16.03.1960

BETRIEBSMAHLZEITENDeere-Streik

Die knapp 3500 Arbeiter der Mannheimer Landmaschinen- und Trekkerfabrik John Deere-Lanz AG begingen das 100jährige Jubelfest des Hauses Lanz am vergangenen Mittwoch, indem sie tatenlos an den Bändern saßen.
Die "Lanzer" gedachten nicht der Verdienste des Hufschmieds Heinrich Lanz, der vor 100 Jahren die Maschinenfabrik gegründet hat und dessen steinernes Abbild vom hohen Sockel weit über das Werksgelände blickt. Die Belegschaftsmitglieder weigerten sich beharrlich, die Transportbänder wieder anzuwerfen und den wilden Sitzstreik beizulegen, mit dem sie seit dem 3. März gegen einen Erlaß der Lanz-Direktoren revoltieren.
Seit vor vier Jahren der amerikanische Maschinenindustrielle John Deere die Aktienmehrheit des damals sanierungsbedürftigen Unternehmens aufgekauft hat, reißen die Klagen der Belegschaft über das freudlose Arbeitsklima nicht mehr ab. Deere schickte den bulligen Generaldirektor Harry B. Pence und ein Team ausgekochter Rationalisierungsmanager nach Mannheim, denen es zwar vollständig an deutschen Sprachkenntnissen gebricht, nicht aber an unbekümmertem Business-Elan und einer gewissen Wurstigkeit in Fragen innerbetrieblicher Kontaktpflege.
Mit Murren hatte es der Betriebsrat jahrelang ertragen, daß er in vielen arbeits- und tarifrechtlichen Fragen auch dann nicht gehört wurde, wenn das Betriebsverfassungsgesetz dies eindeutig vorschrieb. Die Chancen der Superkonjunktur nutzend, nahmen im vergangenen Jahr 1400 Lanzer ihre Unzufriedenheit mit der Geschäftsführung zum Anlaß, sich andere Arbeitgeber zu suchen. Gelegentliche Warnstreiks der Belegschaft vermochten indes das stabile Naturell des Amerikaners nicht zu erschüttern.
Daß indes in der Hochkonjunktur eine innerbetriebliche Lappalie genügt, um das Selbstbewußtsein der Arbeiter zum Überschäumen zu bringen, sollte sich zeigen, als Pence am 1. März die Belegschaft von einer im Prinzip nicht unbilligen Neuregelung der Frühstückspause in Kenntnis setzte, die fortan nur 15 bezahlte Minuten dauern dürfe und abteilungsweise in festgelegter Zeitfolge eingelegt werden solle. Bis dahin war es ehrwürdiges Privileg eines jeden Lanzers gewesen, entgegen der sonstigen Regelung in Großbetrieben die Brotzeitpause ganz nach individuellem Gutdünken einzurichten.
In der von Harry Pence signierten Betriebsanordnung hieß es nun: "Außerhalb der Pause darf die Arbeit zum Zwecke des Essens nicht unterbrochen werden." Um das "wilde Frühstücken" in den Kantinen zu bremsen, hatten Pence und seine Boys acht bulldoggengesichtige Lanz-Schlepperfahrzeuge, sogenannte Alldogs, zu fahrbaren Kantinen umgestalten lassen, Die acht Traktoren wurden mit Körben und Kästen für Brötchen, Wurst, Käse und Butter sowie mit Getränkebehältern versehen, von einem Arbeiter durch die Hallen gesteuert und von jeweils einer weißgeschürzten Verkäuferin - als fahrender Marketenderin - betreut.
Die Arbeiter sollten jetzt, statt allmorgendlich zu den Tresen der Kantine zu eilen, an ihren Arbeitsplätzen bleiben und auf das Eintreffen der Abfütterungs-Maschinen warten.
In der Praxis erwies sich die rollende Fouragekolonne mit dem Wurstwagen an der Spitze schon vom ersten Tag an als ambulanter Mumpitz: Statt einiger Hundert Arbeiter konnten in der viertelstündigen Pause nur rund 20 Lanzer je Alldog abgefertigt werden. Das Gros stand noch immer Schlange, wenn die Morgenpause längst vorüber war.
