Pulsschlags, die Gerschler, gestützt auf Professor Reindellss Untersuchungen, bei seinen Hochleistungssportlern zu erreichen trachtet. Der auf etwa 600 ccm zurückentwickelte Herzmuskel im Vorstadium der Managerkrankheit arbeitet höchsttourig, das mit 1250 ccm mehr als doppelt so große Herz eines Berufsradrennfahrers "läuft" bei gleicher Leistung dagegen extrem langsam.
Das Normalherz eines Erwachsenen in Ruhestellung schlägt etwa 60- bis 70mal in der Minute. "Rudolf Harbig", sagt Gerschler, "kam mit einem Puls von 60 zu mir. Nach langem Training ging er mit 48 Herzschlägen pro Minute ins Rennen - und lief Weltrekord."
Diese Konzentration der Trainingsarbeit auf Leistungssteigerung des Herzmuskels erklärt den Sinn des "Intervalltrainings", insbesondere Gerschlers Wahl der Kurzstrecken für ein Trainings-Programm. Nach den Forschungen Professor Reindells und anderer besteht eine enge Beziehung zwischen
- Kurzstrecken und Muskulatur;
- Mittelstrecken und Muskulatur plus Kreislauf;
- Langstrecken und Kreislauf plus Stoffwechsel.
Indem Gerschler nun beim "Intervalltraining" seine Schützlinge immer wieder verschiedene Kurzstrecken laufen läßt, setzt er die Muskulatur des Läufers einer Vielzahl von Reizen aus. Der ständige Wechsel der Laufstrecken mildert dabei die unvermeidliche Monotonie eines solchen Hochleistungstrainings.
Außerdem paßt Gerschler das Trainingspensum jeweils der physiologisch genau bestimmbaren, individuell und je nach dem Trainingsstand unterschiedlichen Grenze des Regenerationsvermögens von Muskel- und Nervenkraft an. Sein allgemeines Trainingsziel ist also, summarisch ausgedrückt: die Konstitution des einzelnen Läufers den Traininganforderungen allmählich anzupassen.
Diesem Zweck dient auch die Diät, die im Gästeheim des Freiburger Universitäts-Sportinstituts den Hochleistungs-Sportlern verabfolgt wird: vor allem Eiweißnahrung und Bienenhonig. "Und rauchen darf mir keiner", erklärt Gerschler. Er selbst raucht gelegentlich gern eine Zigarre, allerdings nur in seinem dicht beim Stadion gelegenen Hause oder vor seiner Berghütte im Hochschwarzwald.
Mit Muskelreiz und Vitaminkost allein lassen sich bei aller wissenschaftlichen Systematik Weltrekorde freilich noch nicht herbeizaubern. "Sportlehrer, die nur den Bizeps tummeln, erreichen nichts als Muskelprotzerei", sagt Gerschler und prägt die Formel: "Wissenschaft plus Willenskraft gleich Weltrekord."
Unter dem Begriff "Willenskraft" verbirgt sich dabei ein ganzer Rattenschwanz von Unsicherheitsfaktoren, die Gerschlers scheinbar so handliche Formel zu einer Gleichung mit zahlreichen Unbekannten machen. Diesen Unwägbarkeiten auf die Spur zu kommen, sie ebenso unter Kontrolle zu bringen wie die physiologischen. Vorgänge - etwa den Herzschlag -, ist Gerschlers Bemühen seit mehr als zwei Jahrzehnten - seit er Rudolf Harbig entdeckte.
"Gerschlers deutsche Gegner weisen öfters spöttisch darauf hin, daß nicht er den großen Mittelstreckler Harbig gemacht habe, sondern dieser ihn", bemerkt der in England lebende ehemalige Berliner Publizist Alex Natan*, kommentiert aber sogleich: "Das ist natürlich Unsinn."
Natan, ehemals Mitglied der berühmten 4 x 100-Meter-Weltrekord-Staffel des SC Charlottenburg und im internationalen Sportbetrieb ungemein beschlagen, deckt allerdings einen wahren Kern in der kühnen Behauptung der Gerschler-Feinde auf: "Es war jedoch der sportliche und menschliche Charakter Harbigs, ... der Gerschler zu einer neuen Trainingsweise inspiriert hat, die eine gänzlich neue Phase im zeitgenössischen Sportdenken einleiten sollte."
