15.06.1960

KIRCHE

Schwanzars Fehltritt

GEMEINDEN

Der CSU-Kreistagsabgeordnete Wilhelm Zirkelbach, im Hauptberuf Dekan des Landkapitels und Priester der St.-Kilians-Pfarrei zu Haßfurt am Main, einer unterfränkischen Kreisstadt zwischen Bamberg und Schweinfurt, hat just zu Pfingsten sein geistliches Ansehen in den Niederungen der Parteipolitik verlieren müssen. Die Haßfurter vertrauen ihrem Hirten nicht mehr, und der Bamberger Erzbischof, Exzellenz Schneider, hielt es für ratsam, dem übereifrigen Seelsorger intern eine Rechtfertigung abzufordern.

Der katholische Politiker und Priester hatte aus einem Grund, der in der Kirchengeschichte bislang noch nicht verzeichnet war, alle Prozessionen abgesagt, die der Stadt seit Jahrhunderten liebgeworden sind - ausgenommen nur den obligatorischen Aufzug zu Fronleichnam und die Bittgänge zugunsten der Land- und Feldwirtschaft. Mit dem Prozessionsverbot wollte der CSU-Abgeordnete die ganze Bürgerschaft für den Wagemut jener katholischen Stadträte von SPD und Wählergemeinschaft büßen lassen, die einen Konvertiten als SPD-Kandidaten zum Vizebürgermeister erkoren hatten.

Offenbar von dem tief mittelalterlichen Stadtbild seiner Gemeinde verführt - Haßfurt, die alte "Hasefurte" über den Main, erhielt um 1235 die Stadtrechte -, überschätzte der Kleriker dabei seine Macht.

Noch zu Ostern war die ganze Stadt auf den Beinen, als Zirkelbach sein silbernes Priesterjubiläum feierte: Die Kreisstadt flaggte zu seinen Ehren aus allen Dachluken Haßfurts Wappentier, den Hasen. In einer der berühmtesten spätgotischen Kirchen Ostfrankens, der Ritterkapelle, fand ein Jubelamt

statt, im Pfarrsaal eine Gratulationscour, in Pschierer-Trompeters "Hotel Post" ein Diner der Ehrengäste und - nach einer Andacht mit sakramentalem Segen - in Strietzels "Zentralsaal" schließlich ein Festabend.

Kurz zuvor hatten die Katholiken Haßfurts zur Freude der CSU dem Stadtpfarrer ihre Anhänglichkeit noch eindrucksvoller demonstriert: Bei den letzten bayrischen Kommunalwahlen wurde der Stadthirte, Nummer 28 der CSU-Liste, an zweiter Stelle in den Kreistag gewählt. Dazu Priester Zirkelbach: "Die Wahl galt nicht nur meiner Person, sondern auch dein Rock."

Offenbar um den Glauben an den schwarzen Rock zu rechtfertigen, fühlte sich der Kreistagsabgeordnete alsbald berufen, auch im Stadtrat mitzuwirken. Dort war mit neun zu acht Stimmen der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, Alfons ("Alfons I") Schwanzar, 39, ein Justizangestellter, zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt worden.

Dieser Posten ist in Haßfurt von jeher heftig umstritten. Schon bei den Kommunalwahlen 1956 schien der SPD-Vize gesichert zu sein - acht Stimmen der CSU standen neun Stimmen von SPD und Wählergemeinschaft gegenüber -, bis ein Katholik aus den Reihen der SPD umfiel, womit die Wahl des CSU -Kandidaten, eines katholischen Schlossermeisters, feststand.

Damit Haßfurt auch im Jahr des

Eucharistischen Weltkongresses von

treuen Söhnen der Heiligen Römischen Kirche regiert würde, wirkte Priester Zirkelbach auf Parteiversammlungen als Diskussionsredner. Gleichwohl folgten auch die katholischen Stadträte ihrem eigenen Gewissen und machten diesmal den SPD-Mann zum Zweiten Bürgermeister.

Obwohl die Wahl geheim war, glaubte Haßfurts Beichtvater genau zu wissen, welche fünf Katholiken Schwanzar für "sechs Jahre zum zweiten Bürgermeister unserer immerhin zu 70 Prozent katholischen Stadt" gewählt hatten.

"Rein aus seelsorgerischer Verantwortung für unsere Kirche" tadelte der Priester seine Glaubensbrüder schriftlich, sie hätten mit dieser Stimmabgabe der aufrechten katholischen Bevölkerung, die ihre Kirche liebt, einen Schlag ins Gesicht versetzt, über den viele Gläubige tief bestürzt und in echte Trauer versetzt worden sind". Und: "Auch ihrem Pfarrer und katholischen Seelsorger dieser Gemeinde - von ihnen noch zum Jubiläum geehrt - hat dieses Verhalten einen großen Schmerz bereitet."

