29.06.1960

WASCHMITTELSchaum an der Wasserfront

Ein imposantes Schaustück zierte die letztjährige Deutsche Seifenmesse in Berlin: Mit einem fünf Meter hohen künstlichen Wasserfall aus Waschschaum demonstrierten Waschmittel-Hersteller den Besuchern die unverwüstliche Schaumkraft ihrer Erzeugnisse.
Fachleute indes beeindruckte eher die Naivität der Hersteller. Denn was die Fabrikanten der Reinigungsprodukte als Blickfang erstellt hatten, illustrierte sinnfällig gerade einen der größten Mängel derzeitiger Waschmittel - ihr unerschöpfliches Schäumvermögen.
Ungehindert durchwandern die Waschmittel nach Gebrauch Kanalisation und Kläranlagen und beginnen spätestens in den Wasserläufen erneut zu schäumen. "Meterhohe Schaumberge türmen sich auf den Flüssen", erregte sich die "Bild"-Zeitung unter der Schlagzeile "Schaumalarm an der Wasserfront".
Wenige Monate, nachdem die Waschmittel-Hersteller in der Schlesienhalle am Berliner Funkturm ihre riesigen Schaumflocken zur Schau gestellt hatten, sahen sich denn auch verschiedene Expertengremien genötigt, dem Waschschaum ausführliche Studien zu widmen. So versammelten sich in dem der Technischen Hochschule Aachen angeschlossenen "Haus der Technik" in Essen vor einigen Wochen 700 Fachleute ausschließlich zu dem Zweck, über die fatalen Auswirkungen moderner Waschmittel zu debattieren.
Bald darauf mußte Professor Balke als zuständiger Minister dem Bundestag Rede stehen. Von Zeitungsmeldungen alarmiert, hatten Abgeordnete aller Fraktionen durch eine Kleine Anfrage das Bundesministerium für Atomenergie und Wasserwirtschaft ersucht, sie über das Waschmittel-Dilemma aufzuklären.
Die Befürchtungen der Abgeordneten erwiesen sich als begründet. Dichte Schaumdecken auf dem Wasser, so dozierte der Minister, verhinderten, daß genügend Licht und Luft ins Wasser gelangten. Die Tätigkeit der Mikro-Organismen, die Schmutzstoffe im Wasser abbauen, werde dadurch gehemmt und die Selbstreinigungskraft des Wassers stark herabgesetzt. Fische könnten durch die Waschmittel vergiftet werden.
In den Schleusenkammern des Neckars, berichtete Balke, seien bis zu vier Meter hohe Schaumschichten beobachtet worden. Man habe bereits den Sportbooten "wegen akuter Gefahr für die Insassen" die Schleusungserlaubnis versagen müssen.
Die Botschaft vom Neckar beeindruckte sogar die Londoner "Times". "Man kann sich schwer vorstellen, was passieren wird", schrieb der Bonner Korrespondent des Blattes, "wenn sich diese Schaumberge unter Heidelbergs berühmter Brücke stauen."
Aber nicht nur der Neckar ist von der Schaumplage befallen. In vielen bundesdeutschen Bächen und Flüssen quellen unterhalb von Wassermühlen und Turbinen, hinter Wehren und in Schleusen - wo immer Strudel das Wasser mit Luft durchmischen - schmutzigweiße Schaumberge auf. Main, Ruhr und Fulda sind stellenweise auf der ganzen Breite mit Schaum bedeckt. Mehrere Städte, unter ihnen Frankfurt, Aachen und Krefeld, meldeten, daß ins-' besondere an den ersten Tagen jeder Woche, an den Waschtagen, die Kläranlagen im Schaum erstickten und daß sich die Flüsse und Seen, die alle Abwasser aus den Kläranlagen aufnehmen, in künstliche Schneelandschaften verwandelten.
