16.03.1960

BONN / GUINEADer Elefant

Ein 38jähriger Neger aus Äquatorialafrika namens Sekou Touré, auf dessen Wangen noch die Schmucknarben zu sehen sind, die ihm einst in die schwarze Haut eingeschnitten wurden, hat den beiden würdigen Großvätern des Abendlandes, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, eine Nase gedreht:
Er durchkreuzte vor 17 Monaten den ehrgeizigen Plan de Gaulles, das ganze afrikanische Kolonialreich der Franzosen in eine Gemeinschaft - "Communauté" - halbfreier Staaten unter Pariser Führung umzuwandeln; Sekou Touré wollte für sein Land, Guinea, die ganze Freiheit und lehnte es ab, der "Communauté" beizutreten.
Vorletzte Woche tat der Neger wieder etwas Unerhörtes: Ohne sich um die Bonner Drohung zu kümmern, jede Anerkennung der DDR werde von der Bundesrepublik mit aller Strenge geahndet, schickte Sekou Touré einen Botschafter nach Pankow und brüskierte den Kanzler Adenauer genauso wie 17 Monate vorher den Präsidenten de Gaulle.
Charles de Gaulle hatte damals über Nacht alle französischen Beamten aus Guinea abgezogen. Konrad Adenauer rief nun den deutschen Botschafter in der guinesischen Hauptstadt Conakry, Dr. Herbert Schroeder, an den Rhein zurück. Der Botschafter mußte erkennen, daß seine Mission gescheitert war, Sekou Tourés Land von Walter Ulbrichts Staat fernzuhalten.
Botschafter Schroeder war freilich mit einem Auftrag nach Guinea geschickt worden, der aus mancherlei Gründen schier unlösbar war. Einem rückständigen Lande,
- dessen energiegeladene schwarze Führer Marxisten und erklärtermaßen darauf aus sind, die erste Volksdemokratie auf afrikanischem Boden mit staatlich gelenkter Wirtschaft zu etablieren,
- das vom Ostblock mit riesigen Rubelkrediten bedacht wird und
- das einen tiefen Groll gegen Bonns europäischen Milchbruder Frankreich hegt,
einem solchen Lande hatte der Bonner Diplomat nicht viel mehr zu bieten als eine Handvoll bundesdeutscher Wirtschaftsexperten und Berater sowie die Aussicht, daß sich deutsches Privatkapital - durch Bundesbürgschaften gedeckt - an der Ausbeutung guinesischer Bodenschätze beteiligen werde.
Wenige Tage vor Botschafter Schroeders Rückkehr in die Heimat hatte der Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums, Dr. Ludger Westrick, bei der Eröffnung der Frankfurter Frühjahrsmesse geklagt, "daß die Entwicklungshilfe, die wir den Völkern Asiens und Afrikas gewähren, für die (deutsche) Volkswirtschaft als Ganzes auf kurze Sicht bemessen keineswegs ein Vorteil, sondern eher ein oft hart empfundenes Opfer darstellt".
Kein Wunder, daß der Bonner Botschafter Herbert Schroeder mit den Möglichkeiten seines Pankower Pendants in Guinea, des Generalkonsuls Wilhelm Kirschei von der Handelsvertretung der Deutschen Demokratischen Republik, nicht konkurrieren konnte. Denn, so heißt es über "Die
Außenhandelspolitik der DDR" in dem SED - Propagandabuch "Zehn Jahre Volkswirtschaft der DDR": "Die Außenhandelspolitik unseres Arbeiter- und Bauernstaates ist ein wesentlicher Teil seiner Außenpolitik ... Indem sich die DDR auf die unterentwickelten Länder orientiert, unterstützt sie den Prozeß einer Veränderung des Kräfteverhältnisses in der Welt. Die DDR trägt mit ihrer Außenhandelspolitik dazu bei, die schwindenden Machtpositionen der Imperialisten zu schwächen."
An politischem Antrieb, mit dem derartige Absichten durchkreuzt werden konnten, gebricht es bisher weithin den auf Rentabilität bedachten privaten Investitoren in der bundesrepublikanischen Wirtschaft, und der Bundestag, der für alle möglichen Zwecke immer höhere Ausgaben beschließen muß, bewilligt nur verhältnismäßig geringe Mittel, mit denen es keineswegs möglich ist, die politische Offensive der DDR und des ganzen Ostblocks zu stoppen, die keine Rücksicht auf den kaufmännischen Sinn ihrer Entwicklungshilfe zu legen brauchen.
So hat Botschafter Schroeder weniger mit Geld als mit guten Worten versuchen müssen, den ungebärdigen, selbstbewußten Herrscher Guineas, Sekou Touré, bei der Bonner Stange und von den kapitalkräftigen Pankowern fernzuhalten. Auf der Strecke blieb bei diesem Abenteuer im schwarzen Afrika jene nach dem blassen Stubengelehrten Walter Hallstein benannte Doktrin, die von der fixen Idee ausgeht, man könne andere Länder dadurch von Beziehungen zur DDR abhalten, daß man ihnen in letzter Konsequenz mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und dem Entzug bundesdeutscher Wirtschaftshilfe droht.
