03.08.1960

BRATFISCH HAT WUNDERBAR GEPFIFFEN

Dem österreichischen Privathistoriker Peter Pötschner ist es nach zehnjährigen Nachforschungen gelungen, zum erstenmal eine plausible These über die Motive auszuarbeiten, die den österreichischen Kronprinzen Rudolf in der Nacht vom 29. zum 30. Januar 1889 veranlaßten, sich und seine Geliebte, Mary von Vetsera, zu erschießen. In seiner bisher unveröffentlichten Studie "Auf den Spuren des Geheimnisses von Mayerling" geht Pötschner einem alten Gerücht aus der k. u. k. Chronique scandaleuse nach, das sich bei genauerer Untersuchung als die wahrscheinlichste Lösung des Mayerling-Rätsels erweist.
Mit gebotener Eile ließ Graf Eduard von Taaffe, Ministerpräsident Seiner Apostolischen Majestät des Kaisers Franz Joseph, am Morgen des 2. Februar 1889 seine Polizeiagenten ausschwärmen, um sämtlicher Exemplare der "Münchner Neuesten Nachrichten" habhaft zu werden, die den Bestand des Habsburger
Reiches zu gefährden drohten.
Zwei scheinbar harmlose Sätze in den Ausgaben der "Münchner Neuesten Nachrichten" hatten den Ministerpräsidenten elektrisiert. "Eines der schönsten Mädchen der österreichischen Aristokratie, Freiin von Vetsera, gab sich soeben selbst den Tod", war in der Morgenausgabe des Münchner Blattes vom 2. Februar gemeldet worden, und in der Abendausgabe hatte es ergänzend geheißen: "Der gemeldete Selbstmord der Freiin Vetsera erfolgte in Mayerling."
Die Meldungen von dem Freitod der 17jährigen Baronesse aber drohten die Verschleierungstaktik zu zerstören, mit der Graf Taaffe den wohl größten Skandal im Hause Habsburg zu vertuschen versuchte: den Selbstmord des 30jährigen Kronprinzen Rudolf und seiner Geliebten, Mary von Vetsera, in dem düsteren Jagdschloß Mayerling am Morgen des 30. Januar 1889.
Schon in den Nachmittagsstunden jenes Tages ließ Taaffe die Version verbreiten. Kronprinz Rudolf sei auf der Jagd plötzlich einem Herzschlag erlegen. Mit dieser Lesart glaubte der Ministerpräsident das Gesicht der Dynastie am besten wahren und die Bedenken des katholischen Klerus hinsichtlich einer kirchlichen Beerdigung des Selbstmörders Rudolf zerstreuen zu können.
Da er jedoch angesichts des Zustands der kronprinzlichen Leiche (Rudolf sei "durch den Schuß fürchterlich zugerichtet, die Hirnschale zerschmettert und das Hirn herausgespritzt", notierte der Wiener Polizeipräsident von Krauß) die Herzschlag-Version unmöglich aufrechterhalten konnte, bewog Taaffe den kaiserlichen Leibarzt Widerhofer, dem toten Kronprinzen Symptome einer Geisteskrankheit zu attestieren. Einem Geistesgestörien kaiserlichen Geblüts vermochten die Eminenzen des Vatikans eine Einsegnung nicht länger zu verwehren.
Zugleich war der unermüdliche Unternehmungsgeist des Grafen Taaffe bemüht, seinem kaiserlichen Herrn einen weiteren Stein des Anstoßes aus dem Weg zu räumen: die Leiche der Vetsera.
Das Wiener Polizeipräsidium entsandte seine Agenten in das 25 Kilometer südwestlich Wiens gelegene Schloß Mayerling mit dem Auftrag, den Leichnam der kronprinzlichen Geliebten im schützenden Dunkel der Nacht aus dem Schloß zu entfernen und auf dem Friedhof der benachbarten Gemeinde Heiligenkreuz - zugleich Sitz einer alten Zisterzienserabtei - zu beerdigen.