Dabei gefährdet der Schaum nicht nur die Schiffahrt, sondern auch den Verkehr auf Uferstraßen, wo riesige Schaumpakete auf die Fahrbahn quellen oder gegen die Windschutzscheiben der Kraftwagen geweht werden, so daß die Wasserschutzbehörden an besonders gefährdeten Stellen bereits meterhohe Schutzzäune errichten mußten.
Ursache des Schaum-Desasters ist die radikale Umstellung auf neuartige Waschmittel, die sich in den letzten Jahren vollzogen hat. Anstatt mit Seife und Seifenpulver reinigen die Hausfrauen ihre Wäsche heute mit synthetisch hergestellten Substanzen. Obwohl deren chemischer Aufbau mit dem der Seife nichts gemein hat, gehören diese sogenannten Detergentien* wie die Seife zu den "grenzflächenaktiven Stoffen". Die Chemiker bezeichnen damit Substanzen, die sich, wenn sie in eine Flüssigkeit gebracht werden, speziell dort ansammeln, wo die Flüssigkeit mit festen oder gasförmigen Stoffen in Kontakt kommt. An diesen Berührungsstellen, den Grenzflächen, setzen sie die Spannung des Wassers herab. Sie machen es gewissermaßen geschmeidiger. Auf diesem Effekt beruht die Waschwirkung.
Gründlicher als gewöhnliches Wasser durchtränkt das mit Seife oder Detergentien geschmeidig gemachte Wasser die Wäsche, es zwängt sich zwischen Gewebefasern und anhaftenden Schmutz und hebt die Schmutzteilchen ab. Wird eine solche Lösung mit einem Gas vermischt, beispielsweise mit Luft, so ist sie auch geschmeidig genug, um die Luft in beständigen Blasen festzuhalten. Es bildet sich Schaum.
Freilich: Die Wirksamkeit der Waschmittel, die auf Seife basierten, war - rückblickend gesehen - durchaus mittelmäßig. Als daher nach dem letzten Krieg die chemische Industrie zuerst in Amerika und England, später auch in der Bundesrepublik synthetische Waschmittel in die Haushalte lieferte, brauchten die Hausfrauen ihre Wäsche kaum noch zu reiben - so gut lösten die Detergentien den Schmutz ab. Zudem bieten Detergentien einen weiteren bedeutsamen Vorteil gegenüber der Seife: Ihre Waschwirkung wird auch durch hartes (stark kalkhaltiges) Wasser nicht beeinträchtigt.
Die Kurve des Detergentien-Konsums schnellte steil in die Höhe. 1950 betrug die Jahresproduktion in der Bundesrepublik 2500 Tonnen. Fünf Jahre später wurde bereits zehnmal soviel an synthetischen Waschmitteln verbraucht. Heute dient Seife fast nur noch zur Körperpflege.
Abwassertechnikern und Biologen war allerdings nicht verborgen geblieben, daß Detergentien im Gegensatz zu dem herkömmlichen Waschmittel Seife einen schwerwiegenden Mangel aufweisen. Anders als bei den Seifen handelt es sich um naturfremde chemische Verbindungen; sie vergiften viele Mikro-Organismen, die in den Kläranlagen das Abwasser von organischen Bestandteilen säubern. Die Folgen. Der Reinigungseffekt der Kläranlagen gegen normale Schmutzstoffe läßt nach, und die Detergentien werden in den Kläranlagen fast gar nicht zersetzt. Sie werden in die Gewässer gespült und bedecken sie mit meterhohen Schaumbergen. Schlimmer noch: Die Detergentien gelangen schließlich ins Trinkwasser, wenn die Gemeinden, was bei hohem Wasserbedarf häufig geschieht, Wasser aus Flüssen und Seen dem Grundwasser zumischen, bevor sie es als Trinkwasser in die Haushalte leiten.