Guineas Sekou Touré hat dieses eherne Grundgesetz bundesdeutscher Außenpolitik endgültig ad absurdum geführt. Mehr noch: Sekou Touré, Jahrgang 1922, der sich als "Mr. Guinea" in die Schlagzeilen der Westpresse und als "Silli" - zu deutsch: Elefant - in die Hirne seiner 2,8 Millionen Volksgenossen eingetragen hat (den Guinesen erscheint das Rüsseltier seiner Stärke und Klugheit wegen anbetungswürdig), machte sich einen Jux daraus, mit den verstörten Bonnern Katz und Maus zu spielen, wie es seine Ahnen wohl in Vorzeiten mit benachbarten Stammesfürsten getrieben haben mögen.
Die Touré vom Stamme der Malinke - so kolportiert es jedenfalls "Silli" Sekou - zählen zu den Nachfahren der Keita-Dynastie, die den sagenhaften Samory - eine Art afrikanischen Siegfried - hervorbrachte. Dieser Samory nahm vor 900 Jahren Pfeil und Bogen, um in Westafrika ein muselmanisches Imperium zu erkämpfen, ein Unterfangen, dem sich der späte Enkel Sekou gleichfalls verpflichtet glaubt.
Das Bauernkind Sekou Touré wurde auf eine Koran-Schule und danach auf die französische Volksschule in dem Städtchen Kankan geschickt, wo der Unterrichtsplan im - wesentlichen das Erlernen des Alphabets und des kleinen Einmaleins vorsah. Sekou aber strebte nach höherem: In der Landeshauptstadt Conakry ließ er sich am Technikum "Georges Poiret" fortbilden. Freilich nicht lange; nach einem Jahr - Sekou war gerade 15 - wurde er wegen der Teilnahme an einem Hungerstreik von der Anstalt entfernt.
So blieben die Elementarkenntnisse zwangsläufig lückenhaft: Im Französischen unterlaufen Sekou noch heute Schnitzer. Zu seinem Volk spricht er entweder im Soussou-Idiom der Küstenbewohner oder in seinem eigenen Malinke-Dialekt. Die Verständigung bleibt gleichwohl dem Zufall überlassen, weshalb bei Touré-Reden auf dem platten Land der Applaus kommandiert wird. Beauftragte des Staatschefs lassen in geeigneten Augenblicken ein Pfeifensignal ertönen, das unverzüglich frenetisches Händeklatschen der Eingeborenen auslöst,
Nach dem Hinauswurf aus dem Technikum stillte Sekou Touré seine Lernbegierde durch private Studien; es heißt, er habe dickbändigd französische Lexika reihenweise wie Kriminalromane ausgelesen. Nicht ohne Erfolg: Mit 18 Jahren erhält er eine Anstellung bei der französischen Firma "Niger Francais", mit 19 besteht er ein Verwaltungs -Examen und wird Postbeamter.
Arbeitnehmer Touré zeigte bald gewerkschaftliche Interessen und trat in Kontakt zu dem kommunistisch-französischen Gewerkschaftsverband CGT, der sich des strebsamen jungen Mannes zu bedienen wußte: Sekou Touré wurde mit dem Posten des Generalsekretärs der Postgewerkschaft von Guinea bedacht, schließlich erhielt er den Auftrag zur Gründung eines Gewerkschaftsbundes für ganz Guinea, der sich sogleich dem KP-gelenkten Weltgewerkschaftsbund anschloß. Touré wurde mit dem Titel eines Vizepräsidenten dieser Welt -Organisation ausgestattet.
In dieser Zeit - um 1950 - hat Touré nach allgemeiner Lesart an gewerkschaftlichen Veranstaltungen in Prag. Warschau und auch in Moskau teilgenommen - eine Behauptung, die er allerdings abstreitet: "Ich bin niemals nördlich oder östlich von Brüssel gewesen." Sicher ist dagegen seine Teilnahme an einem Lehrgang in der CGT -Kaderschule Bobigny bei Paris.
Immerhin brach Touré vor drei Jahren mit der kommunistischen Weltgewerkschaft. Als Präsident des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes der Arbeiter Schwarzafrikas, Sitz in Conakry, steuert er auf den Zusammenschluß der dunkelhäutigen Arbeiterschaft aller afrikanischen Länder zu - unabhängig vom Weltgewerkschaftsbund des Ostens und vom Internationalen Bund Freier Gewerkschaften des Westens.
Diese Politik der dritten (afrikanischen) Kraft verfolgte der "Elefant" von Guinea auch beim Aufbau seiner "Demokratischen Partei Guineas" (PDG), die er zunächst als Landesverband der Demokratischen Afrikanischen Sammlungsbewegung (RDA) etablierte, deren Gründer Houphouet-Boigny, Oberhaupt der benachbarten Elfenbeinküste, sich guter Beziehungen zum französischen Mutterland zu rühmen weiß.
Sekou Touré freilich zog sich bald den Unwillen der französischen Herren zu, die dem organisatorischen Geschick und der politischen Zielstrebigkeit des ehrgeizigen jungen Mannes mißtrauten, der jede Wahl gewann, zu der er sich stellte. 1951 wurde seine Wahl zum Deputierten von Guinea in der Pariser Nationalversammlung von den Franzosen noch annulliert; fünf Jahre später hatte Touré seine Macht so gefestigt, daß er seinen Sitz im französischen Parlament einnehmen konnte. Als im Februar 1957 Guinea die erweiterte Autonomie zugestanden und eine Territorialregierung gebildet wurde, gelangte Sekou Touré auf den Sessel des Ministerpräsidenten.
