23.03.1960

RENATE MÜLLER

Liebling der Götter

FILM

Kaum erwacht, holt die junge Frau eine Flasche Kognak aus dem Schrank und schenkt sich das Glas voll. Es klopft an der Tür. "Renate stellt schnell die Flasche zurück", befiehlt das Drehbuch, "schließt den Schrank und hält das Glas hinter ihrem Rücken." Als ihr Fahrer das Schlafzimmer betritt, faucht sie: "Raus, Sie verdammter Spitzel." Dann kippt sie den Kognak hinunter.

Diese morgendliche Schnapsidylle, nach dem Empfinden des Westberliner "Tagesspiegel" eine "besonders krasse Alkoholszene", werden die bundesrepublikanischen Kinogänger demnächst in einem Leinwand-Opus sehen können, das "Aufstieg, Glanz und Tragik" einer der populärsten deutschen Kinodarstellerinnen der Vorkriegszeit zu schildern sucht: des Ufa-Stars Renate Müller. Die Berliner CCC-Filmproduktion hat den konfliktreichen Lebenslauf des einstigen Kino-Idols, dessen "früher Tod 1937 mittelbar durch die politischen Umstände verursacht wurde" (Filmhistoriker Fraenkel), unter dem Titel "Liebling der Götter" zu einem abendfüllenden Farbwerk aufbereitet. CCC-Chef Artur Brauner persönlich verfaßte den Vorspanntext: "Der Film zeigt in freier Gestaltung das Leben und Sterben einer großen Künstlerin in unfreier Zeit."

Daß Brauner als Vorspanntexter tätig wurde, resultiert freilich weniger aus seiner besonderen Vorliebe für den Filmstoff ("Eins meiner Lieblingsprojekte") als aus dem Umstand, daß der Hinweis auf die "freie Gestaltung" des Themas aufgrund eines prozessualen Vergleichs erforderlich geworden war. Brauner hatte nämlich mit den Rechtsnachfolgern seiner Titelheldin, der Mutter Mariquita und der Schwester Gabriele Müller, einen unerquicklichen Rechtsstreit ausfechten müssen, der sich in Schlagzeilen wie "Krach um einen toten Filmstar" niederschlug. Mariquita und Gabriele Müller meinten, das Lebensbild der Verstorbenen sei im Film "diffamierend und grob entstellt" gezeichnet worden.

Brauner hatte die Urheber- und Persönlichkeitsrechte schon vor drei Jahren für 10 000 Mark von Mutter und Tochter Müller erworben und dabei unter Ziffer 5 des Verfilmungsvertrags versichert: "Die Person von Renate Müller soll nicht durch Entstellung der Wahrheit diffamiert werden." Als die Dreharbeiten Anfang Februar dieses Jahres in den CCC-Filmateliers begannen, glaubte er, keine juristischen Komplikationen mehr befürchten zu müssen.

Indes, ein Brief der Müller-Schwester Gabriele, die in Berlin als Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung" tätig ist, belehrte ihn eines Besseren. Per Einschreiben erfuhr er, das von Georg Hurdalek ("Des Teufels General") verfertigte Drehbuch habe Mutter und Schwester Müller "in Tränen aufgelöst" und "entsetzt".

Brauner sinnierte noch über einer Antwort, als bei der 17. Kammer des Westberliner Landgerichts bereits ein Antrag auf Erlaß einer Einstweiligen

Verfügung gegen die CCC-Film einging. Die Filmfirma sollte es unterlassen, so beantragte Anwalt Dr. Fromm namens der Müller-Angehörigen, die Begebenheiten so darzustellen,

- "daß Renate Müller schwer betrunken ins Atelier kam, ihren Text nicht konnte und mithin als Gewohnheitstrinkerin dargestellt wird;

- "daß Renate Müller in einer Nervenheilanstalt, und zwar in einer geschlossenen Anstalt mit vergitterten Fenstern und Eisenbett, als Nervenkranke untergebracht war;

- "daß Renate Müller an den Folgen eines Selbstmordversuchs stirbt, und zwar dadurch, daß sie sich in der Heilanstalt aus dem Fenster stürzt."

Anwalt Fromm stufte die beanstandeten Filmpassagen als "falsche Tatsachenbehauptungen" ein: Renate Müller sei keine hemmungslose Alkoholikerin gewesen. Sie habe insbesondere nicht vor dem Frühstück Kognak getrunken und sei auch nicht betrunken ins Atelier gegangen. Sie sei ferner nicht in eine Nervenheilanstalt mit vergitterten Fenstern und hoher Mauer eingeliefert worden, sondern habe in einer chirurgischen Privatklinik gelegen, um eine Knieverletzung auszukurieren. Schließlich habe Renate Müller keinen Selbstmord begangen und sei auch nicht an den Folgen eines Selbstmordversuchs gestorben. Fromm: "Die Todesursache war Gehirnschlag."