Ein Polizeikommissär wies dem Prior der Abtei ein gefälschtes Obduktionsprotokoll vor und erhielt so die Genehmigung, Mary von Vetsera auf dem Friedhof beizusetzen. Noch in der Nacht des 31. Januar wurde der Leichnam unter schärfster Polizeibewachung nach Heiligenkreuz übergeführt. Am nächsten Tag telegraphierte der Kommissär nach Wien: "Alles abgethan."
Die Erfolgsmeldung aus Heiligenkreuz war nur allzu geeignet, den Geheimnishüter Taaffe in Sicherheit zu wiegen. Keinem österreichischen Untertan fiel es ein, den Tod des Kronprinzen Rudolf mit der Baronesse Vetsera in Zusammenhang zu bringen.
Solche Vertuschungsmanöver des Ministerpräsidenten wurden indes durchkreuzt, als reichsdeutsche Zeitungen am 2. Februar 1889 enthüllten, Baronesse Vetsera habe in Mayerling gemeinsam mit dem Kronprinzen Rudolf Selbstmord verübt. Taaffe schlug sofort zu und ließ die Ausgaben der "Münchner Neuesten Nachrichten" beschlagnahmen.
Anschließend riegelte der Ministerpräsident die Donaumonarchie noch eifriger gegen die Wahrheit ab: Alle verantwortlichen Beamten wurden verpflichtet, kein Wort über die Mayerling-Affäre verlauten zu lassen; kein Hofrat und kein Polizist haben jemals über des Kronprinzen Tod geplaudert.
In der Tat ist das Geheimnis von Mayerling in der Geschichte eine der
ganz seltenen Affären, die unaufgeklärt geblieben sind. Selbst nach dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches hellte kein Dokument das Mysterium auf, und sogar die meisten Memoirenschreiber der kaiserlich-königlichen Ära umgingen scheu die Nacht von Mayerling.
Je weniger aber Dokumente und Augenzeugen Licht in das Dunkel zu bringen vermochten, desto üppiger wucherte auf dem von Taaffe bereiteten Boden die Flora jener Legenden und Gerüchte, die das unerklärliche Ende des Kronprinzen zu deuten versuchten.
Aus diesem Wust haben sich über die Jahrzehnte hinweg nur drei einigermaßen ernsthafte Versionen erhalten. Danach verübte Kronprinz Rudolf Selbstmord,
- weil er von jeher zu Depressionen und Melancholie neigte und, seines Lebens überdrüssig, seit Jahren von einer beklemmenden Todessehnsucht besessen war;
- weil er sich mit seinem Vater, Kaiser Franz Joseph, überworfen hatte, der sich weigerte, die Auflösung der Ehe Rudolfs mit der belgischen Königstochter Stephanie zu genehmigen;
- weil er in ein politisches Komplott gegen den Kaiser verwickelt war, das dem Ziel galt, Ungarn von Wien zu trennen und Rudolf an die Spitze eines unabhängigen Magyaren -Staates zu rufen.
Jenen drei Versionen aber hat nun jüngst der 36jährige österreichische Kunsthistoriker Dr. Peter Pötschner, Gemälde-Referent des Wiener Stadtmuseums, eine sensationelle vierte These hinzugefügt, die das Rätsel lösen könnte. Der Wiener Historiker, seit zehn Jahren aus Liebhaberei auf den Spuren der Mayerling-Tragödie, vermag nämlich nachzuweisen, daß allein eine gründliche Untersuchung der Beziehungen zwischen Rudolf und seiner (bisher von der ernsthaften Forschung etwas nebensächlich behandelten) Todesgefährtin das Rätsel entschleiern kann.
Argumentiert Peter Pötschner: "Besteht eine einzige der drei bekannten Versionen bei kritischer Sicht? Nein! Aber vielleicht bildet manches davon den Urgrund, die Ursache des Verzweiflungsschritts, der nur mehr eines Anlasses bedurfte. Und dieser Anlaß ist eben das eigentliche Geheimnis von Mayerling, das es zu enträtseln gilt."
Gemeinsam ist nun allen vier Versionen, daß sie sich auf keinerlei exakte Dokumente stützen können; sie arbeiten sämtlich mit fadendünnen Indizien und psychologischen Deutungen, Was indes Pötschner von den Vertretern der drei anderen Versionen unterscheidet, ist die Tatsache, daß er den Fall Mayerling von einem ganz anderen Ende her aufrollte.