Als Chef von Partei, Gewerkschaft und Selbstverwaltung bereitete Touré planmäßig die De-Kolonisierung und Demokratisierung des Landes vor. Er überzog Guinea mit einem Netz zentralgelenkter Parteizellen, an denen die Macht der frankreichhörigen Stammeshäuptlinge zerbrach, und installierte eine original-afrikanische Palaver-Demokratie: Von Zeit zu Zeit trommelten Tourés Funktionäre die Bewohner eines Dorfes zusammen und besprachen mit ihnen den Sinn von Anordnungen, die der kluge "Elefant" im fernen Conakry erlassen hatte.
Eine so noble Behandlung war den Buschbauern gleichermaßen neu und angenehm. Sekou Touré jedenfalls erschien ihnen alsbald nicht nur als Nationalheros, sondern auch als der künftige "Mahdi", von dem die mohammedanischen Afrikaner seit je glauben, daß er einst kommen und sie erlösen werde. Diese mystische Zuversicht wurde - im Hinblick auf Touré - nicht zuletzt von den Frauen des Landes genährt, die in dem biegsamen, athletischen "Silli" mit den muskulösen Waden das Ideal männlicher Vollkommenheit erblicken, woran sie auch der Umstand nicht hindert, daß des schönen Sekous erste Ehe mit einer Eingeborenen-Dame nicht von sonderlicher Dauer war. Touré ist inzwischen zum zweitenmal verheiratet, mit Andrée, der Tochter einer Malinke-Frau und eines Franzosen.
Frau Andrée ist mit außerordentlichen Rechten versehen: Sie hat Vollmacht, ihren Gemahl in Sitzungen des Kabinetts zu vertreten.
Die politische Entscheidung, die Sekou Touré gesucht und angebahnt hatte, vollzog sich am 25. August 1958, als Charles de Gaulle auf seiner afrikanischen Unabhängigkeits-Tour nach Conakry kam. Aus Paris war der General mit dem Entschluß abgereist, den schwarzen Franzosen seines Kolonial -Imperiums die freie Wahl zwischen absoluter Unabhängigkeit von Frankreich und dem Beitritt zu seiner neuen Gemeinschaft - "Communauté" - zu überlassen, die nach dem Muster eines Bundesstaates zwar unter Pariser Kontrolle stehen, ihre eigenen Angelegenheiten aber in eigener Verantwortung besorgen sollten. Die Staaten der Gemeinschaft sollten eigene Regierungen und Parlamente wählen, von Frankreich Wirtschaftshilfe und finanzielle Unterstützung erhalten; aber auf gewisse Hoheitsrechte verzichten und gemeinsame Interessen durch das Mutterland wahren lassen.
De Gaulle machte klar, daß es für die Länder des französischen Afrika-Reichs* nur das Ja zur Gemeinschaft oder das Nein der Unabhängigkeit "auf eigene Kosten und Gefahr" geben könne. In der Überzeugung, daß auch die nationalistischsten Afrikaner nicht bereit sein würden, "das unausweichliche Gegenstück der Unabhängigkeit, die volle Verantwortung für sich selbst" auf sich zu laden, trompetete de Gaulle: "Ich bin sicher, daß alle afrikanischen Gebiete für Frankreich stimmen."
In Conakry jedoch wurde der Staatschef aus Paris eines anderen belehrt. Guineas Sekou Touré verlangte "die volle Entkolonisierung Afrikas, seiner Wirtschaft und seiner Verwaltung" als Vorbedingung für eine "solide französisch-afrikanische Gemeinschaft". Das sei, so verkündete Touré, "nicht die eine Meinung eines einzelnen Mannes", sondern entspreche "den Überzeugungen des gesamten Volkes von Guinea".
Dann geschah das, was der Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung" als "Zusammenstoß der beiden inkompatiblen Temperamente" bezeichnete. Touré: "Guinea bevorzugt Armut in Freiheit vor Reichtum in Sklaverei." De Gaulle: "Dann ist alles, was ihr zu tun habt, 'nein' zu sagen... Ich verspreche es: Niemand wird eurer Unabhängigkeit im Wege stehen."
Fünf Tage nach diesem Wortwechsel forderte Touré in einem Manifest die Beschränkung der Kompetenzen der geplanten Gemeinschaft auf Verteidigung, Außenpolitik und Finanzen und erklärte, bei Ablehnung dieser Wünsche werde das Volk von Guinea die Unabhängigkeit wählen.
De Gaulle saß in der Falle, die er selbst gestellt hatte: Er lehnte ab. Touré gab für Guinea die "Nein"-Parole. Am 28. September 1958, dem Tag des Referendums im französischen Imperium, stimmten nur 15 551 Guinesen für den de-Gaulle-Plan, 573 470 (97,12 Prozent) bevorzugten Tourés Freiheit in Armut.
Das bedeutete den Bruch mit Frankreich, der - so die "Neue Zürcher Zeitung" - Begleiterscheinungen aufwies, "wie sie im Privatleben und auf der Bühne mit der gewaltsamen Lösung eines Liebesverhältnisses einherzugehen pflegen. Die schrillen Töne der Verschmähten waren in diesem Fall auf seiten Frankreichs zu vernehmen".
