20.07.1960

SOWJET-UNION

Volksfiatowitsch

AUTOMOBILE

Irgendein Spaßvogel", verlautbarte die Sowjetische Botschaft in Bonn unlängst, "hat in einer ausländischen Zeitschrift einen ungeschickten Witz gemacht: Die Russen hätten italienische und deutsche Erfahrungen im Bau von Kleinautos kombiniert und ihren 'Volks-Fiat' gebaut. Der Witzbold hat nicht ins Schwarze getroffen."

Der durchaus treffsichere Witzbold saß offenbar in der Redaktion der schweizerischen Kraftfahrt-Zeitschrift "Automobil Revue": Das Blatt hatte seine Leser über die Entwicklung des

russischen Kleinwagens "Saporoschjez" unterrichtet und dabei absichtsvoll die Vokabel "Volksfiatowitsch" kolportiert. Die Besonderheiten der russischen Konstruktion brachte die Zeitung auf die Schlagwortformel: "VW + Fiat 600 = Saporoschjez."

In der Tat weist der neue russische Kleinwagen, der seit einigen Wochen in den ukrainischen Kommunar-Werken vom Band rollt, verblüffende Ähnlichkeiten mit den beiden populärsten

westeuropäischen Kleinwagen-Modellen auf.

In der Formgebung nimmt sich das Sowjetauto geradezu wie eine Lizenzausgabe des Fiat 600 aus. Augenscheinlich waren die russischen Automobile bauer von der italienischen Karosserie so beeindruckt, daß sie auf keines der wesentlichen Formmerkmale des Turiner Erfolgsmodells verzichten mochten. Nur das gekrümmte Heck des Fiat 600 wurde in eine schwachgeknickte Rückfront abgewandelt. Selbst bei der Radführung und der Federung der Hinterachse ließen sich die sowjetischen Autobauer von den italienischen Erfahrungen inspirieren.

Gleichermaßen offenkundig ist, daß die sowjetischen Autobauer den Motor des Wolfsburger Volkswagens als Mustervorlage für die Entwicklung der Saporoschjez-Maschine benutzten. Ihr Anspruch, einen "Motor neuer, origineller Konstruktion" verfertigt zu haben, kann sich auf wenig mehr als die Tatsache beziehen, daß die 22-PS-Maschine im Heck des Saporoschjez mit einer neuartigen Kühlung* ausgestattet ist; zudem sind die Zylinder - im Gegensatz zum Volkswagen - winklig zueinander angeordnet. Aber die meisten technischen Details - etwa Ventilsteuerung, Ölkühler und Lage der Zündkerzen - wurden so sorgfältig dem VW nachgearbeitet, daß die "Automobil Revue" von einer "getreuen Kopie des VW-Motors" sprach.

Mit ähnlicher Gründlichkeit hatten sich sowjetische Kraftfahrt-Ingenieure

schon früher die Erfahrungen westlicher Autokonstrukteure zunutze gemacht. So bauten die Sowjets nach dem Krieg etwa das amerikanische "Packard" -Modell nach; und als vor einigen Jahren das Mittelklasse-Auto "Moskwitsch" auf der Leipziger Messe vorgeführt wurde, konnten Experten auf den ersten Blick erkennen, daß die Russen die Silhouette des früheren "Opel-Kadett" auf ihren Reißbrettern nachgezogen hatten.

Freilich, schon oftmals frappierte, mit welchem Geschick sowjetische Ingenieure, westliche Automobiltechnik auf russische Bedürfnisse zurechtzuschneidern vermochten. So rühmten die Sowjets denn auch, daß der Saporoschjez "von den Konstrukteuren lebenstüchtiger und anspruchsloser gemacht worden ist als die deutschen Volkswagen und die italienischen Fiats". Als Vorzüge des Sowjet-Kleinwagens stuften sie ein:

- das erstaunlich geringe Gewicht von

600 Kilogramm;

- den niedrigen Benzinverbrauch von

5,5 Litern;

- die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/st.

Sichtlich befriedigt zeigten sich die Ingenieure darüber, daß sie den Kleinwagen wintertüchtig machen konnten. Der sowjetische Motorenkonstrukteur Reschich verkündete: "Der Motor springt auch bei minus 20 Grad ohne Vorwärmung an."

* Bei der herkömmlichen Art luftgekühlter Automotoren wird Kaltluft durch ein Gebläse auf die Zylinder gelenkt. Beim "Saporoschjez" -Motor wird hingegen die warme Luft von den Zylindern abgesaugt, so daß ständig Kaltluft nachströmt.

Neuer sowjetischer Kleinwagen Saporoschjez, italienischer Fiat 600: Motor noch VW-Vorbild


DER SPIEGEL 30/1960
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