15.06.1960

KUBA-REISEDer rote Kolumbus

Der erste Tourist, der am 28. Oktober 1492 die lieblichen Gestade Kubas betrat, rief entzückt: "Das ist das schönste Land, das Menschenaugen je erblickt."
468 Jahre nach diesem Ausruf von Christoph Kolumbus hat ein anderer weltpolitischer Reisender das mittelamerikanische Inselreich zum zweiten Male für die Geschichte entdeckt: Nikita Chruschtschow verkündete Anfang des Monats im Kreml, er werde demnächst einer Einladung des Ministerpräsidenten Fidel Castro nach Kuba folgen.
Auch für den Kolumbus-Nachfahren Chruschtschow ist Kuba "das schönste Land" der feindlichen Hemisphäre, allerdings aus ganz anderen Motiven: In dem Ferienparadies vor dem Hintereingang der USA, eine halbe Flugstunde von Florida entfernt, hat sich unter Fidel Castro das erste sozialistische Staatswesen Amerikas etabliert. Aus dem Spielplatz der Millionäre im Karibischen Meer ist die erste Volksrepublik der westlichen Erdhälfte geworden, dem Kreml noch nicht unterworfen, doch freundschaftlich zugetan.
Vor der verwaisten Luxus-Kulisse der Spielbanken, Jacht-Clubs und Hotel-Paläste am Strand von Habana schicken Exekutionskommandos seit
nunmehr 17 Monaten im Durchschnitt täglich zwei Konterrevolutionäre ins Jenseits.
Ausländischer Besitz im Wert von einer Milliarde Mark wurde entschädigungslos enteignet; Plantagen der Großgrundbesitzer wurden nach rotchinesischem Vorbild in Kolchosen umgewandelt. Presse, Radio und Fernsehen, sind gleichgeschaltet, freie Wahlen abgesagt und die Grundstoffindustrien verstaatlicht.
Die Hotels sind leer, die Gefängnisse voll. Schulkinder werden militärisch gedrillt, Lautsprecher quäken anti amerikanische Haß-Parolen von einem Ende der 1200 Kilonieter langen Insel
zum anderen, und noch immer verteilt Freiheits- und Frauenheld Fidel Castro den immensen Reichtum einer dünnen Oberschicht an die ihn liebende Masse der Armen.
"Wenn ich das Paradies beschreiben sollte", so lobte Chruschtschows Stellvertreter, der Großeinkäufer der Weltrevolution, Anastas Mikojan, im Februar dieses Jahres bei einem ersten kubanischen Spähtrupp-Unternehmen des Kreml diese Zustände, "dann würde ich Kuba beschreiben."
Während sich die Presse der freien Welt, angeregt durch den Oberammergau-Habitus und Sex-Appeal des Insel -Diktators Castro, noch immer in romantischen Beschreibungen des vorläufig letzten großen Abenteurers der Weltgeschichte ergeht, hat der Kreml erkannt, daß ihm mit Castros Hilfe gelingen kahn, was ihm in Panama und Guatemala mißlang: der direkte Einbruch in die ihm bisher unzugängliche westliche Hemisphäre:
Darum will nun Kreml-Boß Nikita Chruschtschow selbst einen Miniaturstaat mit seinem Besuch beehren, der weniger Einwohner: hat als London (acht Millionen). Darum ist Fidel Castro, dessen Regime die "Ledernacken" des US-Marinekorps übers Wochenende den Garaus machen könnten, heute der gefährlichste Gegner der Vereinigten Staaten, in der westlichen Welt.
Fidel Castro ist nominell kein Kommunist. "Nicht nur Karl Marx, sondern auch Abraham Lincoln hatte einen Bart wie ich", spottet er. Aber alle Schlüsselpositionen seiner Regierung sind mit Kommunisten besetzt, und hinter der piratenbärtigen Maske der "kubanischen Revolution" trägt das Antlitz von Castros sozialistischer Gewaltherrschaft unverkennbar nationalbolschewistische Züge.
Schon wird daher in westlichen Hauptstädter spekuliert, ob Fidel Castro seinen neuen sowjetischen Freunden einen überseeischen Stützpunkt auf seiner Insel einräumen will, wie auch die USA ihn in Form eines Flottenstützpunktes auf Kuba unterhalten.
