27.04.1960

RAU-KONZERNUlli unterwegs

Der alternde Konzerngründer Walter
Rau, der einst im Teutoburger Wald noch eigenhändig Margarine geknetet und seine Erzeugnisse mit dem Fahrrad über Land gefahren hatte, traf im Jahre 1939 letztwillige Verfügungen über sein industrielles Erbe - den deutschen Margarine-Konzern "Walter Rau, Teutoburger Margarinewerke, Hilter". Rau war im autarkiefreudigen Hitlerreich zu sechs Betrieben und einer eigenen Walfangflotte gelangt, und sein Testament verleugnete denn auch nicht den patriarchalisch-unpräzisen Duktus des Selfmademan mit Führerprinzip.
Zwar war die Erbteilung klar - Anita Rau, dritte Frau des Gründers, sollte 50 Prozent bekommen, die Kinder Hubertus (später vermißt), Ulrich, Renate und Brigitte erbten je zwölfeinhalb Prozent. Über die Leitung der Betriebe jedoch erging sich Walter Rau in den Formulierungen eines Mannes, der selbst testamentarisch die Führung nicht abgeben will:
"Ganz ausschlaggebende Mitarbeiter in den Industrie-Betrieben sollen natürlich meine beiden Söhne ... werden ... Sie müssen unbedingt in den Ölbetrieb und auch in den Margarine-Betrieb so weit praktisch hinein, wie das nur eben möglich ist . . . Ulrich sagt, daß ihm Hilter sehr am Herzen liegt. Ich habe durchaus nichts dagegen, wenn Ulrich später eine leitende Stellung in Hilter einnimmt."
Mit dem Mißtrauen des Alters bestimmte Rau, daß Mutter Anita die Geschäftsanteile der Kinder bis zu deren 28. Lebensjahr verwalten sollte, und grummelte: "Dabei denke ich nicht daran, einem der Jungen ein Amt zu geben, wenn derselbe nicht die Würde für dieses Amt mitbringt."
Walter Rau starb im Jahre 1940. Die Eigenart seines letzten Willens brachte es mit sich, daß 14 Jahre später sein 30jähriger Sohn Ulrich, statt "eine leitende Stellung in Hilter" einzunehmen, mit Hilfe eines Wirtschaftsprüfers die Bücher des Rau-Konzerns auf der Suche nach Verfehlungen des wirklichen Konzernleiters durchstöbern mußte - seines Schwagers Hubertus Carls, des Ehemanns von Schwester Renate, der den Rau-Sohn Ulrich von der Verwaltung des väterlichen Erbes fernhielt.
Ulrich Raus Detektivarbeit lieferte ihm Material für zwei handfeste Vorwürfe. Schwager Carls habe
- rund eine Million Mark Aktien des Rau-Unternehmens Hansa-Mühle AG aus dem Besitz der Firma Walter Rau, Neusser Oelwerke AG zur Hälfte des Tageskurses an seine Frau verkauft und ihr später einen Teil der Aktien zum Tageskurs und für Rechnung der Neußer Firma wieder abgekauft. Vermögensverlust für die Öl-Werke: 180 000 Mark;
- der Tochterfirma Nährmittel-Vertriebs GmbH (NVG) des Neußer Unternehmens sieben Millionen Mark aus anderen Rau-Firmen zugeleitet, davon das 4500-Tonnen-Schiff "Anita" gebaut und sich dann als alleiniger Gesellschafter der solchermaßen arrondierten NVG eintragen lassen.
Ehe jedoch Ulrich Rau diese Waffen gegen seinen Schwager im Frühjahr 1956 schließlich fand, hatte er Jahre lang prozessieren müssen - gegen Mutter und Schwester, am erbittertsten aber gegen Hubertus Carls. Dieser in zwei strafrechtlichen Ermittlungsverfahren immer noch fortwährende Kampf ist - ebenbürtig den Streitereien in der Magenbitter-Familie Underberg und dem Streit um das Thyssen-Erbe - eine der abenteuerlichsten industriellen Familienfehden der Gegenwart.