Daß die Drehbuchversion zu solchen Beanstandungen Anlaß gab, war kaum verwunderlich angesichts der Tatsache, daß seit dem Tod Renate Müllers am 7. Oktober 1937 immer wieder die verschiedensten Vermutungen und Gerüchte auftauchten. Noch im Februar, als die Dreharbeiten zu "Liebling der Götter" begannen, waren höchst unterschiedliche Angaben in Tages- und Fachzeitungen zu lesen. Während Renate Müller beispielsweise dem "Tagesspiegel" zufolge "verzweifelt, krank, im Alkohol vergeblich Vergessen" gesucht haben soll, meinte sich das "Spandauer Volksblatt" auf "authentische Berichte" berufen zu können, "das Morphium habe sie in der Gewalt gehabt". Das "Film-Echo" berichtete von einem "tragischen Ende": "Todessturz aus dem Fenster eines Berliner Krankenhauses."

Die Frau, der man derart absonderliche Geschicke nachsagte, hatte ihre Karriere Mitte der zwanziger Jahre in Berlin begonnen. Nach einigen Provinzstarts (Starkritiker Kerr: "Man wird sich den Namen Müller merken müssen") war sie im Ensemble des Lessingtheaters und schließlich (1929) auf den Bühnen der Preußischen Staatstheater zu sehen. Nach einem sensationellen Bühnenerfolg in Shakespeares "Liebes Leid und Lust" debütierte sie im Film ("Peter, der Matrose") und erhielt alsbald führende Rollen neben Otto Gebühr ("Das Flötenkonzert von Sanssouci") und Emil Jannings ("Liebling der Götter").

Zum Star avancierte sie 1931, als sie in dem von Wilhelm Thiele inszenierten Leinwand-Opus "Die Privatsekretärin" die ursprünglich Lilian Harvey zugedachte Titelrolle spielte. Obwohl dieses Tippmamsell-Sujet "ein Nichts von einer Story" war (Filmbuch -Autor Curt Riess), wurde "Die Privatsekretärin" ein Welterfolg. Das Lied, das Renate Müller in dem Film trällerte ("Ich bin ja heut' so glücklich..."), wurde so populär wie der Marlene -Dietrich-Schlager "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Schon kurze Zeit nach der Premiere holten britische Produzenten Renate Müller nach London, um eine englische Version der "Privatsekretärin" zu drehen ("Sunshine Susie").

Auch zu Beginn der Nazi-Ära konnte die umschwärmte Aktrice weitere Erfolge einheimsen, obgleich sie - wie etliche Autoren wissen wollen, wegen der Liaison mit einem Juden - alsbald heftigen Pressionen ausgesetzt war. Verschärfend mochte sich dabei ausgewirkt haben, daß Führer Adolf Hitler sie zu seiner Lieblingsdarstellerin auserkoren hatte.

In Artur Brauners Film wird der letzte Lebensabschnitt der Schauspielerin geschildert - von der Premiere der "Privatsekretärin" (1931) bis zum Tod (1937): Die Film-Müller (Ruth Leuwerik) befreundet sich mit einem Staatssekretär im Preußischen Innenministerium namens Dr. Simon (Peter van Eyck), dessen Lage allerdings "nicht so erfreulich" war, wie die CCC erläuterte. "Die Nazis haben ihn auf der Schwarzen Liste, obwohl sie noch nicht an der Macht sind. Er erhält einen anonymen Anruf und wird als 'Judenlümmel' beschimpft."

Film-Simon kann sich dem Desaster jedoch entziehen. Renate Müller schmuggelt ihn in die Tschechoslowakei - was den Nazis freilich nicht verborgen bleibt. Goebbels läßt sie beobachten, wenn sie gelegentlich ins Ausland fährt, um Simon wiederzusehen.

Schließlich werden ihr die Auslandsreisen untersagt. "Sie sitzt nun im goldenen Käfig", resümiert die CCC, "und muß Nazifilme drehen. Diese seelische Belastung hält sie nicht aus. Sie ergibt sich dem Alkohol ... Man bringt sie in eine Nervenheilanstalt. Dort packt sie völlige Verzweiflung."