Harbig habe, so erzählt Gerschler, nach ihrer ersten Begegnung - am "Tag des unbekannten Sportsmannes" 1934 in Dresden - bald wie ein Sohn in Gerschlers Familie verkehrt. Der ehemalige Sportstudienrat Gerschler (Nebenfächer Deutsch und Geschichte), damals Sportlehrer im traditionsreichen Dresdner Sportclub (DSC), mag spätestens zu jenem Zeitpunkt seine eminente Begabung zur Menschenführung entdeckt haben - Erbschaft einer alten sächsischen Pädagogen -Familie -, und zugleich die anderen nicht ausschließlich physiologischen Voraussetzungen für einen überragenden Trainingserfolg: "Natürlich braucht man ein Talent, und man braucht zugleich auch einen brauchbaren Menschen. Aber erst, wer mit dem Talent auch den Menschen fördert, bringt seinen Schüler weiter."
Gerschler demonstriert das am Fall Harbig. "Viele hatten nach dem Krieg die Möglichkeit, seinen Weltrekord mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen. Sie waren über 100, 200, 300 und 400 Meter schneller als Harbig - aber Harbig war die stärkere Persönlichkeit."
Seit Harbigs Zeiten hat Gerschler, Jahrgang 1904, graumeliertes Haar bekommen und die Fünfzig eben überschritten, was sein Bemühen um ein väterlich-persönliches Vertrauensverhältnis zu seinen Trainingsschülern noch unterstützt. Er redet sie, die ihn als "Herr Direktor" titulieren, durchweg mit "Du" an und nennt sie beim Vornamen, nimmt einzelne beim Training zwischendurch einmal beiseite und erkundigt sich nach persönlichen Kümmernissen, die er ausräumen hilft.
"Der persönliche Kontakt ist viel wichtiger als man allgemein glaubt", sagt Gerschler. "Er schafft erst die Grundlage für die Entwicklung der besten Leistung. Falls eine innere Übereinstimmung nicht zustande kommen kann, gibt es nicht den sonst möglichen Fortschritt."
Mit seiner Auffassung, daß "das moderne Hochleistungstraining kein diktatorischer, sondern ein Vorgang zwischenmenschlicher Art ist", vor allem aber mit seiner paternalistisch-pädagogischen Trainingspraxis weicht Gerschler viel inneren Widerstand gegen seine scheinbar unerbittlich harten Trainingsanforderungen auf.
Gerschler behauptet - und verweist dabei auf Reindells Untersuchungen -, die Methoden und die Ergebnisse des Hochleistungstrainings hätten die Grenzen der Leistungsfähigkeit eines gesunden Körpers noch längst nicht erreicht. Er glaubt, daß durch unzureichendes Training in Deutschland nur wenige der von Natur aus zahlreichen sportlichen Talente voll entwickelt werden - was vor allem auch ein Trainer -Problem ist. Für Schuld des Trainers hält Gerschler zum Beispiel schon irgendein Trainingsversagen des Schützlings: "Wenn ein Mann aus einem Lauf plötzlich aussteigt, so frage ich mich: 'Was hast du falsch gemacht?'"
Im übrigen hat der "Phantom-Trainer" durchaus seine eigenen Ansichten etwa über Ermüdung. Der 1952 von ihm zum Olympiasieg geführte Luxemburger Josy Barthel berichtet: "Ich habe Gerschler sofort mein ganzes Vertrauen geschenkt. Eines Tages tauchte er wieder in Luxemburg auf. Ich lief, um ihm zu zeigen, was ich seit seinem Besuch hinzugelernt hatte, aber ich fühlte mich an jenem Tage sehr unwohl. Nach einer Stunde Training war ich, meiner Ansicht nach, sehr müde.
