08.06.1960

ERDBEBENSprünge im Pazifik

Kurz nach 6 Uhr morgens verstummten die Telephonleitungen mit der chilenischen Stadt Concepción. Durch Amateurfunker in der Hafenstadt am Pazifik erfuhr die Umwelt die Ursache der Unterbrechung: Ein Erdbeben ungewöhnlicher Stärke hatte weite Bezirke der Stadt demoliert. "Die Menschen rennen in wilder Panik auf den Straßen umher", morsten die Funkamateure am vorletzten Samstagmorgen. "200 Häuser sind eingestürzt. An mehreren Stellen brennt es."
Was die Einwohner von Concepción in Panik versetzte, war jedoch erst der Beginn der - wie Professoren der Staatsuniversität von Chile vermerkten - "schwersten Erdbeben-Serie, die in Chile jemals beobachtet worden ist".
Heftige Erschütterungen des Bodens, gewaltige Vulkan-Eruptionen, zehn Meter hohe Flutwellen und schüttende Regenfälle haben die Topographie des langgestreckten Küstenlandes umgestaltet. Gebirgsprofile verrutschten bis zur Unkenntlichkeit, Küstenstreifen wurden ins Meer gespült. Inseln versanken im Ozean, neue tauchten auf. Zwei Millionen Menschen wurden obdachlos - ein Viertel der Bevölkerung Chiles. 6000 Menschen kamen bei den Beben, von denen das heftigste als "Weltbeben"* registriert wurde, ums Leben.
Während die Wissenschaftler auf den rund 500 über die Erde verteilten Erdbebenstationen die seismographischen Aufzeichnungen über den Verlauf des Weltbebens routinemäßig auswerteten, erhoffte sich in der Stuttgarter Erdbebenwarte der Geophysiker Professor Dr. Wilhelm Hiller von den Erdbeben-Diagrammen besonderen Aufschluß. Die seismographischen Kurven der neuesten Beben-Serie sollten, erwartete Hiller, eine Erdbeben-Theorie bestätigen, die der Professor unlängst in einem geologischen Fachjournal veröffentlicht hat. Danach sind Erdbeben, die kurzfristig nacheinander in verschiedenen Gebieten auftreten, häufig verknüpft.
Diese Theorie der "Erdbeben-Verkoppelung" entsproß einer Beobachtung, die der Stuttgarter Gelehrte, Leiter des Württembergischen Erdbebendienstes, vor Jahren bei einer Analyse leichter süddeutscher Erdbeben gemacht hatte. Dem Geophysiker war aufgefallen: Nach einem verhältnismäßig starken Erdbeben, das Anfang Februar 1933 im Rheintal südlich Karlsruhe auftrat, registrierten die Seismographen im Laufe des folgenden Monats sechs schwächere Beben, die abwechselnd das Gebiet der Schwäbischen Alb südlich von Tübingen und wieder das Rheintal bei Karlsruhe erschütterten. Eine Reihe ähnlicher Pendelbewegungen beobachtete Hiller zwischen fünf süddeutschen Gebieten.
Da die Entfernungen zwischen den einzelnen Erdbebenherden gering waren (60 bis 120 Kilometer), bot sich dem Forscher eine plausible Erklärung für diesen Koppel-Effekt: Ein Erdbebenzentrum, das etliche Kilometer unter der Erdoberfläche liegt, vermag an mehreren nahe beieinander gelegenen Schwächezonen in der Erdkruste Beben auszulösen.
Das als Erdbeben-Verkoppelung bezeichnete Phänomen wurde jedoch unversehens zu einer aktuellen Forschungsfrage, als im Winter 1955/56 eine Serie schwerer Beben die Länder rund um den Pazifik in Panik versetzte. Erdbeben wurden registriert am: - 1. 11. vor der Ostküste von Hondo
(Japan);
- 4. 11. in Süd-Argentinien;
- 1. 11. auf den Samoa-Inseln;
- 12. 11. auf den Neuen Hebriden;
- 13. 11. auf den Kermadek-Inseln
nördlich von Neuseeland;
- 15. 11. an der Südküste von Alaska;
- 17. 11. in Nord-Chile;
- 21. 11. in Neuseeland;
- 22. 11. auf den Paumotu-Inseln
im östlichen Pazifik;
