06.07.1960

NIERENSTEINEVöllig aufgelöst

Halten Sie mich bitte nicht für einen Scharlatan", entschuldigte sich der Medizinprofessor Bertrand Bibus, als er vor der altrenommierten Wiener Gesellschaft der Ärzte zu referieren begann. "Das Ganze klingt ja lächerlich. Meine Entdeckung beruht nur auf Zufall... Und verdienen läßt sich damit auch nichts."
Mit solch verlegenen Bemerkungen suchte der angesehene Urologe des Wiener Kaiser - Franz - Joseph - Spitals dem Umstand gerecht zu werden, daß es ihm gelungen war, eine schier unfaßbar einfache Therapie gegen ein weitverbreitetes Gebrechen Ausfindig zu machen: Zitronen gegen Nierensteine.
Anhand von Krankengeschichten und Röntgenbildern konnte Professor Bibus dem gespannten Ärzte-Auditorium beweisen, daß sich Nierensteine eines bestimmten Typs - die sogenannten Uratsteine - in vielen Fällen einfach auflösen, wenn die Patienten täglich anderthalb bis zwei Zitronen verzehren. Triumphierte der Wiener "Express": "Die erste medikamentöse Bresche in die für uneinnehmbar gehaltene Festung der Nierensteine."
In der vergangenen Woche meldete auch die Hamburger "Welt" in fetter Schlagzeile: "Jetzt kann man Nierensteine auflösen!" Der Jubelruf galt allerdings der Forschungsarbeit deutscher Wissenschaftler: Fast zur gleichen Zeit, als der Wiener Mediziner Bibus seine Hausmitteltherapie gegen die:Uratsteine austüftelte, hatte der Hamburger Urologe Dr. Albert Timmermann in Zusammenarbeit mit Forschern des Max-Planck-Instituts für Kulturpflanzenzüchtung ebenfalls eine Methode zur Auflösung von Nierensteinen entwickelt.
Die beiden Methoden ergänzen sich auf verblüffende Weise: Besonders die Art von Nierensteinen, die der Zitronenkur des Professor Bibus widersteht, läßt sich nach dem Rezept der Hamburger Wissenschaftler auflösen.
Diese Forschungsergebnisse erregten um so mehr Aufsehen, als die Ärzte bislang mit Medikamenten nichts gegen die Nierensteinerkrankung ausrichten konnten. Sie mußten sich damit begnügen, den Abgang kleinerer Steine zu erwirken - etwa durch erhöhte Flüssigkeitszufuhr, krampflösende Mittel, Darmbäder und körperliche Bewegung. Größere Steine mußten, wenn sie die Funktion der Niere bedrohten, herausoperiert werden. "Das Problem der Nierensteine ist leider noch unbefriedigend gelöst", heißt es im 1959 veröffentlichten Medizin-Lexikon des S. Fischer Verlags. "Mittel, einmal auskristallisierte Steine aufzulösen, gibt es nicht."
Diese Erfahrungstatsache hatte auch der Mediziner Bibus anfangs keineswegs angezweifeit. Er glaubte daher, "einer Täuschung zum Opfer gefallen zu sein", als er - kurz nach dem Krieg - den ersten Hinweis erhielt, daß sich Nierensteine unter besonderen Umständen dennoch auflösen lassen. Damals meldete sich bei ihm eine Frau, die ein etwa zwölf Monate altes Röntgenbild vorwies: Es zeigte einen großen Stein im linken Nierenbecken. Die Patientin gab an, seit längerem beschwerdefrei zu sein, und erkundigte sich ängstlich, ob sie sich trotzdem der seinerzeit dringend empfohlenen Operation unterziehen müsse.
Zur Verblüffung des Arztes waren bei der neuerlichen Untersuchung keinerlei Krankheitsmerkmale festzustellen. Der Stein war verschwunden, die Niere funktionierte normal. Offen blieb hingegen, wodurch die Heilung bewirkt worden war. Auf drängende Fragen wußte die Patientin lediglich zu berichten, daß sie einige Monate lang jeden Morgen den Saft zweier Zitronen getrunken habe ("Weil das gegen Verkühlungen gut sein soll").
Bibus maß diesem Bericht keine Bedeutung bei. Erst Jahre später, als er
einen 73jährigen, schon sehr hinfälligen Nierensteinträger zu behandeln hatte, entsann er sich des merkwürdigen Vorfalls. Versuchsweise ließ er Zitronensaft verabreichen: "Die ernste Wissenschaft war ohnehin am Ende."
Drei Monate später war der Patient gesund. Der Arzt notierte: "Harn klar, eiweißfrei. Sediment o.B.: röntgenologisch kein Stein mehr nachweisbar."
Nun begann Bibus systematisch zu verordnen, was er als "primitivste aller Therapien" empfand: Zitronensaft bei eiweißarmer Kost und Alkohol-Abstinenz. Über Jahre hinweg registrierte er ein zunächst unmotiviert erscheinendes Wechselspiel von Erfolgen und Fehlschlägen.
