13.04.1960

BURCKHARDTMission in Danzig

Mit deutschem Gruß stapfte Arthur Greiser, nationalsozialistischer Senatspräsident von Danzig, durch den Saal, in dem sich am 4. Juli 1936 der Rat des Völkerbunds versammelte. Kaum hatte der Vorsitzende dem braunen Sendboten das Wort erteilt, da attackierte Greiser seine Gastgeber: Der Völkerbund und sein Hoher Kommissar, der Ire Seán Lester, mischten sich unentwegt in die inneren Angelegenheiten der Freien Stadt* ein, monierte er; es sei höchste Zeit, das
Mandat des Völkerbundes über Danzig zu beenden. Greiser: "Heil Hitler!"
"Da man auf der Pressetribüne laut lachte", erinnert sich ein Zuschauer, "drehte er (Greiser) sich um und streckte den Journalisten die Zunge heraus. In
seiner Antwortrede meinte Lester, daß der Rat sich nun vielleicht eine Idee machen könne, was der Hohe Kommissar in Danzig alles auszustehen habe."
In der Tat lebte nach der national sozialistischen Machtübernahme im Reich (1933) und in Danzig (1935) - wie der Zuschauer bezeugt - "der Völkerbundvertreter in der Freien Stadt wie ein Staatsgefangener. Jeder seiner Schritte wurde kontrolliert, jedes seiner Worte abgehört, nach Berlin weitergeleitet, irrtümlich zitiert und meist, um irgendwelche Ziele zu erreichen, erfunden. Mißtrauen und Bespitzelung steigerten sich jeweils bis zum Grotesken".
Trotz solcher Erkenntnisse fand sich just jener Zuschauer bereit, anstelle des Iren Lester das Martyrium des Völkerbund-Kommissars in Danzig auf sich zu nehmen: Der Historiker, Diplomat und Schöngeist Carl Jacob Burckhardt, Professor für Neuere Geschichte am Genfer Institut des Hautes Etudes Internationales, entschied sich im Februar 1937 zu einer Mission, die zu den denkwürdigen Episoden der diplomatischen Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs gehört.
Was den vielerseits verehrten Freund Hugo von Hofmannsthals damals veranlaßte, die Berufung nach Danzig anzunehmen, hat der 68jährige Gelehrte jetzt in einem Erinnerungsbuch* niedergelegt, das soeben im Münchner Callwey-Verlag erschienen ist. "Meine Danziger Mission" will nicht nur der Rechenschaftsbericht eines Völkerbund-Diplomaten auf verlorenem Posten sein, sondern auch die verzweifelte Vermittlungspolitik eines Schweizers zwischen den Fronten schildern.
Memoirenschreiber Burckhardt gibt denn auch an, daß allein die Hoffnung, in ständigem Kontakt mit den Führern des Nationalsozialismus den Frieden retten zu können, ihn zur Annahme des Danziger Postens bewogen habe.
Eine solche Friedensmission setzte freilich eine Intimität mit den Führern des Dritten Reiches voraus, die Burckhardt leicht in den Geruch eines Kollaborateurs bringen konnte. Tatsächlich offenbaren seine Memoiren die Tragödie jener Gutmeinenden, die Hitler im Interesse des Friedens beschwichtigen wollten und dabei den Diktator doch nur in seinen außenpolitischen Wahnvorstellungen bestärkten.
Ob es nun galt, die Einführung der deutschen Judengesetze in Danzig oder eine neue Radikalisierung der Hitlerschen Außenpolitik zu verhindern - immer mahnte Burckhardt in seinen diplomatischen Berichten an den Völkerbund, Hitler nicht durch harte Worte zu provozieren. Jeder Protest hatte augenblicklich zur Folge, daß Hitler in der brutalsten Weise durchgriff", verteidigt sich Burckhardt. "War eine Protestaktion des Völkerbundvertreters nicht vermeidbar, so mußte sie bei den Danziger Autoritäten, wie in Berlin, psychologisch vorbereitet und erklärt werden."
