21.11.1956

KONTROLLEPlädoyer für den Untertan

In der vorigen Woche traf das Schicksal in Gestalt von vier ehrenwerten Herren aus der Bonner Ministerialbürokratie, in summa genannt der "interministerielle Filmausschuß", eine positive Vorentscheidung über die Zulassung des Wolfgang -Staudte-Films "Der Untertan" - nach Heinrich Manns gleichnamigem Roman - in der Bundesrepublik. Seit fünf Jahren ist dieser deutsche Film mit außergewöhnlich großem Erfolg in mehreren europäischen Ländern, noch niemals jedoch offiziell in der Bundesrepublik gezeigt worden, obwohl sich der Geschäftsführer der Berliner "Ideal Film G.m.b.H.", der Filmkaufmann Erich Mehl, seit drei Jahren darum bemüht.
Der Hinderungsgrund ist ein Abstammungsproblem ähnlicher Art wie die "nicht-arische Großmütter" unlängst vergangener Zeiten. Staudtes "Untertan"-Film stammt nämlich nicht aus der Bundesrepublik, sondern aus den "volkseigenen" Ateliers der ostzonalen Defa.
Dieser Umstand wurde bis vor wenigen Tagen offenbar als ein schwerwiegender Makel eingeschätzt. Am Montag vergangener Woche passierte "Der Untertan" jedoch endlich die für die Einfuhr sowjetzonaler Filmprodukte in erster Linie entscheidende Bonner Instanz, jenen "interministeriellen Filmausschuß", der gebildet wird aus Vertretern des Innenministeriums, des Auswärtigen Amtes, des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen und des Wirtschaftsministeriums. Jetzt muß nur noch die Wiesbadener Freiwillige Film-Selbstkontrolle zustimmen, doch hat der Filmkaufmann Mehl - "Der 'Untertan' ist mehr ein Staudte- als ein Defa-Film" - daran keinen Zweifel.
Mit der Bonner Ausschuß-Entscheidung ist Mehl, der den westdeutschen Vertriebsvertrag für den "Untertan"-Film mit der Defa abgeschlossen hat, seine Sorgen allerdings noch nicht los. Er muß jetzt das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel, genannt innerdeutscher Kulturaustausch, noch einmal in umgekehrter Richtung betreiben und - gemäß den Gepflogenheiten des Ost-West-Filmgeschäfts - versuchen, mehrere Filmstreifen mit bundesdeutschem Geburtsschein für die Aufführung in der Sowjetzone bei den dortigen Instanzen freizubekommen*.
Dieser Versuch ist nun vollends ein schier entmutigendes Nadelöhr-Problem. Wie die Erfahrung lehrt, passieren bestenfalls zwei von hundert westdeutschen Filmen den Engpaß sowjetzonaler Kontrollstellen, die angestrengt darüber wachen, daß nicht etwa ein politisch wilder West -Film die Ordnung in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik stört.
Eine ebenso intensive Wachsamkeit, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, legte der Bonner "interministerielle Filmausschuß" an den Tag. Dieser Ausschuß, dessen gesetzliches Fundament bisher noch keiner Nachprüfung standzuhalten hatte, wurde 1954 auf Betreiben des Amtes für Verfassungsschutz und des Bonner Innenministeriums gegründet, nachdem der Filmaustausch mit der Sowjetzone in Gang gekommen war.
Als einer der ersten klopfte 1954 der Filmkaufmann Mehl mit den "Untertan" -Filmrollen im Handgepäck bei dem damals neueingerichteten Filmausschuß an. Die Ministerialbeamten fanden an dem Defa -Produkt, das bei den Filmfestivals in Cannes und Venedig erfolgreich abgeschnitten und den schwedischen "Kritikerpreis für den besten deutschen Nachkriegsfilm" sowie einen finnischen Filmpreis erhalten hatte, kein Gefallen. Eine Begründung für ihren ablehnenden Bescheid gaben die Film-Zensoren damals ebensowenig wie nach einer zweiten Vorführung des inzwischen für Bonn etwas präparierten Streifens. Durch die verschlossenen Türen des "interministeriellen Filmausschusses" drangen nur Andeutungen.
