03.08.1960

KONGO / LUMUMBADer heiße Ziegelstein -

Brüllend und bittend, drohend und beschwichtigend reist der schlaksige, ziegenbockbärtige Neger durch die Provinzen seines ruinierten Reiches. Durch Savannen und Urwälder, mit Flugzeug und Auto, in elegantem Europäer-Dreß oder einer Häuptlingstracht, in der er den Amerikanern wie ein dunkelhäutiger, bebrillter Davy Crockett* vorkommt. Patrice Emergy Lumumba, der Welt jüngster und umstrittenster Ministerpräsident, geistert durch die Kraterlandschaft der kongolesischen Unabhängigkeit, nur ein Ziel vor Augen: die Einheit der Vier -Wochen-Republik am Kongo zu erhalten.
Wo immer er auftaucht, weicht das Chaos für einen kurzen Augenblick. Die Marodeure lassen von ihren Plünderungen ab, die Ausgeraubten richten sich auf, und das Tam-Tam der Urwaldtrommeln bejubelt den kraushaarigen
Messias, der sich als einziger fähig dünkt, 14 Millionen politischer Analphabeten zu disziplinieren.
Wenn er freilich seinen schwarzen Brüdern wieder den Rücken kehrt, dann ergreifen erneut die lokalen Götter von den Negerseelen Besitz. Denn in der jungen Kongo-Republik, nach 75 Jahren belgischer Herrschaft zur Freiheit verurteilt, reicht die Autorität Lumumbas nicht weiter als der Schall seiner Stimme.
Ihn - halb Scharlatan, halb Missionar - vermag jedoch nichts zu entmutigen. Gleichmütig läßt er sich von belgischen Kolonialisten-Fäusten ins Gesicht schlagen, schweigend hört er zu, wenn man ihn - die schlimmste Beleidigung für einen Kongolesen - einen "Macaque" ("Affen") nennt.
Ungestraft darf ihn der separatistische Innenminister der abgefallenen Provinz Katanga an der Landung hindern und ihm vom Kontrollturm des Flugplatzes aus nachrufen, "dieser Kerl" habe schon genug Menschenleben auf dem Gewissen. Und ohnmächtig sieht er sich dem neckischen Spiel seines belgischen Piloten ausgeliefert, der in der vorletzten Woche den Ministerpräsidenten auf dessen Grashüpfer-Tour von Stadt zu Stadt just immer dort hinflog, wo ihn mit Sicherheit belgische Bajonette erwarteten.
Klagte Lumumba in einem seltenen Augenblick der Entmutigung: "Ich spreche mit Tränen in den Augen. Ich habe seit zehn Tagen nicht mehr geschlafen und gegessen."
Angesichts seiner Machtlosigkeit bleibt dem Premier der Kongo-Republik nur die Waffe der Deklamation. Täglich produziert Lumumba ein Mindestsoll von Ultimaten an Freund und Feind, stündlich pulvert er sich mit oft grotesken Drohungen auf - allzeit bereit, im kongolesischen Staatsinteresse "mit dem Teufel, nicht aber mit den Belgiern zu paktieren".
Die Politik der Ultimaten ist dem Mann, der die Uno-Truppen ins Land rief und deren Operationen durch Drohungen mit einer Sowjet-Intervention beschleunigte, derart zur zweiten Natur geworden, daß er kürzlich prahlen konnte: "Ich bin der erste Mensch, der den Vereinten Nationen ein Ultimatum gestellt hat."
In solchem donquichottischen Treiben drückt sich die Entschlossenheit Patrice Emergy Lumumbas aus, jene Einheit der Kongo-Republik zu retten, die erschüttert ist, seit die Meuterer der kongolesischen Ordnungstruppe "Force publique" sechs Tage nach der Unabhängigkeitserklärung der ehemals belgischen Kolonie - am 6. Juli - den bisher größten Urwaldbrand des politischen Afrika entfacht haben.
Die Auflösungserscheinungen in dem von Hungersnot Rassenmord und Seuche bedrohten Kongostaat sind offenkundig:
- Die reiche Uran- und Kupferprovinz Katanga erkennt nicht mehr die Autorität der Zentralregierung Lumumbas an,
- die Führer der Provinzen Kasai und Kivu spielen ebenfalls mit dem Gedanken, an die Stelle des kongolesischen Einheitsstaates eine lose Föderation fast autonomer Provinzen zu setzen, und auch
- das ehemals belgisch verwaltete UN -Mandatsgebiet Ruanda-Urundi will dem Beispiel Katangas folgen.
"Der Kongostaat fällt auseinander", erklärte ein Beamter des britischen Generalkonsulats in Léopoldville. "Der Kongostaat ist zur Stunde ein Körper ohne Kopf. Alles ist zerstört. Alles ist Chaos." Und in der "New York Times" malte bereits der britische Afrika-Romancier Stuart Cloete schwarzseherisch die möglichen Folgen der kongolesischen Desintegration aus:
"Nicht einmal alle Pferde des Königs und alle Männer des Königs werden das Kongogebiet zusammenflicken können. Die Leoparden- und Krokodilmenschen werden wiederkommen, der Kannibalismus kehrt zurück, und das große Kongobecken versinkt neuerlich in Schlaf."
Derartige Formulierungen knüpfen bewußt oder unbewußt an die zynische Kolonialisten-Prophetie an, wonach der fast Indien-große Kongostaat auseinanderfallen werde, sobald ihn die Faust des belgischen Kolonialherrn nicht mehr zusammenhalte. "Ob der Kongo jemals als eine politische Einheit fortleben könnte, war immer zweifelhaft", erinnerte sch jüngst der britische "Daily Telegraph".
Die einzige Hoffnung, die dem Lumumba in dieser nahezu trostlosen Situation geblieben ist, präsentierte sich am Donnerstag letzter Woche auf dem Flugplatz
von Léopoldville: Uno-Generalsekretär Dag Hammarskjöld landete dort, um "die größte Einzelaktion" in Angriff zu nehmen, "die jemals unter der Flagge der Vereinten Nationen veranstaltet, von den Vereinten Nationen organisiert und geleitet worden ist".