Während die Führer des Weltjudentums (Nahum Goldmann: "Ihre Beschwichtigungsmanöver sind schädlich"),
Danzigs abgefallener NS-Potentat Hermann Rauschning und die schwedische Völkerbund-Delegation allesamt den Völkerbund-Kommissar zum Rücktritt aufforderten, klammerte sich der Schweizer an seine Mission: Er glaubte die internen Kämpfe zwischen den einzelnen Machtcliquen des Dritten Reiches zwecks Erhaltung des Friedens beeinflussen zu können.
Der überzeugte Deutschenfreund wollte sich dabei die "gewisse Toleranz" nutzbar machen, "mit welcher national sozialistische Kreise im Beginn meine Wahl auf den Danziger Posten betrachteten". Über die für dieses Spiel erforderlichen Interna unterrichtete ihn ein Freund, der ihn am eindringlichsten zur Annahme des Amtes gedrängt hatte: Freiherr von Weizsäcker, zeitweilig Gesandter in Bern, dann Staatssekretär im Auswärtigen Amt.
Von Anfang an war Völkerbund -Kommissar Burckhardt entschlossen, die gemäßigten NS-Führer gegen die radikaleren auszuspielen. So unterstützte er den Danziger Senatspräsidenten
Greiser ("von Natur war er weich, mit gütigen Zügen") gegen den Danziger Gauleiter Forster, einen bajuwarischen Rabauken, der "sich als Argumente von seinem obersten Gebieter das Schreien und Toben angewöhnt" hatte. In die Reihe der braunen Kriegsgegner reiht der Memoirenschreiber auch den ostpreußischen Gauleiter Koch ein, dem er bescheinigt, er habe sich für einen Ausgleich mit Polen eingesetzt.
Burckhardt ließ keine Chance ungenutzt, den Gauleiter Forster, dessen rabiate Politik die deutsch-polnischen Beziehungen zu ruinieren drohte, mit Hilfe Greisers und Kochs auszuschalten. Im Februar 1938 schien der Hohe Kommissar des Völkerbunds am Ziel seiner Wünsche zu sein: Hitler erwog ernsthaft, seinen treuen Knappen Albert Forster zum Gauleiter von Wien zu ernennen. Da legte Ribbentrop sein
Veto ein. Forster blieb in Danzig, obwohl Burckhardt über Freund Weizsäcker noch einmal alle Verbindungen spielen ließ, um das Ribbentrop-Veto rückgängig zu machen.
Notierte Burckhardt resigniert: "Nochmals war versucht worden, den Vertreter des schärfsten Kurses in der Freien Stadt aus Danzig zu entfernen, ein letztes Mal, auch dies war nunmehr vorbei. Forster blieb, und sein Auftrag lautet von jetzt an uneingeschränkt: Gleichschaltung und Rückkehr ins Reich."
Gleichwohl ließ sich Burckhardt ein neues Mittel zur Rettung des Friedens einfallen. War es schon - so kalkulierte er - nicht gelungen, Forster aus Danzig zu verdrängen, so mußte man eben versuchen, den Gauleiter an der Richtigkeit der Hitlerschen Außenpolitik, die auf einen Krieg mit Polen zusteuerte, irrezumachen.
Burckhardt schlug im Frühsommer 1938 dem "Führer" und seinem Danziger
Gauleiter vor, Forster solle nach England reisen, um die Chancen einer deutsch-britischen Verständigung an Ort und Stelle zu prüfen. Mit diesem Projekt verband der Völkerbund -Diplomat die Hoffnung, Englands Politiker würden dem Besucher Forster die britische Kriegsbereitschaft für den Fall demonstrieren, daß Hitler seine aggressive Außenpolitik fortsetze.