"Gerschler blickte in mein schwarzes Buch (in dem Barthel seine Läufe und sein Training protokolliert), und kurzerhand wurde das einstündige Training auf anderthalb Stunden verlängert. Sechsmal 600 Meter in je etwa 1:30 Minuten mußte ich noch laufen. Dann sagte er zu mir: 'Jetzt bist du wirklich ermüdet, körperlich nämlich, und nicht seelisch, wie vorhin.' An jenem Tag schuf, wie ich glaube, Gerschler die Basis für meinen Olympiasieg."
Solche Härte-Übungen haben Gerschler in den Ruf eines Trainings-Diktators gebracht. Auf den ersten Blick scheinen seine Mammut-Programme den monotonen Riesenpensen der russischen Lauf-Roboter zu gleichen. Der sowjetische 800-Meter-Läufer Georgij Iwakin plauderte im "Sowjetskij Sport" aus, daß er im Wintertraining allein zur Stärkung der Beinmuskulatur pro Stunde 200 Hocken oder bis zu 500 Sprünge produziert.
Von den russischen Spitzensportlern ist bekannt, daß sie nach der von Pawlow* entwickelten Theorie der "bedingten Reflexe" mit äußerster Monotonie und Strenge über unendlich lange Trainingszeiten auf einen einzigen Bewegungsablauf "eingeschliffen" werden.
Die amerikanischen Universitäts-Amateure, die täglich unter Anleitung der universitätseigenen Trainer üben, leisten ebenfalls solche Riesenserien. Die Werfer bewegen den Diskus oder die Kugel am Tage einige hundert Mal und "automatisieren" die an Lehrfilmen erlernte Bewegung.
Auch Gerschler praktiziert ein gewisses "Einschleifen" der Bewegung, insbesondere stilistischer Art, bis zum vollkommen automatischen Ablauf. Aber im Gegensatz zu russischen Übungsstätten kann man im Freiburger Stadion erleben, daß ein Läufer plötzlich aus der Reihe schert und seinem Trainer schweratmend mitteilt: "Herr Gerschler, ich habe keine Lust mehr; ich höre besser auf." In diesem Vorhaben bestärkt ihn der Angeredete dann sogleich.
Gerschler sagt: "Sport muß Spaß machen; ich zwinge niemanden dazu. Der Läufer muß selbst Freude an der richtig gesteuerten Bewegung verspüren, die zur Hochleistung führt." So enthalten seine Trainings-Briefe an Gordon Pirie und andere stets auch die Frage nach der Stimmung und die Anweisung, die verordneten Dosen sofort zu mildern, wenn einmal die Stimmung flau ist und die Bewegungslust sich nicht einstellen will.
Daher hatte Gechler nichts dagegen, er war im Gegenteil sogar dafür, daß sein belgischer Schützling Roger Moens, der 1955 ausgerechnet nach der Trainingsmethode des Harbig-Betreuers Gerschler den 16 Jahre alten Weltrekord Rudolf Harbigs über 800 Meter unterbot, ebenso wie Harbig anfangs nur dreimal wöchentlich trainierte und nur in Ausnahmefällen, wenn er sich ganz wohl fühlte, ein viertes Mal die Rennschuhe anzog. "Moens ist ein labiler Typ, und darum darf er nicht nach sturem System trainieren."
Gerschler hat unter seiner Trainerhand noch mehr solche labilen Typen, die er, wie er es nennt, dauernd "stützen" muß. Damit meint Gerschler jene an seine laufenden Scholaren kostenfrei und beiläufig verabreichte "Seelenhygiene", die der Freiburger Trainings-Wissenschaftler mehr und mehr ins Zentrum seiner Methode rückt. Mit der mehr nach Hörsaal oder nach dem Ordinationszimmer eines Psychiaters klingenden These: "Der Mensch muß im Mittelpunkt stehen!" versucht er, seiner Trainings-"Arbeit" das Odium der Anstrengung, eben den Arbeitscharakter zu nehmen, der ihr oft nachgesagt worden ist.
In einem Artikel über die Melbourne -Vorbereitungen polemisierte der "Rheinische Merkur" heftig gegen Gerschler und den Deutschen Leichtathletik-Verband: "Die Aktiven degradiert man zu Maschinen und ausführenden Organen, die man aufzieht und ablaufen läßt." Der Hinweis auf die russischen Sport-Roboter stand nur mühsam unterdrückt zwischen den Zeilen.
