01.06.1960

HEYM-NACHLASSLust am Untergang

Am 17. Januar 1912 veröffentlichte die "Berliner Zeitung" eine Notiz: "Der 24 Jahre alte Referendar Dr. jur. Georg Heym, der Sohn des früheren Militäranwalts Heym in Charlottenburg, Königsweg 31, und der 25 Jahre alte Kandidat Ernst Balcke, der Sohn des Bankiers Balcke..., sind beim Schlittschuhlaufen auf dem Wannsee ertrunken."
Über die näheren Umstände dieses Unglücksfalls unterrichtete das Blatt seine Leser: "Die beiden jungen Männer ... begaben sich am Dienstag nach Wannsee, um auf dem See eine größere Schlittschuhtour zu unternehmen. Von diesem Ausflug sind beide nicht in die Wohnungen ihrer Eltern zurückgekehrt ... Da der Wannsee vollständig zugefroren ist und sich nur in der Nähe des Schwanenwerders, gegenüber von Cladow, eine für die Wintervögel aufgeschlagene Stelle im Eise befindet, so nimmt man an, daß die beiden jungen Leute in die offene Stelle geraten und dort ertrunken sind. Die Suche nach den Leichen ist bisher erfolglos gewesen, da die Leichen wahrscheinlich unter dem Eise des Wannsees treiben."
Zwei Tage später konnte die Leiche des Dr. jur. Heym geborgen werden. Der Tote wurde neben Selbstmördern und anderen Ertrunkenen in der Leichenhalle des Selbstmörderfriedhofs bei Schildhorn im Grunewald aufgebahrt. Es war derselbe Friedhof, über den Georg Heym fast drei Jahre zuvor ein Gedicht mit der Überschrift "De profundis. Charfreitag 1909. Grunewald. Selbstmörderfriedhof" geschrieben hatte:
Auf den versunkenen Hügeln die Sträucher schwanken.
In ihr Wurzelgeflecht bissen sie mit den Zähnen.
Und sie trinken den Saft und im Sarg sie sich dehnen
hoch empor, daß die morschen Gefüge wanken ...
Durch den Tod des 24jährigen Juristen Heym hatte der deutsche literarische Expressionismus, noch ehe er recht zum Zuge gekommen war, seine größte poetische Kraft verloren. Erst 48 Jahre nach diesem Unglück ist es dem Hamburger Literaturdozenten Dr. Karl Ludwig Schneider gelungen, die bisher unveröffentlichten Tagebücher, Träume und Briefe Heyms als dritten Band* einer auf vier Bände geplanten Gesamtausgabe zu publizieren.
Daß es 48 Jahre dauerte, bis der Nachlaß eines der vielversprechendsten deutschen Expressionisten gedruckt wurde, hat verschiedene Gründe: Georg Heym, Sohn eines Berliner Militäranwalts, vermochte zu Lebzeiten wohl seine Umwelt, nicht aber seine Familie vom Wert der Gedichte zu überzeugen, die er schrieb. Der Vater hielt am wenigsten von dieser Lyrik: Er war ein etwas bornierter, zu Prüderie und moralischer Überheblichkeit neigender Mann; der Sohn bezeichnete ihn in seinen Tagebüchern als einen "schweinernen Vater", ohne dessen ständiges Bremsen er, Georg, der "größte Dichter" geworden wäre.
Auf die Nachricht von Heyms Tod hin meldete sich sofort der damals 24jährige Verleger Ernst Rowohlt bei der Familie; er hatte Heyms ersten Gedichtband gedruckt und bereitete einen Novellenband vor. Nun machte er darauf aufmerksam, daß er ein Recht auf den gesamten literarischen Nachlaß habe: Er fürchtete, daß die Familie Heyms Hinterlassenschaften vernichten würde.
Aber gegen den Juristen und Vater Heym drang Rowohlt nur mit seinen Rechten auf den geplanten Novellenband durch. Obendrein bedang sich Vater Heym zunächst eine distanzierende Notiz aus, die er allerdings später, auf Anraten von Freunden wegließ: "Die Veröffentlichung erfolgt aufgrund der von Georg Heym mit dem Verlage Ernst Rowohlt geschlossenen, für die Eltern verbindlichen Verträge. Seine Eltern sprechen den Wunsch aus: Der Leser wolle sich ein Bild von der Persönlichkeit ihres Sohnes nicht allein aus der Lektüre dieses Bandes entnehmen, sondern sich gegenwärtig halten, daß ihr Sohn - besonders in seiner letzten Zeit - in der Frage der Lebensanschauungen ihnen wiederholt sein inneres Streben nach Ewigkeitswerten bezeugt hat."