Der Stolz, der in Hammarskjölds Worten widerklang, war nicht unberechtigt. Zum erstenmal in der Weltgeschichte ist eine Institution, in der beinahe die ganze Menschheit repräsentiert ist, berufen worden, einem ganzen Staat Ruhe und Ordnung wiederzugeben. So deutlich hat sich noch niemals zuvor das Fernziel der Uno als einer Art Weltregierung abgezeichnet.
Vergleichbar mit dem Uno-Einsatz im Kongo ist nur die Uno-Aktion des Jahres 1956, durch die der damalige ägyptisch-israelische Krieg beendet wurde. Die Uno formierte damals aus Truppenverbänden neutraler Länder wie Jugoslawien und Schweden eine Art Weltpolizei - eine Einrichtung, um die bis dahin in den Uno-Gremien in unendlichen Debatten hoffnungslos gerungen worden war. Die tödliche Gefahr eines dritten Weltkriegs machte indes die Etablierung jener Uno-Verfügungstruppe unerläßlich.
Die Uno-Aktion im Kongo, auch sie ihrerseits durch die Gefahr eines Weltkonflikts beschworen, ist aber mehr als ein Weltpolizei-Einsatz. Wirklicher Verwaltungschef des Kongos ist heute Ralph Bunche, amerikanischer Neger von Herkunft, US-Diplomat der Karriere nach und heute Uno-Funktionär von Beruf und aus Leidenschaft. Unter der dürftigen Bezeichnung "Technische Administration" versuchen seine Helfer, Wirtschaft, Verwaltung und Ordnungsdienste des Kongos aufrechtzuerhalten. Hinter der löcherigen Fassade der kongolesischen Regierung zeichnet sich ein diskretes Uno-Management ab.
Wahrscheinlich wird es so bald nicht abgelöst werden - vornehmlich aus einem Grund: Lumumbas Interessen sind, trotz mancher seiner Bock- und Seitensprünge, unverkennbar mit denen der Uno identisch.
Der Uno-Einsatz im Kongo geht rechtlich auf einen Appell Lumumbas an die Vereinten Nationen zurück. Lumumba war zu diesem Appell als Regierungschef des ungeteilten Kongo-Staates legitimiert, der durch den Freundschaftsvertrag zwischen dem Kongo und Belgien zustande gekommen war. Dieser Unabhängigkeitsvertrag ist heute das einzige Recht, das es im Gebiet der ehemaligen belgischen Kolonie Kongo gibt und mithin auch die einzig denkbare Rechtsbasis für den Uno-Einsatz. Das aber bedeutet, daß die Uno ihren Auftrag rechtmäßig nur auf den gesamten Kongo beziehen kann und es schwer haben dürfte, wollte sie etwa das separatistische Katanga aus ihrer Tätigkeit ausklammern.
Zweifellos ist dies zunächst einmal nicht viel mehr als eine Prinzipienerklärung, noch dazu eine, die weder Hammarskjöld noch Bunche bisher klar ausgesprochen hat. Indes, sollte die Uno von dem Recht abweichen, das sie zum Einsatz im gesamten Kongo verpflichtet, so könnten die Folgen bedrohlich sein. Ohne Zweifel würden die Sowjets jede Maßnahme, die einer Anerkennung oder auch nur Duldung des Katanga-Separatismus gleichkäme, als
eine Machenschaft der Westmächte zugunsten der "belgischen Imperialisten" anprangern. Die Uno würde in den Geruch eines Instruments des "westlichen Imperialismus" geraten.
In dieser Perspektive liegen die Gründe dafür, daß die Uno sich mit Lumumbas Einheitsstreben identifizieren muß, und liegt umgekehrt der Grund dafür, daß Lumumba seine Hoffnung auf die Uno setzt.
Die Uno ist freilich damit im Kongo auf ein höchst umstrittenes Ziel fixiert. Tatsächlich ist kein afrikanisches Verwaltungsgebiet wahlloser zusammengeschustert worden als der heutige Kongostaat mit seinen 500 Negerstämmen und 200 Idiomen ohne allgemein verbreitete Verkehrssprache, ein Sammelsurium von
Gebieten, die stets auseinanderstrebten, weil sie das Lineal kolonialer Grenzzieher aus ihren natürlichen Zusammenhängen herausgestrichen hatte.
Nur die harte Zucht der belgischen Kolonialverwaltung konnte lange Zeit vergessen machen, daß Belgisch-Kongo nicht eine Kolonie war, sondern eine Union von sechs oder - rechnet man das Mandatsgebiet Ruanda-Urundi hinzu sieben Kolonien. In den Provinzen lebte kein Staatsvolk, das etwa den Verlust seines gemeinsamen Vaterlandes beklagte, wohl aber ein Gemengsel von Negerstämmen, die wie eh und je gegeneinander auf Kriegspfad zogen.
Ethnographisch und auch wirtschaftlich gehören die Teilgebiete des Kongostaates eher benachbarten Räumen an, so etwa
- tendiert der Untere Kongo zu Portugiesisch-Angola und Französisch-Kongo,
- verbinden historische Beziehungen Ruanda-Urundi mit den britisch verwalteten Gebieten Uganda und Tanganjika,
- ähnelt die kongolesische Provinz
Kivu dem Hochland Kenias, und
- bildet die Provinz Katanga eine natürliche
Fortsetzung des nordrhodesischen Kupfergürtels.
Bis zum Spätsommer vergangenen Jahres, als Brüssel eine neue Kolonialpolitik beschloß, hatte jedoch die belgische Kolonialverwaltung alle separatistischen Bestrebungen in den Kongo-Provinzen rigoros unterdrückt.
Der stellvertretende Generalgouverneur Schoeller vereitelte drei Versuche der schwarzen Führer Katangas, das Uran- und Kupferdorado vom Kongogebiet loszutrennen. Schoeller, nach der Gründung der unabhängigen Kongo -Republik zum belgischen Konsularattaché in Katanga ernannt, war denn auch der einzige Belgier, der sich nach der Abspaltung Katangas mit Separations-Boß Tshombé überwarf und das Land verließ.
