15.06.1960

GOYA

Bekleidete AIba

MALEREI

Bei der Reinigung eines Porträtbildes,

das von einem der bedeutendsten

spanischen Maler der neueren Zeit stammt, von Francisco Jose de Goya (1746-1828), gelang dem amerikanischen Bilderrestaurator Alberto P. Angeli eine Entdeckung. Die auf dem Bild porträtierte Maria Teresa, Herzogin von Alba, weist mit dem Finger auf den gelben Ufersand; unter diesem Ufersand kam neben der Signatur des Malers,Goya das spanische Wort "Sólo" zum Vorschein. Es bedeutet im Deutschen soviel wie "nur", "allein". Dieser bis dahin verborgene Vermerk gilt den Kunsthistorikern als neuerlicher Beleg für eine Liebes-Episode im Leben Francisco Goyas, über die bisher vielerlei Vermutungen angestellt worden sind.

Auf dem Porträt der Herzogin, das sich seit 1908 im New Yorker Museum der "Hispanic Society of America" befindet, war das Wort "Sólo" offenbar von Goya mehrfach übermalt und jedesmal mit einer dicken Firnisschicht überzogen worden, so daß es sogar auf Röntgen-Aufnahmen des Gemäldes unsichtbar blieb.

Die New Yorker Entdeckung scheint eine von Biographen und Romanschreibern - unter ihnen Lion Feuchtwanger - fleißig propagierte These zu beweisen, wonach Goya zur leichtlebigen, schönen Herzogin von Alba, seiner Gönnerin und Auftraggeberin, eine - freilich nur kurze und für den berühmten Maler enttäuschende - Liebesbeziehung unterhalten habe.

Am Hofe König Karls IV. von Spanien, an dem Königin Maria Luisa und ihr Liebhaber Godoy den Ton angaben, war Maria Teresa eine von Günstlingen umschwärmte und begehrte Schönheit, von der ein Chronist berichtet, sie habe "kein Haar auf ihrem Kopf, das nicht die Begierde aufstachelt. Wenn sie sich auf der

Straße zeigt, lassen selbst die Kinder ihr Spiel im Stich, um sie anzustarren".

Wie die Königin Maria Luisa und die Herzogin von Osuna galt die Herzogin von Alba als eine in Liebesabenteuern und skandalösen Affären erfahrene Person, die sich für den volkstümlich koketten "Maja"-Stil - er war zur Mode-Marotte der Hofaristokratie geworden - begeisterte die Legende behauptet, Maria Teresa sei auch das Modell für zwei andere berühmte Bilder des spanischen Malers Goya gewesen:

die "nackte" und die "bekleidete Maja" (sprich "Macha").

Goyas "Maja"-Bildnisse sind aber wahrscheinlich erst nach dem Tode der Herzogin von Alba entstanden - sie starb 1802, wahrscheinlich an einer Vergiftung, und erst sechs Jahre später wurden die Gemälde im Verzeichnis der Besitztümer Godoys, des Liebhabers der Königin, erwähnt. Die romantische Lesart, daß Goyas "Maja" mit der Herzogin von Alba identisch sei, wurde von spanischen Goya-Kennern ohnehin als unglaubwürdig zurückgewiesen - das puppenhaft-mollige "Maja"-Modell widerspreche der Herzogin-Gestalt" die Goya auf seinen Porträts der Nachwelt überlieferte.

Eine andere, nicht weniger phantastische Deutung früherer Goya-Bilder besagt, die Herzogin von Alba sei bereits auf zwei anekdotischen Wandgemälden Goyas - der "Schaukel" und dem "Unfall" - zu erkennen. Diese 1787 entstandenen Bilder gehören zu einer Folge von sieben Gemälden für das Landschloß des Herzogs von Osuna. Goya, der seit 1785 als Protegé der Familie Osuna galt, hat jedoch bei der höfischen Rivalität zwischen den Herzogsfamilien Osuna und Alba zunächst kaum Beziehungen zum Hause Alba unterhalten können. Erst 1795, als er völlig taub geworden war - drei Jahre

nach einem Schlaganfall -, wechselte er die Auftraggeber.