An den Nachlaß kam Rowohlt also nicht heran. 1917 jedoch starb der Militäranwalt Heym, und die Einstellung der Familie zum Werk des Sohnes wurde etwas weniger feindlich. Als die Literaten Kurt Pinthus und Erwin Loewenson 1922 die Gesamtausgabe der Werke ihres verstorbenen Freundes Georg Heym herausbrachten, enthielt die Publikation immerhin schon die "unveröffentlichten Gedichte, die Kurt Pinthus und Erwin Loewenson ... in dem großen Nachlaß Georg Heyms fanden". Was die Gesamtausgabe aber nicht enthielt, waren eben jene Tagebücher und Briefe, die der Hamburger Dozent Schneider jetzt vorlegen kann.
Offenkundig wußte zumindest der Freund Loewenson damals schon von der Existenz dieser Dokumente. Er scheiterte zwar mit der Herausgabe am Widerstand der Familie, konnte aber diese Hinterlassenschaften in seinen Besitz bringen. Als Loewenson zur Zeit der Nazi-Herrschaft aus Deutschland emigrieren mußte - er lebt heute in Israel -, nahm er Heyms Nachlaß mit.
Karl Ludwig Schneider, der als einer der besten Expressionismus-Kenner unter den deutschen Literarhistorikern gilt, wußte von dieser Verlagerung, ja von der Existenz der unveröffentlichten Papiere zunächst nichts. Wie jedem anderen Leser lag auch ihm nur die Ausgabe von 1922 vor, die von einem unveröffentlichten Nachlaß nichts erwähnte. Schneider schloß jedoch aus der Biographie Heyms, daß solche Tagebücher existieren müßten, und es gelang ihm endlich, Existenz und Ort des Nachlasses zu ermitteln. Er konnte durch das Entgegenkommen Loewensons die Papiere für die Hamburgische Staatsbibliothek zu einem Preis erwerben, der weit unter dem lag, den amerikanische Institute angeboten hatten.
Aus diesen Blättern ergibt sich endlich der psychologische Hintergrund einer poetischen Existenz, über die bisher nur wenige, dürre Fakten bekannt waren: Georg Heym, am 30. Oktober 1887 in Hirschberg in Schlesien geboren, kam mit 13 Jahren nach Berlin, studierte nach dem Abitur in Würzburg und Berlin Jura und promovierte 1911 in Rostock zum Doktor der Rechtswissenschaften.
Viel mehr war nicht über den Dichter bekannt, dessen Einfluß auf die deutsche Literatur bis heute reicht. Noch kurz vor seinem Tode erklärte Gottfried Benn: "Zu einer Zeit, als die Romanschriftsteller, sogenannte Epiker, aus maßlosen Wälzern abgetakeltste Psychologie und die erbärmlichste bürgerliche Weltanschauung ... Deutschland zum Schnappen vorwarfen, trug der Kern dieser neuen Bewegung (des Expressionismus) ... diese fünf bis sechs Lyriker und Epiker, ... trug er die Welt."
Es begann mit einem formalen Unbehagen an der zeitgenössischen Lyrik, für das der Ostpreuße Arno Holz verantwortlich war. 1899 gab er seine "Revolution der Lyrik" heraus und empfahl anstelle der "heimlichen Komik unserer Lyrik" freie ("natürliche") Rhythmen:
Alle tausend Jahre
wachsen mir Flügel.
Alle tausend Jahre
saust mein purpurner Drachenleib
durch die Finsternis.
In entseelte Himmel spei ich
Myriaden Sterne!
Am Bach,
unter Weiden,
sitz ich dann, flechte mein langes Goldhaar, singe
und freue mich, wie sie oben glitzern.
