13.04.1960

SPANIEN / MONARCHIEVater - unser bestes Stück

Ein Mann, der nächtens über die spanisch-portugiesische Grenze geschlichen war, meldete sich Ende 1936 im Hauptquartier der nationalspanischen Bürgerkriegs-Truppen in Burgos. Erst als er vor den Generalissimus Francisco Franco geführt wurde, gab sich der unbekannte Grenzgänger zu erkennen: Es war der Graf Juan von Barcelona, Repräsentant und später Chef jener spanischen Bourbonen-Dynastie, die im April 1931 den roten Republikanern hatte weichen müssen. Der Graf erbot sich, in den Reihen der national spanischen Armee gegen die Republikaner zu kämpfen.
Indes, dem ultrakonservativen Generalissimus war der spanische Thronprätendent, Ehrenleutnant der Royal Navy, wegen seiner probritisch-liberalen Neigungen kein willkommener Bundesgenosse. Mit den kühlen Worten: "Königliche Hoheit müssen sich für das Schicksal aufbewahren!" komplimentierte er den Grafen wieder zum Lande hinaus.
Die Szene im Hauptquartier von Burgos begründete eine Feindschaft, die zwei Jahrzehnte lang Inhalt und Dramatik der spanischen Innenpolitik bestimmte. Während Don Juan von seinem portugiesischen Exil aus die Spanier mit aggressiven Pamphleten gegen das autoritäre Regime aufzuputschen versuchte und dem Franco-System die Anerkennung versagte, bestritt Franco seinerseits jedweden Anspruch des Grafen auf den spanischen Thron.
In der vorvergangenen Woche jedoch, an der Frühstückstafel im Schloß Las Cabezas nahe der spanisch-portugiesischen Grenze, beendeten Don Juan und Francisco Franco ihren 24jährigen Streit. Ein amtliches Kommuniqué im zähflüssigen Stil spanischer Kabinettsetikette versicherte nach der Neun-Stunden-Zusammenkunft, beide Männer seien übereingekommen, "daß ein herzliches und gutes Einvernehmen (zwischen ihnen) für die Zukunft Spaniens, aber auch für die Konsolidierung und weitere Arbeit der nationalen Bewegung erforderlich ist".
Wichtiger noch: Franco erkannte die Thronansprüche seines Rivalen an - in den verschleierten Worten des Kommuniqués: Die Tatsache, daß des Grafen 22jähriger Sohn Juan Carlos in Spanien erzogen werde, "präjudiziert weder die Frage der Nachfolge noch die normale Übertragung der dynastischen Pflichten" (auf den nicht in Spanien lebenden Vater).
Selbst dieses Kommuniqué konnte nicht verheimlichen, daß der Kampf der beiden Spanier in einem wesentlichen Punkt zugunsten Don Juans ausgegangen war. Mag auch der Graf sich verpflichtet haben, als künftiger König von Spanien die Grundordnung des Franco-Regimes zu respektieren, so zweifelt doch niemand mehr daran, daß Don Juan den spanischen Thron besteigen wird. Dies zu verhindern aber war der Sinn aller Bemühungen Francos, seit der altgewordene Mann im
Schloß El Pardo erkannt hatte, daß der Franco-Staat nur durch eine Restauration der Bourbonen-Dynastie in die Zukunft hinübergerettet werden könne.
Dabei schien der Caudillo anfangs am längeren Hebel zu sitzen: 1947 hatte er ein Nachfolgegesetz erlassen, durch das Spanien zum Königreich erklärt und Francisco Franco zum Reichsverweser der Krone ernannt worden war. Der Schachzug des Caudillo machte auch dem letzten Monarchisten klar, daß der spanische Bourbonen-Chef nur durch eine Verständigung mit Franco an die Macht kommen könne.
Als sich der Graf von Barcelona im Sommer 1948 zu Verhandlungen mit dem Diktator bequemte, bedeutete der Caudillo seinem Gegenspieler gelassen, daß für Spanien eine Monarchie
mit einem liberal-konstitutionellen König wie dem Grafen untragbar sei. Don Juan solle alle Thronrechte auf seinen Sohn Juan Carlos übertragen, der schließlich einmal den spanischen Thron besteigen könne.