Ebenso hartnäckig verfolgten die Belgier die Bestrebungen des heutigen Staatschefs Kasavubu, der an der Mündung des Kongostroms einen Separatstaat gründen wollte. Die belgischen Behörden nahmen sogar Anstoß daran, daß Kasavubu nach den ersten kongolesischen Kommunalwahlen zu seinen Ehren Salven abschießen ließ und, auf einem Leopardenfell sitzend, seine Kohorten mit einem Schwert empfing, das einem Kongo-König des 15. Jahrhunderts gehört hatte.
Kasavubu, von seinen Anhängern "König" genannt, will nämlich jenes Kongoreich (unter Einschluß beträchtlicher Gebiete Französisch-Kongos und Portugiesisch-Angolas) wiederherstellen, das im ausgehenden Mittelalter zu den mächtigsten Staaten des dunklen Kontinents zählte und diplomatische Vertretungen an den Höfen Europas unterhalten hat.
Im Januar 1959 schlugen die Anhänger Kasavubus los, um sich von der belgischen Vormundschaft zu befreien und den Kongoreich-Träumen ihres Anführers eine Gasse zu bahnen. In der Regierungsmetropole Léopoldville brachen blutige Straßenkämpfe aus; erst durch den Einsatz großer Truppeneinheiten konnte Belgiens Generalgouverneur den Aufstand ersticken. Kasavubu und seine Unterführer verschwanden hinter den Mauern belgischer Gefängnisse.
Die Ironie der Geschichte aber wollte, daß just dieser Aufstand zu einem Wendepunkt der belgischen Kolonialpolitik wurde: Die bitteren Feinde des kongolesischen Separatismus verwandelten sich gleichsam über Nacht in dessen wärmste Freunde.
Aus Furcht vor einem drohenden Kolonialkrieg und ohne Rücksicht auf den Bildungsstand der Kongolesen ließen die Belgier, wie ein belgischer Redakteur formulierte, ihre Kolonie "wie einen heißen Ziegelstein fallen".
Seit dem Sommer 1959 war der belgische Staat entschlossen, sich aus dem Kongogebiet zurückzuziehen, freilich auf eine Art, die das gewaltige wirtschaftliche Imperium belgischer Staatskonzerne und Mammutfirmen nicht antastete. An der Brüsseler Börse tauchte
eine verführerische Parole auf: "Wir gehen, um zu bleiben."
Das belgische Industrie- und Rohstoffimperium ließ sich jedoch nur sichern, wenn es gelang, die an Kapital und Steuern interessierten lokalen Machthaber des Kongogebiets für Belgien zu gewinnen. Die Brüsseler Kapitalisten sahen richtig voraus, daß keine schwarze Zentralregierung die Macht der belgischen Monopole unbeschnitten lassen würde. Die Provinzen dagegen würden kaum bereit sein, ihre Einnahmen aus belgischen Unternehmen an die Zentrale abzuführen.
Auf diesen natürlichen Egoismus der Provinzen baute der neue belgische Plan. Brüssel forderte deshalb, die künftige Kongo-Republik müsse möglichst föderalistisch gegliedert sein - mit anderen Worten: den örtlichen Potentaten weitgehende Befugnisse zugestehen.
In diese Pläne aber polterte nun ein Mann hinein, der keineswegs bereit war, die verschleierte Herrschaft des belgischen Staatskapitalismus im Kongogebiet zu dulden: der Nationalistenführer und Brauerei-Direktor Patrice Emergy Lumumba.
Die Bereitschaft Belgiens, seiner 75jährigen Kolonie die politische Unabhängigkeit zu gewähren, mußte dem Bauernsohn Lumumba als die Verwirklichung eines Traumes erscheinen, dem er die besten Jahre seines Lebens gewidmet hatte. Zweimal in den Kerker geworfen, von belgischen Gefängniswärtern geschlagen, der Unterschlagung angeklagt und von den Rivalen in seiner eigenen Parteikommunistischer Neigungen verdächtigt, stand Lumumba seit zwei Jahren an der Spitze der kongolesischen Freiheitsbewegung.
1925 am Rande Sankurus in der kongolesischen Provinz Kasai geboren, hatte er zunächst den Weg aller "Evoluierten", wie man die hauchdünne Schicht der kongolesischen Intelligenz nennt, genommen. Er besuchte protestantische und katholische Missionsschulen, die ihm Mittelschulbildung vermittelten, las sich als Autodidakt durch Handbücher hindurch und bewarb sich schließlich um eine Anstellung beim Postscheckamt in der nordkongolesischen Stadt Stanleyville.
Seine politische Leidenschaft, die sich schon früh von einem antibelgischen Ressentiment nährte, offenbarte sich erstmalig, als Lumumba in Stanleyville eine Art Partei gründete: den "Freundschaftskreis der (afrikanischen) Liberalen". Lumumba gebärdete sich antiklerikal und gewann dadurch die Sympathien des belgischen Kolonialministers Buisseret, eines Liberalen, der Lumumbas Abneigung gegen die christlichen Missionsschulen im Kongogebiet teilte.
Buisseret sorgte auch dafür, daß Lumumba dem Belgier-König Baudouin auf dessen Kongoreise 1955 vorgestellt wurde. Im Garten des Gouverneurspalastes in Stanleyville unterhielt sich der König mit dem auffallend intelligenten Postbeamten unter vier Augen. Die junge Majestät fand den Kongolesen so sympathisch, daß sich der doppelt protegierte Nationalist kurze Zeit darauf nach Belgien eingeladen sah.
Die derartig erfolgreich begonnene Politiker-Karriere erlitt jedoch eine jähe Unterbrechung. Kurz vor seiner Abreise
nach Belgien wurde Lumumba verhaftet und der Unterschlagung von 126 000 belgischen Franc überführt. In dem Verfahren - ein Gericht verurteilte den späteren Ministerpräsidenten zu zwei Jahren Zwangsarbeit - verteidigte sich Lumumba mit der provozierenden Erklärung, er sei nur dem Beispiel der belgischen Kolonialherren gefolgt, die sich seit Jahrzehnten am kongolesische Nationaleigentum bereicherten.
Die schwarzen Nationalisten von Stanleyville sahen den Diebstahl ihres Anführers nicht als ehrenrührig an. Si veranstalteten eine Kollekte, deren Erlös dazu benutzt wurde, der Postbehörde die veruntreute Summe zurückzuzahlen und die Unterhaltskosten für Lumumba Frau und drei Kinder zu begleichen.