Die Auflösung der Form, die Holz praktizierte, genügte den nachfolgenden Revolutionären jedoch nicht, zumal der Inhalt der meisten dieser Holzschen freien Rhythmen Gefühlslyrik beinahe konventionellen Charakters geblieben war. Gerade von dieser Konvention wollten sich die jungen Dichter entfernen. Genauerer Ausdruck für die beginnende Revolution der Lyrik sind deshalb eher die Gedichtbände zweier bis dahin unbekannter Autoren: Viktor Hadwigers "Ich bin" und Else Lasker-Schülers "Styx".
Vor allem dem heute beinah vergessenen Prager Hadwiger gelang in dem Gedicht "Mein Tag" eine erste, programmatische Vorankündigung der neuen Kunstrichtung:
Und tausend Nächte hatten mich genarrt,
da leuchtend, lachend kam der Tag!
Ich starb
Den Tag der Liebe starb ich
Es war kein Puppenspiel, war kein Hetärenmärchen,
ein starkes, warmes Glück. Ein purpurner Triumph
Das war ein Tag, in seine Adern biß ich mich und sog ihn mit der Seele ein.
Ich starb den Tag der Liebe,
ich starb zu Babel! Leuchtend sprang das Glas, die Scherben klirrten!
Ein König! Ein Triumph! Ich starb.
Die Garden salutierten.
Hadwiger wählte Bilder, die in der herkömmlichen Lyrik unbekannt waren. Das Leben wurde nicht mehr als eine Entwicklung angesehen, sondern in der Ekstase des Augenblicks fixiert. Daß dieser Augenblick bei Hadwiger der Tod ist, blieb typisch für den bald darauf beginnenden Expressionismus mit seiner Zeit- und Geschichtslosigkeit, Freude am ekstatischen Sprachbild und Feindschaft gegen allen Psychologismus.
Dennoch waren Hadwigers Verse relativ konventionell im Vergleich zum Werk der um 1911 hervorbrechenden Garde junger Poeten, die in maßlosem und genialischen Affront gegen das bürgerliche Jahrhundert ihre Gedichte in die Öffentlichkeit schleuderten. Heym begann mit dem "Ewigen Tag" 1911. Oskar Loerke folgte mit "Wanderschaft", der Berliner Hautarzt Gottfried Benn veröffentlichte "Morgue", Ernst Blaß "Die Straßen komme ich entlang geweht" im nächsten Jahr, Johannes Robert Becher "Verfall und Triumph" 1914. Der Jurist Alfred Liechtenstein gab seinen ersten Gedichtband 1913 heraus, die Schriftsteller August Stramm, Ernst Stadler und Alfred Wolfenstein ließen ihre ersten Gedichte gesammelt 1914/15 erscheinen.
Der Effekt, den die lyrischen Revolutionäre auf ihre Umwelt machten, war bedeutend. Ihr Zorn auf die Generation der Väter, der sie Heuchelei, Sattheit, Verlogenheit und Spießigkeit vorwarfen, ist so groß, daß dagegen die "zornigen jungen Männer", die der englische Dramatiker John Osborne und sein Gefolge offerierten, fast zahm und menschenfreundlich wirken. Gottfried Benn zum Beispiel dichtete:
Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt in das nebenliegende Gehirn
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!
Aus Hohn über das, was bis dahin den Lyrikern und deren Konsumenten bedichtenswert erschien, überschrieb Benn diese Verse: "Kleine Aster".
Ebenso radikal wie Benn, aber noch summarischer im Urteil über seine Umwelt, begann der junge Georg Heym. Sein Gedicht "Die Dämonen der Städte" enthält eine Weltuntergangs-Prognose:
Der Teufel Hälse wachsen wie Giraffen.
Das Kind hat keinen Kopf. Die Mutter hält
es vor sich hin. In ihrem Rücken klaffen
des Schrecks Froschfinger, wenn sie rückwärts fällt.
Doch die Dämonen wachsen riesengroß.
Ihr Schläfenhorn zerreißt den Himmel rot.
Erdbeben donnert durch der Städte Schoß
um ihren Hut, den Feuer überloht.
Was einen exemplarischen "zornigen jungen Mann" der Jahrhundertwende wie Heym dazu trieb, dergleichen zu dichten, ist nun zum erstenmal aus seinen Tagebüchern abzulesen. Georg Heym erweist sich in ihnen nicht, wie bisher angenommen, als ein bleicher, gedankenschwerer und hypernervöser Revolutionär, sondern als ein vitaler junger Mann, der einen großen Teil seiner freien Zeit mit Angebereien und Streichen ausfüllte, wie sie heute voll kulturpessimistischer Besorgnis an den "Halbstarken" wahrgenommen werden.
