08.06.1960

STAATSZENSURUnbewältigte Gegenwart

Bundesinnenminister contra Grundgesetz!" Mit dieser Schlagzeile alarmierte die "Allgemeine Zeitung" am 28. Mai ihre Leser. Der Vorfall, der das Mannheimer Blatt solcherart in Rage brachte, hatte sich Ende des vergangenen Monats während der "IX. Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche" ereignet, zu der sich - wie alljährlich-Kurzfilmproduzenten und Kritiker in der Industriestadt versammelt hatten. Der Brief eines Referenten des Bundesinnenministers vermochte die Tagungsteilnehmer ungleich mehr zu bewegen, als sämtliche 110 Filme des Programms zusammen.
Dr. Kurt Joachim Fischer, der Leiter der international renommierten Dokumentarfilmwoche, hatte - eigener Aussage zufolge angeregt von den antisemitischen Vorfällen - in das Programm eine Arbeitstagung über zeitgeschichtliche Filme eingebaut, in der vor allem die Möglichkeit einer filmischen Auseinandersetzung mit der "unbewältigten Vergangenheit" diskutiert werden sollte. Zu dem erforderlichen Anschauungsmaterial rechnete Dr. Fischer auch zwei Filme der sowjetdeutschen Produktionsgesellschaft Defa, "Du und mancher Kamerad" und "Ein Tagebuch für Anne Frank". Er forderte die Filme beim Defa -Dokumentarfilmstudio an, das sie auch sogleich zur Verfügung stellte - und zwar in einer Fassung, die seit einiger Zeit in englischen Kinos gezeigt wird.
Wie alle Filme aus östlicher Produktion, die zur öffentlichen oder privaten Vorführung in der Bundesrepublik vorgesehen sind, mußten auch diese Werke dein "Interministeriellen Filmprüfungsausschuß" in Bonn vorgeführt werden. Das Gremium, von Wirtschafts-, Innen-, Außen-, Justiz- und gesamtdeutschem Ministerium sowie vom Presse- und Informationsamt beschickt, übt seit 1954 eine staatliche Nebenzensur aus, die das Bestehen der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) ignoriert. Obwohl auch die FSK, die gerade zur Vermeidung einer Staatszensur gegründet wurde, eine Handhabe bietet, Filme kommunistischer Tendenz zu verbieten, entscheidet der Ausschuß schon von vornherein, ob ein Film aus der DDR, der Sowjet-Union, Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei auf die bundesdeutschen Leinwände projiziert werden darf.
Die verfassungsrechtlichen Grundlagen dieser Praktik wurden zwar wiederholt angezweifelt, doch der Ausschuß baut unverdrossen auf den Umstand, daß Filme, wie alle anderen Waren, die aus Staaten des Ostblocks importiert werden, einer Lizenz bedürfen.
So kontrolliert der Ausschuß durch die Lizenz-Erteilung - ein Unikum in demokratischen Staaten des Westens - nicht nur die öffentliche Vorführung von Filmen, sondern auch die private. In jedem anderen Land mit demokratischer Verfassung dürfen Filme, die der Zensur nicht vorgelegen haben, in Filmklubs, auf Arbeitstagungen und auf Festivals vorgeführt werden; nur in der Bundesrepublik fordert etwa der Vorsitzende eines Studentischen Filmklubs, der sich einen Defa-Film beschafft, Aktivitäten des Verfassungsschutzes heraus.
Der Ausschuß handhabt seine Befugnisse auch durchaus nicht in sonderlich zurückhaltender Weise. Er versagte vielen der östlichen Kurzfilme, die für die Kurzfilmfestivals in Oberhausen und Mannheim gemeldet wurden, die Lizenz. Auf keinem anderen Festival - selbst nicht im tschechischen Karlsbad und im spanischen San Sebastian - muß die Festspielleitung eine derartige Zensur in Kauf nehmen.
Zu den unrühmlichsten Taten des Ausschusses zählt das jahrelange Bemühen, die Einfuhr des Staudte-Films "Der Untertan" in die Bundesrepublik zu verhindern. Als der Film schließlich doch freigegeben werden mußte, wurde er von der Presse fast einhellig als satirisches, kommunistischer Tendenz unverdächtiges Werk gefeiert.
Überhaupt erstrecken sich die Beanstandungen des Ausschusses keineswegs nur auf offen kommunistische Tendenzen. So wurde ein tschechischer Kurzfilm mit Glaspuppen lange Zeit nicht freigegeben, weil er in einem Vorspruch "den tschechischen Glasbläsern" gewidmet war. Der Vertreter des Vertriebenenministeriums vertrat die Ansicht, Böhmens Glasbläser seien ausnahmslos Deutsche und die Widmung verletze das Nationalgefühl der Egerländer. Welche Überlegungen indes im einzelnen für Ablehnung oder Zulassung maßgebend sind, ist nur indirekt eruierbar - der Ausschuß gibt für seine lakonischen Bescheide keine Begründungen.