Schrieb das Schweizer Blatt: "So kam es etwa bei der Übergabe des Eigentums auf Grund des immerhin verfassungsmäßigen Entscheides zu peinlichen Szenen. Der Gouverneurspalast wurde so gut wie ausgeräumt; ein Teil des Mobiliars dann wieder zurückerstattet, nachdem es sich herausgestellt halte, daß es Eigentum des Territoriums war. Aber selbst die Telephonapparate wurden abmontiert, so daß der neue Präsident der Republik Guinea in den ersten Tagen ohne Telephonanschluß war."
Die Entwicklung hatte sich im Zeitraffertempo vollzogen. Am 28. September 1958 hatten die Guinesen mit "Nein" gestimmt, am 2. Oktober schon proklamierte die Territorialversammlung von Guinea feierlich die Unabhängigkeit des Landes, erhob sich zur souveränen Konstituierenden Nationalversammlung und wählte eine neue Regierung unter Sekou Touré. Innerhalb von fünf Tagen war ein neuer Staat geboren, dessen Gebiet 68 Jahre lang zu Frankreich gehört hatte und dessen Bevölkerung gegen de Gaulle hart geblieben war: die Republik Guinea.
Buchstäblich Stunden nach der Unabhängigkeitserklärung meldete sich in der Hauptstadt Conakry der erste Staat, der bereit war, Beziehungen zu Guinea aufzunehmen: die DDR.
Am 20. Oktober 1958 streckte Bonn seinen ersten vorsichtigen Fühler aus. Der deutsche Konsul in Dakar (Französisch-Westafrika), Dr. Reichhold, fuhr zu Sekou Touré, um ihm offiziell mitzuteilen, wie glücklich sich das deutsche Volk schätzen würde, wenn es an der Entwicklung Guineas teilnehmen könnte. Am 31. Oktober 1958 schickte Konrad Adenauer ein Telegramm nach Conakry, in dem die Republik Guinea anerkannt und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen angekündigt wurde. Außerdem, so telegraphierte der Kanzler, werde bald ein Sonderbeauftragter eintreffen, mit dem Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit erörtert werden könnten.
Indes, die DDR-Kommis waren schneller als Bonn. Schon am 17. November 1958, also sechs Wochen nach der Staatsgründung, schlossen die DDR und Guinea in Conakry ein Handels-, ein Kultur- und ein Abkommen über den Austausch von Handelsvertretungen. Pankow versprach, sofort Textilien, kleinere Ausrüstungen, chemische Erzeugnisse und Konsumgüter zu liefern, wofür Guinea mit Bananen, Kaffee und Ölfrüchten aufwarten wollte. Die DDR schickte Fachleute und Wissenschaftler und lud guinesische Studenten und Arbeiter zur Ausbildung in die DDR ein.
Am 7. Januar 1959 kam auch der avisierte Bonner Sonderbeauftragte, Botschafter Dr. Korth, in Conakry an. Als Morgengabe brachte er Sekou Touré eine Schenkungsurkunde über eine fahrbare Krankenbehandlungsstation mit und bekundete, auch Bonn sei zu Handelsvertragsverhandlungen und zu Wirtschaftshilfe bereit. Den guinesischen Handelsminister lud er nach Bonn ein.
Ein paar Tage später, schon am 26. Februar 1959, nahm die "Handelsvertretung der DDR" in Conakry unter Generalkonsul Wilhelm Kirschei ihre Arbeit auf. Er und sein Dutzend Mitarbeiter genossen von Anfang an diplomatische Immunität und Zollfreiheit, übten konsularische Befugnisse aus.
Sekou Tourés Staat war auf derart rasche Hilfestellung dringend angewiesen, und es mochte ihm zupaß kommen, daß Wilhelm Kirschei aus Ostberlin ihm nicht nur mit Rät und Tat zur Seite stand, sondern auch lauthals mit einstimmte, wenn es die ehemaligen französischen Kolonialherren zu beschimpfen und Sekou Tourés neuen Staatsaufbau zu loben galt, der freilich eine gewisse Ähnlichkeit mit der DDR hat.
Die PDG-Staatspartei, die ohne Opposition geblieben ist und deren Anordnungen die Regierung sich zu fügen hat, wird von einem Politbüro (Bureau politique) gelenkt, das siebzehn Mitglieder hat, von denen zumindest sechs strammste Marxisten östlicher Prägung sind, darunter Ismael Touré, ein Halbbruder des Regierungschefs. Das Politbüro, dem Sekou Touré vorsteht, verfügt über eine eigene geheime Polizei; die Kontrolle ist durch sogenannte Lokalkomitees, die "zentristisch" gesteuert werden, gesichert. Die Jugendorganisation der Touré-Partei hat sich den Namen "Pioniere" gegeben.
Das Kabinett, in dem sich Staatspräsident Sekou Touré die Posten des Ministerpräsidenten, des Außenministers und des Verteidigungsministers gesichert hat, rekrutiert sich aus lauter Namenlosen: Innenminister Keita Fodeba war früher Ballettmeister, der Informationsminister war ehedem als Techniker bei Radio Conakry tätig, der Handelsminister stand als Kaufmann hinter dem Ladentisch und der Minister für öffentliche Arbeiten ist Meteorologe von Beruf. Diese zusammengewürfelte Regierungsmannschaft hat gleichwohl verstanden, die Macht Sekou Tourés in kurzer Zeit zu stabilisieren. Es wurde ein Staatsmonopol für Reis, Getreide, Zucker und Zement verfügt, und in staatlichen Einzelhandelsgeschäften werden die wichtigsten Bedarfsgüter zu amtlichen Festpreisen verkauft. Auch die Justiz wurde gleichgeschaltet: Auf Diebstahl steht Tod.