Heym fühlte sich genötigt, eine Art zweifacher Existenz zwischen Poesie und Familiendasein zu führen, ein "Doppelleben", wie Benn eine seiner Arbeiten nannte. Im November 1910 war es Heym gelungen, in der Berliner Zeitschrift "Der Demokrat" das Gedicht "Berlin I" unterzubringen. Es waren, gemessen an den "Dämonen der Städte", noch harmlose Verse, aber der zupackende Verleger Ernst Rowohlt spürte den neuen Ton und erlaubte sich, am 30. November 1910 bei dem eben 23 Jahre alt gewordenen Autor "ganz ergebenst ... anzufragen, ob Sie mir nicht ein Manuskript zum Verlag unterbreiten möchten".
Heym antwortete: "Ich bin sehr gern bereit, mit Ihnen in Beziehung zu treten. Es käme in Betracht ein Band Gedichte, die von einer Reihe unabhängiger Beurteiler als revolutionär in der deutschen Literatur bezeichnet werden."
So viel Selbstbewußtsein war durchaus am Platz; Rowohlt veröffentlichte die eingereichten Gedichte im Frühjahr 1911, und die jungen Kritikerstars Alfred Kerr und Julius Bab, aber auch der Dramatiker Herbert Eulenberg, lobten den Band sofort überschwenglich. Der junge Autor Ernst Blaß, der ein Jahr später selbst mit seinem Gedichtband hervortrat, schrieb: "In dieser Zeit, in der triste Anthologien ... eine freundliche Aufnahme finden, weil sie Familien nicht daran hindern, unmittelbar nach der Lektüre Kaffee zu kochen, muß ein junger Dichter auffallen... dessen Temperament stärker ist als jener Familienkaffee."
In genau dieser Atmosphäre eines bürgerlichen Daseins, mit gemeinsamem Ausflug zu Berliner Lokalen, in denen - laut Aushang - "Familien Kaffee kochen können", war aber Heym zu Hause, mußte er arbeiten, essen, trinken. Am 20. Juli 1909 notierte er in seinem Tagebuch: "Ich weiß nicht, was in mir für eine Krankheit sitzt ... Das Furchtbarste ist die Unlust, die Verzweiflung, ehe man noch begonnen hat.
"Ein Heilmittel wüßte ich wohl, aber das Kraut kann ich nicht pflücken. Das wäre der Ruhm, das wäre der Beifall einer tausendköpfigen Menge, das wäre weiter eine Verschwörung, eine große Revolution, ein hellenischer Krieg, irgendetwas, eine Durchquerung Afrikas irgendetwas nicht Alltägliches..."
Die Diskrepanz zwischen der bürgerlichen Stille der Jahrhundertwende und dem Tatendrang der jungen Generation erzeugte eine Stimmung des Ekels, des Überdrusses an einem Leben, das kaum angefangen hatte, der Melancholie und der vagen Sehnsucht nach einer Katastrophe. "Wäre es nun nicht völlig gleich gewesen", schrieb Heym am 29. September 1909 in sein Tagebuch, "ob ich überhaupt nicht gelebt hätte ... Ich weiß auch gewiß nicht, warum ich noch lebe; ich meine, keine Zeit war bis auf den Tag so inhaltlos wie diese ... Ich lebe noch, gewiß nicht aus Schwäche, - ich habe meine Schwäche eliminiert durch Gewöhnung und Selbstzucht, durch Mensuren und Händel."
Noch deutlicher wurde Heym in einer Eintragung vom 17. Juni 1910: "Mein Unglück ruht ... in der ganzen Ereignislosigkeit des Lebens. Warum tut man nicht einmal etwas ungewöhnliches ... Warum ermordet man nicht den Kaiser oder den Zaren? ... Der Hunger nach einer Tat ist der Inhalt der Phase, die ich jetzt durchwandere." Am 6. Juli desselben Jahres heißt es im Tagebuch: "Ach, es ist furchtbar ... Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte."
So beginnt denn auch das Gedicht "Der Krieg", in dem Heym der Welt, in der er lebt, das schlimme, aber nach seiner Ansicht wohlverdiente Ende verkündet, wie eine Hymne:
Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt,
und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.