Damit geriete der Kreml erstmals in den Besitz eines militärischen Sprungbretts unmittelbar vor dem amerikanischen Festland, entsprechend den amerikanischen Basen an der Peripherie des sowjetisehen Imperiums. Der Panama-Kanal und Washington lägen dann in Reichweite konventioneller Sowjetwaffen.
Aber abgesehen davon, daß Washington eine solche Entwicklung notfalls mit Gewalt und unter Einschluß eines Kriegsrisikos zu verhindern suchen würde, kann als Gewißheit gelten, daß Chruschtschows kubanische Pläne anderer Art sind: Als politischer Stützpunkt für Südamerika ist Kuba für ihn von ungleich größerem Wert denn als militärisches Sprungbrett gegen Nordamerika.
"Ein Wettlauf ist in Südamerika angebrochen", so hat es der Präsident des Öl-Staates Venezuela, Rómulo Betancourt, formuliert, "zwischen Evolution und Revolution. Der Preis ist Südamerika selbst."
Die USA können an diesem Preis nur teilhaben, wenn die Evolution siegt. Denn Lateinamerika, der unterentwikkelte Hinterhof der Vereinigten Staaten, aufgeteilt in zwanzig Republiken, bewohnt von 165 Millionen Menschen
und an Bodenschätzen einer der reichsten Subkontinente der Welt, ist von Washington in den vergangenen Jahrzehnten leichtfertigerweise vernachlässigt worden.
Amerikanische Konzerne, die über 100 Milliarden Mark in Lateinamerika investiert haben, zogen monströse Profite aus hungernden Ländern. Die US -Regierungshilfe für alle lateinamerikanischen Staaten zusammengenommen betrug hingegen mit 625 Millionen Dollar seit dem Zweiten Weltkrieg weniger als für ein einziges asiatisches Land, die Philippinen. Dem nordamerikanischen Durchschnittseinkommen pro Kopf der Bevölkerung von 2075 Dollar im Jahr steht ein lateinamerikanisches Durchschnittseinkommen von 275 Dollar gegenüber. Fruchtbar gemacht von der unerschöpflichen Quelle menschlichen Neides, ist daher in ganz Südamerika der Boden bereitet für jede anti amerikanische Saat. Diese Saat muß aufgehen, wo immer eine echte sozialistische Revolution - nicht ein politischer Staatsstreich oder eine militärische Revolte - Südamerika erfaßt.
In Kuba ist es geschehen; von Kuba aus droht der anti-amerikanische Revolutions-Bazillus andere Staaten zu infizieren, wenn Castros Regime auch nur scheinbar Erfolge aufzuweisen hat.
Die bevorstehende Visite des Herrn der halben Welt und Mondschützen Nikita Chruschtschow in Habana, der möglicherweise bald darauf ein Besuch des ebenfalls eingeladenen rotchinesischen Ministerpräsidenten Tschu En-lai folgen wird, ist für Fidel Castro solch ein Prestigegewinn und eben deshalb von Moskau beschlossen worden.
Wenn es gelingt, mit sowjetischer Hilfe das Experiment der schon jetzt in wirtschaftliche Nöte geratenen kubanischen Revolution glücken zu lassen; ist Fidel Castros Herrschaft im eigenen Land auf unabsehbare Zeit gesichert; die Revolution könnte auf das südamerikanische Festland überspringen. Bereits heute arbeiten Castro-Agenten im Untergrund von 13 lateinamerikanischen Staaten. Bereits heute traut sich mit Rücksicht auf die eigenen Linksparteien außer dem Insel-Diktator Trujillo kein einziger südamerikanischer Regierungschef, dem scharfen Anti-Castro-Kurs Washingtons zu folgen.
Als Christoph Kolumbus, in der einen Hand das Schwert, in der anderen das Kreuz, vor fast 500 Jahren an Kubas Küste landete, sprangen die friedfertigen Siboney-Indianer aus ihren Hängematten und riefen: "Frieden, wir sind Freunde." Mit eben denselben Vokabeln, die am Beginn einer 400 jährigen Herrschaft grausamer spanischer Grandeur standen, wird in diesem Jahr auch die zweite Entdeckung Kubas eingeleitet werden, wenn der bolschewistische Kolumbus das Paradies der Junggenossen aufsucht - "Friedensfreund" Nikita Chruschtschow.
Die Welt "Killekille,Fidelchen..."
Tschu En-lai

DER SPIEGEL 25/1960
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