Ulrich Rau selbst war es gewesen, der den um 13 Jahre älteren Hubertus Carls in die Familie eingeführt hatte, als er aus Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen war. Er kannte Carls von gemeinsamen Segelpartien während der Vorkriegszeit in Hamburg und hielt ihn für den geeigneten Mittler zwischen den alten Angestellten der Rau-Firmen und sich selbst, dem jungen Chef..
Der weltgewandte Akademiker heiratete 1947 Renate Rau und errang schnell das Vertrauen seiner Schwiegermutter Anita Rau, die seit dem Tode ihres Gatten der Erbengemeinschaft Walter Rau vorstand und von dem Erblasser auch als Testamentsvollstreckerin eingesetzt worden war. Carls, der ursprünglich Jurist werden sollte, ließ sich 1947 in Hilter nieder. Hier, am Rande des Teutoburger Waldes, bauten er und Frau Renate sich unweit des Stammhauses, in dem Mutter Anita wohnte, eine komfortable Villa, in der sich bald vier Kinder tummelten.
Die Sympathien Ulrich Raus für den einstigen Segelkameraden schwanden im gleichen Maße, in dem sich Carls in der Familie heimisch machte und den auch nach dem Kriege bedeutenden Konzern unter seinen Einfluß brachte. Auch ohne eigenen Walfang nämlich hat das Unternehmen seine Stellung auf dem Markt gehalten. Nächst der marktbeherrschenden Margarine-Union GmbH des Unilever-Konzerns ist Rau der größte Margarine-Erzeuger in Westdeutschland.
Nachdem Mutter Rau dem Schwiegersohn Carls schließlich sogar Generalvollmacht erteilt hatte, führte Sohn Ulrich oft das Sprichwort im Munde: "Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber."
Als Ulrich gegen die Übertragung der wichtigsten Funktionen im Konzern an Carls Protest erhob und auf die Anregungen des Vaters pochte, mußte er die Einwendung gelten lassen, daß Carls immerhin erfahrener und überdies mit seinem Doktortitel für die Firma recht repräsentativ sei. Außerdem konnte Mutter Rau auf ihr Verwaltungsrecht - Ulrich war damals noch nicht 28 Jahre alt - und auf die ethischen Vorbehalte im Testament des Verstorbenen hinweisen.
Schwager Carls nahm den wachsenden Unmut, mit dem Ulrich ihm entgegentrat, gelassen hin. Seine Stellung war durch das taktlose Vorgehen gefestigt worden, mit dem Ulrich Rau die Erbverhältnisse schneller hatte klären wollen: Ohne Wissen der Mutter ließ er den vermißten Bruder für tot erklären.
Ulrich zog sich isoliert und verbittert aus Hilter zurück. Desungeachtet blieb ihm sein Erbanteil an der Konzernspitze "Walter Rau, Teutoburger Margarinewerke, Hilter" erhalten, die als Erbengemeinschaft betrieben wird und der juristisch alle Rau-Unternehmen gehörten. Anfangs schüttete die Erbkasse ihm für den Lebensunterhalt monatlich 240 Mark aus, später bekam er seinen Anteil am jährlichen Konzerngewinn. In Hilter behielt der junge Rau nur zwei möblierte Zimmer, im übrigen versuchte er sich als Unternehmer einer winzigen Bochumer Kohlengrube.
Erstmals im Jahre 1952 formulierte Anita Rau, von ihrem generalbevollmächtigten Schwiegersohn Carls und einigen Juristen beraten, einen neuen Gesellschaftervertrag für die Leitfirma in Hilter. Am 3. Juli 1952 wurde dieser Vertrag, der bereits von Anita Rau und dem als dritten Gesellschafter vorgesehenen Prokuristen Mertens unterschrieben worden war, dem Rau-Junior zugestellt. Obwohl dem Vertrag nicht einmal eine Gründungsbilanz beilag, sollte er den sorgsam ausgeklügelten Text binnen 14 Tagen unterschreiben. Andernfalls, so hieß es, würden seine ererbten Kapitalanteile auf die Mutter übergehen, er werde in diesem Falle ausgezahlt.
