13.04.1960

JENS OTTO KRAG

Der dänische Außenminister stattete gemeinsam mit seinem Kabinettskollegen, Landwirtschaftsminister Karl Skytte, der Bonner Bundesregierung in der vergangenen Woche einen Besuch ab, um im Streit zwischen den sechs Ländern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und den sieben Ländern der Kleinen Freihandelszone (EFTA) Dänemarks Dienste als "ehrlicher Makler" anzubieten. Die akute Gefahr eines europäischen Handelskriegs - durch gegenseitige Zoll- und Importstop-Repressalien - hat EWG-Präsident Walter Hallstein heraufbeschworen, der aus Gründen der politischen Integration Klein -Europas den zollfreien Binnenmarkt der Sechs im Schnellverfahren herbeiführen und - anderthalb Jahre früher als im Vertrag vorgesehen - den gemeinsamen Außenzoll der EWG gegenüber dritten Ländern in Kraft setzen will.
AM BEISPIEL DÄNEMARK wird die abträgliche Wirkung der Hallsteinschen Beschleunigungspläne besonders deutlich: Unter den Lieferländern Kontinentaleuropas steht die Bundesrepublik in der dänischen Importliste an erster Stelle (1958: 1100 Millionen Mark); ebenso hatte die Bundesrepublik 1958 am dänischen Export mit Waren und Dienstleistungen im Werte von 998 Millionen Mark den größten Anteil. 1959 wuchsen die deutschen Exporte nach Dänemark gegenüber dem Vorjahr sogar um 27 Prozent auf 1450 Millionen Mark an.
Die beschleunigte Einführung des EWG-Außenzolls bewirkt nun für die Einfuhr gewerblicher Waren in die Bundesrepublik eine Zollerhöhung um 45 Prozent, so daß Dänemark mit Erschwerung und Rückgang seiner Exporte nach Westdeutschland rechnen muß. Durch die entsprechende Minderung seiner Devisen-Einnahmen wäre Dänemark genötigt, seine Warenbezüge aus der Bundesrepublik ebenfalls einzuschränken. Ähnlich wäre Dänemarks Außenhandel mit den übrigen EWG-Ländern bedroht.
Außenminister Krag bemüht sich deshalb um einen Brückenschlag zwischen den beiden europäischen Wirtschaftsblöcken. Er plädiert für einen Aufschub der von Hallstein auf den 1. Juli 1960 vorgezogenen Zoll-Fristen und regt Verhandlungen über gegenseitige Handelserleichterungen aller europäischen Nationen im Rahmen des internationalen Zollabkommens GATT an.
ZU HALLSTEINS PLAN, die Integration Europas zu forcieren, sagt Krag: "Die politische Zielsetzung der EWG ist in Dänemark nur schwer zu begreifen; vor allem die politische Aufwertung der EWG nach den Plänen Hallsteins ist zu speziell, als daß sie noch verstanden werden könnte. In Kopenhagen befürwortet man vielmehr eine breitere europäische Zusammenarbeit." Nach Ansicht des dänischen Außenministers wird die Absicht der EWG, in Europa einen festen politischen Kern zu bilden, von den Sieben keineswegs angefochten. Nur müsse es zu einer ergänzenden Zusammenarbeit zwischen EWG und EFTA kommen und ein europäischer Handelskrieg vermieden werden.
DER SOZIALDEMOKRAT Krag wurde 1947 mit 33 Jahren Handelsminister im Kabinett Hedtoft. Von 1950 bis 1952 vertrat er sein Land als Wirtschaftssachverständiger der Dänischen Botschaft in Washington und übernahm 1954 das dänische Wirtschafts- und Arbeitsministerium. Im Kabinett des kürzlich verstorbenen Premiers Hansen wurde er 1957 Minister für Außenhandel; im Oktober 1958 übernahm er die Leitung des Außenministeriums.
Krag hat mehrere Wirtschaftsbücher (zum Beispiel "Grundfragen moderner Wirtschaftspolitik", "Wirtschaftsprobleme der Kriegs- und Nachkriegszeit") verfaßt und maßgeblich am Programm der Sozialdemokratischen Partei Dänemarks gearbeitet. Seit einem Jahr ist er mit der dänischen Theater- und Filmschauspielerin Helle Virkner verheiratet.

DER SPIEGEL 16/1960
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