Hitler gab seine Genehmigung, und tatsächlich war Forster bei seiner Rückkehr der Überzeugung, mit England sei nicht zu spaßen. Indes: "Der Eindruck, den der nicht unempfängliche Forster von England mitgebracht hatte, wurde (von Hitler) augenblicklich unter Stiefelabsätzen zertreten. Ja, unter Drohungen wurde ihm befohlen, von seinen englischen Erfahrungen zu schweigen."
Dennoch wollte der Schweizer Diplomat nicht ablassen, "den Horizont des jungen Danziger Machthabers zu erweitern". Mochte auch längst offenbar
geworden sein, daß kein Spiel hinter den Kulissen die Einführung der deutschen Rassengesetze in Danzig und den Anschluß der Freien Stadt an das Reich verhindert hätte - Carl Jacob Burckhardt glaubte immer noch, durch seine Kontakte zu Forster dem Frieden dienen zu können.
Schon erhielten seine verzweifelten Hoffnungen neue Nahrung: Einen Monat vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte Gauleiter Forster plötzlich seinem Gegenspieler Vorschläge, aus denen Burckhardt folgerte, Hitler sei noch nicht zum Krieg entschlossen. Forster empfahl Burckhardt, mit Hitler zu sprechen. Sofort willigte der Schweizer ein, den "Führer" aufzusuchen und die letzte Chance zur Rettung des Friedens zu ergreifen.
"Die weitgehende Intervention des Gauleiters bei mir", so glaubt Memoirenschreiber Burckhardt noch heute, "war kein reines Element der Tarnung, sie bedeutete etwas. Weizsäcker hat mir
wiederholt gesagt, zwischen Mai und der zweiten Augusthälfte (1939) sei Hitler immer wieder schwankend gewesen."
Kaum hatte Forster die Einwilligung des Hohen Kommissars nach Berlin gemeldet, landete eine Führermaschine auf dem Flugplatz von Danzig, um Burckhardt zu einer vertraulichen Unterredung auf den Obersalzberg zu fliegen. Hitler bedeutete Burckhardt, er sei bereit, in der Danziger Frage gemeinsam mit Großbritannien "einen vernünftigen Ausweg" zu finden. Hitler: "Wenn die Polen Danzig absolut in Ruhe lassen, wenn sie nicht versuchen, mich mit falschen Karten zu überstechen, dann kann ich warten."
Burckhardt sah sich bereits von Hitler beauftragt, den britischen Feldmarschall Ironside zu Verhandlungen nach Berlin einzuladen, da riß eine Indiskretion des "Paris-soir" den vermeintlich letzten Faden ab. Die Zeitung plauderte den Inhalt der Besprechungen
auf dem Obersalzberg aus. Burckhardt gab auf. Resigniert der Memoirenschreiber: "Diese Nachricht (des 'Paris-soir') machte die Hoffnungen, die ich an die Aussprache auf dem Obersalzberg geknüpft hatte, zunichte. Diese Hoffnungen, gegen meine bessere Einsicht gehegt, waren tatsächlich der ganze Inhalt meiner Danziger Mission gewesen, jetzt waren sie zusammengebrochen."
* Da Deutschland und Polen nach dem Ersten Weltkrieg Danzig je für sich beanspruchten, hatten die Siegermächte beschlossen, Danzig den Status einer Freien Stadt" zu geben: Ihre innere Verwaltung blieb Sache des Danziger Senats, der Völkerbund garantierte den völkerrechtlichen Status und die militärische Sicherheit der Stadt.
* Carl J. Burckhardt: "Meine Danziger Mission 1937-1939"; Verlag Georg D. W. Callwey, München; 366 Seiten; 24 Mark.
Danzig-Kommissar Burckhardt (1937)
Nazi-Kontakte für den Frieden
Danziger Senatspräsident Greiser
Politik der ausgestreckten Zunge
Danziger Gauleiter Forster (M.): Schreien und Toben angewöhnt

DER SPIEGEL 16/1960
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