In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit.
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.
Solche Lust an einem großen, dröhnenden, apotheotischen Untergang wird im Tagebuch immer wieder abgelöst durch Melancholien, die den jungen Autor vor allem angesichts der Verständnislosigkeit seiner Eltern überfielen. Eine ironische Notiz von einem Gespräch mit der durchaus um Verständnis bemühten Mutter lautet: "Wundervoll. Gespräch mit meiner Mutter über meine Kunst: Meine Mutter: ,Du hast keine edle Seele. Sowas kann ich nicht lesen ... Edle und zarte Seelen kaufen doch sowas nicht.' - Meine Einwände ... ,Aber, Georgel, Goethe und Schiller, haben doch auch anders gedichtet. - Warum schreibst Du denn nicht im Daheim oder in der Gartenlaube.' - Schließlich habe ich ihr versprechen müssen, jetzt edle und zarte Gedichte zu machen."
Das Verhältnis zwischen Eltern und Sohn besserte sich nicht, obwohl Heym sich gelegentlich Mühe gab: "Wie gern würde ich mit meinem Vater besser stehen, sehe ich doch, wie er um mich leidet, aber er kann nicht verstehen, daß ich, wenn ich mir nicht meinen Trotz bewahre, ... zu Grunde gehen muß."
In dieser Oppositionshaltung des jungen Heym gegen die Eltern äußert sich bereits die antibürgerliche Gesinnung, die später im Expressionismus zur literarischen Mode wird. Georg Heym ahnte, daß familiäre Bande nicht mehr ausreichten, den Gegensatz zu überbrücken, der die Verteidiger der bürgerlichen Ordnung von den Propheten neuer Lebensformen schied.
Keinesfalls war der alte "schweinerne" Jurist Heym ein besonders böswilliger Vater, keinesfalls war der Sohn ein besonders unverständiger Schreihals der jungen Generation: Das Vater-Sohn-Verhältnis war vielmehr repräsentativ für den schroffen Abgrund, der vor dem Ersten Weltkrieg alte und junge Generationen voneinander trennte. Der Vater-Sohn-Konflikt avancierte deshalb bei den jungen Expressionisten zu einem bevorzugten Thema. Der Prager Franz Werfel formulierte in seinen Versen "Vater und Sohn":
Nun sind wir entzweit.
Düstern von erbosten Mittagsmahlern
treffen sich die Blicke stählern,
feindlich und bereit.
Und in seinem schwarzen Mantelschwunge
trägt der Alte, wie der Junge
Eisen hassenswert.
Die sie reden, Worte, sind von kalter
Feindschaft der geschiednen Lebensalter,
fahl und aufgezehrt.
Zur Revolte gegen das Elternhaus gehört zwangsläufig die Revolte gegen die Schulerziehung. Auch hierfür können Heyms Tagebücher als repräsentativ gelten. Heym hatte einige Schuljahre In der Kleinstadt Neuruppin verbracht und muß für die Lehrer ein sehr schwieriger Schüler gewesen sein. In dem noch heute erhaltenen Konferenzbuch der Schule ist von ihm und seinen Verstößen gegen die Ordnung der Anstalt oft die Rede, und in der Zulassung zum Abitur steht der distanzierende Satz: "Mehrfach und schwer wegen Ungesetzlichkeit bestraft, hat er aber im letzten Halbjahr zu Tadeln nicht mehr Veranlassung gegeben."
Heyms "Ungesetzlichkeiten" beruhten auf einer grundsätzlichen Trotz- und Protesthaltung des jungen Mannes gegen seine Lehrer und deren mangelndes Einfühlungsvermögen. Am 8. Februar 1905 notierte der 17jährige Heym in seinem Tagebuch: "Ach, was das für eine Qual ist. Ich habe heute einen Aufsatz zurückbekommen: Frieden und Streit in Goethes Hermann und Dorothea. Note: 'mangelhaft...' Was das für eine Qual ist, unter einem solchen hölzernen Kerl von Pauker zu arbeiten... Um Gotteswillen nicht sich erlauben, produktiv zu sein... Wenn ich konsequent wäre, müßte ich mir eigentlich unter diesen Verhältnissen das Leben nehmen."