Als das Gerichtsurteil abgemildert wurde, zog Lumumba in die Regierungshauptstadt
Léopoldville, wo er bei der belgischen Brauerei Bracongo den Posten eines Verkaufsdirektors übernahm. Kurz darauf schaltete er sich in das Palaver der Stammeshäuptlinge und Lokalpolitiker um die Führung der kongolesischen Unabhängigkeitsbewegung ein.
Das Gezeter der schwarzen Feudalisten, die - bis dahin mit den Belgiern verbündet - nur ihre traditionellen Vorrechte in die neue Zeit hinüberretten wollen, stieß jedoch Lumumba ab. Er sammelte einen Kreis sozialistisch gefärbter Intellektueller um sich und begann in den Bars der Negerstadt von Léopoldville die Schwarzen aufzuputschen.
Lumumba krakeelte: "Unabhängigkeit, wenn ihr betet, Unabhängigkeit auf euren Mauern, auf den Taxis, überall. Und wenn ihr einem Mädchen den Hof macht, dann vergeßt nicht das Wort Unabhängigkeit."
Als die belgische Kolonialverwaltung ihren schwarzen Untertanen zum erstenmal die Abhaltung beschränkter Kommunalwahlen erlaubte, sah Patrice Lumumba seine Stunde gekommen. Er berief Versammlungen kongolesischer Evoluierter ein, die einem Protestbrief Lumumbas an den belgischen Generalgouverneur zustimmten, in dem größere Freiheit für die Kongolesen gefordert wurde.
Der Protestbrief Lumumbas wurde zum Gründungsdokument der "Kongolesischen Nationalbewegung" (Mouvement National Congolais, abgekürzt MNC), die sich am 10. Oktober 1958 konstituierte und bald den linksextremen und fortschrittlichsten Flügel der schwarzen, Unabhängigkeitsbewegung bildete. Lumumba war entschlossen, sich mit Hilfe des MNC an die Spitze des Kongostaats zu hieven.
Die erste Anerkennung durch Afrika blieb denn auch nicht aus: Zwei Monate nach der MNC-Gründung wurde Parteichef Lumumba zu dem Mann eingeladen, den er stets als sein Vorbild gefeiert hatte: dem Ghana-Präsidenten Kwame Nkrumah. Ihm war es als erstem afrikanischen Politiker gelungen, sein Land aus den Fesseln der Fremdherrschaft zu lösen, ohne dabei die Sympathien der ehemaligen britischen Kolonialherren zu verlieren.
In Ghanas Hauptstadt Accra, wo sich im Dezember 1958 eine panafrikanische Konferenz versammelte, warnten die beiden Zwillingshäupter des afrikanischen Nationalismus, Nkrumah und Guineas Sekou Touré, den schlangenglatten Kongolesen allerdings, die Schwierigkeiten der nationalen, Unabhängigkeit zu unterschätzen; der Kongo sei für die Selbstverwaltung noch nicht reif.
Der Vortrag Nkrumahs an die Adresse seines jungen Adepten lief auf die These hinaus, dem Kongogebiet könne zur Zeit nichts Unangenehmeres widerfahren als die sofortige Gewährung voller Unabhängigkeit. Dem Kongogebiet fehlten in der Tat alle Voraussetzungen, die den Erfolg des ghanesischen Freiheitsexperiments ermöglicht hatten, nämlich
- eine zentralistische Einheitspartei mit
einem begeisternden Führer,
- ein machtpolitischer Unterbau durch Gewerkschaften und Genossenschaften,
- ein Verwaltungsapparat, der in der
- Lage ist, den Übergang von der feudalistischen
Stammesgesellschaft ("Tribalismus") zum modernen Industriestaat zu gewährleisten.
Auch Lumumba konnte sich nicht der Erkenntnis verschließen, daß der Tribalismus die größte Gefahr sei, die der kongolesischen Unabhängigkeit drohte: Die belgische Kolonialverwaltung hatte sich stets der traditionellen Stammeseinflüsse bedient, um das Land leichter beherrschen zu können; fiel indes die Klammer der weißen Herrschaft fort, so zerbrach der Staat möglicherweise in einen Haufen rivalisierender Negerstämme.
Gerade die belgische Kolonialmacht hatte nichts unternommen, um ihre schwarzen Untertanen auf die Unabhängigkeit vorzubereiten. 16 schwarze Akademiker und Fachschulabsolventen standen einer Masse von 14 Millionen Kongolesen gegenüber, die noch kaum begriffen hatten, was das Wort Unabhängigkeit bedeutet. Konsequent hatten die Belgier dem Kongo Hochschulen und Universitäten versagt, jedes politische Leben unterdrückt und damit die Kongolesen bewußt von allen Daseinsformen westlicher Zivilisation abgeschnitten.
Aus solchem Unvermögen folgerte Lumumba, nur ein straffer Einheitsstaat und eine starke Zentralregierung könnten die künftige Kongo-Republik zusammenhalten. Zu den wichtigsten Programmpunkten der Kongolesischen Nationalbewegung gehörte darum der unbarmherzige Kampf gegen die Stammestraditionen und den regionalen Separatismus.
Landauf, landab reiste Einheits-Apostel Lumumba, um den Massen einzuschärfen, nur als einheitliches Gebilde habe das Kongogebiet überhaupt die
Chance, den Fesseln der weißen Kolonialherrschaft zu entwachsen. Während die anderen schwarzen Parteiführer des Kongo-"König" Kasavubu im Westen und Katanga-Chef Tshombé im Süden - ausschließlich ihre provinziellen Interessen verfolgten, wurde Patrice Emergy Lumumba zum überlebensgroßen Symbol des kongolesischen Einheitsstaates.
Lumumba hatte zudem erkannt, daß er selber nur auf dem Wege über den Einheitsstaat an die Macht gelangen könne. Da er in keiner Provinz fest verwurzelt war, konnte ihm lediglich der fanatische Appell an die kongolesische Einheit jenen Zulauf bringen, der ihn zum mächtigsten Mann in der Zentrale Leopoldville werden ließ. Lumumba war verurteilt, mit der Einheitsparole entweder zu siegen oder unterzugehen.