Bis zu Peter Pötschner waren die Mayerling-Forscher ziemlich achtlos an der Familie Vetsera vorbeigegangen; die 17jährige Kronprinzen-Geliebte
samt ihrer farb- und bedeutungslosen Lebensgeschichte zu analysieren, schien wenig Gewinn zu bringen.
Dem Gemälde-Experten Pötschner kam zugute, daß ihm schon früher eine gewisse Porträtähnlichkeit zwischen den beiden Hauptfiguren aufgefallen war. "Die Ähnlichkeit zwischen Rudolf und der Vetsera", behauptete Pötschner später, "geht aus einigen der erhaltenen Photographien geradezu schlagend hervor."
Der Wiener Historiker stellte sich daraufhin die hypothetische Frage, ob sich all die Ungereimtheiten des Falles Mayerling befriedigend erklären lassen würden, wenn man von der Annahme ausginge, Kronprinz Rudolf habe erst ganz kurz vor seinem Freitod - und zwar in einer Audienz, zu der er am Morgen des 28. Januar 1889 befohlen wurde - von dem alarmierten Kaiser erfahren, daß Mary von Vetsera in Wirklichkeit seine Halbschwester war.
Der Verdacht Pötschners war keineswegs so phantastisch, wie er klang. Schon der Mayerling-Chronist Ernst Edler von der Planitz hatte in seinem
1889 erschienenen Buch "Die volle Wahrheit über den Tod des Kronprinzen Rudolf von Österreich" ein Wiener Gerücht erwähnt, wonach "Mary eine natürliche Tochter Franz Josephs gewesen" sei. Das Gerücht sei "bis heute durch nichts bewiesen, aber begreiflicherweise auch nicht widerlegt" worden.
Dem Chronisten Planitz - sein Werk gehört zu den wenigen unumstrittenen Arbeiten der Mayerling-Literatur - erschien das Gerücht interessant genug, um eine weitere Untersuchung zu empfehlen. In ihrem Mittelpunkt, forderte er, müsse das Verhalten der Mutter Mary von Vetseras stehen.
Folgerte Planitz 1889: "Diese Frau würde nun zwar unter keinen Umständen den wahren Sachverhalt eingestanden haben; allein ihre damalige Handlungsweise böte doch immerhin Fingerzeige genug, um herauszubringen, ob hier eine Geschwisterliebe vorliegt oder nicht. Hat die Baronin das Verhältnis ihrer Tochter gekannt und geduldet, so ist jede Illegitimität Marys hinfällig. Hat die Baronin nichts gewußt beziehungsweise sofort bei Bekanntwerden mit allen Mitteln dagegen operiert,
so ist zwar noch nichts bewiesen, aber die Illegitimität bleibt immerhin im Bereich der Möglichkeit."
Der Rat des Edlen von der Planitz war in Vergessenheit geraten. Peter Pötschner aber machte sich auf, zu beweisen, daß "hier eine Geschwisterliebe vorliegt".
Einer solchen Beweisführung widersprachen allerdings die Kirchenbücher, denn sie wiesen zweifelsfrei aus, daß die am 19. März 1871 geborene Mary Alexandrine Freiin von Vetsera das dritte Kind des Albin Freiherrn. von Vetsera, k. u. k. Gesandten am Hofe des Großherzogs von Hessen, und, der Helene Freifrau von Vetsera, geborenen Baltazzi, war. Pötschners Durchsicht der Vetsera-Personalakte im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, abgelegt unter "F 6 - k. u. k. Missionen im Ausland, Personalia", ließ jedoch erhebliche Zweifel an der Vaterschaft des Diplomaten Albin von Vetsera aufkommen.
Aus der Personalakte, die mit minutiöser Genauigkeit alle Urlaubsgesuche, Beförderungsdekrete und Ordenspatente enthält, geht nämlich eindeutig hervor, daß Albin von Vetsera zehn Monate und zwölf Tage vor der Geburt Marys seine Familie zum letzten Male gesehen hatte. Pötschner folgert daraus "mit gebührender Vorsicht", daß Albin nicht der Vater sein könne.
