01.06.1960

ENGLAND / KUNST-AUKTIONFrühe Hitlers

Der böhmische Vagabund Reinhold Hanisch verkaufte im Sommer 1910 für zehn Kronen ein Aquarell mit dem Wiener Parlament, das ihm ein Freund gemalt hatte. Das Werk entstammte der Künstlerhand eines exzentrischen Jünglings namens Adolf Hitler, der damals über den Kragen herabfallende Haare trug, einen schwarzen Bart sein eigen nannte und in seinem alten kniehohen, Mantel dem Verkäufer Hanisch "eine Erscheinung war, wie man sie unter Christen selten trifft".
Fünfzig Jahre später, im Mai 1960, wurde das Parlaments-Aquarell im hocheleganten Londoner Auktionshaus Sotheby in der New Bond Street für rund 3300 Mark erstanden
- zusammen mit
einer Ansicht der Wiener Karlskirche von der Hand desselben Meisters, das weitere knappe 3800 Mark einbrachte.
Der Kunstfreund, dem ein derart reges Interesse für die Malereien des großdeutschen Führers zu bekunden gelang, war der 55jährige Sir Henry Frederick Thynne, sechster Marquess of Bath, Herr von Schloß Longleat und Gebieter über 4000 Hektar Ackerland und Forsten. Seine Kaufaktion aber demonstrierte, daß England wie eh und je bereit ist, die absonderlichsten Neigungen seiner hochadeligen Snobs zu tolerieren, selbst wenn es sich um Hobbys handelt, die manche Briten bei anderen Völkern als Rückfälle in den Faschismus zu rügen lieben.
Philosophierte der Markgraf von Bath: "Well, ich gebe gern zu, daß ich Grausamkeit ein bißchen liebe. Ich bin zwar kein Nazifreund, aber für mich ist Hitler eine Gestalt, die als Phänomen des menschlichen Geistes Gewicht hat. Etwa so wie Dschingis Khan, wenn Sie wollen. Na ja, im Kriege habe ich natürlich mitgeholfen, Hitler zu vernichten. Jetzt aber ist das anders."
Der Marquess war auf die Bilder aufmerksam geworden durch die publicityhungrige Art, mit der das angesehene Auktionshaus Sotheby die beiden Hitler-Aquarelle offeriert hatte. Anstatt die Bilder als Kuriositäten anzubieten, hatte Sotheby die frühen Hitlers neben Werken von Renoir, Toulouse-Lautrec, Picasso und Braque in den Katalog der "wichtigen impressionistischen und modernen Zeichnungen, Malereien und Skulpturen" aufgenommen.
Dem glücklichen Käufer verhieß zudem eine Anmerkung im Katalog, daß er zusammen mit den Bildern eine "Korrespondenz aus den Jahren 1938 und 1939 über die Herkunft dieser Aquarelle, darunter einige Briefe von Hitlers Photographen Heinrich Hoffmann", erwerben könne. In einem dieser Briefe bestätigte denn auch Hoffmann treuherzig, es handle sich bei den zwei Aquarellen wirklich um "echte Hitlers".
In der Tat hatte Adolf Hitler in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zur Sicherung einer bescheidenen Existenz (Hitler in "Mein Kampf": "Ich arbeitete damals schon selbständig als kleiner Zeichner und Aquarellist") mehrere Hundert Bildchen gemalt, die Freund Hanisch für ihn absetzte. Später ließ der Führer die meisten seiner Bilder, soweit er ihrer habhaft werden konnte, zerstören; etwa 50 Produkte blieben jedoch erhalten.
Die zwei Aquarelle, die jetzt der Markgraf von Bath ersteigerte, kaufte 1912 ein Ungar. Erst 1938 wurden sie als Produkte Hitlers erkannt. Dr. Walter Lohmann, vom Wiener Gauleiter Bürkkel mit der "Erforschung der Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung in Österreich beauftragt", identifizierte sie in einem Brief als "frühe Hitlers".
Im nächsten Jahr beauftragte Hitlers Leibphotograph Heinrich Hoffmann einen Mann namens Hans Walczok, er solle die beiden Bilder gegen 6000 Pengö
von ihrem Besitzer, einem ungarischen Möbelfabrikanten, für die Reichsregierung erwerben. Wie die Hitler-Aquarelle später in den Besitz der Wiener Industriellen Monica Fischer gerieten, die sie schließlich bei Sotheby versteigern ließ, ging freilich aus den Dokumenten nicht hervor.
Kaum hatte das Auktionshaus Sotheby die beiden Hitler-Bilder zum Kauf angeboten, rüstete sich der Londoner Kunsthändler Jacques O'Hana, empört über die Propaganda mit Hitler-Aquarellen, zum Gegenangriff. Wetterte O'Hana: "Hitler war nur ein Künstler im Massenmord. Eine Firma, die jährlich eine Million Pfund einnimmt, hat solche Publizitätssucht nicht nötig!"
Bald mußte indes der aus Marokko gebürtige Kunsthändler erleben, daß seine politisch gewürzte
Empörung in der britischen Öffentlichkeit keinen Widerhall fand. Als er einen Leserbrief an die Londoner "Times" richtete, lehnte die Redaktion des sonst so NS-empfindlichen Blattes den Abdruck des Schreibens ab. Ärgerlich Suchte O'Hana das Haus Sotheby auf, um ihm den Verkauf der Hitler-Bilder auszureden.
Seine Intervention schien zunächst nicht ohne Erfolg zu sein: Als die Versteigerung eröffnet wurde, verkündete Auktionator Peter Wilson plötzlich, die Hälfte des Erlöses werde mit Zustimmung der bisherigen Eigentümerin, der Witwe Monica Fischer, dem britischen Fonds des Weltflüchtlingsjahrs überwiesen werden.
Von solch später Reue war O'Hana freilich nicht sonderlich beeindruckt. Erregt sprang er auf und schrie: "Ich protestiere dagegen, daß die Bilder hier verkauft werden. Die Flüchtlinge brauchen kein Geld von Hitler. Ich bin bereit, die beiden Bilder für insgesamt fünfzig Pfund (585 Mark) zu kaufen, damit ich sie sofort zerreißen kann."
Andere Käufer mischten sich in den Trubel ein. "Hinsetzen!" schrien einige. Auktionator Wilson verschaffte sich schließlich wieder Gehör. Kurz darauf machte der Londoner Buchhändler Harold Mortlake ein Angebot, Wilson trieb ihn noch etwas herauf, um den Reservepreis zu erreichen, und schlug Mortlake dann die Bilder für insgesamt 600 Pfund Sterling zu.
Bald sprach sich jedoch herum, daß Buchhändler Mortlake die Hitler-Bilder keineswegs für sich selbst, sondern für den Marquess of Bath ersteigert hatte. Was den Markgrafen veranlaßte, die Aquarelle zu erwerben, umschrieb Mortlake diplomatisch: "Er ist Büchersammler und besitzt eine der besten Sammlungen von Churchill-Dokumenten. Hitler hat ja in Churchills Leben eine große Rolle gespielt.
Weniger vorsichtig äußerte sich Junker Bath: "Ich habe die Bilder gekauft, weil Hitler sie gemalt hat. Ich weiß, daß sie praktisch keinen Wert haben, aber warum kaufen denn die Menschen Bilder von Churchill?"
Hitler-Aquarell der Wiener Karlskirche: Protest unerwünscht
Bath

DER SPIEGEL 23/1960
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