Trinkwasser aus Hamburger Wasserleitungen enthielt beispielsweise im Dezember 1959 etwa 25 Prozent, im September 1959 sogar 50 Prozent Elbwasser. "Es gelingt einwandfrei, die Brühe 'Elbwasser' aufzubereiten und für den Menschen genießbar zu machen", konstatierten die Hamburger Wasserwerke. "Aber der widerliche Beigeschmack läßt sich nicht wegzaubern." Der "widerliche Geschmack" stammt von nicht abbaubaren Bestandteilen des Abwassers, insbesondere von den synthetischen Waschmitteln.
Ärzte und Biologen rechnen bei den jetzt im Trinkwasser enthaltenen Detergentien-Mengen zwar nicht mit akuten Gefahren für die menschliche Gesundheit. "Aber", warnt der Hamburger Hygieniker Professor Dr. Hettche, "nach den Ergebnissen der Krebsforschung über die Wirkung jahrzehntelang in den Körper gelangender Stoffe ... ist man hier mit Prognosen vorsichtig geworden." Professor Hettche befürchtet zudem, daß Detergentien krebserregenden Substanzen als "Schlepper" dienen könnten.
Tatsächlich erschweren Detergentien die Abscheidung von mancherlei Chemikalien und insbesondere von Öl bei der Aufbereitung des Trinkwassers. "Was dann", sorgt sich Hettche, "wenn man infolge hohen Detergentien-Gehalts des Wassers das von Schiffen und durch Abwässer in den Fluß gelangende Öl nicht mehr abscheiden kann? Sind wir dann genötigt, das emulgierte Roh- und Schmieröl im Wasser zu trinken?"
Unterdes ist eine Diskussion zwischen der chemischen Industrie und den Wasserwirtschaftsbehörden darüber entbrannt, wer sich stärker um die Beseitigung der Mißstände bemühen müsse. Die amtlich bestellten Abwasserexperten fordern die Chemie-Industrie auf, anstelle der heute gebräuchlichen waschaktiven Substanzen neue zu entwickeln, die leichter biologisch abzubauen sind. Die Waschmittel-Industrie hingegen behauptet, daß die Detergentien-Schwierigkeiten nur ein unbedeutendes Teilproblem der prekären Abwassersituation in der Bundesrepublik seien und beim ohnedies fälligen Ausbau der Wasserreinigungsanlagen miterledigt werden könnten.
Die Waschmittel-Hersteller neigen um so eher zu dieser Ansicht, als langjährige Forschungen sowohl amerikanischer und britischer als auch deutscher Firmen gezeigt haben, daß der Suche nach Substanzen, die ebenso waschwirksam wie die jetzigen, dabei jedoch biologisch abbaubar sind, kein schneller Erfolg beschieden sein kann.
Bei diesen Aussichten hält es die Industrie vorerst für geraten, die Wasserwirtschaftsbehörden zu Maßnahmen anzuregen, durch die das Detergentien -Dilemma abgemildert werden könnte. So wird beispielsweise empfohlen, den Schaum in Schleusen durch Anti -Schaummittel zu zerstören oder in den Kläranlagen Luft in das Wasser einzublasen und derart die Detergentien "auszuschäumen". Den Schaum könne man dann verbrennen.
Die Forschungsabteilungen der Waschmittel-Industrie untersuchten zudem, welche Bedingungen man den Mikro -Organismen bieten muß, damit sie in den Kläranlagen auch die Detergentien zerstören. In der Tat hat sich - bisher freilich nur in Laborversuchen - herausgestellt, daß es möglich wäre, unter beträchtlichen Kosten Kläranlagen zu errichten, in denen synthetische Waschmittel weitaus wirksamer abgebaut werden.
"Danach sollen sich also die Städte bemühen, eine Lösung des Detergentien -Problems zu finden", argwöhnte Hamburgs Abwasserbeauftragter, Baudirektor Dr. h. c. Stuewer. "So geht es doch wirklich nicht!"