Zu allem Überfluß hatte Lanz-Direktor Pence zwecks Beschleunigung des Alldog-Umsatzes die Preise für Speisen und Getränke dergestalt rationalisiert, daß Pfennigbeträge auf volle Zehner ab- oder aufgerundet wurden, meist freilich nach oben. Die Wurstwaren kamen am 1. März um sieben Pfennig teurer, die Milchflaschen kosteten statt 28 nunmehr 30 Pfennig; vor allem waren die Bierflaschen kleiner geworden, was die Belegschaft besonders übel vermerkte.
Als Pence auch noch 1500 Akkordarbeitern des Werks die bezahlte Arbeitspause gänzlich strich - Begründung: Sie genössen ja ohnehin schon eine vollbezahlte "Verteilzeit" von zehn Prozent der Gesamt-Arbeitsdauer - legten die Lanzer am dritten Tag nach Inkrafttreten der neuen Bestimmungen nacheinander die Arbeit nieder und rotteten sich unter dem steinernen Firmengründer Heinrich Lanz zusammen.
Lanz-Generaldirektor Pence lehnte alle Verhandlungen mit dem jahrelang geduckten Betriebsrat ab, es sei denn, die Arbeit würde unverzüglich wiederaufgenommen. Das Gegenteil war der Fall: Am Freitag vorletzter Woche hielten die Lanz-Arbeiter auch die letzten Fließbänder an.
Am zweiten Streiktag rief der Betriebsrat die IG Metall zu Hilfe, deren Delegierten Pence jedoch das Betreten des Werksgeländes untersagte. Die Belegschaft beantwortete das Verdikt mit einem Handstreich. Mehrere hundert Arbeiter drängten durch die Werkstore ins Freie, nahmen den Vorsitzenden der IG-Metall-Ortsverwaltung, Richard Morschhäuser, in ihre Mitte und schoben ihn durch das Tor auf werkseigenen Boden zu dem Bau, in dem der langjährige Betriebsratsvorsitzende Günter Fichtner ihn erwartete.
Als die US-Direktoren sich rundweg weigerten, mit dem gesamten Betriebsrat und der IG Metall zu verhandeln, leitete Metall-Ortsvorsitzender Morschhäuser beim Mannheimer Arbeitsgericht ein Verfahren über die umstrittene Frühstücksregelung ein.
Sodann stachelten Mannheims IG -Metall-Funktionäre ihre Mitglieder in benachbarten Betrieben zu Sympathiekundgebungen auf und drohten Streikunterstützung in anderen Metallfirmen an. Unter den Mannheimer Metallarbeitgebern kursierten unterdes wenig schmeichelhafte Bemerkungen über den halsstarrigen US-Manager Pence. Die Arbeitgeber befürchten, die Vorgänge bei Lanz könnten das bislang gute Verhandlungsklima zwischen Gewerkschaften und Industriellen bei den bevorstehenden Tarifgesprächen verderben.
Der Anti-Pence-Kampagne schlossen sich schließlich auch die Mannheimer Sozialdemokraten an. Unter Vorsitz von Mannheims Erstem Bürgermeister, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Ludwig Ratzel, unterzeichneten die Mannheimer SPD-Funktionäre eine Entschließung, wonach sich "die amerikanische Geschäftsleitung den Verhältnissen und Gesetzen ihres Gastlandes anzupassen hat".
Nach einem letzten warnenden Brief der IG Metall ließ Pence, den man den "harten Harry" nannte, schließlich erste Schwächezeichen erkennen. Zwei Beauftragte der Lanz-Direktion wurden im Gewerkschaftshaus vorstellig, und einige Stunden später erklärte sich Pence auch ohne vorherige Arbeitsaufnahme bei Lanz zu Verhandlungen mit dem gesamten Betriebsrat bereit. Ferner gestand er die Hinzuziehung von Vertretern der IG Metall und des Arbeitgeberverbandes für den Fall zu, daß es zu keiner Einigung komme.
So wurden IG-Metall-Funktionär Morschhäuser, aber auch die Arbeitgeber vom Verband der Württembergischen Stahlindustrie in der letzten Woche erstmals seit Streikbeginn des Harry Pence ansichtig. IG-Metall-Chef Morschhäuser hofft, daß der harte Harry demnächst endgültig weich wird und seine Frühstücks-Order zurücknimmt.
Lanz-Boss Pence
Aufstand gegen ...
... die amerikanische Brotzeit: Lanz-Frühstückskarren

DER SPIEGEL 12/1960
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