16.03.1960

Jens Daniel

AUSGERECHNET BANANEN

Von Daniel, Jens

Der Kartenhaus-Spezialist Hallstein ist wieder zu übertriebenen Ehren gekommen. Man hat, seinen Namen auf den Lippen; den Scheidebrief für Sekou Touré entworfen, der doch nur getan hat, was alle Afrikaner und später alle anderen Staaten ebenfalls tun werden: Er hat die DDR diplomatisch anerkannt. Wo in aller Welt liegen die Gründe, die ihn daran hätten hindern sollen?

Gewiß, die Manier des 38jährigen Neu-Präsidenten, uns zu "verladen", war wenig erhebend. Aber was erwartet man von diesem Schwarzen, und was, glaubt man wohl, hätte er von der klassischen europäischen Diplomatie, wie sie zur Zeit in Paris, Bonn und Algier praktiziert wird, anderes lernen können? Er verschaukelt uns so, wie wir uns normalerweise nur selbst verschaukeln. Das könnte mit etwas mehr Stil geschehen, hier wie auch beim Präsidenten Nasser in Kairo, wo die DDR einen Generalkonsul einschmuggeln konnte; aber wann wird man endlich begreifen, daß wir mit unserer Behauptung, auf dem Gebiet der DDR sei in fünfzehn Jahren kein Staat entstanden, aller Welt zum Gespött werden?

Dieser DDR-Staat ist so künstlich wie der Algerien-Staat sein wird, in dem General de Gaulle seine nordafrikanischen Franzosen von den Muselmanen zu trennen droht. Er ist im Inneren beinahe so frei wie das Nato-Mitglied Türkei und wie der Nato-Basen-Partner Spanien. Er ist so totalitär wie die Sowjet -Union und so unabhängig wie die Bundesrepublik. Nur, wieso soll er angesichts all dieser Merkmale kein Staat sein? Man muß nicht unter die nackten Wilden gehen, um mit Hallsteins Logik auf Unverständnis zu stoßen.

Dieser angeblich nicht existierende Staat, der siebtgrößte Maschinen-Produzent der Erde, hat nicht nur Guineas Bananen aufgekauft. Er unterhält handelsvertragliche Verbindungen mit 29 Ländern, Regierungsabkommen etwa mit Finnland, Indien, dem Irak und der Vereinigten Arabischen Republik. Er hat Banken-Abkommen mit Griechenland und Portugal und liefert demnächst 600 Traktoren nach Brasilien. Die Schweiz und Spanien sind die einzigen europäischen Länder, die ohne Handelsvereinbarungen mit der DDR und auf Einzel-Geschäfte angewiesen sind. Das "Jahrbuch der DDR" verzeichnet nicht weniger als 264 internationale Organisationen, in denen die DDR mitarbeitet, von der Internationalen Vereinigung für Samenkontrolle in Dublin bis zur Union zum Schutz der Natur in Brüssel und zum Gehörlosen -Weltschachbund.

Sekou Touré will Hilfe von der DDR. Warum soll er, der autoritäre, marxistisch geschulte Revolutionär, sie dort nicht suchen und bekommen? Warum sollen wir sie ihm streitig machen, die wir doch aus guten Gründen nicht bereit sind, ihm in gleichem Umfang zu helfen? Sollen unsere Wirtschaftler an jeden Punkt der Erde rasen, den östliche Wirtschafts-Strategie aufs Korn nimmt? Sollen wir alle faulen Bananen und Erdnüsse Afrikas aufkaufen, nur damit die üppigen Handelsvertretungen der DDR nicht in Botschaften verwandelt werden? Es wäre sicher immer noch geschickter und nützlicher, in Guinea Wirtschaftshilfe zu placieren, als in der Bundesrepublik Atom-Raketen zu hamstern; aber von solchen Erkenntnissen scheint die deutsche Hallstein-Diplomatie noch meilenweit entfernt.

Wir können uns nicht von Ulbricht vorschreiben lassen, in welchem

Bananen-Winkel wir unser Geld aus dem Fenster werfen. Solange es keine einheitliche westliche Wirtschafts-Strategie gibt - und vermutlich wird es die nie geben - haben wir unsere teuer verdienten D-Mark unter Völkern zu placieren, von denen wir uns politische oder wirtschaftliche Rendite erhoffen können. Wir sollten die dieses Jahr zur Selbständigkeit gelangenden jungen Staaten Afrikas nicht geradezu einladen, uns bei Meidung einer Anerkennung der DDR zu erpressen. Wenn Ulbricht auf Reisen geht, um mittels massiver Geldgeschenke die Anerkennung zu erkaufen, können wir bei diesem Geschäft nicht ständig hinterherjappen wie der Hase, dem irgendein sowjetzonaler Gewerkschafts-Igel sein "bin all do" entgegenruft. Da die bundesrepublikanische Politik sich aus ihrer selbstgefertigten Mausefalle mit eigener Kraft nicht mehr befreien kann, muß sie, wie unter Hitler, hoffen, daß sie von außen überrannt wird. Die Bresche schlug Sekou Touré.

Ja, es gibt zwei deutsche Staaten: Der eine ist aus sich selbst heraus lebensfähig, der andere lebt eine geliehene Existenz. Der eine läßt seine Bürger relativ frei atmen, der andere drangsaliert sie zur höheren Ehre einer Glaubenslehre. Der eine hat westlich-freie Lebensformen, der andere verzerrt östlichen Kollektivismus zur Karikatur. Von deutscher Tüchtigkeit und Perfektion, von deutscher Servilität und Unsicherheit zeugen beide. Laßt sie mit dem Fleiß ihrer Arbeit und mit der Kraft ihrer Ideen miteinander oder gegeneinander konkurrieren!

Es ist nicht sicher, daß dieser Wettstreit friedlicher Konkurrenz zu unseren Gunsten ausfällt? Ich mag's nicht glauben. Wenn ja, dann wäre das Urteil der Geschichte über den zweiten deutschen Versuch, eine Demokratie aufzurichten, ohnehin schon gesprochen.


DER SPIEGEL 12/1960
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