15.06.1960

USA / ALARMÜBUNGEN

Sabotage?

Der demokratische Senator Wayne Morse hob die Hand, um dem langen und freundlichen Mann im Zeugenstuhl des Senatsausschusses für Außenpolitische Angelegenheiten in Washington eine Frage zu stellen. Formulierte Morse: "Wie beurteilen Sie die Drohung des sowjetischen Marschalls (Malinowski), die sowjetische Luftwaffe werde im Falle, daß wieder ein amerikanisches Spionageflugzeug von einem ausländischen Stützpunkt startet, diese fremde Basis mit Raketen bombardieren?"

Der Mann im Zeugenstuhl zögerte keinen Augenblick mit der Antwort: "Ich glaube, ich muß die Verantwortung auf mich nehmen, einen allgemeinen Krieg auszulösen, falls die Russen einen Stützpunkt der Verbündeten aus irgendeinem Grunde beschießen."

Mit dieser kühlen Feststellung offenbarte Amerikas jovialer, 54jähriger Verteidigungsminister Thomas Sovereign Gates jr., welche ungeheuerliche Macht in seine Hand gelegt ist. Obwohl die US-Verfassung dem Präsidenten den Oberbefehl über die Wehrmacht und dem Kongreß die Entscheidung über Krieg oder Frieden zubilligt, kann der Verteidigungsminister den Befehl zum Gegenschlag geben und damit den dritten Weltkrieg entfesseln.

Die Hearings vor dem Senatsausschuß, der in der vorvergangenen Woche die Gründe für das Scheitern der Pariser Gipfelkonferenz untersuchen sollte, enthüllten eine derart beklemmende Machtfülle des amerikanischen Verteidigungsministers, daß die Londoner "Times" daraufhin Thomas Gates "die zentrale Figur in der vielleicht folgenreichsten Spionageaffäre der Geschichte" nannte, einen Mann, "der enorme Macht in der amerikanischen Politik ausübt".

In der Tat entpuppte sich der Verteidigungsminister Gates in den Hearings als jene graue Eminenz, die nicht nur die U-2-Flüge über Sowjetrußland genehmigt, sondern auch dem Präsidenten Eisenhower nach dem Zwischenfall von Swerdlowsk geraten hatte, die volle Verantwortung für die amerikanischen Spionageflüge zu übernehmen. Gates zu den Senatoren, "Ich wollte nicht, daß sich das internationale Prestige des Präsidenten

in eine Lüge verstrickte, die er (Eisenhower) angesichts der Tatsachen doch nicht hätte durchhalten können."

Solche Machtfülle des Verteidigungsministers verlockte die demokratischen Opponenten der Regierung Eisenhower, in Thomas Gates den bösen Geist der amerikanischen Gipfeldelegation zu sehen. Eisenhowers Verteidigungsminister hatte nämlich in der Nacht vom

15. zum 16. Mai - also noch einige Stunden vor dem offiziellen Beginn der

Viererkonferenz - von Paris aus eine

weltweite Alarmübung für die US -Streitkräfte angeordnet, was Diplomaten und Militärs gleichermaßen überraschte.

Während allzu eifrige Kommandeure über Rundfunk und Fernsehen ihre Urlauber zur Truppe zurückbeorderten und Düsenbomber aus ihren Hangars herausgeschoben wurden, traf der Gates-Befehl die Presseoffiziere des Washingtoner Pentagon derart unvorbereitet, daß sie noch am folgenden Tag nicht in der Lage waren, die Fragen der andrängenden Reporter zu beantworten.

Kaum aber war das Pariser Gipfelspektakulum verklungen, da bemächtigen

sich oppositionelle Politiker in England und Amerika der unglücklichen Alarmübung. Thomas Gates rückte in die Schar jener westlichen Politiker, die - wie Demokratenführer Adlai Stevenson behauptete - "Chruschtschow Hammer und Meißel geliefert haben, um die Gipfelkonferenz zu zerschlagen".