Zudem ging aus den Personalakten hervor, daß sich die Eheleute Vetsera zu jenem Zeitpunkt bereits einander entfremdet hatten. Albin verbrachte seine Ferien kaum noch in Wien, während die "schöne Orientalin" - Helene stammte aus der Levante - nach der Darstellung des Edlen von der Planitz schon damals "beständig in aller Mund (war). Sie war immer interessant, immer im Vordergrund, immer mit einem Stich ins Pikante das Gespräch der ganzen Welt".
Kernstück der Pötschnerschen These ist denn auch die aus den Akten gewonnene Erkenntnis, daß der steile Aufstieg des Preßburger Schusterenkels und Beamtensohns Albin Vetsera in der feudalen Diplomatie Österreich-Ungarns zeitlich zusammenfällt mit der gesellschaftlichen Karriere Helene von Vetseras am Kaiserhof; etwa um 1872 verblaßt Helenes Stern, um dieselbe Zeit kommt auch Albins Laufbahn zum Stillstand.
Die Karriere Albin Vetseras war für die damalige Zeit ungewöhnlich gewesen. 15 Jahre lang war dem Dolmetsch -Adjunkten ohne Besitz und Titel der Weg nach oben versperrt gewesen. Da bietet sich Albin Vetsera eine Chance: 1864 heiratet er in Konstantinopel die Millionärstochter Helene Baltazzi.
"Vom Moment der Eheschließung an macht der kleine und scheinbar zukunftslose Gesandtschaftsbeamte die große Karriere, auf die er längst, nicht mehr zu hoffen gewagt hatte", registriert Pötschner.
Vetsera steigt unaufhörlich: Wenige Monate nach der Hochzeit wird er Honorar-Legationsrat, erhält den kaiserlichen Leopoldsorden, 1867 wird er
in den Ritterstand erhoben - "die denkbar höchste Ehrung, ohne besondere Verdienste welcher Art immer undenkbar" (Pötschner).
1868 folgt die Ernennung zum Geschäftsträger in St. Petersburg, man ehrt ihn mit dem St.-Stephans-Orden, er wird außer der Reihe zum Außerordentlichen Gesandten und Bevollmächtigten Minister befördert, und schließlich erhebt ihn Kaiser Franz Joseph sogar in den Freiherrnstand. Ein Regen von Orden und Titeln für einen Mann, den selbst wohlwollende Zeitgenossen für eine der farblosesten Gestalten der österreichischen Diplomatie hielten.
Darum fragt Geschichtsfahnder Pötschner: "Ist Vetseras außergewöhnliche Karriere der Lohn für delikate Dienste? Nach allen äußeren Umständen scheint dies der Fall zu sein. Und wem hätte er sie geleistet? Etwa einem Erzherzog? Kein Mitglied des Erzhauses hätte beim
Kaiser eine zweimalige Standeserhöhung innerhalb zweier Jahre und gar die Bestellung zum St. Petersburger Geschäftsträger erwirken können. Ist die Karriere der Lohn für delikate Dienste, dann müssen sie dem Kaiser selbst geleistet worden sein."
Nun kann freilich der Wiener Historiker kein Dokument vorweisen, aus dem eindeutig hervorginge, daß die Baronin Vetsera zum Kaiser in engerer Beziehung stand, obwohl schon Planitz davon spricht, der Kaiser habe "die schöne Baronin anfangs der siebziger Jahre wiederholt durch Aufmerksamkeiten ausgezeichnet". Zudem rechtfertigt sich Pötschner mit dem Hinweis, "daß Intimitäten jeder Art, die die Person Kaiser Franz Josephs betrafen, nur einem kleinen Kreis engster Vertrauter bekannt waren".
Dennoch ist manches über die Liebschaften des Kaisers durchgesickert: Aus hinterlassenen Briefen ist der Flirt Franz Josephs mit der Komteß Elisabeth Ugarte bekanntgeworden, Anfang der sechziger Jahre erfuhr man, wie Pötschner formuliert, "von einem Seitensprung mit einer schon recht ominösen polnischen Gräfin" und schließlich von der kaiserlichen Verbindung zu der Hofschauspielerin Katharina Schratt.