Fühlte sich Ulrich Rau schon durch die kurze Bedenkzeit überfordert, so mißfiel ihm ein dem Vertrag beigefügtes Sonderabkommen noch mehr. Das Zusatzdokument nämlich, das mit dem Gesellschaftervertrag gültig werden sollte, galt der Frage, ob und wann der Firmenpartner Ulrich "nach der inneren Überzeugung" der Majoritätserben Anita Rau und der Tochter Renate die nötige sittliche Gewähr biete, um vollhaftender Teilhaber der Kommanditgesellschaft zu werden, die künftig an der Spitze des Konzerns rangieren sollte.
Hätte Miterbe Ulrich diese Klausel anerkannt, so wäre er weitgehend unter die Entscheidungsgewalt der Rau -Frauen und des Generalbevollmächtigten Carls geraten. Er verweigerte deshalb die Unterschrift. Mehr noch: Er beantragte bei Gericht, seine Mutter als Testamentsvollstreckerin abzusetzen. Aber die Mutter ließ auf Anraten des Schwiegersohns Carls trotz des Einspruchs die neue Gesellschaft schon ins Handelsregister eintragen und wollte auch durch die Umschreibung der firmeneigenen Grundstücke im Grundbuch vollendete Tatsachen schaffen.
"Pimpf Ulli" jedoch, wie Carls den Jüngeren manchmal nannte, lieh sich für die Prozeßführung von der Dresdner Bank Geld - insgesamt mußte er 60 000 Mark Barvorschüsse und 600 000 Mark Bürgschaft in Anspruch nehmen - und kämpfte um sein Erbe. Durch ein registergerichtliches Löschungsverfahren über zwei Instanzen konnte er die Eintragung ins Handelsregister rückgängig machen. Eine Einstweilige Verfügung stoppte auch die Übertragung der Grundstücke auf die neue Erben-Kommanditgesellschaft.
Unter dem Druck dieser Attacken traf sich die zerstrittene Familie - es war Februar 1954 geworden - in dem Schweizer Winterkurort Lenzerheide zu Friedensverhandlungen. Man besprach sich teils separat, teils in Anwesenheit der Anwälte. Im Auftrage der Damen versicherte Carls schließlich, man werde einen neuen, Ulrichs Wünschen mehr entgegenkommenden Gesellschaftervertrag aufsetzen. Daraufhin annullierte Rau telegraphisch den Antrag, seine Mutter als Testamentsvollstreckerin abzuberufen.
Als aber die Kontrahenten wieder heimgefahren waren und schriftlich über den Gesellschaftervertrag weiterverhandelten, tauchten sofort neue Unstimmigkeiten auf. Carls machte nach Ulrichs Ansicht so wenig Konzessionen, daß der junge Rau den Verdacht äußerte, in Lenzerheide habe man ihm nur die Klage gegen die Testamentsvollstreckerin abschnacken wollen. Überdies gab es einen weiteren Streitgegenstand, der in dem Graubündner Kurort nur am Rande gestreift worden war: eine Klage Ulrich Raus gegen die Mutter auf Auskunftserteilung.
Dieses Verfahren hatte der Sohn eingeleitet, um überhaupt einen Überblick über das Erbvermögen zu gewinnen. Insbesondere drang er auf eine Offenlegung aller bilanzierten und zurückgestellten Werte der Teutoburger Margarinewerke und der Neußer Ölmühle.
Mutter Anita äußerte um diese Zeit mit einem Mann, der seit Jahren Prozessen nachlaufe, könne man sich eben nur schwer einigen. Hubertus Carls hingegen betonte bei mancherlei Gelegenheit, da ihn das Schicksal nun einmal an diesen Platz gestellt habe, werde er seine Aufgabe im Sinne des Verstorbenen meistern. Ulrichs Motive deutete er schlicht: "Der ist wütend über den hergelaufenen Habenichts, der sich hier in das Nest gesetzt hat und die Stellung einnimmt, die eigentlich ihm zusteht."
Zwischen den insgesamt 31 Verfahrensgängen gab es allerdings auch immer wieder neue, vermeintliche Annäherungen und Gespräche über eine Abfindung. Zwei Jahre nach dem Treffen in Lenzerheide bot Carls im Namen der Rau-Damen dem Schwager Ulrich drei Millionen, noch später sogar fünf Millionen Mark Abfindung. Ulrich jedoch ließ sich weder von dem Geld locken (Ich will in die Firma rein") noch zog er die Klage auf Auskunftserteilung zurück.
