13.04.1960

PROPAGANDARieseI-Feldschlacht

Westdeutsche Fernseher, die bei faden Montagsprogrammen ihrer heimischen Sender auf die Spielfilmsendungen des ostdeutschen Fernsehfunks auszuweichen pflegen, glaubten letzthin eine besonders spannungsreiche Tele-Kurzweil aus der DDR erwarten zu dürfen. Während nervenzerrende Musik aus den Lautsprechern tönte, gurgelten dunkle Abwässer über die Mattscheibe, und der reißerische Titel "Der schwarze Kanal" schien ein Kriminal-Lichtspiel nach Art des "Dritten Manns" anzukündigen.
Indes, der Anblick eines Kanalisations-Abenteurers vom Typ des Orson Welles blieb den Zuschauern versagt. Statt dessen tauchte auf den westdeutschen Bildschirmen der mandarinenförmige Kopf des kommunistischen Star-Journalisten Karl-Eduard von Schnitzler auf, der die neue Sendereihe "Der schwarze Kanal" mit sinnfälligem Vokabular einzuführen bemüht war: Da "der Schmutz und Unrat, der eigentlich auf die Rieselfelder fließen müßte, sich durch den Kanal des westdeutschen Fernsehens in die westdeutschen und Westberliner Wohnungen" ergieße, wolle er, Schnitzler, künftig "gewissermaßen als Kläranlage dienen".
Kläranlage Schnitzler möchte an Ausschnitten bundesrepublikanischer Bildschirmsendungen darlegen, "wie über
den schwarzen Kanal des westdeutschen Fernsehens die Unwahrheit ausgestrahlt wird". Titel und Technik der Sendung enthüllten, daß es sich um ein propagandistisches Gegenstück zur westlichen Fernsehsendung "Die rote Optik" handelt, in der Thilo Koch, der Leiter des Westberliner NDR-Studios, die kommunistische Fernsehpropaganda analysiert. Wettert Thilo Koch: "Schnitzlers 'Schwarzer Kanal' ist ein reines Plagiat, bis in den Titel hinein!"
Obwohl Schnitzlers Serie und die Koch-Reihe den Umstand gemein haben, daß sie ihr Rohmaterial aus dem Programm der jeweils anderen Seite beziehen, weiß Schnitzler einen gewichtigen Unterschied hervorzukehren: "Wir erzielen mit unserem Titel zwar auch einen Farbeffekt, haben aber mit der 'Roten Optik' nicht das geringste zu tun. Thilo Koch will die Methoden unserer Meinungsbildung schildern. Wir wollen die Polemik."
Mit welcher Gründlichkeit die sowjetzonalen Fernsehleute diese Absicht realisieren, konnten die Bildschirm-Abonnenten schon an den ersten beiden Kanal-Arbeiten Schnitzlers erkennen. Mit einer Fülle von Ausschnitten aus westlichen Fernsehprogrammen mühte sich Ost-Kommentator Schnitzler in platter Propagandamanier, die Bonner Prominenz, wie Kanzler Adenauer ("der verrückte Alte") und Präsident Lübke ("diese mißglückte Hindenburg- Imitation"), abzuhalftern.
Das aktuelle Thema der Bauern-Kolchosierung in der DDR unterlief Schnitzler zielstrebig mit einem Hinweis auf die landwirtschaftliche Flurbereinigung in der Bundesrepublik, "wo die großen rationellen Felder zusammenkommen, indem 220 000 kleine und mittlere Bauern von ihren Höfen vertrieben würden und ihre Besitzungen von den Kapitalkräftigen unter den Nagel gerissen wurden, sofern sie nicht Nato-Flugplätze wurden ... Dort, meine Damen und Herren", imitierte Schnitzler den westdeutschen Klageton, "dort ist das grausige Geschehen mit dem unsäglichen Leid! Dort werden die Bauern um Freiheit und Menschenwürde gebracht!"
Einen Bericht der westdeutschen Fernseh-Tagesschau über den Geburtstag des Ostafrika-Veteranen Lettow-Vorbeck kommentierte Schnitzler bei der Wiedergabe im "Schwarzen Kanal": "Ein echter Held der westlichen Welt! Bruder Lettow paßt so recht zu Bruder Oberländer oder zu Bruder Strauß oder zu Globke oder zu diesem Seebohm, er paßt zu den tausend Richtern und Staatsanwälten, die seit Hitlers Zeiten Blut an den Händen haben und trotzdem in der Bundesrepublik amtieren - gehätschelt, geschont, gedeckt, auch im westdeutschen Fernsehen!"
"Mit dieser Sendung", so konstatierte der Westberliner Fernsehmann Thilo Koch, "ist der innerdeutsche Fernsehkrieg offensiv geworden." Während jedoch die Kochsche Optik" einem gelegentlichen Vorstoß gleicht - sie wird nur viermal im Jahr ausgestrahlt -, nimmt sich Schnitzlers "Schwarzer Kanal" wie ein wuchtiger Frontalangriff aus: Das Programm soll Lallwöchentlich über die DDR-Fernsehsender laufen. Klagte Koch: "Zweiundfünfzig zu vier, das ist kein Verhältnis. So kann man nicht kämpfen."
West-Kommentator Koch
Rote Optik
Ost-Kommentator von Schnitzler
Schwarzer Kanal

DER SPIEGEL 16/1960
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