So sollen sich die Bonner Filmprüfer an folgender Dialogstelle gestoßen haben: "1948 war ich zum Tode verurteilt, und heute sollen wir uns schon wieder vom Kommiß-Stiefel treten lassen." Mit Mißfallen mögen die Ministerialbeamten auch festgestellt haben, daß sich die sozialdemokratischen Arbeiter in der Papierfabrik Diederich Heßlings, des "Untertan"-Titelhelden, untereinander als "Genossen" anreden. Angeblich waren die Herren des Ausschusses der Ansicht, der "Untertan" -Film enthalte ganz allgemein zuviel Parallelen zur Gegenwart.
Filmkaufmann Mehl erfuhr von Argumenten dieser Art nur inoffiziell. Nachdem der "Untertan"-Film zum zweitenmal abgelehnt worden war, beschloß er, die Meinung der westdeutschen Presse zu Wolfgang Staudtes Heinrich-Mann-Verfilmung einzuholen. Er beschaffte sich eine einmalige Aufführungserlaubnis für Westberlin und arrangierte eine Pressevorführung.
Das Urteil fiel überraschend einstimmig aus. Der Westberliner "Telegraf" veröffentlichte ein "Plädoyer für den Untertan", und der "Kurier" stellte fest, "daß es sich um einen avantgardistischen Film handelt, und nicht einzusehen ist, warum dieses Werk, das ein unheilvolles Gebrechen unserer Zeit, den Untertanengeist, karikiert, nicht auch im Westen gezeigt werden könnte".
Sogar der über allen Verdacht der Sowjet-Fraternisierung erhabene Sender Rias ließ sich als Fürsprecher vernehmen. Rias fand es "unerklärlich", daß die Aufführungserlaubnis für Westdeutschland verweigert werde, "denn hier liegt einer der klarsten und saubersten Filme vor, der einen Großteil der westdeutschen Filmhersteller in einen Gewissenskonflikt mit ihrem eigenen Filmgeschmack bringen müßte".
Ausgerüstet mit derart günstigen Referenzen führte Filmkaufmann Mehl, der in das Geschäft mit dem "Untertan" schon einiges Geld investiert hatte, den Film in der vorigen Woche zum drittenmal in Bonn vor.
Mehl hatte den Zeitpunkt der Wiedervorlage diesmal klug gewählt. Bisher konnten östliche Filme schon irgendeiner politisch unfreundlichen Tendenz wegen vom Ausschuß verworfen werden. Seit neuestem aber kann der Ausschuß nur dann noch ablehnen, wenn ein Film nachweislich gegen den Paragraphen 93 des Strafgesetzbuches ("Herstellung verfassungsverräterischer Publikationen") verstößt. "Der Untertan" wurde als erster Film unter diesem Gesichtspunkt geprüft und notgedrungen freigegeben.
Um diese Liberalisierung bei der Einfuhr von Ost-Filmen hat sich das Bundeswirtschaftsministerium verdient gemacht. Es erteilte von jeher aus devisenrechtlichen Gründen die Einfuhrlizenzen für die Ost -Filme, wobei jedoch der "interministerielle Filmausschuß" die letzte Entscheidung behielt. Das Wirtschaftsministerium, das seine Arbeit durch die Veto-Freudigkeit des Filmausschusses erschwert sah, hatte sich gegen diese verschleierte Zensur wiederholt verwahrt.
Schließlich fanden die Beamten des Wirtschaftsministeriums heraus, daß der "interministerielle Filmausschuß" über eine gesetzliche Handhabe für eine Ablehnung überhaupt nicht verfügt, es sei denn, daß der Paragraph 93 des StGB herangezogen würde. Mit dieser Auffassung hat sich das Wirtschaftsministerium in der vergangenen Woche endgültig durchgesetzt.
Innenministerium und Amt für Verfassungsschutz versuchen nun, ihren Einfluß auf die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden zu verlagern. Schon in der kommenden Woche wird sich der Kulturreferent des Bonner Innenministeriums" der Oberregierungsrat von Plotho, mit den Herren der Wiesbadener Filmprüfstelle treffen.
* Die für die Bundesrepublik scheinbar günstigere, aber nicht genau festgelegte Tauschrelation ergibt sich aus der ungleichen Größe der beiden Einspielgebiete.
Veto gegen den Film "Der Untertan"*: Der Ausschuß nahm Anstoß
* In der Titelrolle: Werner Peters.

DER SPIEGEL 47/1956
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