Unter Androhung einer Zwangsstrafe in Höhe von einer halben Million Mark erzwang das Landgericht Osnabrück im November 1954, daß Mutter Anita Vermögensstatistiken und Firmenbilanzen herausrückte. Der Auskunftsprozeß brachte außerdem eine entscheidende Wendung, weil der verhinderte Junior-Chef durch Gerichtsurteil das Recht erhielt, von einem Wirtschaftsprüfer die Vermögensverhältnisse in den Rau-Firmen untersuchen zu lassen.
Wohl oder übel mußte Carls diesem Vertrauten seines Schwagers über alle Geschäfts- und Kapitaltransaktionen Auskunft geben, die er seit seinem Eintreten in das Unternehmen abgewickelt hatte. Zunächst begnügte sich der Rau -Erbe mit süffisanter Kritik an der Geschäftsführung seines Schwagers, der "den Generaldirektor spielt, wie sich das der kleine Moritz vorstellt". Dann aber stießen Rau und sein Wirtschaftsprüfer auf die Ehegatten-Transaktion mit Aktien der Hansa-Mühle und auf die Manipulationen bei der Neußer Firmentochter NVG.
Mit den Unterlagen über diesen Vorfall begab sich Ulrich Rau fiebernd auf Hubertus-Jagd. Weil Schwager Carls durch den Aktienhandel seiner Ansicht nach 180 000 Mark Vermögen der Neußer AG und mithin auch Erbvermögen veruntreut hatte, focht der Rau-Sohn sofort alle Beschlüsse an, mit denen seine Mutter und seine Schwester als Großaktionärinnen der Firma Walter Rau, Neusser Oelwerke AG die Jahresabschlüsse und Bilanzen gebilligt und dem alleinigen Vorstand, ihrem Gatten und Schwiegersohn, aktienrechtliche Entlastung erteilt hatten.
Die Düsseldorfer Kammer für Handelssachen gab Rau recht. Sie annullierte alle Beschlüsse der Hauptversammlung in Neuß, auf der ohne Wissen Ulrichs im engsten Familienkreis dem Generaldirektor Carls die Rechtmäßigkeit seiner Geschäftsführung bescheinigt worden war. Die Handelsrichter kritisierten das Aktiengeschäft der Ehegatten scharf. In ihrer Urteilsbegründung hieß es: "Dr. Carls hat als Alleinvorstand der Neusser Qelwerke AG deren Vermögensinteressen nicht nur nicht wahrgenommen, sondern bewußt - er gab Aktien zur Hälfte des Tageskurses ab - zu deren Nachteil gehandelt."
Auch die Tatsache, daß Carls - während Ulrichs Anfechtungsklage schon lief - die Transaktion schleunigst rückgängig gemacht hatte, ließ das Gericht nicht gelten: "Das ist offenbar nur deshalb geschehen, weil der Kläger mittlerweile hinter die Schliche des Dr. Carls gekommen war und dieser einsah, daß er seine Absicht, sich und seiner Ehefrau wesentliche Vermögenswerte aus der Erbmasse vorweg zuzuwenden, nicht verwirklichen konnte, ohne Gefahr zu laufen, zivil- und auch gegebenenfalls strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden."
Auch seinen Vorwurf, Carls habe offensichtlich die NVG samt deren Hochseeschiff für sich einkassieren wollen, hielt Ulrich Rau vor Gericht aufrecht. Gleich ihm nahm auch die Düsseldorfer Kammer für Handelssachen Carls die Erklärung nicht ab, er habe die NVGAnteile nur treuhänderisch, verwalten wollen. Die Kammer beurteilte die Streitigkeiten insgesamt zugunsten Ulrich Raus:
"Dr. Carls hat zusammen mit seiner Schwiegermutter und seiner Ehefrau aus nicht erkennbaren Gründen - es sei denn, die häßliche Sucht, sich persönlich zu bereichern - daran gearbeitet, den Kläger von der Verwaltung des Rau-Konzerns, immerhin seines väterlichen Unternehmens, fernzuhalten und wesentliche Vermögenswerte der Erbmasse den Eheleuten Carls zum Schaden der übrigen Miterben vorweg zuzuwenden."*
Aus alledem schloß die Kammer, daß die Neußer Aktiengesellschaft gegen ihren Allein-Vorstand Hubertus Carls erhebliche Schadensersatzansprüche geltend machen könne und mithin die Bilanzen nichtig seien.