Der geistliche Herr begnügte sich nicht mit dieser Rüge. Er wußte die Stadträte dort zu treffen, wo die mit erbaulicher Unterhaltung nicht gerade gesegneten Kleinstädter am empfindlichsten sind, nämlich in ihren kirchlichen Festumzügen. "Nach ernster

- Überlegung" entschloß sich Zirkelbach,

"zur öffentlichen Bekundung unserer Trauer" die beliebtesten Haßfurter Prozessionen kurzerhand vom Veranstaltungskalender zu streichen, "auch wenn sie altherkömmlich sind":

Die 7000-Seelen-Gemeinde beging, seit die adligen Stifter der Ritterkapelle am Chorgesims ihre Wappen angebracht hatten, jeweils am 8. September zu Mariä

Geburtstag eine stadteigene Feiertagsprozession und am Sonntag darauf -

in Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg - die Schwedenprozession.

Daß diese Kundgebungen zu Gottes Lob und Ehr heuer nicht stattfinden sollen, erklärt sich so: Haßfurts Zweiter Bürgermeister ging vor 14 Jahren mit der falschen Frau am falschen Altar die Ehe ein. Der katholische Schlesier

Schwanzar, durch den Krieg nach Haßfurt verschlagen, heiratete die evangelische Mathilde Hanselmann vor einem evangelischen Geistlichen. Er ließ seine beiden Kinder im Glauben der Ehefrau erziehen und konvertierte schließlich 1956 aus Zirkelbachs Zuständigkeit in den Schoß der evangelischen Kirche.

In seiner Philippika an die katholischen Stadträte deutete Don Camillo Zirkelbach diesen Sachverhalt um. Nach seiner Darstellung war Schwanzar wie ein Atheist "öffentlich aus der katholischen Kirche ausgetreten". Der geistliche Herr verschwieg, daß Schwanzar Glied der evangelisch-lutherigchen Kirche geworden war.

Konterte die Synode des zuständigen evangelischen Bezirks Rügheim den Priester Zirkelbach, den manche Katholiken respektlos "Nörgelbach" nennen: "Es kann keiner Kirche erlaubt sein, die Glieder anderer Kirchen in der Wahrnehmung der ... politischen Rechte zu beschränken." Und: "Wir erwarten, daß Herrn Schwanzar weder aus seiner Konversion noch aus seiner Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche irgendwelche Nachteile im bürgerlichen Leben erwachsen."

Einer der fünf katholischen Stadträte, die von Hochwürden unter Druck gesetzt worden waren, Erhard Lichtblau, beantwortete das geistliche Schreiben mit der Feststellung: "Nun wird dem (nicht wiedergewählten) CSU-Vizebürgermeister der Herrgott geopfert."

Obwohl eine solche Opferung nicht gerade alltäglich ist, verschwiegen alle drei regionalen Zeitungen, die um die Gunst der Haßfurter Abonnenten wetteifern, den Prozessionsstopp. Der Herausgeber der Bamberger Zeitung "Fränkischer Tag", Brey, betonte zwar in einem vertraulichen Schreiben, es sei selbstverständlich, "daß uns das Verhalten des Stadtpfarrers ... nicht gefällt". Aber: "Wir hoffen, daß im Laufe der Zeit sich der durch Herrn Dekan Zirkelbach aufgerissene Gegensatz durch kluge, vernünftige Politik wieder mildern läßt und werden dann in diesem Sinne um so energischer eingreifen."

Ehe Publizist Brey eingreifen konnte, berichtete ein Lokalreporter, der in seinem Lokalblatt schweigen mußte, Zirkelbachs Prozessionspression der Deutschen Presse-Agentur. Seelenhirte Zirkelbach erregte sich so sehr über diesen "Giftstreuer", daß er am Sonntag darauf gleich in drei Messen - auch im Kindergottesdienst - die Wahl Schwanzars von der Kanzel aus kritisierte. Der Prediger malte seiner Gemeinde die Gefühle katholischer Brautleute aus, die "vor diesem Manne (Bürgermeister Schwanzar) als Standesbeamten" stehen müßten.

Da es den Priestern verboten ist, an einem Tage dreimal das Meßopfer zu zelebrieren ("Trination"), ließ Zirkelbach den dritten Gottesdienst - bis auf die Predigt - von einem anderen Geistlichen abhalten.

Seit dem Prozessionsverbot ist die Autorität des Priesters Zirkelbach auch bei seinen katholischen Pfarrkindern im Stadtrat gebrochen: Gegen die CSU wählte der Haßfurter Stadtrat mit katholischen Stimmen den Konvertiten und sozialdemokratischen Vizebürgermeister Schwanzar ostentativ zum stellvertretenden Standesbeamten.

Priester Zirkelbach

Wer Konvertiten wählt ...

Bürgermeister Schwanzar

... braucht keine Prozessionen


DER SPIEGEL 25/1960
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