Diese unitarische Konzeption aber drohte nun an der föderalistischen Politik des belgischen Kongo-Ministers Maurice Van Hemelrijck zu scheitern, der beauftragt war, die Kolonie auf ihre Unabhängigkeit vorzubereiten.
Van Hemelrijck demonstrierte auf einer Afrikareise im März 1959, wie sehr Belgien bereit war, föderalistische Tendenzen im Kongo zu fördern. Er holte persönlich den Bakongo-Föderalisten Kasavubu und dessen Unterführer aus dem Gefängnis und schickte die Schwarzen nach Belgien, wo sie auf Staatskosten Studienfahrten unternehmen durften.
Lumumba durchschaute das Manöver und reagierte prompt: In Luluabourg rief er im April 1959 den ersten Kongreß der kongolesischen Parteien zusammen und setzte eine Resolution durch, in der sich die dort vertretenen Parteien für einen kongolesischen Einheitsstaat aussprachen. In einer weiteren Resolution wurde gefordert, bis zum 1. Januar 1961 müsse eine kongolesische Regierung im Amt sein.
Kurz darauf ausbrechende Unruhen - sie sollen von Belgien manipuliert worden sein - erlaubten jedoch den Kolonialbehörden, ihren schärfsten Rivalen auszuschalten. Lumumba wurde wegen Aufreizung zum Ungehorsam ins Gefängnis geworfen, während sich die Belgier beeilten, mit den übrigen Parteiführern die Unabhängigkeit der künftigen Republik auszuhandeln.
Auf der Brüsseler Round-Table-Konferenz, zu der im Februar dieses Jahres 81 kongolesische Politiker geladen waren, zeigte sich allerdings bald, daß eine Lösung des Kongo-Problems ohne Patrice Lumumba nicht möglich war. Die Einkerkerung Lumumbas hatte dem MNC-Chef eine solche Märtyrer-Rolle eingetragen, daß kein Kongolese wagte, ohne ihn in Brüssel zu verhandeln.
Lumumba wurde aus dem Gefängnis geholt, und seinen diplomatischen Künsten gelang es nun, die Belgier auf eine Lösung des Kongo-Problems festzulegen, die im Grunde den Absichten Brüssels widersprach. Im belgisch-kongolesischen Freundschaftsvertrag vom Februar 1960, der Gründungsurkunde des unabhängigen Kongo-Staates, bekannte sich Brüssel zum Prinzip des Einheitsstaates.
Gleichwohl setzten die belgischen Kolonialbehörden alles daran, die Wahl Lumumbas zum ersten Ministerpräsidenten der Kongo-Republik zu hintertreiben. Es war offenkundig, daß die Kolonialbehörden Lumumbas Gegner - unter ihnen vor allem Kasavubu - während der Parlamentswahlen im Juni einseitig bevorzugten.
Die Anti-Lumumba-Fronde brach jedoch angesichts der offensichtlichen Popularität des Einheits-Apostels zusammen. Der Opportunist Kasavubu
konnte sich gerade noch rechtzeitig von den Frondeuren lösen, um sich als Staatspräsident mit Premier Lumumba die Macht zu teilen.
Der Start der kongolesischen Unabhängigkeit am 30. Juni beendete freilich nicht den unterschwelligen Kampf zwischen den Belgiern und Lumumba. Die Auseinandersetzungen verlagerten sich nun vielmehr auf eine gefährliche Rennbahn: Belgier und Lumumba lieferten sich einen erbitterten Kampf um die Kontrolle über jenes Machtmittel, das schließlich zum auslösenden Moment der kongolesischen Katastrophe wurde: die "Force publique".
Belgien hatte das Wagnis der kongolesischen Unabhängigkeit nicht zuletzt deshalb unternommen, weil es der Verläßlichkeit der kolonialen, von belgischen Offizieren kommandierten Streitmacht "Force publique" mit ihren 25 000 Mann blindlings vertraute. Der belgische Fetischglaube an die schwarze Söldnertruppe und deren rauhbeinigen Kommandeur, General Emile Janssens, schien insofern gerechtfertigt, als die "Force publique" unpolitisch war und in der Erinnerung an militärische Heldentaten von einem naiven martialischen Nimbus lebte.
Eben diese unpolitische Tradition verlockte auch Belgiens Gegenspieler Lumumba, die Truppe des Generals Janssens in seine Pläne einzubeziehen: Da die "Force publique" das einzige Machtmittel im Staate war, schien sie nachgerade dazu prädestiniert, dem machtlosen Kongo-Premier Autorität zu verleihen.
Obwohl die 1891 vom Belgier-König Leopold II. gegründete Truppe schon zweimal - 1897 und 1944 - gemeutert hatte, zweifelte niemand ernstlich an der Treue ihrer schwarzen Söldner. Noch während des Léopoldviller Aufstands der Anhänger Kasavubus im Januar 1959 hatte sich die Truppe bewährt, den
Aufstand brutal niedergeschlagen und dabei 200 Afrikaner getötet.
Seitdem sahen sowohl Lumumba als auch die Belgier in der "Force publique" ein Elitekorps, dessen sie sich für ihre freilich höchst unterschiedlichen Zwecke bedienen könnten - was sich als verhängnisvoller Irrtum erwies: In Wirklichkeit war die Disziplin der schwarzen Legionäre schon längst nicht mehr intakt.
Schon Mitte Mai wußte "Nsango Ya Bisu", das in der Lingala-Sprache gedruckte Blatt der kongolesischen Soldaten, von Anzeichen der Aufsässigkeit zu berichten, deren Ursache die "unzureichende Beförderung der Kongolesen" sei. Zur gleichen Zeit druckte die kongolesische Zeitung "Emancipation" Briefe ab, in denen sich die Legionäre beklagten, als "Sklaven der Disziplin" von der neuen schwarzen Herrenschicht vergessen worden zu sein.
Kongolesische Unteroffiziere richteten im Juni einen Protestbrief an den belgischen Generalgouverneur Cornelis: "Die kongolesischen Soldaten wünschen befördert zu werden, sie wollen besseren Sold und verlangen, daß alle Spuren der Diskriminierung in der 'Force publique' verschwinden."