Nur allmählich klärte sich das verwirrende Bild: Als wirkungslos erwies sich die Zitronenkur bei Patienten, deren Nierensteine aus Salz-Ablagerungen der Oxalsäure (Oxalatsteine) bestanden; Konkremente aus Salzen der
Harnsäure (Uratsteine) lösten sich hingegen bei vielen Patienten auf.
Das Ergebnis seiner Recherchen trug Bibus im Oktober 1959 der Wiener Gesellschaft der Ärzte vor. In dem Gefühl, daß seine Hausmitteltherapie "mit dem Odium der Unglaubwürdigkeit belastet" sein müsse, unterstrich er allerdings eher die Mängel der Zitronenkur:
"Bei Oxalaten, bei kalziumhaltigen Steinen, die laut Statistik etwa 80 Prozent sämtlicher Konkrementbildungen der Niere ausmachen, ist die Zitronendiät machtlos, vielleicht sogar schädlich. Sie hilft lediglich bei den selteneren Uratsteinen. Und auch da nur bei der Hälfte aller Patienten."
Trotz dieser Einschränkungen des erfolgsscheuen Mediziners war offenkundig, daß seine Forschungsarbeiten neue Möglichkeiten für die Behandlung von Nierensteinerkrankungen erschlossen hatten. Schon bald untermauerte ein anderer Wiener Urologe, Dr. Harald Ultzmann, den therapeutischen Wert der Bibus-Kur durch eigene Beobachtungen.
Ultzmann, der auf Anregung des Professor Bibus ebenfalls jahrelang zitronensauer experimentiert hatte, berichtete von "hundertprozentiger Dauerheilung" chronischer Uratsteinbildner, die ständig neue Harnsäure-Konkremente in ihren Nieren ausgebildet und folglich fortwährend an heftigen Koliken gelitten hatten.
Nicht minder eindrucksvolle Erfolge erzielte während der letzten Monate der Hamburger Urologe Dr. Timmermann, der allerdings einer ganz anderen Spur nachgegangen war. Timmermann konnte zwölf seiner Patienten mit Hilfe einer neuartigen Nierenspülung von ihren Steinen befreien. Als Auflösungsmittel diente die Chemikalie Titriplex III, ein Stoff, der bislang vornehmlich verwandt wurde, um den Härtegrad des Wassers festzustellen. Titriplex III vermag, wie der Hamburger Mediziner herausfand, unter bestimmten Umständen fast alle Arten von Nierensteinen aufzulösen, insbesondere aber kalziumhaltige Konkremente.
Freilich sind, wie die "Welt" konstatierte, "nicht nur ständige chemische und Röntgen-Kontrollen, sondern auch Einsicht, und Ausdauer bei Patienten und (Krankenhaus-)Personal die Voraussetzung für den Erfolg der neuen Behandlung". Vorerst nimmt sich die Methode nämlich doch recht strapaziös aus: Um die Nierensteine ständig der Einwirkung des Titriplex III auszusetzen, muß eine Sonde in das Nierenbecken gelegt werden, durch die das Lösungsmittel eintropft. Da sich die Steine nur sehr langsam auflösen, dauert die Prozedur bis zu 200 Stunden. Die Ärzte nehmen an, daß sich diese Zeitspanne durch eine Verfeinerung der Behandlungstechnik hoch verkürzen läßt.
Über die komplizierten chemischen Vorgänge bei der Auflösung der Nierensteine konnten sich die Hamburger Wissenschaftler bereits einen genauen Überblick verschaffen. Nach ihren Feststellungen hängt die Wirkung des Titriplex III davon ab, daß andere, beigemischte Substanzen in der Niere ein genau fixiertes chemisches Gleichgewicht aufrechterhalten. Demgegenüber blieb vorerst ungeklärt, worauf die steinlösende Wirkung der von Professor Bibus in Wien verordneten Zitrus-Medizin zurückzuführen ist. "Vielleicht", mutmaßt Bibus, "auf die einmalig konzentrierte Kopplung von Vitamin C und Zitronensäure."
Von italienischen und griechischen Ärzten erfuhr Bibus dieser Tage, daß Zitronen schon im Mittelalter in südlichen Ländern als Hausmittel gegen Nierensteine verabreicht wurden. Man kam aber von diesem Brauch wieder ab, da sich die Arznei als recht unzuverlässig erwies. Bibus: "Damals kannte man den Unterschied zwischen Uraten und Oxalaten noch nicht."
Urologe Bibus
Wie im Mittelalter

DER SPIEGEL 28/1960
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NIERENSTEINE:
Völlig aufgelöst

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