Auch mit seiner Klage gegen den Gesellschaftervertrag war Erbe Rau durch alle Instanzen vorangekommen: Am 20. April 1955 entschied der Bundesgerichtshof, der vorgelegte Vertrag und das Sonderabkommen seien für ihn nicht verbindlich. Es sei unbillig, daß ausschließlich die ihm feindlich gesinnten Verwandten darüber entscheiden sollten, ob und wann er die charakterliche Reife besitze, persönlich haftender Gesellschafter zu werden.
Im Gegenzug klagte nunmehr Rau auf Feststellung eines neuen, für ihn günstigeren Gesellschaftervertrags, der dem Testament und dem letzten Willen Walter Raus mehr entsprach. Auch diese Klage brachte ihm Erfolg: Durch das Landgericht Osnabrück wurde ein neuformulierter Vertrag festgesetzt, der den Rau-Erben im Frühjahr 1958 neben dem alten Prokuristen Mertens als persönlich haftenden Gesellschafter in die Margarine-Firma Hilter, die Konzernspitze, brächte.
Einmal selbst in der Firma, stieß der Junior auf weitere Geschäftsvorfälle, die seiner Ansicht nach unkorrekt abgewickelt worden waren. Als er in Neuß schließlich von einer schwarzen Kasse erfuhr, in die Carls aus Fettsäure-Verkäufen 420 000 Mark fließen ließ, schien ihm das Maß voll.
Es stellte sich nämlich heraus, daß Carls Gelder aus dieser Firmenkasse und nicht, wie er behauptet hatte, aus seinen eigenen Mitteln für den umstrittenen Ankauf der Hansa-Mühle -Aktien verwendet hatte. Nachdem er 1955, durch Ulrichs Klage veranlaßt, den Aktienhandel mit seiner Frau rückgängig gemacht hatte, ließ er den Erlös an sich selbst auszahlen, obwohl der Handel mit Geldern der Rau-Firma finanziert worden war.
Im März 1959 wurde dem Aufsichtsrat der Neusser Oelwerke AG dieser Sachverhalt aktienrechtlicher Untreue zur Kenntnis gebracht, und Ulrich, Rau pochte darauf, daß man den Vorstand Carls sofort an die Luft setze. Einen Tag vor der anberaumten Aufsichtsratssitzung legte Hubertus Carls freiwillig seinen Generaldirektor-Posten in Neuß nieder. Ulrich drängte weiter: Nun müsse Carls auch den Vorstandsvorsitz bei der Hamburger Hansa-Mühle AG niederlegen. Aber Mutter Anita hielt noch ihre Hand über den Schwiegersohn, und die beiden Schwäger arbeiteten, an verschiedenen Plätzen zwar, aber immerhin im selben Konzern, weiter.
Wenige Zeit später endete jedoch auch dieses frostige Idyll, denn auf der Frühjahrsmesse in Hannover traf Ulrich Rau Bekannte, die ihm eine sensationelle Mitteilung machten, als das Gespräch auf seinen Schwager kam. Hubertus Carls, sagten sie, sei ihnen von früher her bekannt, aber er habe ihres Wissens niemals promoviert; er führe den Doktortitel wahrscheinlich zu Unrecht.
Sofort schrieb Rau an alle deutschen Universitäten, die ihm sein Schwager jemals als, Schauplatz seines akademischen Wirkens benannt hatte: Der Name Carls war weder in Berlin noch in Göttingen noch in Marburg auffindbar, wovon Rau postwendend den Aufsichtsratsvorsitzenden der Hansa-Mühle, Bankdirektor Wilhelm Reinold, verständigte. Er bat ihn, den Generaldirektor Carls über seine akademischen Würden näher zu befragen.
Als Reinold dieser peinlichen Aufforderung nachkam, zeigte sich Carls empört: Natürlich habe er - 1944 in Berlin - promoviert, aber er sei nicht, wonach vermutlich Schwager Ulrich gefahndet habe, Dr. jur., sondern Dr. rer. pol.