"Ich weiß", erläuterte Touré, "daß das manche Leute für Totalitarismus halten, aber diese Leute vergessen, daß es das Volk selbst ist, das diese Aktion trägt."
Am gleichen Tage, an dem die Handelsvertretung der DDR in Conakry mit der Arbeit begonnen hatte - dem 26. Februar 1959 -, feierte der bundesrepublikanische Atomminister Balke in der Redoute zu Bad Godesberg bei einem Frühstück den guinesischen Planungsminister und den Staatssekretär für das Informationswesen - die Herren kamen gerade aus Ostberlin - mit einem musikalischen Vergleich: "Mir scheint, daß es sich dabei (bei Europas Beziehungen zu Afrika) so verhält wie mit den schwarzen und weißen Tasten eines Klaviers. Sie wissen, daß man eine Melodie nur auf den weißen Tasten spielen kann und daß man das gleiche auch auf den schwarzen Tasten allein zustande zu bringen vermag. Eine wirkliche Harmonie entsteht aber erst, wenn sowohl die weißen wie auch die schwarzen Tasten gleichzeitig angeschlagen werden." Aber zu solch lyrischem schwarz-weißem Akkord konnte sich Bonn aus ganz verständlicher Rücksicht auf Frankreich, das dem abtrünnigen Guinea immer noch grollte, nicht verstehen. Die schwarzen Herren reisten aus Bonn ab, ohne die erwartete Hilfe zu bekommen.
Am 18. März 1959 wurde aber in Bonn ein Regierungsabkommen über wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit unterzeichnet. Dieses Abkommen stellte allerdings nur "einen Rahmen dar, der durch besondere Vereinbarungen ausgefüllt werden kann". Im Juli 1959 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Conakry schließlich aufgenommen, neun Monates nachdem dieser Schritt, angekündigt worden war: Legationsrat Poensgen vom AA reiste als Geschäftsträger und Vorkommando nach Conakry ab.
Aber der Generalkonsul Kirschei aus Ostberlin hatte sich schon als deutscher Vertreter eingeführt. Er erschien auf Veranstaltungen, zu denen das Diplomatische Korps eingeladen war, und führte an seinem Wagen einen schwarzrotgoldenen Stander und eine CC-Plakette. Bald hatte sich für seine Dienststelle der Name eingebürgert: "Ambassade d'Allemagne" - Deutsche Botschaft.
Der Bonner Geschäftsträger Poensgen, und nach seiner Amtsübernahme im Dezember 1959 auch Botschafter Schroeder, merkten rasch, wohin der "Elefant" lief. Als Sekou Touré zu einem Besuch nach Pankow eingeladen wurde, empfahl die westdeutsche Vertretung in Conakry dringend, Bonn müsse den schwarzen Mann ebenfalls bitten, wenn es nicht ganz aus dem Rennen geworfen werden wolle.
Anfang Oktober 1959 lud Heinrich Lübke, frischgewählter Bundespräsident, Sekou Touré denn auch zu einem Staatsbesuch nach Bonn ein. Dazu Konrad Adenauer heute: "Ich hatte ihn nicht eingeladen."
Mit roten Läufern, Musikkapellen, Ehrenkompanien und Fahnenspalieren wurde dem dunkelhäutigen Gast am 16. November 1959 ein durchaus farbiges Willkommen bereitet, wozu nicht zuletzt Bonns Guinea-Botschafter Schroeder beitrug, der - obgleich er bis dahin noch gar nicht in Guinea gewesen war - mit Sinn für Symbolik eine schwarze Krawatte mit kleinen violetten Elefanten - dem guinesischen Wappentier - angelegt hatte.
Im Verhältnis zum äußeren Aufwand fiel das praktische Ergebnis des Staatsbesuchs naturgemäß mager aus; es hielt sich im Rahmen dessen, was Bonn schon zuvor für ausreichend erachtet hatte, um der jungen afrikanischen Republik eine Vorstellung von den wirtschaftlichen Möglichkeiten Westdeutschlands zu geben.
In den zwölf Monaten zwischen der Anerkennung Guineas und dem Touré -Besuch hatte die Bundesrepublik technische und wirtschaftliche Hilfe geleistet, indem sie
- Experten für Fischereiwesen, Viehzucht, Fleischverwertung und Rundfunkwesen nach Guinea schickte und
- eine Schenkungsurkunde für eine fahrbare Krankenbehandlungsstation überreichte.
Tourés Besuch in Bonn gab Gelegenheit, dem afrikanischen Gast zu versichern, daß diese Leistungen nun in angemessener Weise verbessert werden würden. Zunächst freilich wurde nur der Textvorschlag für ein Handelsabkommen und für ein Abkommen über den Schutz von Kapitalinvestitionen in Guinea überreicht. Außerdem schlug Bonn vor, deutsche Wirtschaftler nach Conakry zu schicken, die sich mit Land und Leuten vertraut machen sollten.