Sogar an den großdeutschen Führer erinnerten sich die Korporale: "Hitler, Adolphe, war nur ein einfacher Korporal, als er die Befreiungs-Kampagne des ganzen Volkes führte. Sein Name ist verewigt bis ans Ende der Welt. Freunde, vergeßt diese Lektion nicht."
Auch Premier und Verteidigungsminister Lumumba wurde in den Leserspalten der "Emancipation" attackiert, weil er erklärt hatte, daß "ein gemeiner Soldat nicht ohne weiteres Armeegeneral werden" könne. Die Briefschreiber drohten dunkel, der Tag der Unabhängigkeit werde Überraschungen bringen, falls die "Force publique" keine schwarzen Offiziere erhalte: "Der Kongo wird ein totales Massaker erleben, genauso wie in Algerien."
Doch Lumumba erkannte nicht die Mißstimmung in der "Force publique", weil er nur von dem Gedanken beherrscht wurde, das einzige Machtmittel der neuen Kongo-Republik in die Hand zu bekommen, mit dem er sich gegen die separatistischen Tendenzen durchsetzen konnte. Am Morgen des 6. Juli machte er sich darum zu einer Fahrt in die bei Leopoldville gelegene Kaserne "Leopold II." auf, um die Soldaten für sich zu gewinnen.
Statt sich jedoch von der Redegewalt des kongolesischen Messias gefangennehmen zu lassen, begegneten die schwarzen Legionäre ihrem Ministerpräsidenten mit offensichtlicher Feindschaft.
In kurzer Zeit sah sich Lumumba von meuternden Soldaten umringt, die ihre Gewehre abschossen, mit dem Koppelzeug über belgische Offiziere herfielen und nicht einmal vor dem Führer des kongolesischen Nationalismus haltmachten. Die von Malafu-Fusel hochgeputschten Soldaten brüllten: "Hängt Lumumba auf!"
Noch hoffte der Ministerpräsident, durch eine allgemeine Rang- und Solderhöhung die Unruhestifter besänftigen zu können, da zeigten Blitzdepeschen aus allen Landesteilen, daß sich der Kongo im Aufstand befand. In Thysville, in Stanleyville, in Elisabethville, in Matadi - überall hatten Einheiten der "Force publique" gemeutert, Häuser angezündet und Weiße überfallen.
In wenigen Tagen zerbrach die Autorität der alten und neuen Herren. Die 105 000 weißen Siedler, Ingenieure und Verwaltungsbeamten, ohnehin über die neue Kolonialpolitik Brüssels beunruhigt und empört, verloren die Nerven und strömten in großen Heeres-Säulen aus dem Hexenkessel hinaus. Die oft mangelnde Zivilcourage der Weißen erhöhte noch das Chaos.
Die zügellose Flucht der weißen Bevölkerung machte besonders deutlich, daß Lumumba mit der Meuterei der "Force publique" das einzige Instrument verloren hatte, durch das er allein Autorität hätte ausüben können.
Die Truppe zerfiel und mit ihr der sechs Tage alte Einheitsstaat am Kongo.
Kaum war die Meuterei ausgebrochen, da begannen sich die einzelnen Provinzen des Landes von der diskreditierten Zentralregierung in Léopoldville abzuwenden. Katanga machte den Anfang, jene reiche Uran- und Kupferprovinz im Süden des Reiches, ohne die eine Kongo-Republik nicht lebensfähig ist.
Katangas Abfall war offensichtlich so gut vorbereitet worden, daß Lumumba in ihm den Schlußakt einer weitverzweigten Intrige Brüssels sehen mußte, die bezweckte, Belgiens Wirtschaftspositionen am Kongo um jeden. Preis zu halten.
Katanga war stets die Schatzkammer Belgisch-Kongos gewesen, hier konzentrierte sich das belgische Wirtschaftsimperium in Afrika. Sechzehnmal so groß wie Belgien und benannt nach einem
am Tanganjika-See ansässigen Häuptling namens Katanga, war die Provinz erst spät - 1892 - der Kolonie einverleibt worden. Einem Einfall des Kongostaat-Gründers Leopold II. hatte das trockene Savannengebiet zu verdanken, daß es sich bald zu einem der reichsten Bergwerks- und Grundstoffindustrie-Länder der Erde entwickelte.
Der Belgier-König vergab große Ländereien der Provinz an belgische Gesellschaften, die Katangas Bodenschätze ausbeuten durften und dafür die öffentliche Hand als Teilhaber aufnehmen und am Gewinn beteiligen mußten. Der belgische Staat behielt in der. Regel die Aktienmehrheit dieser Gesellschaften, und so entstand allmählich in Katanga das größte staatskapitalistische Reich im kolonialen Afrika.
Beherrschende Macht in Katanga war das 1901 gegründete "Comité special du Katanga" (CSK), das allein 45 Millionen Hektar katangesischen Bodens verwaltete (Gesamtgröße Katangas: 49,7 Millionen Hektar). Das CSK vergab die Konzessionen an belgische Firmen, vor allem aber an die Bergwerkgesellschaft "Union Minière du Haut-Katanga", die auch nach der Gründung der Kongo -Republik als die eigentliche Herrin der Provinz gelten muß.
Dank dem industriellen Ingenium der belgischen Unternehmen
- ist die Provinz Katanga der größte
Uranproduzent der Welt,
- steht sie in der Rangliste der internationalen Kupferproduktion an vierter Stelle,
- kontrolliert sie 90 Prozent der Weltproduktion an Industrie-Diamanten und
- 80 Prozent der Kobaltproduktion.
Belgiens staatskapitalistische Unternehmen in Katanga waren freilich umsichtig genug, ihre Herrschaft durch ein vorbildliches Sozialsystem gegen den schwarzen Nationalismus abzuschirmen. Von der Hilfe bei Frühgeburten durch moderne Brutöfen bis zu Klubräumen und Sportplätzen für Arbeiter bietet die "Union Minière" ihren Leuten die besten Arbeitsbedingungen Afrikas.