Zu derart massiven Konzessionen war Don Juan nicht bereit. Die galligen Kommentare des verärgerten Grafen ("Spanien ist eine Monarchie, wo jeder, der das Wort Monarchie in den Mund nimmt, ins Gefängnis,geworfen wird") vermochten freilich nicht darüber hinwegzutäuschen, daß allein Franco die Monarchie wiederherzustellen vermag.
Von seinen Ratgebern gedrängt, traf sich der Thronprätendent im Dezember 1954 abermals mit dem Caudillo und willigte ein, seinen Sohn Juan Carlos dem Generalissimus in die Schule zu geben. Die Propagandisten des Caudillo verschwiegen allerdings, daß sich der Bourbonen-Chef auch diesmal geweigert hatte, auf seine Thronrechte zu verzichten. Die Frage war vielmehr vertagt worden; der Graf sagte eine verbindliche Erklärung in naher Zukunft zu. In Wirklichkeit hoffte jeder der Rivalen, den Gegner durch Zeitgewinn mattsetzen zu können:
- Franco glaubte, er könne den unerfahrenen Militärschüler Juan Carlos gegen dessen Vater ausspielen und in ihm den Ehrgeiz wecken, statt des Prätendenten selber auf den Thron zu gelangen;
- Don Juan dagegen glaubte, ein schlichter väterlicher Rückkehrbefehl an den Sohn werde genügen, das Spiel Francos zu durchkreuzen.
Tatsächlich war denn auch seit Anfang 1957 erkennbar, daß Franco gegenüber seinem Rivalen immer mehr in Bedrängnis geriet. Inzwischen hatte sich nämlich die Restaurations-Propaganda Francos derart auf die Rückkehr der spanischen Bourbonen festgelegt, daß Franco auf den guten Willen des Bourbonen-Chefs angewiesen war. Im Frühjahr 1957 ersuchte der Caudillo den Prätendenten brieflich, endlich seine Verzichterklärung zu veröffentlichen. Kühl wies der Graf die Aufforderung zurück.
Franco sah sich bloßgestellt und trat eine verzweifelte Flucht in die Öffentlichkeit an. Hatte die spanische Zensur bis dahin nahezu alle Nachrichten über den Prätendenten-Sohn zurückgehalten, so wurde die spanische Öffentlichkeit nun mit Juan-Carlos-Hofberichten überschwemmt. Doch der junge Mann ließ sich nicht eitel machen: "Nicht ich, sondern mein Vater wird der nächste spanische König sein!"
Der Caudillo verhedderte sich allmählich so sehr in den eigenen Netzen, daß Don Juan sich leisten konnte, die zahlreichen Appelle Francisco Francos zu ignorieren. Er schlug erst im Dezember vergangenen Jahres zurück, nachdem Juan Carlos mit dem Empfang seiner Patente als Leutnant der Luftwaffe und Armee sowie als Fähnrich zur See die militärische Ausbildung abgeschlossen hatte und mithin geklärt werden mußte, wie die Erziehung des Prinzen fortgeführt werden solle.
Franco empfahl, Juan Carlos möge seine staatspolitische Ausbildung auf der traditionsreichen Universität von Salamanca fortsetzen. Doch der Graf rief seinen Sohn ins portugiesische Exil zurück, lehnte die Vorschläge
Francos ab und ließ den Madrider Autokraten wissen, daß er die erneute Entsendung seines Sohns nach Spanien so lange verweigern werde, bis der Caudillo die Thronrechte des Bourbonen -Chefs formell akzeptiere.
Dem Caudillo blieb keine andere Wahl, als die Bedingungen des Grafen anzunehmen. Gepeinigt von der Furcht, Spanien könne, wenn ihm die Klammer der Monarchie fehle, nach seinem Tode auseinanderfallen, unterschrieb Franco am 30. März jene Kapitulationsurkunde, durch die Juan Graf von Barcelona als designierter König anerkannt wird. Francos Wort von 1936: "Königliche Hoheit müssen sich für das Schicksal aufbewahren!" hat damit für den Caudillo nachträglich einen bitteren Beigeschmack bekommen.
Prinz Juan Carlos
Einen spanischen König ...
Thronprätendent Don Juan
... für das Schicksal aufbewahrt

DER SPIEGEL 16/1960
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