Eine ganze Reihe dieser Film-Fakten stimmt, wie die Renate-Müller -Schwester Gabriele versichert, keineswegs mit der Wirklichkeit überein. So sei beispielsweise die Szene, in der Renate Müller den Dr. Simon über die Grenze bringt, frei erfunden. "Reine Utopie" seien auch die Passagen, in denen die bereits dem Alkohol ergebene Schauspielerin Brillanten wie Kartoffeln kauft ("Wieviel können Sie mir davon besorgen - bis Dienstag?"), um sie dann in Cremetöpfchen und Nadelkissen zu verstecken, weil sie die Steine zu Freund Simon schmuggeln will.

Seufzte Schwester Gabriele: "Mit wieviel psychologischer Behutsamkeit hätte wohl ein französischer Film dieses langsame Auslöschen eines menschlichen Schicksals dargestellt? Bei uns gibt es da nur 'seelische Entwicklung' und 'dramatische Effekte' ... Und das Ergebnis wird wohl eine Edelschnulze sein." Regisseur Gottfried Reinhardt ("Menschen im Hotel") argumentierte dagegen, man drehe ja keinen "Dokumentarfilm", sondern ein "allgemeingültiges Zeitbild"

- eine Art Symbol für alle von den Nazis verfolgten Menschen. Außerdem: "Wenn wir Renate Müllers Lebensgeschichte buchstabengetreu verfilmt hätten, so wäre das ein klinischer Bericht geworden ..."

Auch CCC-Chef Brauner hielt es "zur Bekräftigung dessen, was mit diesem Film gesagt sein soll", geradezu für eine Pflicht, "etwas zu dramatisieren, zum Beispiel einen Selbstmord darzustellen oder anzudeuten, auch wenn es zu diesem tatsächlich nicht gekommen sein sollte".

Indes, da inzwischen beim Westberliner Landgericht der Antrag auf eine Einstweilige Verfügung gegen die CCC -Film eingegangen war, kam es Anfang dieses Monats in der mündlichen Verhandlung zu einer, wie "Bild" meinte, "gespenstischen Situation". Mit einem ganzen Katalog von eidesstattlichen Versicherungen versuchte die CCC-Anwältin Dr. Hildegard Stahlberg die These zu erhärten, daß der Film das Leben der Renate Müller eher verherrliche:

- Die Westberlinerin Edith Hamann, die "lange und bis zuletzt" mit Renate Müller befreundet gewesen sein will, gab an, die Schauspielerin habe nachts verschiedentlich um ihren Besuch gebeten. "Wenn ich dann kam, war sie bereits betrunken..."

- Prokurist Paul Hülsebusch von der Versicherungsfirma Jauch & Hübener" bekundete, daß seine Firma wegen Trunkenheit Renate Müllers "in mindestens einem Fall" ersatzpflichtig geworden sei.

- Die Pflegerin Gertrud Lazarides gab an, sie sei "im Auftrag der 'Tobis' lange Zeit" die Betreuerin Renate Müllers gewesen. "Es war auch meine Aufgabe, zu verhindern, daß Renate Müller viel Alkohol zu sich nahm, da bei ihr, die sowieso etwas lispelte, schon geringer Alkoholgenuß zu Sprechstörungen führte."

Die eidesstattlichen Versicherungen waren gezielt auf die Alkoholszene abgestellt, da die andere beanstandete Passage, die den Schluß auf Selbstmord der Renate Müller zuläßt, bereits zuvor vom Gericht als nicht diffamierend bewertet worden war. Triumphierte CCC -Anwältin Stahlberg: "Genug des Bösen, nun können wir uns wohl vergleichen!"

In der Tat kam es am Donnerstag vorletzter Woche schließlich zu einem Vergleich. Mutter Mariquita und Schwester Gabriele Müller erklärten sich mit der jetzigen Fassung des Films einverstanden - unter der Voraussetzung, "daß der Alkoholgenuß Renate Müllers ... nur als Nebenerscheinung, nicht aber als Ursache des psychischen und physischen Zusammenbruchs" gewertet wird. Außerdem erklärte sich die CCC-Film bereit, die "freie Gestaltung" des Themas durch einen Vorspanntext hervorzuheben.

In die Vergleichsverhandlungen hatte sich auf seiten des Produzenten auch die Müller-Darstellerin Ruth Leuwerik eingeschaltet, um die widerstrebende

Müller-Schwester zum Einlenken zu bewegen. Die weibliche Beredsamkeit der Schauspielerin erwies sich wirkungsvoller als die Eloquenz der Juristen. Erinnert sich Gabriele Müller: "Sie hat sogar echte Tränen vergossen."

Ufa-Star Renate Müller

Krasse Sauf-Szenen ...

Müller-Darstellerin Ruth Leuwerik

... schon am frühen Morgen?


DER SPIEGEL 13/1960
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