Der Gedanke, sich das Leben zu nehmen, tauchte im letzten Schuljahr bei dem Oberprimaner Heym immer häufiger auf. Aber schließlich reagierte er ihn ab, indem er einen Abschiedsbrief schrieb, auf dessen Kopf nur noch das Datum für den Tag des geplanten Freitods offengelassen wurde: "Ich, der Oberprimaner Georg Heym, ... seit Ostern 1905 Schüler des Ruppiner Gymnasiums, gestorben durch eigene Hand den... (fehlt Datum), erlaube mir einem hohen Provinzialschulkollegium noch aus dem Hades ... gehorsamst folgendes zu unterbreiten ..." Es folgt eine Liste der Unzuträglichkeiten, die nach Ansicht Georg Heyms das Gymnasium seinen Schülern zumutete.
Der Selbstmord junger Leute war damals ein beinahe alltägliches Ereignis geworden: Durch Selbstmord endeten zwei der hoffnungsvollsten Talente der jungen deutschen Literatur jener Zeit: Wolf Graf von Kalckreuth, der mit 19 Jahren die Sonett-Gedichtform wieder in die deutsche Literatur einführte, und Walter Calé, Berliner und Jurist wie Heym, der einige Jahre nach der ersten Veröffentlichung des jungen René Rilke impressionistische Stimmungsgedichte vorlegte (die freilich besser waren als die des jungen Rilke). Für Heym aber war der Selbstmord durch die Abfassung des Briefes erledigt; von seinen melancholischen Dichterkollegen unterscheidet er sich grundsätzlich durch den Wunsch, auch noch das Chaos, das er prophezeite, zu überstehen.
So schildern denn auch die wenigen heute noch lebenden Freunde Heym als einen temperamentvollen, stets zu Unfug aufgelegten Mann: Er sprang eines Tages mit voller Kleidung in die Havel, schwamm um einen mit Ausflüglern besetzten Dampfer herum und gab dabei Schüsse aus einem alten Armeerevolver ab. Loewenson beschreibt den Freund als eine "Raufnatur", der nacheinander Konsul in China, Kürassier-Leutnant und "Terrorist" werden wollte. Als Heym sich einmal wieder mit seinem Vater stritt, geriet der Sohn so in Wut, daß er den Vater kurzerhand im Badezimmer einsperrte.
Wer bei den ersten Lesungen des an: gehenden Dichters an der falschen Stelle lachte, konnte gewiß sein, vom Autor eigenhändig vor die Tür geworfen zu werden.
Als Georg Heym sein Thema für die juristische Referendarprüfung bekam, steckte er den Zettel in eine Glühstrumpfhülse und warf das Päckchen durchs Hochparterrefenster. Unten warteten vier Juristenfreunde mit ihren Büchern; Heym empfing alsbald die Ausarbeitung in einer Tüte mit Birnen.
Ein andermal sang er am hellichten Tag in der Wohnung des Freundes David Baumgardt aus dem offenen Fenster heraus die Marseillaise. Baumgardt erinnert sich: "Es gibt heute wohl kaum ein Lied auf dem Erdenrund, das so schockieren könnte, wie das die französische Revolutionshymne 1911 in diesem Teil der Reichshauptstadt (Charlottenburg) zustande brachte."
"Komm her, du süße Last", rief Heym einem jungen Mädchen zu, das er auf einem Ausflug eben kennengelernt hatte, und versuchte, das Mädchen durchs Wasser in einen Kahn zu tragen - er hatte einige Affären mit Mädchen, aber keine feste Freundin. Seine etwas bleichsüchtige Schwester erschreckte der ungebärdige Heym an einem Sommertag damit, daß er, nur mit einer blutroten Schärpe bekleidet, durch die Wohnung wanderte.
Als Dichter aber fühlte sich Heym grenzenlos einsam. In das erste Exemplar seines ersten Buches schrieb er die Widmung: "Georg Heym seinem lieben Georg Heym."
*Geolg Heym: "Dichtungen und Schriften", Gesamtausgabe. Herausgegeben von Karl Ludwig Schneider, Band 3: Tagebücher, Träume, Briefe; Verlag Heinrich Ellermann, Hamburg; 304 Seiten; 17,50 Mark.

DER SPIEGEL 23/1960
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