Pötschner verzeichnet denn auch "eine hartnäckige mündliche Überlieferung", wonach "einige illegitime Nachkommen existiert haben, ältere Herren; die um die Jahrhundertwende in Wien und Baden gelebt haben und dem Kaiser wie aus dem Gesicht geschnitten waren, einschließlich Barttracht".
Seine Berechnung, die Liaison zwischen dem Kaiser und der Helene von Vetsera müsse für die Zeit von 1868 bis 1872 angesetzt werden, weiß Pötschner mit den Daten der kaiserlichen Ehe zu belegen: Seit 1860 war die Ehe des Kaiserpaars zerrüttet, 1862 gilt als das Jahr des förmlichen Bruchs; während der folgenden fünf Jahre flüchtet sich
Kaiserin Elisabeth in eine pausenlose Reisewut, 1867 bahnt sich eine laue Versöhnung an, ein Jahr später, also 1868, kommt es jedoch zu einer neuen und bleibenden Entfremdung.
Genau in diesem Jahr aber trennen sich auch die Vetseras äußerlich. Während Albin von Vetsera als Geschäftsträger nach St. Petersburg ging, blieb seine Frau in Wien und weigerte sich, ihrem Gatten in die russische Residenz zu folgen. Pötschner: "Das glänzende Leben der Petersburger Gesellschaft, die winterlichen Schlittenpartien und die Ballettabende verlockten die junge Weltdame nicht."
Die Ehe Vetsera wurde immer inhaltloser. Die Eheleute verbrachten kaum mehr einen Urlaub zusammen, zu einer Gütertrennung kam es schon 1868. Die Baronin Vetsera behielt ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Ehemann bis zu dessen Tod im Jahre 1887 bei. Vetseras Beerdigung in Kairo wurde durch seine Töchter besorgt.
Inzwischen aber war Helene von Vetsera am Wiener Hof "gewissermaßen in Mode gekommen" (Pötschner). Sie machte in Wien, wie die Prinzessin Julia Odescalchi berichtet, "Furore sowohl durch ihre Schönheit wie durch ihr Vermögen, durch den Luxus und die Eleganz ihres Auftretens".
Erinnert sich die Prinzessin maliziös: "Die Schar ihrer Verehrer wurde bald sehr zahlreich, selbst ein Erzherzog gehörte dazu, und keiner hatte sich, wie man behauptete, über ihre Kälte zu beklagen ... Ihr Mann hatte die Vetsera niemals gestört."
Nur die einflußreichsten Hocharistokraten der Donaumonarchie gehörten zu dem Zirkel der vielumschwärmten Levantinerin, unter ihnen Paul Fürst Esterházy und Erzherzog Wilhelm; ein Vetter des Kaisers. Auch Kaiserin Elisabeth bewegte sich in diesem Kreis. Berichtet Elisabeths Nichte, die Gräfin Larisch-Wallersee: "Tante selbst stellte mich der Baronin vor ... Elisabeth erzählte mir viel von dem Gerede, das über die Baronin im Umlauf war."
Solche Zeugnisse verlockten Pötschner, einem wenig beachteten Umstand große Bedeutung beizumessen: In alten Papieren stöberte er die Kunde von einem bisher der Forschung unbekannten und vom Verkehr abgelegenen Haus nahe dem Prater auf, in dem Helene von Vetsera vor dem Einzug in ihr Palais in Wiens Salesianergasse wohnte und in dem die Baronin möglicherweise von Franz Joseph aufgesucht worden ist.
Fehlt auch dem jüngsten Mayerling -Historiker jede dokumentarische Unterlage für die Liaison des Kaisers mit Helene von Vetsera, so kann er doch nachweisen, was schon Chronist Planitz als stärkstes Indiz für die Richtigkeit der Geschwister-These anzuerkennen bereit war: die leidenschaftliche Reaktion der Baronin Vetsera auf das Verhältnis ihrer Tochter mit dem Kronprinzen Rudolf von dem Augenblick an, da sie von jenen Beziehungen erfuhr.