Den Direktor Reinold von der Commerzbank Hamburg befriedigte die Antwort; er fuhr, wie vorgesehen, auf, Urlaub. Ulrich hingegen bohrte weiter, und verständigte die Mutter. Er meldete, der Name Carls stehe auch bei keiner der Universitäten auf der Promotionsliste für Volkswirte.
Daraufhin knöpfte sich die resolute Witwe des Konzerngründers am nächsten Wochenende den Schwiegersohn selbst vor. Ihr erklärte Carls schob kleinlauter, er habe in Berlin die Prüfung absolviert, und der Professor habe gesagt, er könne sich Doktor titulieren; eine Urkunde allerdings besitze er nicht.
Den Rest erledigte Ulrich Rau selbst. Er wußte zwar nicht genau, wo Aufsichtsratsvorsitzender Reinold seinen Urlaub verbringen wollte, erinnerte sich aber, daß er ihn einmal im Sommer zufällig auf der Nordseeinsel Juist angetroffen hatte. Auf gut Glück rief er deshalb bei der Kurverwaltung in Juist an und erfuhr, Herr Reinold sei "im Augenblick nicht am Strand".
Eilig diktierte Rau junior seiner Sekretärin einen Brief mit dem Kopf "Bankdirektor Wilhelm Reinold, zur Zeit Juist, den 30. August 1959" und darunter im Namen des Aufsichtsrats der Hansa-Mühle AG die sofortige Kündigung für Carls.
Bankier Reinold war indigniert, als er am nächsten Tag den jungen Rau auf Juist auftauchen sah, aber er unterschrieb die Kündigung. Ulrich fuhr sofort wieder los und holte in Hamburg noch die Unterschrift des Arbeitnehmervertreters im Aufsichtsrat der Hansa-Mühle ein. Dann ging die Kündigung ab.
Carls war bereits durch den Anruf seiner Frau - "Ulli ist unterwegs" - vorbereitet und nahm die völlige Ausschaltung aus dem Rau-Konzern mit äußerem Gleichmut hin. Er lehnt es heute ab, sich über "die Vorgänge zu äußern, die von der Mutter meiner Frau beziehungsweise Großmutter unserer nunmehr fünf Kinder, ausgelöst sind". Er hoffe, so ließ er ausrichten, "daß der erreichte finanzielle Stand (des Rau -Konzerns) inzwischen so fest geworden ist, daß auch unter anderer Leitung dies sich zum Wohle der in den Betrieben arbeitenden Menschen und ihrer Familien auswirkt".
Seitdem hat Rau junior auch im Vorstand der Hansa-Ölmühlen-Werke AG den Platz des Schwagers eingenommen. Hubertus Carls zog sich auf das Gut eines Freundes in Schleswig-Holstein zurück, nachdem Anita Rau ihm auch die Generalvollmacht aberkannt hatte. Frau Rau ist ebenso wie ihre Tochter Renate Carls und der Prokurist Mertens von dem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren mitbetroffen, das die Staatsanwaltschaft Osnabrück wegen der bei den Rau-Firmen vorgenommenen Transaktionen eingeleitet hat. Die Vorwürfe gegen Carls und die übrigen Angeschuldigten resultieren aus dem Verdacht aktienrechtlicher Untreue.
Das zweite Ermittlungsverfahren beim Landgericht Osnabrück richtet sich unter dem Aktenzeichen 17 Js. 644/59 ausschließlich gegen den ausrangierten Konzernherrn Hubertus Carls. Es lautet auf den Verdacht der unberechtigten Führung eines akademischen Titels.
Um wenigstens diese Schlappe noch auszubügeln, bevor wegen der Vorfälle unter seiner Konzernführung Anklage erhoben wird, hat Carls sich bei der Technischen Universität Berlin, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, immatrikulieren lassen. Er schreibt in einem möblierten Zimmer in Berlin an seiner Doktorarbeit.
* Ulrich Raus zweite Schwester, Brigitte, verkaufte um die Jahreswende 1956/57 ihren Erbanteil an die Mutter.
Konzern-Erbe Ulrich Rau Der Pimpf...
Feindlicher Schwager Hubertus Carls ... blieb Sieger
Konzernchefin Anita Rau, Enkel: Den Schwiegersohn entlastet
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Walter Rau (t)

DER SPIEGEL 18/1960
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