Das Blatt hatte dabei ebenso wie viele Gerschler-Gegner eine Forderung des Freiburger Sportpädagogen falsch interpretiert, die er auf die Vorbereitungsarbeit für Melbourne bezogen hatte: "Was ein Athlet braucht, ist ein Betreuer. Was beide brauchen, ist ein geschulter Trainer, der sie berät."
Aus einem anderen Passus seiner Forderung geht hervor, was Gerschler damit meint: "Die soziale Betreuung der betreffenden Leichtathleten ist besonders dringend; ihre berufliche Position darf nicht gefährdet, sondern muß im Gegenteil gesichert werden."
Gerschler sieht den modernen Hochleistungssport als soziologisches, als Umweltproblem an, das in Amerika durch die umfangreiche Sport-Praxis der Universitäten, in Rußland durch staatliche Unterstützung gelöst wird. Dem Staats-Amateur wird alle soziale Sorge und damit die größte seelische Belastung abgenommen. Für ihn wird die Trainingsstätte allerdings zum Arbeitsplatz und die Sportleistung zur nationalen Aufgabe. Dazu kommen nur wenige andere offenliegende Antriebe wie etwa die auf alle Spitzensportler hinter dem Eisernen Vorhang verlockend wirkende Aussicht auf Auslandsreisen.
Die Motive des Hochleistungssportlers europäischer Prägung - wenigstens des Leichtathleten, der noch am ehesten als Amateur anzusprechen ist - sind viel individueller und darum komplexer. Gerade das Interesse an der Bewegung "an sich" und an ihren Antriebsquellen aber hat den Sportphilologen Gerschler einst zum Leistungssport geführt und in der Folge zu der Erkenntnis, daß das Bewegungs "Mitempfinden" und -"Mitleiden", die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, die wichtigste Voraussetzung für einen Trainer ist, der sich wie Gerschler in erster Linie als "Menschenbetreuer" fühlt.
Nach dem Sport-Examen 1928 bei Professor Altrock in Leipzig - er lehrt heute in Frankfurt - und der Staatsprüfung für das Höhere Lehramt 1930 kam Gerschler schon als junger Referendar in Dresden mit zahlreichen Spitzensportlern des "Dresdner Sportclubs" in Berührung. Im
DSC konnte er seine ersten Trainings -Erkenntnisse in Erfolge mit den verschiedenen Sportgruppen dieses Vereins umsetzen. Die von ihm im Jahre 1944 trainierte Fußballmannschaft des DSC wurde Deutscher Fußballmeister.
Mit Mitgliedern dieser alten Meistermannschaft ging Woldemar Gerschler nach Kriegsende zum Hamburger Fußball-Club St. Pauli und gab dort ein erfolgreiches Trainer-Gastspiel, bevor er das Institut für Leibesübungen an der Technischen Hochschule Braunschweig aufbaute. Von dort wechselte er schließlich zu seinem Freunde Reindell nach Freiburg über, als Direktor des Sportinstituts der Universität.
Der Kontakt mit dem Physiologen Reindell war niemals abgerissen, seit die beiden Sportwissenschaftler 1937 in Berlin zum erstenmal zusammengetroffen waren. Damals fanden beide ihre Arbeit durch die Erkenntnisse und Erfahrungen des anderen bestätigt.
In Freiburg aber hat sich Gerschlers "Interesse an der Bewegung" noch stärker nach der psychologischen Seite hin orientiert. Die physiologischen Aspekte des "Umweltproblems" Hochleistungssport mitsamt den sportbedingten Anpassungsvorgängen der Körperfunktionen und der inneren Organe waren dank Reindell weitgehend erkannt; Gerschler hatte Reindells Forschungsergebnisse bereits intensiv ihn praktischen Sportbetrieb ausgewertet. Die psychologischen Voraussetzungen und Förderungsmöglichkeiten des Hochleistungssports sind dagegen noch nicht genügend erkannt, soweit nicht, wie bei den östlichen Staatsamateuren, offen eine sportfremde Idee als Antriebsquelle dient.