- 23. 11. in Kamtschatka (Sowjet -Union);
- 24. 11. im Norden der Philippinen.
Den ganzen Dezember hindurch sowie in den darauffolgenden Monaten Januar und Februar kreiselten die vernichtenden Erderschütterungen - insgesamt 48 Großbeben - rund um den Stillen Ozean. 21mal lagen zwischen aufeinanderfolgenden Erdbeben Entfernungen vom Durchmesser des Pazifik, in 17 Fällen entsprach die Entfernung zwischen den Beben etwa der halben Ausdehnung des Pazifik.
"Man kann nun dieses häufige Hin- und Herspringen der Bebenherde im ganzen pazifischen Raum als reinen Zufall ansehen", räumte Hiller rhetorisch ein, "wenn aber 38 von 48 Übergängen großräumig innerhalb kurzer Zeit stattfinden, so kann man auch vermuten, daß dies mehr als nur ein Zufall ist." Man könne nämlich meinen, erwog Hilier, daß es sich um eine Verkoppelung der Beben über den gesamten pazifischen Raum handele.
Um seine Theorie zu erhärten, forschte Hiller nach weiteren Katastrophenketten, die sich als großräumige Beben -Koppelung deuten ließen. Professor Hiller fand seinen Verdacht bestätigt. Eine Durchmusterung aller Beben in den Ländern rund um den Pazifik, die häufiger als alle anderen Gebiete der Erde von Beben betroffen werden, ergab tatsächlich, daß von 1930 bis 1955 insgesamt 18 Beben-Sequenzen (Dauer: zwei bis acht Wochen) verzeichnet worden waren, bei denen jeweils zwischen 18 und 48 Großbeben die Pazifik-Umrandung erschütterten.
Als Professor Hiller in Stuttgart die Berichte von der jüngsten Erdstoß -Serie im Pazifikraum auswertete, konnte er sie als Bestätigung seiner Theorie der "großräumigen pazifischen Erdbeben-Verkoppelung" ansehen. Die Nachrichten über Erdbeben außerhalb Chiles wurden freilich von den Schlagzeilen der Weltblätter überdeckt, die immer höhere Verlustziffern aus dem chilenischen Erdbebengebiet meldeten. So blieb unbeachtet, daß nach den ersten Erdstößen in Chile ein Beben die Hauptstadt der Philippinen erschüttert hatte. Zwischen den nächsten Erdstößen, die Süd- und Mittel-Chile verwüsteten, sprang das Erdbeben nach der japanischen Industriestadt Nagoya und nach Neuseeland über.
Die neuerliche Bestätigung der Theorie von der Erdbeben-Verkoppelung zwingt die Geologen, die bisher von den Forschern einmütig vertretene Lehrmeinung über das Entstehen von Erdbeben zu erweitern. Nach der bisher gültigen Theorie werden alle großen Beben und die meisten geringfügigen Erderschutterungen dadurch verursacht, daß Druckveränderungen im Erdinnern riesige Gesteinsmassen wenige Kilometer bis höchstens einige Hundert Kilometer unter der Erdoberfläche zerbersten lassen. Die Erdrinde zerspringt wie eine Glasplatte im Schraubstock.
Indes ist schwerlich ein Kräftespiel in den oberflächennahen Schichten der Erde vorstellbar, das sich über den ganzen Pazifik hinweg auswirkt. Professor Hiller vermutet daher, daß der eigentliche Ausgangspunkt der Erdbeben, den er als "Energie- und Anregungsquelle" bezeichnet, wesentlich tiefer im Erdinnern liege.
Sollte es den Forschern gelingen, diese Erkenntnisse über die Entstehung der Erdbeben auszuweiten und eindeutige Gesetzmäßigkeiten in der Koppelung der Beben zu ermitteln, so könnten sie
- was bislang nicht möglich ist - das
Auftreten von Erdbeben vorhersagen.
* Unter "Weltbeben" verstehen die Forscher ein Erdbeben, das von den seismologischen Stationen auf der ganzen Erde registriert worden ist.
Geophysiker Hiller
Erdbeben-Vorhersage?

DER SPIEGEL 24/1960
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