15.06.1960

17. JUNIEinheit in Freizeit

Aller Einfallsreichtum der Bonner Ämter hat nicht hingereicht, auch nur einen der hochfliegenden Pläne zu verwirklichen, nach denen die bundesrepublikanische Halbnation einmal im Jahr - am gesetzlichen Feiertag der deutschen Einheit - zu gemeinsamer staatspolitischer Einkehr veranlaßt werden sollte, etwa durch Ableistung freiwilliger Sonderschichten zugunsten eines nationalen Opferfonds.
Die Pläne scheiterten nicht zuletzt an kalendarischen Widrigkeiten: Der 17. Juni rangiert in diesem Jahr als Frei-tag zwischen Fronleichnam und Wochenende. Zwischen Prozession und Promenade aber war das Bundesvolk für nationale Sondertaten nicht zu interessieren. Das einzige Opfer, das den Deutschen zwischen Rhein und Rhön an ihrem einzigen Nationalfeiertag noch abverlangt werden wird, besteht darin, daß sie, wie schon zum Pfingst-, so nun auch zum Einheits-Fest im Seebohmschen Einheits-Tempo 100 ins Vier -Tage-Weekend fahren müssen.
Sogar der Bonner Prominenz fiel es nicht leicht, den Zwiespalt - hie politische Gesinnungsmache, hie langes Wochenende - zu überbrücken, doch gelang es am Ende, Freiheit und Freizeit in Einheit herzustellen: Innenminister Gerhard Schröder zum Beispiel ließ sich als 17.-Juni-Redner in den Rhön -Luftkurort Hilders, Schatzminister Wilhelmi in den Rhein-Wein-Ort Rüdesheim Verpflichten.
Der erwartete Lärm von Ausflügler -Kraftfahrzeugen ließ dem Führungsstab der Bundeswehr das Dekret ratsam erscheinen, die militärischen Juni-Feiern hätten "auf einem durch Straßenlärm ungestörten Platz unter freiem Himmel" stattzufinden. Schema F: "Die Truppe tritt im offenen Viereck an. Nach der Meldung hält der Einheitsführer eine Ansprache. Der Appell wird mit dem gemeinsam gesungenen Deutschlandlied beendet." Alsbald ist dann auch hier dienstfrei.
Den Bundeswehr-Einheiten ist es allerdings freigestellt, den Appell durch Chorgesang (zum Beispiel Ludendorffs Lieblingslied "Ich hab mich ergeben", erste und dritte Strophe) und Rezitationen feierlich anzureichern, so durch den Kreis-sei's-Reim:
Grüß' euch Ihr Toten,
die Gott entboten
aus diesem Kreis.
In unsern Reihen
bleibt ihn in Treuen;
Bruder, so sei's!
Auch kann - wie der Bundeswehr -Führungsstab in seiner "Information für die Truppe" empfiehlt - das Lied vom guten Kameraden gesungen werden, wobei es den Kompaniechefs freisteht, nur die erste Strophe oder alle drei Strophen anzustimmen. Statt "Ich hab' mich ergeben" können sich die Soldaten alternativ für eine Schallplatte mit dem zweiten Satz aus Joseph Haydns Kaiser-Quartett entscheiden, wobei allerdings "die Tonstärke zu drosseln" sei, denn hernach ist dieselbe Melodie - das Deutschlandlied - wiederum zu intonieren, diesmal in voller Lautstärke. In die gedrosselte Quartett -Platte hinein aber "kann dann ein Sprecher ein Gedicht sprechen".
Kernstück jedes Appells wird jedoch die Ansprache des Einheitsführers sein, für die der Führungsstab "Anregungen" niedergelegt hat. So soll den jungen Nato-Soldaten, von denen viele gerade erst geboren waren, als der Rußland -Krieg begann, weisgemacht werden, der 17. Juni 1953 habe "gezeigt, daß bloße Fäuste eine Weltmacht zu erschüttern vermögen". Denn: "Gegen die T 34 hatten die Aufständischen nichts als Steine und ihre Fäuste - aber das hat genügt, den roten Koloß ins Wanken zu bringen. Wie schwach muß dieser 'Koloß' in Wahrheit sein!"
Auch über die schwache Koloß-Theorie hinaus soll die Bundeswehr sich am Einheits-Freitag - Führungsstab: "Für uns ein Tag der Trauer" - an Bonner Wunschvorstellungen ausrichten. Heißt es in den Truppen-Informationen: "Nur oberflächliche und gedankenlose Menschen können diesen Trauertag zu einem 'verlängerten Wochenende' machen. Wir Soldaten wollen uns an dieser Würdelosigkeit nicht beteiligen."
Die "Würdelosigkeit" war nun aber gerade von der Bundesregierung stillschweigend vorausgesetzt worden, als
sie - mit Zustimmung von Bundestag und Bundesrat - ihren Geschwindigkeits-Stop "auf zwei kurze Fristen" beschränkte und das so begründete: "In die erste Periode fällt der Pfingstverkehr, die zweite umfaßt das lange Wochenende von Fronleichnam bis zum nachfolgenden Sonntag."
Auch der Führungsstab der Bundeswehr hat es mit der Würdelosigkeit offensichtlich nicht gar so ernst gemeint. Er räumt ein, daß sich am 17. Juni "viele Soldaten auf Urlaub bei ihren Familien befinden". Diese Urlauber übers verlängerte Wochenende sollten auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht werden, den 17. Juni am Heimatort festlich zu begehen. Außerdem: "Auch in den Standorten muß die Feier nicht unbedingt am 17. Juni stattfinden ... Die Feier kann gut mit einem Unterricht über Staatsbürgerkunde verbunden werden."
Nach diesem Einheit-in-Urlaub-Rezept - von den Bonner Ministern vorexerziert - vollen viele Bundeswehr -Kompanien denn auch verfahren.
Die Welt
Nationaler Opfer-Groschen

DER SPIEGEL 25/1960
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17. JUNI:
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