Allerdings: Es sollte keine Regierungsdelegation, sondern eine Delegation des westdeutschen Privatkapitals aus Vertretern von Banken, der Industrie und des Handels entsandt werden. Immerhin, ein Beamter des Bundeswirtschaftsministeriums sollte sie begleiten.
Bonn hatte richtig erkannt, daß es der Bundesrepublik unmöglich sein würde, mit den politisch und nicht ökonomisch motivierten DDR-Lieferungen Schritt zu halten. Ende März war die Bonner Delegation noch nicht abgereist.
Die materielle Zurückhaltung gegenüber Guinea erläuterte Bundespräsident Heinrich Lübke treffend damit, "daß für uns Deutsche das Verhältnis zum afrikanischen Kontinent niemals eine Rechenaufgabe gewesen ist." Diese Aufgabe müsse vielmehr "auch mit dem Herzen gelöst werden".
Solche unverbindlichen Bekundungen deutschen Gemüts waren für den Marxisten Sekou Touré, der praktische Hilfe zur ökonomischen Entwicklung suchte, offensichtlich weit weniger eindrucksvoll als das, was er von den marxistischen Brüdern in Moskau - wohin er von Bonn flog - hörte. Die Sowjets stellten einen 140-Millionen-Rubel-Kredit in Aussicht und konzedierten sogar, daß Guinea dieses Geld ausgeben könne, wo es wolle, auch für Ankäufe im Westen. Der Rubel-Kurs gebot freilich aus wirtschaftlichen Gründen, die Einkäufe im Ostblock zu tätigen, aber der Schein war gewahrt, daß Moskau ganz uneigennützig handele.
Dem Gewerkschaftsvorsitzenden Sekou Touré ging auch ein, was der Chef des sowjetzonalen Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, Herbert Warnke, gelegentlich einer Afrika-Propaganda -Tournee in einer Veranstaltung des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes der Arbeiter Schwarzafrikas (Vorsitzender: Sekou Touré) in Guinea sagte: "Nach der Zerschlagung des Faschismus im Zweiten Weltkrieg nahm die Arbeiterklasse der DDR die Betriebe, die Banken und den Staatsapparat in ihre Hand. Laßt euch nicht sagen, die Arbeiter könnten das nicht. Sie können das viel besser als die Kapitalisten. Entscheidend für den Sieg der Arbeiterklasse ist ihre Einheit auf marxistischer Basis... Die Freundschaft zwischen den Werktätigen Deutschlands und Afrikas ist stärker als das Bündnis der französischen und westdeutschen Imperialisten, dessen Frucht die Sahara-Bombe ist."
Die Bonner Botschaft in Conakry hat ihre Zentrale immer wieder deutlich darauf hingewiesen, wie virtuos die DDR gerade auf den schwarz-weißen Tasten des Gewerkschaftsklaviers spielte, und es fehlte auch nicht an Versuchen des Bonner Auswärtigen Amtes, den Deutschen Gewerkschaftsbund in Düsseldorf zu ähnlichen Solidaritätsbekundungen und möglichst auch zu praktischer Hilfe für die schwarzen Kollegen zu ermuntern.
Aber der DGB war zu direkter Hilfe nicht imstande. Der "Internationale Bund Freier Gewerkschaften" in Brüssel, das nichtkommunistische Pendant zum kommunistischen "Weltgewerkschaftsbund", hat 1957 auf einem Kongreß in Tunis einen Internationalen Solidaritätsfonds beschlossen, in den die nationalen Mitgliedsgewerkschaften einzahlen und der allein zu internationalen gewerkschaftlichen Hilfen befugt ist. Aus diesem Fonds werden auch allerlei Gelder gezahlt - aber die nationalen Interessen der Deutschen lassen sich kaum besonders berücksichtigen, und Guinea wurde noch nicht bedacht.
Der bisher einzige direkte Kontakt des DGB mit Sekou Touré kam am 17. November 1959 im Bonner Gewerkschaftshaus zustande, der freilich nicht mehr als unverbindliche Gespräche und Deklamationen brachte. So hielt Gewerkschaftler Sekou Touré sich an den Kollegen Warnke aus Ostberlin, der nun allein das afrikanische Faible für Deutschland ausnutzt. Stundenlang besprachen beide in Guinea "Fragen der Unterstützung der afrikanischen Gewerkschaftsbewegung durch den FDGB".
Guineas mißliche Lage hängt damit zusammen, daß es bis Anfang dieses Monats ungeachtet seiner politischen Unabhängigkeit von der französischen Gemeinschaft noch den französischen Kolonialfranc als Währung hatte, der von Paris kontrolliert wird und in den ehemals französischen Kolonien gilt. Er ist nur halb soviel wert wie der französische Heimatfranc.
Im Handel mit Frankreich genoß Guinea zwar besondere Kursvorteile, aber auf dem Weltmarkt waren seine Produkte aus diesen währungstechnischen Gründen besonders teuer. Andererseits war Guinea wegen des Währungsgefälles ein finanziell besonders interessantes Gebiet für Franc-Investitionen.