Zudem zogen die belgischen Firmen in das menschenleere Land (gegenwärtige Bevölkerung: 1,5 Millionen) Arbeitskräfte aus allen Gegenden des Schwarzen Kontinents. Der deutsche Afrikareisende Sven von Müller war "stark beeindruckt von der Energie und Großzügigkeit, mit der diese Gesellschaft (Union Minière) ... die Arbeiterfrage zu lösen sucht". Ein kongolesischer Patriotismus konnte und sollte sich dabei nicht entwickeln.
Der kühle Egoismus der Industriearbeiter Katangas erleichterte dann auch den Belgiern, in der Provinz eine separatistische Abwehrfront gegen den Einheits-Apostel Lumumba aufzubauen. Da Katanga allein 66 Prozent des kongolesischen Nationaleinkommens aufbringt, lag das Argument nahe, die reiche Provinz wolle keine goldenen Eier für die landfremden Zentralisten in Léopoldville legen.
Die belgischen Kapitalisten hatten ihr Spiel gewonnen, als ihnen in dem 40jährigen Häuptlingsenkel und dreifachen Bankrotteur Moise Kapenda Tshombé ein Bundesgenosse erstand, der entschlossen war, die Provinz von der projektierten Kongo-Republik abzuspalten. Tshombé war Glücksritter genug, das Spiel gegen den kongolesischen Nationalismus zu wagen.
Millionär Tshombé war erst in die Politik gerutscht, nachdem er den Besitz seines Vaters - Plantagen, eine Kette von Einzelhandelsläden und ein Hotel
- durchgebracht hatte. 1957 ließ er sich
in den Provinzialrat von Katanga wählen, gründete die Eingeborenen-Partei Conakat und schrieb ihr die Eigenstaatlichkeit der Provinz aufs Panier.
Moise Tshombé, von den Kongolesen wegen seines Geschäftssinns und seiner Statur "Geldschrank" genannt, forderte schon auf der Brüsseler Konferenz im Februar, der neue Kongostaat müsse weitgehend föderalistisch organisiert werden und den Provinzen große Autonomie einräumen. Die Provinzen sollten sogar berechtigt sein, mit Belgien separate Verträge abzuschließen und ihre Finanzen selbständig zu regeln.
Zentralist Lumumba beschimpfte daraufhin Tshombé als einen "ferngelenkten Herold der Spaltung", dessen föderalistische Politik "verschleierter Separatismus" sei. Konterte Tshombé: "Die Bürger Katangas zahlen zwei Drittel der kongolesischen Steuern. Es ist nur gerecht, daß andere nicht frei über diesen Kuchen verfügen."
Dreimal versuchte "Geldschrank"
Tshombé vor der Unabhängigkeitserklärung des Kongo, die Provinz als selbständigen Staat zu etablieren. Die Belgier verhinderten die Manöver des Separatisten. Erst nach dem Ausbruch des Kongo-Chaos hatte Moise Kapenda Tshombé freie Fahrt in die selbstgewählte Unabhängigkeit.
Kaum hatte die Meuterei der "Force publique" auch auf die Gebiete Katangas übergegriffen, da beeilte sich Tshombé, seine Politik des "verschleierten Separatismus" unter dem Druck der belgischen und britischen "Union Minière"-Aktionäre in reale Tatsachen zu verwandeln.
Einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, seine Provinz an die britische Föderation von Rhodesien und Njassaland anzuschließen. Als indes London solche Pläne vereitelte, rief Tshombé, ohne sein Parlament zu fragen, am 11. Juli die "Unabhängige Republik Katanga" aus. Zur gleichen Stunde holte er belgische Truppen ins Land, die in wenigen Tagen die Ordnung wiederherstellten.
Damit aber war geschehen, was Patrice Lumumba in seinem abgrundtiefen Mißtrauen gegen Belgien immer befürchtet hatte: die von Brüssel forcierte Abspaltung einer Provinz vom Kongostaat. Daß es zugleich die reichste Provinz war, die sich von der Republik losgelöst hatte, verschaffte dem Separatisten Tshombé im kongolesischen Chaos eine Stellung, gegen die der machtlose Lumumba kaum aufkommen konnte.
Tatsächlich schien denn auch der Abfall Katangas nur der Beginn des republikanischen Trauerspiels am Kongo zu sein. Separations-Chef Tshombé konnte ein paar Tage später behaupten, daß sich auch die Provinzen Kasai, Kivu und das Mandatsgebiet Ruanda-Urundi von der Zentralgewalt lostrennen und mit Katanga zu einer Föderation vereinigen wollten. Belgiens Ministerpräsident Eyskens schickte bereits seinen stellvertretenden Kabinettschef zu Verhandlungen mit Katanga.
Separatist Tshombé stieß sofort offensiv nach: Er forderte das Ausland auf, die katangesische Unabhängigkeit anzuerkennen, berief die Politiker und Abgeordneten der Provinz aus den Zentralbehörden in Léopoldville ab und verhaftete jeden kongolesischen Politiker, der Katangas Boden betrat - selbst Lumumbas Außenminister Bomboko, der in die Katanga-Metropole Elisabethville geflogen war, um zwischen Lumumba und Tshombé zu vermitteln.
Tshombé ließ keine Gelegenheit vergehen, seine Unabhängigkeit zu demonstrieren. (In einem Schreiben, das er in der vergangenen Woche an den SPIEGEL richtete, strich er eigenhändig im Briefkopf "Provinz-Regierung von Katanga" das Wort "Provinz" aus.) Zudem konnte er nachweisen, daß in seinem Staat Ruhe und Ordnung herrschen. Belgier-Major Weber nach den Unruhen: "Ich werde Herrn Tshombé Katanga auf einem silbernen Tablett zurückreichen." Alle Berichte stimmen darin überein, daß Katanga eine Oase im kongolesischen Chaos ist (siehe Bericht Seite 38).
In dieser scheinbaren Todesstunde der Kongo-Republik suchte Lumumba verzweifelt durch Kaskaden geifernder Reden, ultimativer Kommuniques, alarmierender Telegramme und theatralischer Flugreisen die Staatseinheit zu retten. Da inzwischen auch die belgischen Truppen ins Land gerückt waren und Lumumba jeglicher Autorität beraubt hatten, beschloß der Premier, Tshombé und die Belgier durch einen einzigen diplomatischen Schlag unschädlich zu machen: Lumumba rief die Uno-Truppen ins Land.