Stuewer darf allerdings vorerst bei seinen Bemühungen, den Fiskus vor Milliardenausgaben für die Erweiterung der Kläranlagen zu bewahren, nicht auf Unterstützung durch seinen Bundesminister rechnen. Balke, selbst aus der Industrie hervorgegangen, hat bisher die Entscheidung umgangen, ob er die Entwicklung neuer Detergentien oder aber den Ausbau der bundesdeutschen Kläranlagen stärker zu forcieren gedenkt. "Von den Ergebnissen der laufenden Untersuchungen wird es abhängen", vertröstete der Wasserminister den Bundestag, "wie Detergentien aus den Gewässern ferngehalten werden können."
* Von (lat.) detergere = reinigen.
Schaumschicht auf dem Neckar: Aus schmutziger Wäsche ...
Wasser-Minister Balke
... eine künstliche Schneelandschaft

DER SPIEGEL 27/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WASCHMITTEL:
Schaum an der Wasserfront

Video 01:32

Überlebende berichten von London-Anschlag "Menschen wurden vor meinen Augen umgefahren"

  • Video "Überlebende berichten von London-Anschlag: Menschen wurden vor meinen Augen umgefahren" Video 01:32
    Überlebende berichten von London-Anschlag: "Menschen wurden vor meinen Augen umgefahren"
  • Video "Anschlag in London: Polizei nimmt sieben Verdächtige fest" Video 01:11
    Anschlag in London: Polizei nimmt sieben Verdächtige fest
  • Video "Franziskus oben ohne: Dreijährige mopst Papst das Käppchen" Video 01:08
    Franziskus "oben ohne": Dreijährige mopst Papst das Käppchen
  • Video "Depeche Mode im Interview: Normalerweise kommen immer Teenager" Video 02:35
    Depeche Mode im Interview: "Normalerweise kommen immer Teenager"
  • Video "Drei Jahre in der Hölle: Interview mit einem ehemaligen IS-Kindersoldaten" Video 03:33
    Drei Jahre in der Hölle: Interview mit einem ehemaligen IS-Kindersoldaten
  • Video "Filmstarts der Woche: Allerhand Außerirdische" Video 05:48
    Filmstarts der Woche: Allerhand Außerirdische
  • Video "US-Gesundheitsreform: Trump vor erster großer Abstimmung" Video 00:58
    US-Gesundheitsreform: Trump vor erster großer Abstimmung
  • Video "Hyperloop baut erste Tempo-Kapsel: Mit 1223 km/h von Stadt zu Stadt" Video 01:37
    "Hyperloop" baut erste Tempo-Kapsel: Mit 1223 km/h von Stadt zu Stadt
  • Video "Erdogan droht Europa: Sie werden großen Schaden erleiden" Video 01:06
    Erdogan droht Europa: "Sie werden großen Schaden erleiden"
  • Video "Neil Gorsuch: Supreme-Court-Kandidat distanziert sich von Trump" Video 00:48
    Neil Gorsuch: Supreme-Court-Kandidat distanziert sich von Trump
  • Video "Blogger Nawalny: Video zeigt Farbattacke auf Putin-Kritiker" Video 01:01
    Blogger Nawalny: Video zeigt Farbattacke auf Putin-Kritiker
  • Video "Video aus dem Cockpit einer Boeing 737: Pilot filmt sich bei extremem Landemanöver" Video 00:52
    Video aus dem Cockpit einer Boeing 737: Pilot filmt sich bei extremem Landemanöver
  • Video "Attacke am Flughafen Orly: Überwachungsvideo zeigt Moment des Angriffs" Video 01:57
    Attacke am Flughafen Orly: Überwachungsvideo zeigt Moment des Angriffs
  • Video "Comey im Geheimdienst-Ausschuss: FBI-Chef widerspricht Trump öffentlich" Video 01:16
    Comey im Geheimdienst-Ausschuss: FBI-Chef widerspricht Trump öffentlich
  • Video "Katy Perry über ihre Jugend: Beten gegen Schwule" Video 01:54
    Katy Perry über ihre Jugend: Beten gegen Schwule