Am 1. März 1960 schied Sekou Touré deshalb aus der Franc-Zone aus und etablierte eine eigene Währung, die - nach seinen Worten - "durch die Bodenschätze des Landes und die Arbeitskraft der Bevölkerung" gedeckt ist. Gleichzeitig brachte er mit der Sowjet -Union die 140-Millionen-Rubel-Anleihe unter Dach und schloß mit Moskau umfängliche Investitionsverträge.
Ebenfalls am 1. März überreichte der guinesische Geschäftsträger bei der Uno dem Generalsekretär Dag Hammarskjöld mit einem Anschreiben Sekou Tourés einen Beschluß des Politbüros in Conakry, in dem gegen Bonner Hilfe bei der Entwicklung der französischen Atombombe und gegen den Dienst deutscher Soldaten in der französischen Fremdenlegion protestiert wird.
Dem Bonner Botschafter Schroeder war klar, daß die östlichen Gönner Guineas den Genossen Sekou Touré mit derartigen Schwindelinformationen versehen hatten. Aber der deutsche Diplomat erkannte auch die Zwangslage des schwarzen Staatschefs: Sekou Touré aß des Ostens Brot, und er mußte des Ostens Lied singen.
Sekou Tourés Ostdrall hat nicht nur ideologische Gründe: Guinea arbeitet zur Zeit mit starker Pankower Hilfe einen Dreijahresplan für die Entwicklung des Landes aus. Nur zentral kommandierte und staatlich gelenkte Volkswirtschaften sind in der Lage, für die Produkte des Landes Abnahmegarantien zu geben.
Unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes, als die Franzosen bis zum Telephon alles mitgenommen hatten, war die DDR zum Beispiel bereit gewesen, dem Lande die gesamte Bananenernte - eines der wichtigsten Exportgüter - abzukaufen.
In Guinea wachsen sogenannte Tigerbananen, unansehnliche grünliche Früchte mit schwarzen Flecken. Kein privater Südfruchtimporteur etwa aus Hamburg hätte dieses Geschäft riskieren können, ohne Gefahr zu laufen, auf der verfaulenden Ware sitzen zu bleiben.
Das staatliche Außenhandelskontor der DDR kostete es einen Federstrich, die Ware abzunehmen und über die staatliche Handelsorganisation in der Zone zu verteilen.
Angesichts solcher Realitäten ist es das Geheimnis des Auswärtigen Amtes zu Bonn, wie es mit der abgestandenen Hallstein-Doktrin - also durch die Drohung mit diplomatischem und wirtschaftlichem Boykott - verhindern will, daß die jungen Staaten Afrikas und Asiens sich der DDR zuwenden, die es sich leisten kann, mit ihrer Hilfe viel effektiver zu sein als Bonn.
Die Bonner Aufregung um den guinesischen Atombombenbrief an die Uno ("ungeheuerlich und frei erfunden") war noch nicht abgeebbt, als der "Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst" (ADN) der DDR am vorletzten Sonntag die Meldung verbreitete, daß Sekou Touré nun auch normale diplomatische Beziehungen zur DDR aufgenommen und sein Botschafter Dr. Seydou Conte in Pankow sein Beglaubigungsschreiben abgegeben habe.
Sagte der schwarze Botschafter zu dem halbgelähmten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck: "Unser Staatsoberhaupt, der Herr Präsident Sekou Touré, hat mich beauftragt, Ihnen aus diesem Anlaß (der Überreichung des Beglaubigungsschreibens) seine tiefe Dankbarkeit für die Freundschaft Ihrer Regierung und Ihres Volkes gegenüber der Republik Guinea seit der Erringung ihrer Unabhängigkeit zum Ausdruck zu bringen ... Es genügt mir, hier darauf hinzuweisen, daß die afrikanischen Völker sich zu erinnern wissen."
Eilig wurde der Bonner Botschafter Schroeder in Conakry beauftragt, bei Sekou Touré nachzufragen, ob ADN etwa eine Falschmeldung verbreitet habe. Anschließend solle er sofort nach Bonn zur Berichterstattung kommen.
Das einstündige Gespräch zwischen Touré und Schroeder wurde zum denkwürdigen diplomatischen Geplänkel:
Schroeder: Ob Guinea Beziehungen zur DDR aufgenommen habe?
Sekou Touré: Er habe der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DDR nicht zugestimmt und eine derartige Meldung nicht verbreitet.
Schroeder: Ob der Herr Präsident es also dementieren wolle?
Sekou Touré: Da er nichts verbreitet habe, könne er auch nichts dementieren.
Schroeder: Er, der Botschafter, sei aber zur Berichterstattung nach Bonn beordert, was das heiße, sei dem Herrn Präsidenten wohl klar. Was er seiner Regierung sagen solle?
Sekou Touré: Er solle sagen, Sekou Touré habe die Meldung nicht verbreitet und könne sie deshalb auch nicht dementieren.
In diesem Stil quälte sich das Gespräch sechzig Minuten hin, berührte auch andere allgemeine Fragen und ging dann zu Ende.
Verwirrt setzte der Botschafter sich ins Flugzeug nach Bonn.
Der guinesische Botschafter in Bonn, der 28jährige Nabi Youla, der in Paris residiert, weil er sein Land zugleich in Frankreich, England, Westdeutschland und der Schweiz vertritt, konnte noch weniger Präzises sagen: Er habe die Sache nur im Radio gehört und wisse überhaupt nichts, wolle sich aber gleich erkundigen.