In Freiburg erlebte Gerschler zum zweitenmal, daß seine Ansichten von einem Fachmann bestätigt und wissenschaftlich unterbaut wurden, diesmal, auf psychologischem Gebiet. Bei Professor Reindell lernte er den Neurologen Dr. Schildge kennen. Seitdem hat es sich im Wirkungskreis des Freiburger Gehirntrusts für Hochleistungssport eingebürgert, daß Gerschlers Weltrekordaspiranten nicht nur auf der Test-Liege des Professors Reindell landen, sondern auch im Sprechzimmer des Nervenarztes Dr. Schildge Visite machen.
Dr. Schildge, der vor den Sportstudenten des von Gerschler geleiteten Freiburger Hochschulinstituts für Leibesübungen doziert, hat an manchen Hochleistungssportlern neben gesunden Antrieben auch eine Reihe überstarker bis abnormaler Triebkräfte für ihre Sporttätigkeit festgestellt. Sie reichen vom gesteigerten Ehrgeiz über das Streben nach Ausgleich beruflichen Versagens bis zu unbewußten homoerotischen Antrieben.
Gesunde Anlagen müssen durch das Training entfaltet, abnorme "aufgefangen" werden. Der auf Spitzenleistung ausgerichtete Trainings- und Wettkampfbetrieb bringt stets eine besondere Belastung der Persönlichkeit mit sich. Trainer und Betreuer bedürfen beträchtlicher psychologischer Erfahrung, wenn sie verhindern wollen, daß der Hochleistungssport für die Persönlichkeit ihrer Schützlinge zu einer Gefahr wird, die dann wiederum die sportliche Leistungsfähigkeit mindert. Psychologische Schwierigkeiten spielen in Dr. Schildges Berichten an Gerschler deshalb die gleiche Rolle wie Krankheitsherde an Zähnen und Mandeln in Professor Reindells Gutachten.
"Sport, der immer Spiel bleiben muß, droht bei zu starker Spezialisierung zum alleinigen Schwerpunkt zu werden, wodurch die Persönlichkeit häufig verarmt", doziert Dr. Schildge und beruft sich dabei auf "eingehende Aussprachen mit Hochleistungssportlern der verschiedensten Disziplinen, die wir in Freiburg betreuten".
Die Art der seelenhygienischen Betreuung ist von Fall zu Fall verschieden. Tiefenpsychologische Behandlung ist nur selten notwendig. Meist genügt Gerschlers Praxis des individuellen, unaufdringlichen "Stützens", des väterlichen Eingehens auf die Probleme und Beschwerden des Sportlers vom Muskelkater bis zum Liebeskummer. Der stets ausgeruht wirkende, Autorität ausstrahlende Fünfziger, Vater einer 16jährigen Brigitte und einer 12jährigen Gisela, hat sich in dieser heiklen Situation eines Seelenhygienikers ein gehöriges Fingerspitzengefühl erworben.
Er hält viel von Intuition und glaubt mehr und mehr, daß diese Fähigkeit das eigentliche Geheimnis seines Trainer-Erfolges ist. So fand er sich in seinen Ansichten nur bestätigt, als der Psychologe Dr. Schildge den versammelten Olympia-Trainern vortrug: "Der Sportler gerät in ein Mißverhältnis zwischen Persönlichkeit und Leistung ... Aus diesem Grunde muß der Betreuer wissen, aus welchen Motiven heraus der Athlet Sport treibt und welchen Stellenwert die sportliche Leistung in seiner Persönlichkeit einnimmt."
Gerschler geht - bewußt oder unbewußt - noch weiter, wenn er sich intuitiv und suggestiv so sehr auf den von ihm betreuten Weltrekordanwärter einstellt, daß dieser wie einst Josy Barthel, der Olympiasieger von 1952, glaubt: "Gerschler kennt mich besser als ich mich kenne." Ein anderes Beispiel für die psychologische Seite des "gerschleriser" ist Gordon Pirie.
Es geht die Sportsaga um, Pirie habe bei seinem Weltrekordlauf über 5000 Meter in Bergen, bei dem er gleich gegen zwei östliche Lauf-Phänomene angehen mußte - gegen den russischen Zatopek -Bezwinger und 10 000-Meter-Weltrekordler Kuz sowie gegen die bis dahin für traumhaft gehaltene Weltrekordzeit des Ungarn Iharos -, selbst nicht gewußt, daß Gerschler ihn planmäßig auf ein Unterbieten dieser Rekordmarke ferngesteuert hatte. Als er die Iharos-Zeit um 3,8 Sekunden unterboten hatte, was bei - den inzwischen erreichten Grenzwerten eine enorme Verbesserung war, sei Pirie, sprachlos vor Staunen, gleich noch ein Stückchen weiter zum Postamt der norwegischen Stadt gelaufen und habe ein Einwort-Telegramm nach Deutschland aufgegeben: "Danke." Adresse: Direktor Gerschler, Freiburg.
Glaubwürdiger ist, was Gerschler selbst über Pirie berichtet. Von "geistiger Verarmung" und "spürbar einseitiger Entwicklung der Persönlichkeit", die Dr. Schildge an manchen westlichen Hochleistungssportlern festgestellt hat, meint Gerschler an dem Engländer nichts bemerkt zu haben, obwohl dieser in den letzten Jahren einen beträchtlichen Teil seines Lebens auf der Aschenbahn zugebracht hat. Pirie sei als Handelsvertreter beruflich durchaus erfolgreich und habe auf dem Sportplatz das "menschlich größte Erlebnis" seines Lebens gehabt: Er habe dort seine Frau, eine ebenfalls aktive Sportlerin, gefunden.
Gerade dafür empfindet Gerschler, der sich selbst seine Frau Hilde, geborene Preusche, die frühere deutsche Hochsprungmeisterin, vom Sportplatz holte und heute mit ihr - sie ist Sportlehrerin des Freiburger Hochschulinstituts - Seite an Seite arbeitet, allergrößte Sympathie.
Seine Instituts-Arbeit mit rund 150 Studenten betrachtet Gerschler nicht nur von Amts wegen als Zentrum seiner Tätigkeit. Das Hochleistungstraining, das ihn berühmt gemacht hat, übt er nur ehrenamtlich und zeitlich nebenbei aus, wenn auch zu Nutz und Gewinn seiner Sportstudenten.
Zu gleichem Endzweck will sich Gerschler in Melbourne fleißig umschauen und Erfahrungen sammeln. Dabei interessiert ihn vor allem der ungleiche Wettkampf zwischen zwar scharf trainierten, aber durch einseitige Ausrichtung auf den Sport menschlich gefährdeten Wettkämpfern aus dem Westen und den östlichen Staats-Amateuren. Sie sind zwar mindestens ebenso einseitig trainiert, doch wird bei ihnen, wie Dr. Schildge erklärt, "eine gewisse Verarmung der Persönlichkeit nicht als Wertverlust erlebt, da nicht sportliches Spiel, sondern der Sieg der politischen Idee, von der die Persönlichkeit getragen wird, eigentliches Ziel ist".
Als über Fünfzigjähriger und als international anerkannte Kapazität für Hochleistungssport ist Gerschler, der ehemalige Fußballspiel-Trainer, im Grunde wieder zu seinem Ausgangspunkt - allerdings auf höherer Ebene - zurückkehrt, wenn er jetzt die Trainings-Idee des Freiburger Gehirntrusts mit dem von Johan Huizinga, dem holländischen Kulturhistoriker, in die Kulturphilosophie eingeführten Begriff des "homo ludens" umschreibt, des "spielenden Menschen", der auf sportlichem Gebiet, obwohl zur körperlichen Höchstleistung erzogen, der "Laufmaschine" als "geschlossene Persönlichkeit" gegenübertritt.
Das "Ganzheitstraining" nach der Methode Gerschler verlangt freilich einen neuen Trainertyp, von dem Gerschler "ausreichendes Wissen um die Biologie des Trainings eines Menschen" sowie die Fähigkeit, "intuitiv die jeweilige Situation zu erfassen", als Voraussetzungen fordert. Übungsleiter alten Schlages, die von ihrer Erfahrung als vorzeiten einmal aktive Sportler zehren, hätten gegenüber dem mit fundiertem Wissen versehenen "Sport -Erzieher" kaum noch Erfolgs -Chancen. Es ist kein Zufall, daß auch der andere Trainer der deutschen Olympia-Mannschaft, der Mainzer Dr. Wischmann - vor allem Experte für die technischen Disziplinen -, Vollakademiker ist.
Dem allenthalben nur als "Trainer" bekannten Direktor Gerschler haben zahlreiche Neider den akademischen Bildungsgang oft nicht geglaubt. Ein Hamburger Lehrer protestierte gegen die Bestallung eines simplen "Trainers" zum Direktor des Freiburger Universitäts -Sportinstituts. Gerschlers alter Professor Altrock mußte seinen Schüler offiziell in Schutz nehmen und seinen akademischen Status klarstellen.
Gegner hat Gerschler auch aus anderen Gründen. Der international bekannte Sportpublizist Alex Natan schrieb recht zweideutig: "Es spricht für die Klugheit Gerschlers, daß er instinktiv erfaßt hat, daß der autoritäre Hintergrund seiner eigenen Entwicklung nicht genügt, um olympische Helden in der Retorte zu produzieren ... Deswegen fühlt er auch in sich die emotionale Notwendigkeit, sich in der Zusammenarbeit mit Physiologen und Psychologen zu bestätigen."
Diese Zusammenarbeit soll nach den Olympischen Spielen, die das Freiburger Dreigespann Gerschler-Reindell-Schildge als ein wichtiges Etappenziel seiner Arbeit betrachtet, noch vertieft werden. Dr. Schildge: "Wir haben ja eine Menge Material zusammengetragen" - Material, das er gemeinsam mit Reindell auswerten und einerseits als Konzentrat an Gerschlers Laufschule weitergeben, zum anderen aber in seiner eigenen Nervenarzt-Praxis verwerten will: Der Hochleistungssport, sagt Dr. Schildge, liefere oft interessante Aufschlüsse über Grenzen und Möglichkeiten des menschlichen Verhaltens.
Alex Natan schrieb deshalb auch, vom Stolz über die ungeahnten Aspekte des modernen Sports beflügelt: "Wer den internationalen Ruf, die wunderwirkende Geltung kennt, die Woldemar Gerschler besitzt, ist ernsthaft geneigt, in ihm den Besitzer jenes Elixiers zu sehen, das nicht nur Spitzenerfolge in der Leichtathletik garantiert, sondern auch genügend gesellschaftliche Sicherheit verschafft, um die zeitgenössische Lebensangst zu überwinden."
* Alex Natan: "Sport aus Leidenschaft" Thomas Verlag ... Zürich und Ferdinand Schöningh. Paderborn, 252 Seiten; 13,80 Mark.
* Der 1936 gestorbene russische Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow, Nobelpreisträger von 1904, arbeitete besonders auf dem Gebiet der Verdauungsphysiologie und erforschte die erworbenen oder "bedingten" Reflexe
Olympia-Trainer Waldemar Gerschler
Seelenhygiene für labile Läufer
Weltrekordläufer Pirie, Zatopek
Die Leistungsgrenze ist noch nicht erreicht
Nervenarzt Dr. Schildge
"Der Trainer muß wissen ...
... warum der Athlet Sport treibt": Physiologe Professor Reindell
Hochzeitspaar Gerschler, 1938
Bekanntschaft auf dem Sportplatz
Weltrekordler Harbig
"Das moderne Hochleistungstraining ...
Weltrekordler Moens
... ist kein diktatorischer Vorgang ...
Olympiasieger Barthel
... sondern eine Frage des Kontakts ...
Weltrekordler Pirie
... zwischen Sportler und Trainer"
Sportpädagoge Gerschler, Pirie: Freude an der richtigen Bewegung

DER SPIEGEL 47/1956
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