Sein erstes Bildnis der Herzogin von Alba zeigt Maria Teresa in langem, weißem Kleid mit roten Schleifen und breiter, roter Schärpe; ihre ausgestreckte Hand weist auf eine konventionelle Widmung, die der Maler in die linke untere Bildecke schrieb: "A la duquesa de Alba Fr. Co de Goya 1795."

Damals entstand auch ein Bildnis des Herzogs; melancholisch, eine Haydn -Partitur in der Hand, stützt er sich auf ein Klavier. Zwei Skizzen aus derselben Zeit könnten beweisen, daß Goya am häuslichen Leben der Albas Anteil nahm: Die eine zeigt die Herzogin, wie sie mit ihrer alten "duena" (Anstandsdame) zankt, auf der anderen Skizze ziehen zwei Kinder die "duena" an der Schleppe.

Der Herzog starb 1796; die Beziehungen Goyas zu Maria Teresa waren damals anscheinend bereits so eng, daß er die Witwe im folgenden Jahr auf ihrem Landsitz in Sanlúcar de Barrameda bei Cadiz aufsuchen konnte, ohne abgewiesen zu werden.

In Sanlúcar fertigte Goya ein anderes Porträt der Herzogin: In schwarzer Tracht steht sie am Ufer eines Flusses; ihr lockiges, schwarzes Haar, das auf dem ersten Bildnis über Schultern und Arme floß, wird von einem gelblichen Zierband festgehalten; ihre rechte Hand zeigt in den Sand zu ihren Füßen. Dort befindet sich, für sie lesbar, für den Betrachter jedoch auf dem Kopfe stehend, die von Angeli nun freigelegte Inschrift "Nur Goya". Lediglich die Jahreszahl 1797 steht für den Beschauer aufrecht.

Nicht übermalt hatte Goya die Inschriften auf den Ringen der Herzogin, sie enthielten die Namen "Alba" und "Goya". Diese für jeden Betrachter erkennbaren Namen ließen aber keine Rückschlüsse darauf zu, daß etwa zwischen der Herzogin und dem Maler eine zärtlichere Beziehung bestanden habe, da Goya ein anderes Modell, Dona Narcisa Baranana de Goicoechea, mit der er ganz offensichtlich kein Verhältnis hatte, auf seinem Bild auch mit einem Ring versah, auf dem sein Name stand.

Dagegen war schon vor der Freilegung der im Ufersand verborgenen Inschrift aus Goyas Skizzenbüchern, die er während seines Aufenthalts auf dem Landsitz der verwitweten Herzogin in Sanlúcar gefüllt hatte, zu erkennen, daß sich der Maler dort seinem Modell gegenüber keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Dieses gezeichnete "journal intime" ließ auf eine Liebesidylle zwischen der Herzogin

und Goya schließen. Sie endete jedoch bald - der Zeitpunkt seiner Abreise aus Sanlúcar ist nicht genau festgestellt - mit einem Zwist und endgültigem Bruch.

Goya rächte sich mit zwei "Caprichos", auf denen er die Herzogin als wankelmütige und herzlose Person abbildete. Auch auf einem Blatt seiner umfangreichen Sammlung zeitgenössischer Sittensatiren - dem "Traum der Lüge und

der Unbeständigkeit" - erscheint Maria Teresa: als zweigesichtiges Wesen mit Schmetterlingsflügeln am Kopf; verzweifelt umklammert Goya ihren Arm; im Vordergrund hypnotisiert eine Schlange eine Kröte.

In einem Brief an seinen Freund Martin Zapater äußerte sich Goya später spöttisch und respektlos über die Alba", die von ihm habe "geschminkt" werden wollen. 1812 schenkte er das fünfzehn Jahre zuvor gemalte Porträt der Herzogin mit dem diskret übermalten Wort "Solo" seinem Sohn Javier.

Freigelegte Widmung "Sólo Goya" zu Füßen der porträtierten Herzogin: Im Ufersand verborgen ...

...eine Liebeserklärung: Goya-Porträt Herzogin von Alba

Goya (Selbstporträt)

Nach der Trennung ...

... die Rache: Herzogin Alba als "Unbeständigkeit".


DER SPIEGEL 25/1960
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