Das Bundeskabinett ermächtigte den Außenminister Heinrich von Brentano am Mittwoch letzter Woche, als der Weisheit letzten Schluß die Beziehungen zu Sekou Touré abzubrechen, falls die ADN-Meldung wirklich wahr sei.
Das Bonner Auswärtige Amt berät nun, was geschehen solle, falls das Beispiel Sekou Tourés Schule macht. Die Waffe der Hallstein-Doktrin, nämlich die Drohung mit dem bundesrepublikanischen Wirtschaftsboykott, ist stumpf, weil der Ostblock ohnehin viel großzügiger liefert als Bonn. Sekou Touré versuchte der Bundesregierung in einem Gespräch mit dem SPIEGEL goldene Brücken zu bauen (siehe Seite 16), unter denen die Hallstein-Doktrin verschwinden kann.
Der Neger rät das Vernünftigste. Denn Botschafter Dr. Helmut Allardt, der Generaldirektor des Entwicklungsfonds für die der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft assoziierten Gebiete in Übersee, in den alle EWG -Länder Mittel einschießen, klagte am Freitag vorletzter Woche: "Die Verteilung unserer Mittel läuft langsam, sehr langsam . . . Wo immer in Afrika ein Vakuum entsteht, versucht die östliche Welt es mit großem Geschick zu füllen. Nehmen Sie Guinea. Als das Land unabhängig wurde, hat nicht nur Frankreich, sondern der ganze Westen dort monatelang ein politisches und wirtschaftliches Vakuum geduldet, ehe man sich zu neuen Maßnahmen entschließen konnte."
Auch mit den Aussichten für direkte deutsche Hilfe ist es schlecht bestellt. Einige Tage, nachdem Pankow und Conakry Botschafter ausgetauscht hatten, verbreitete das Bundespresseamt: "Unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard wird die PARTAA (Partnerschaft mit Asien und Afrika e.V.) ihre Tätigkeit verstärken. Prof. Erhard hat die PARTAA, die kürzlich in das Bonner Vereinsregister eingetragen wurde, unter anderem veranlaßt, nunmehr mit allen zweckdienlichen Mitteln in der Öffentlichkeit Kenntnis zu verbreiten über Notwendigkeit und Aspekte von Entwicklungshilfen für die Länder Asiens und Afrikas.
"Die Arbeit der PARTAA fußt auf der Erkenntnis, daß die Entwicklungshilfen während der kommenden Jahre über das bisherige Maß hinaus intensiviert werden müssen - sei es direkt durch öffentliche Mittel oder durch staatliche - Garantien, sei es in Form privater Investitionen . . . auch kleinerer und mittlerer Unternehmen der Wirtschaft."
Ob aber die Afrikaner an privaten Investitionen in ihren jungen Staaten sonderlich interessiert sind, steht dahin. Schon Ende des letzten Jahres gab Sekou Touré zu bedenken: "Was sollen wir Afrikaner mit einer kapitalistischen oder bürgerlichen Gesellschaft anfangen? Wir sind ein Volk von Proletariern. Kapital haben bei uns nur die Franzosen, die Europäer, besessen."
Bundespressechef Felix von Eckardt am Mittwoch letzter Woche auf die Frage, wieviel bundesrepublikanisches Geld bisher an Guinea gezahlt wurde: "Ich glaube, das Geld ist noch alles hier!"
* Elfenbeinküste, Senegal, Obervolta, Mauretanien, Niger, Guinea, Franz.-Sudan, Dahomey, Gabun, Mittelkongo, Ubangi-Scharo, Tschad, Madakaskar, Französisch-Somaliland und die Komoren.
Sekou Touré, Gastgeber: Statt Geld gute Worte
Schroeder-Bonn
Warnke-Pankow
Guinea-Botschafter Seydou Conte in Ost-Berlin. Bananen-Politik
Wilhelmine Lübke, Touré-Sekretärin Barry, Gerstenmaier, Gast: Sache des Herzens
Touré, Adenauer in Bonn: "Ich hatte ihn nicht eingeladen"
Bonner Guinea-Botschafter Youla
Informationen aus dem Radio
Frankfurter Rundschau
Manche mögen's heiß!

DER SPIEGEL 12/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 12/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BONN / GUINEA:
Der Elefant

Video 01:24

Brände in Kalifornien Promi-Ort Malibu evakuiert

  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe" Video 02:10
    Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe
  • Video "Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross" Video 06:21
    Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross
  • Video "Schach-Videoanalyse: Carlsen hatte die Qual der Wahl" Video 03:35
    Schach-Videoanalyse: "Carlsen hatte die Qual der Wahl"
  • Video "Projekt Jeder hilft Jedem: Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen" Video 02:51
    Projekt "Jeder hilft Jedem": Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen
  • Video "Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen" Video 08:58
    Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen
  • Video "Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?" Video 01:51
    Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?
  • Video "Schach WM 2018: Man spürt die Kampfeslust" Video 04:06
    Schach WM 2018: "Man spürt die Kampfeslust"
  • Video "Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet" Video 00:57
    Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet
  • Video "Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig" Video 01:14
    Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig
  • Video "US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?" Video 04:03
    US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?
  • Video "Ärmelkanal: Hubschrauber rettet Fischer aus Seenot" Video 00:51
    Ärmelkanal: Hubschrauber rettet Fischer aus Seenot
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert