27.04.1960

BROCHAuf der Doppelleiter

Der moderne Mensch - so befand es
der aus Österreich stammende, 1951 in den Vereinigten Staaten verstorbene Dichter, Mathematiker und Philosoph Hermann Broch - lebe in der am wenigsten zuverlässigen, in "der unverläßlichsten aller Welten". Das Problem sei daher, daß der moderne Mensch Unterschlupf in der Masse suche. Entsprechend, erläuterte Broch, gehe es bei der Massenpsychologie, "zumindest der meinen", nicht so sehr "um das Verhalten der Massen - das ein Außensymptom ist -, wohl aber geht es um den Menschen, der Massenbindungen sucht".
Von seiner "Massenpsychologie"*, deren Fragmente kürzlich aus dem Nachlaß als neunter und letzter Band der "Gesammelten Werke" erschienen, hat sich Hermann Broch, der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs als politischer Flüchtling in die Vereinigten Staaten kam, zweierlei versprochen: den Nachweis der Qualifikation für eine ihm in Aussicht gestellte Gastprofessur an der amerikanischen Elite-Universität Princeton und die Möglichkeit, an "der künftigen Gestaltung der Welt ein wenig mithelfen" zu können.
Broch, noch unter dem Eindruck einer mehrwöchigen Gestapo-Einzelhaft, wollte mit seinem ursprünglich auf drei Bände geplanten theoretischen Hauptwerk "Massenpsychologie" das zuwege bringen, was ihm von Anbeginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit an als dringend notwendig erschienen war - eine Art Totalitätserfassung "jenes gigantischen Machiavellismus, der geistig sich seit etwa fünfzig Jahren vorbereitet hat und dessen apokalyptische Folgen wir heute in der Realität erleben".
Broch wandte sich entschieden gegen die klassischen Massentheorien, die den Begriff "Masse" etwa am Modell einet politischen Versammlung oder eines Menschenauflaufs demonstrieren: Gelegenheiten, bei denen Menschen anders - nämlich kollektiv und als Bestandteil einer Masse - reagieren, als sie es sonst, allein auf sich gestellt, tun würden. Die prominenteste Theorie über das Verhalten der Masse und des einzelnen in der Masse stammt von dem französischen Arzt und Soziologen Gustave Le Bon ("Psychologie der Massen"). Eine andere, ebenfalls von Broch abgelehnte Massentheorie stammt von dem spanischen Philosophen Jose Ortega y Gasset ("Der Aufstand der Massen"): Ortega konzipiert einen Typ "Massenmensch", der - im Gegensatz zum Elitemenschen - energielos und träge ist, aber dezidierte Ansprüche in Hinsicht auf Bequemlichkeit und Komfort stellt.
"Gerade weil der Begriff der Masse ein durchaus fluktuierender und vager ist, erscheint es doppelt notwendig, hier mit größter methodologischer Schärfe vorzugehen", schrieb Broch; die klassischen Massentheoretiker hätten es sich zu einfach gemacht und kaum mehr als "kulturkritisches Geschwätz" produziert. Ihre "geschlossenen Systeme" seien unfruchtbar und allenfalls dazu nütze, Verwirrung zu stiften.
Broch wollte sich nicht auf eine theoretische Analyse der Masse beschränken. Er glaubte vielmehr, daß jegliches Denken und Philosophieren erst dann Sinn bekäme, Wenn es in die Wirklichkeit eingreife: "Jede Philosophie"; schrieb er, "zielt auf ethische Wirkung im praktischen Leben, ist also letztlich in einem reinsten Sinne auf Politik abgestellt."
In diesem Sinne hatte Hermann Broch schon seine poetische Produktion aufgefaßt, die er Ende der zwanziger Jahre begann (Novellen hatte er bereits im Ersten Weltkrieg geschrieben): Seine Roman-Trilogie "Die Schlafwandler" sollte "unmittelbar erzieherisch" wirken.
Und in diesem Sinne stellte Hermann Broch seine Romanproduktion auch später wieder ein. "Würde der Spießer (vorausgesetzt, daß er Romane läse)", überlegte er, "sich in einem nach solchen Prinzipien gebauten künstlerischen Spiegel wiedererkennen?" Broch verneinte die Frage - "Er erkennt sich ja nicht einmal in der simpelsten Karikatur" - und gab das Dichten auf. Denn: "Bloß der bereits Überzeugte wird überzeugt."
Anders schätzte Broch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die Wirkungschancen seiner theoretischen Schriften ein, insbesondere die seiner Massenpsychologie, von deren "zentraler Stellung ...
für die politische Erkenntnis" er überzeugt war: "Die Demokratie besteht heute noch", schrieb er damals einigermaßen optimistisch. "Und die Hoffnung auf einen Zusammenbruch der Totalitärstaaten, die Hoffnung auf die Selbstzersprengung ihrer geschlossenen Systeme unter Kriegsdruck ist noch nicht erloschen. Kommt es aber dann zum Aufbau einer neuen Welt, dann wird - mehr denn jemals bevor - die objektive wissenschaftliche Wahrheit gehört werden müssen."
Um herauszufinden, ob es eine "democratic ideology" - eine demokratische Weltanschauung - gebe, die stark genug sei, sich gegenüber totalitären Machtsystemen zu behaupten, stellte Broch in seinen massenpsychologischen Untersuchungen zunächst die Frage: "Wie ist es möglich, daß immer wieder offenkundige, von jedermann einsehbare Unwahrheiten zu Wahrheitswürde aufsteigen können, um sich in solcher Würde, wenn auch nicht dauernd, so doch für sehr lange Perioden zu behaupten? Wie ist es möglich, daß offenkundige Wahnsinnshaltungen und Anormalitäten für lange Perioden als 'normal' gelten konnten und wahrscheinlich immer wieder dies tun werden?"
Im Gegensatz zu den klassischen Massentheoretikern, die kaum über das Konstatieren solcher sogenannten Massenwahn-Symptome hinausgingen, machte sich Hermann Broch daran, den Einzelmenschen zu analysieren, der sich dergleichen gefallen läßt oder "Wahnsinns"-Unternehmungen sogar aktiv mitmacht. Zu diesem Zweck konstruierte Broch ein "tunlichst komplettes Modell des Ich" - ein allgemein verbindliches Modell jener Instanz also, für die Phänomene des&äußeren Geschehens zum "Werterlebnis" werden.
Diese Methode, bei der peinlich vermieden werden sollte, "irgendeiner Partei das Wort zu reden", mußte den Massenpsychologen Broch freilich bald in Verlegenheit bringen: Da seine Massenpsychologie - seinen eigenen Worten zufolge - "von der Erkenntnistheorie bis zur Politik alles einschließt" und da jedes Phänomen einzeln am Modell-Ich auf seinen Wert zu prüfen war, konnte sich Broch bald ausrechnen, daß er auf diese Weise niemals zu einem Ende kommen konnte und seine "Massenpsychologie" ein Torso bleiben mußte - wie zuvor schon sein (im Jahre 1953 aus dem Nachlaß publizierter) Bergroman "Der Versucher".
Hermann Broch scheute sich dennoch nicht, diese Sisyphus-Arbeit zu versuchen, und er kultivierte dabei einen drastischen Galgenhumor: "Man muß sozusagen nach allen Seiten zugleich vorwärtsschreiten, und dabei gerät man stets aufs neue in Tücken und Fallstricke. Und oftmals ist es wie ein Schwimmen in einem See oder Sumpf von mashed potatoes", von Quetschkartoffeln, schrieb er an den (1955 verstorbenen) Relativitäts-Theoretiker Albert Einstein.
Zu diesen formalen Schwierigkeiten trat für Broch noch ein anderes Handicap: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es Broch immer fragwürdiger, ob "die objektive wissenschaftliche Wahrheit gehört werden" würde. Vielmehr zeichnete sich für ihn die Heraufkunft eines "Welt-Totalitarismus" ab; die machtpolitische Erstarrung und Versteifung der Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union gegeneinander würden, so glaubte Broch, nun für die Demokratie bald keinen Platz mehr lassen.
Schrieb Broch: "Die beiden einander angeblich widersprechenden Systeme, denen die Welt bei ihrer Zweiteilung überantwortet werden soll, würden in der Praxis sich voraussichtlich kaum voneinander unterscheiden; das eine wäre nicht Demokratie und das andere nicht Kommunismus, sondern sie wären beide Totalitarismus und nichts weiter."
Denn: Weil Kapitalismus - als eine Entartungserscheinung der Demokratie - und Kommunismus "eine dialektische Doppelleiter von Position und Gegenposition darstellen, muß jede weitere Sprosse auf ihr eine Annäherung an den Vereinigungspunkt der beiden Leiterteile bringen, also zur endlichen Synthese der Gegensatzreihen, wie das von der Realität gefordert wird. In ihrer Staatsaufgabe und besonders in jener,
die sie erwartet, werden kommunistischer und kapitalistischer Totalitarismus ununterscheidbar einander ähnlich".
Totalitarismus aber bedeute "den Sieg des Staates, die Niederlage des Menschen" oder, wie Hermann Broch an anderer Stelle seiner "Massenpsychologie" formulierte, "Ich-Verengung", "Versklavung".
Angesichts solcher Überlegungen über den Persönlichkeitsschwund - das Zentralthema seiner Arbeit - verzweifelte Broch immer mehr an seinem ursprünglichen Optimismus, durch die Veröffentlichung seiner "Massenpsychologie" meßbare "ethische Wirkung im praktischen Leben" zu erzielen. In den letzten Jahren vor seinem Tode glaubte Broch, daß nichts mehr den Lauf der Geschichte aufhalten könne. Entsprechend sank seine Wertschätzung der "Massenpsychologie", die er nun eine "politische Schreiberei" nannte, für die "weder die Natur noch die Historie irgendwelche Verwendung" habe. Daher, so notierte der enttäuschte Autor, "trage ich mich sehr mit dem Gedanken, diesen ganzen Tätigkeitsteil stillzulegen".
Als Hermann Broch am 30. Mai 1951 64jährig nach einem Herzanfall im nordamerikanischen New Haven starb - er hatte als Gastprofessor an der prominenten Yale-Universität gelehrt -, ergab sich, daß er mit dieser Stillegung Ernst gemacht hatte. Seine Witwe Annemarie Broch und die Soziologin Hannah Arendt ("Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft") fanden unter Bergen von Manuskripten die Fragmente der "Massenpsychologie", die jetzt veröffentlicht wurden: Das theoretische Hauptwerk, an dem Broch zwölf Jahre lang gearbeitet hatte, war unvollendet geblieben.
* Hermann Broch: "Massenpsychologie"; Rhein-Verlag, Zürich; 444 Seiten; 24,80 Mark.
Ortega
Massenpsychologe Broch
Was nützen Romane?
Le Bon

DER SPIEGEL 18/1960
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