Der Kongo-Premier telegraphierte an UN-Generalsekretär Dag Hammarskjold, er möge durch geeignete militärische und diplomatische Maßnahmen "die belgische Aggression" stoppen, worunter er
verstand, die Uno solle ihn von den Belgiern und dem belgisch-gestützten Gegenspieler Tshombé befreien.
Der Notruf Patrice Lumumbas elektrisierte nicht nur den UN-Chef Hammarskjöld, sondern auch die westlichen Großmächte, die offensichtlich befürchteten, der Zerfall des Kongostaates und die Separierung Katangas könnten in Zentralafrika - wie die "New York Times" formulierte - "einen Bürgerkrieg provozieren und die Großmächte in eine dem Koreakrieg vergleichbare Auseinandersetzung verwikkeln".
Angesichts solcher Befürchtungen fiel es Dag Hammarskjöld nicht schwer, afrikanische und neutrale Mächte für einen Einsatz im kongolesischen Chaos zu mobilisieren. Auf seine Initiative hin beschloß der Weltsicherheitsrat, Truppen zur Aufrechterhaltung der Ordnung in die Kongo-Republik zu entsenden. Wenige Tage später landeten erste Uno-Einheiten im Mündungsgebiet des Kongostroms.
So lösbar sich indes auch die Aufgabe erweisen wird, die belgischen Truppen im Kongostaat durch Einheiten der Vereinten Nationen abzulösen - erst die Regelung des Katanga-Problems wird zeigen, ob die Uno in der Lage ist, Ansätze für eine tragfähige Autorität im Kongogebiet zu schaffen
Unentwegt fordert Premier Lumumba, die Uno dürfe nicht auf halbem Wege stehenbleiben, sondern müsse die Aufgabe ganz lösen, deretwegen er die UN -Einheiten ins Land gerufen habe: die "belgische Aggression" zu beenden - mit anderen Worten: die Provinz Katanga für Lumumbas Kongostaat zurückzuerobern.
Lumumba begründet sein Ansinnen mit der Behauptung, die Organisation der Vereinten Nationen müsse dem Völkerrecht Geltung verschaffen. In der Tat: Machen die Uno-Einheiten an den Grenzen Katangas halt, so bricht die Weltorganisation geschriebenes Recht, nämlich den belgisch-kongolesischen Freundschaftsvertrag, in dem die Einheit und die Unverletzlichkeit der unabhängigen Kongo-Republik verbürgt sind.
Lumumbas panafrikanische Freunde Sekou Touré und Kwame Nkrumah fordern denn auch, die Uno dürfe auf keinen Fall die "belgischen Machenschaften in Katanga" legalisieren. Die panafrikanische Bewegung in jenen Kolonien, die noch nicht unabhängig sind, würde einen schweren Schaden davontragen, könnte Katanga ungestraft vorexerzieren, wie sich eine reiche, nur an Geschäften interessierte Provinz von den ärmeren Teilen des Staates lossagt und damit den Staat selber ruiniert.
Aber auch die Uno wäre gefährdet: Würde sie vom kongolesischen Unabhängigkeitsvertrag abweichen, dann könnten die schwarzen Uno-Soldaten aus Ghana, Abessinien und Guinea in der Weltorganisation nur noch einen verlängerten Arm des westlichen Kolonialismus sehen.
Nun muß freilich auch bedacht werden, daß sich Katanga-Separatist Tshombé zumindest formal juristisch mit dem Prinzip der nationalen Selbstbestimmung verteidigen kann. Mag auch die aus allen afrikanischen Gegenden zusammengeworbene katangesische Nation noch so fragwürdig sein - bisher hat sich in der Provinz kein Widerstand
gegen die Politik Tshombés geregt. Die stärkste Partei des Landes, Conakat, und die Großhäuptlinge der Negerstämme sind auf die Unabhängigkeit Katangas eingeschworen.
Tshombé weiß sich auch in der internationalen Politik von manchem Freund diskret unterstützt. In der vergangenen Woche gab sich Großbritanniens Außenminister Selwyn Lloyd als Freund zu erkennen, indem er öffentlich mahnte, man dürfe in der Katanga -Frage das Selbstbestimmungsrecht nicht ganz außer acht lassen.
Angesichts solcher Fallstricke versuchen sich inzwischen die Führer der Uno -Aktion durch eine beharrliche Schweigetaktik allen Erklärungen zu entziehen. Sie sind von Hammarskjöld angewiesen worden, jeder Festlegung in der Katanga-Frage auszuweichen.
Als Premier Lumumba den stellvertretenden UN-Generalsekretär Bunche aufforderte, er möge sofort Uno-Truppen nach Katanga beordern, erwiderte Bunche: "Wir haben keine Flugzeuge."
Der schwedische Uno-Kommandeur, General von Horn, der schon den Einmarsch seiner Truppen angekündigt hatte, mußte sich selber dementieren.
Diese Schweigetaktik gab Hammarskjöld in der vergangenen Woche auf, als er zum erstenmal durchblicken ließ, wie er sich die Lösung des Katanga-Problems vorstellt. Bei einem Besuch in Brüssel gab er seinen Gastgebern zu verstehen, daß zwar die belgischen Truppen Katanga räumen müßten, ihnen jedoch nur - und zwar erst nach Konsultierung Tshombés - "technisches Uno-Personal" folgen dürfe.
Mit diesem Manöver scheint Hammarskjöld eine Brücke bauen zu wollen, auf der schließlich Lumumba und Tshombé einen Kompromiß über den zukünftigen Staatsaufbau der Kongo-Republik aushandeln könnten.
Noch weigern sich freilich Lumumba und sein Gegenspieler, miteinander zu verhandeln. Ihr Feldgeschrei im Urwalddickicht des kongolesischen Chaos vermag jedoch nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die Soldaten und Techniker Hammarskjölds längst dazu übergegangen sind, den ersten Staat unter Uno-Management aus der Taufe zu heben.
* Berühmter amerikanischer Pionier (1786 bis 1836).
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DER SPIEGEL 32/1960
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