Auch der offizielle Beitrag, den die Defa für die Mannheimer Dokumentarfilmwoche vorgeschlagen hatte, konnte vor dem Ausschuß nicht bestehen: Eine kunstlose Abfilmung der Brechtschen Inszenierung von Maxim Gorkis "Mutter" am Schiffbauerdamm-Theater fand ebensowenig Gnade vor den Augen der Ausschußmitglieder wie ein Kurzfilm "Kämpfende Kunst" über Käthe Kollwitz, Otto Dix und Hanna Nagel oder eine biographische Studie über den dänischen Schriftsteller Andersen-Nexö. So bewirkte der Ausschuß, daß in Mannheim der Eindruck vermittelt wurde, die Defa produziere ausschließlich tendenzfreie Filme von ausgemachter Harmlosigkeit, artige Puppenfilme wie Teddy Brumm" oder bemühte Lehrstücke, die etwa vor exzessivem Nikotingenuß warnen.
Freilich Nicht über diese Praktiken erregten sich in Mannheim die Kritiker, sondern über einen Eingriff in das Programm der zeitgeschichtlichen Filme. Als die Rezensenten vergebens nach den im Programm angekündigten Defa -Filmen "Du und mancher Kamerad" und "Ein Tagebuch für Anne Frank" Ausschau hielten, stellte sich heraus: Der Mannheimer Oberbürgermeister Dr. Hans Reschke hatte die Vorführung in letzter Stunde aufgrund einer ministeriellen Anweisung aus Bonn untersagt.
Der städtische Kulturreferent Dr. Andritzky glaubte die Journalisten mit der Behauptung beruhigen zu können, daß der Oberbürgermeister die Defa -Vertreter zu einer Unterredung gebeten habe, "womit die Diskussion über diesen Punkt wohl erledigt" sei. Doch die Presseleute quittierten die Äußerung mit heftigem "Buh!", und der Filmredakteur der christlich-demokratischen .Ruhr -Nachrichten", Walther Schmieding, amtierender Vorsitzender der Filmjournalisten-Arbeitsgemeinschaft, erklärte es für beunruhigend, daß eine Diskussion über die "unbewältigte Vergangenheit" gleich mit "einem eklatanten Beispiel von unbewältigter Gegenwart" beginne.,
Den Tagungsteilnehmern war indes der wahre Sachverhalt nur unvollständig mitgeteilt worden. Schon vor Beginn der Tagung hatte Referent Fuchs vom Bundesinnenministerium, federführend für den Interministeriellen Ausschuß, Auflagen mit der Aufführung der beiden Defa-Filme verbunden, die sie als Diskussionsbeitrag vollends entwerteten.
Drei Tage vor der angesetzten Tagung nämlich hatte Fuchs den OB als Veranstalter der Filmwoche wissen lassen, daß zu den Vorführungen der Defa -Filme keineswegs alle Tagungsteilnehmer zugelassen werden dürften, sondern nur ein eng begrenzter Kreis, den er in neun Paragraphen ausführlich definierte: Vertreter des Bundes, der Länder und der Stadt sowie Leiter von Landesbild- und Filmstellen, von Pädagogischen Akademien und den Bundes- und Landeszentralen für Heimatdienst, denen die Produktion staatserhaltender Filme obliegt.
Journalisten sollten nur zugelassen werden, wenn sie "sich mit Fragen des zeitgeschichtlichen Films in der im Bundesgebiet erscheinenden Fachpresse befassen". Die Zeitungsleute, die schon derart gesiebt worden wären, sollten sich aber außerdem
- "verpflichten, die Vorführung der Filme, ihren Inhalt, die Diskussion und das Ergebnis der Arbeitstagung nicht zu publizieren".
Damit hatte sich Filmzensor Fuchs auch gleich zum Pressezensor gemacht.
Die detaillierten Vorschriften des Referenten Fuchs erinnern vollends an die Polizeizensur deutscher Zwergstaaten des 19. Jahrhunderts (als man in Darmstadt lesen durfte, was in Mannheim verboten war), wenn man weiß, daß die beiden beanstandeten und zweifellos tendenziösen Filme, über die nach dem Willen des Interministeriellen Ausschusses in der Presse nichts veröffentlicht werden soll, im Ausland längst bekannt sind.
"Du und mancher Kamerad" ist zudem auf vielen Tagungen und Klubveranstaltungen der Bundesrepublik gezeigt worden. Jeder an Filmdingen interessierte Student hat längst den Film sehen können, der auf ministerielles Geheiß dem in Mannheim versammelten Fachpublikum nicht gezeigt werden durfte.
Juden-Jagd in Amsterdam aus "Ein Tagebuch für Anne Frank": In Mannheim zensiert

DER SPIEGEL 24/1960
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