Sprach die britische Labour-Abgeordnete Hart von "einem Provokationsakt, der den internationalen Beziehungen unabsehbaren Schaden zugefügt hat", so grollte Stevenson, der Gates-Befehl sei ein schlimmes Beispiel politischer Unfähigkeit gewesen, denn er habe die Vermittlungsbemühungen de Gaulles und Macmillans in Paris zu einer Zeit sabotiert, "als noch eine Chance bestand, die Situation zu retten".

Vor dem Senatsausschuß für Außenpolitische Angelegenheiten konnte sich

zwar Thomas Gates Anfang Juni von dem Verdacht der Konferenz-Sabotage reinigen, gleichwohl zeigten seine Aussagen, wie wenig sich ein Verteidigungsminister Amerikas um die Auffassungen des Außenministers oder gar des Präsidenten zu kümmern braucht, wenn er aus militärtechnischen Erwägungen Maßnahmen beschließt, die sehr wohl die amerikanische Außenpolitik belasten könnten.

Tatsächlich sollte die Alarmübung des 15. Mai ebenso wie die viertägige Pfingstübung der US-Wehrmacht eine neue militärtechnische Institution erproben, die Verteidigungsminister Gates am 12. Mai geschaffen hatte. An diesem Tage hatte der Chef des Pentagon die Errichtung, zweier neuer Abteilungen

im US-Generalstab befohlen, durch die das (bisher den einzelnen Waffengattungen vorbehaltene) Nachrichtenwesen der amerikanischen Wehrmacht zentralisiert und dem Verteidigungsministerium direkt unterstellt wird.

Gates aber gefiel es nun ausgerechnet am Vorabend der Pariser Gipfelkonferenz, die Wirksamkeit des neuen Kommandosystems zu testen. In den Abendstunden des 15. Mai befahl er dem Generalstab in Washington, ohne jede Vorwarnung einen "communications alert" auszulösen - eine kaserneninterne Übung, die lediglich das Alarmsystem der Einheiten erproben sollte und nicht mit einer kriegsmäßigen Felddienstübung verwechselt werden darf.

Erläuterte Gates: "Aufgrund des Befehls war es keineswegs erforderlich, die Soldaten der Marine, Marineinfanterie, Luftwaffe und Armee aus ihrem Urlaub zurückzurufen. Es war auch keine Bewegung der Truppen beabsichtigt."

Zudem konnte der Pentagon-Chef argumentieren, sein Alarmbefehl habe keineswegs die letzten Gipfelhoffnungen zerstört, denn bereits am Abend des 15. Mai habe die US-Delegation in Paris die Forderungen Chruschtschows vom nächsten Tag gekannt und der Konferenz keine Chance mehr gegeben. Das treffendste Argument fiel dem Zeugen Gates nicht ein: Chruschtschow selber hatte auf seiner Pressekonferenz im Pariser Palais de Chaillot gestanden, er habe von der Alarmübung nichts gewußt.

Gleichwohl mußte Gates zugeben, daß er nahezu aus eigener Machtvollkommenheit

die amerikanischen Truppen alarmiert hatte. Fragte der demokratische Senator Fulbright: "Haben Sie das State Department konsultiert, bevor Sie Ihren Befehl erteilten?"

Gates: "Nein. Ich informierte den Außenminister, als der Befehl ausgegeben wurde."

Fulbright: "Informierten Sie ihn vor Ausgabe des Befehls?"

Gates: "Er wurde vorher informiert, ja, Sir."

Fulbright: "Wurde seine Meinung eingeholt oder wurde er nur informiert?"

Gates: "Well, ich sagte ihm, daß ich den Alarmbefehl ausgeben wolle"

Fulbright: "Er war einverstanden?"

Gates: "Er sagte nichts Gegenteiliges."

Resignierte Fulbright: "Nun, dann

hat er ihn wohl gebilligt."

Gates

Alarmübung im Luftverteidigungsgürtel New York: Chruschtschow wußte nichts


DER SPIEGEL 25/1960
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