"Der geheime Verkehr mit dem Kronprinzen mit all dem entsetzlichen Unglück, welches sich daran knüpfte", schrieb Helene von Vetsera 1889 in einer Rechtfertigungsschrift, die sofort von der Polizei beschlagnahmt wurde, "hätte nie erfolgen können, wenn nicht
die Gräfin Marie Larisch-Wallersee die fluchwürdige That begangen hätte, hinter dem Rücken der Baronin Helene von Vetsera die Zusammenkünfte ihrer Tochter mit dem Kronprinzen zu ermöglichen."
In der Tat hatte der stets in amouröse Abenteuer verstrickte Kronprinz bei einem Besuch in Tegernsee im Sommer 1888 von seiner Kusine, der Gräfin Larisch-Wallersee, erfahren, daß die blutjunge Baronesse Vetsera für ihn schwärme.
Die in delikaten Angelegenheiten nicht ungewandte Gräfin bot sich als Vermittlerin an, und am 3. November jenes Jahres führte sie die beiden zum erstenmal in
der Hofburg zusammen. Der Kronprinz fand Gefallen an der naiven Schwärmerin. Die Briefe, die das Pärchen über eine Deckadresse austauschte, sind deutlich genug. Der intime Verkehr zwischen Rudolf und seiner neuen Gespielin datierte vom 13. Januar 1889.
Marys Mutter aber hatte, wie sie später bezeugte, "nicht die geringste Kenntnis, ja konnte ... nicht einmal Argwohn hegen, daß sie (Mary) mit dem Kronprinzen in einem Verkehr stehe oder ihn je nur gesprochen habe". Auch der Kaiser ahnte nichts.
Die Baronin schöpfte erst Argwohn, als sie am Abend des 27. Januar 1889 mit ihrer Tochter an einem Ball der Deutschen Botschaft in Wien teilnahm und dabei "bemerkte, daß der Kronprinz
seine Blicke nach ihrer Tochter richtete". Auch dem anwesenden Botschafter Italiens fiel das demonstrative Einverständnis zwischen Rudolf und der jungen Baronesse auf, und - so nimmt Pötschner "mit gutem Grund" an - "erst jetzt wurde der Kaiser auf eine offenbar neue Liebschaft seines Sohnes aufmerksam gemacht".
Pötschner: "Lückenlos scheint sich als nächste Konsequenz die Auseinandersetzung zwischen Kronprinz und Kaiser vom darauffolgenden Morgen anzuschließen."
An eben diesem Morgen - dem 28. Januar 1889 - überstürzten sich nun die Ereignisse: Wenige Stunden, nachdem Franz Joseph seinen Sohn zur Audienz bestellt hatte, hastete die Gräfin Larisch -Wallersee in das Palais Vetsera und berichtete, bei einer gemeinsamen Spazierfahrt in der Innenstadt sei ihr Mary durchgegangen und habe im Fiaker ein Briefehen mit Selbstmorddrohungen zurückgelassen.
Ohne die Mutter vollends einzuweihen, eilte die Gräfin ins Polizeipräsidium, um nach der Flüchtigen suchen zu lassen. Vor dem Polizeipräsidenten Baron Krauß verzichtete sie auf ihr Doppelspiel und gestand, sie wisse positiv, daß die Flucht Mary von Vetseras mit dem Kronprinzen zusammenhänge. Am Abend war ihr sogar schon bekannt, wohin sich Mary geflüchtet hatte: nach Mayerling. Die Polizei jedoch zauderte, sich in die Privatangelegenheiten des Kronprinzen einzumischen. Rudolf hatte offenbar zu dieser Zeit längst den Entschluß gefaßt, zusammen mit seiner Geliebten aus dem Leben zu scheiden: Die Moralbegriffe des Viktorianischen Zeitalters, so motiviert Pötschner, ließen selbst dem frivolen Kaisersohn keine andere Wahl, nachdem ihm der Vater die Wahrheit über Mary von Vetsera gestanden hatte. Für das Kaiserhaus aber war kein stärkerer moralischer Tiefschlag denkbar als das Bekanntwerden einer Liebschaft zwischen dem Thronerben und seiner Halbschwester.
Sofort nach der Unterredung mit dein Kaiser gegen neun Uhr - Ohrenzeugen bestätigen, daß Rudolf und Franz Joseph in heftigster Feindseligkeit voneinander schieden - setzte sich der Kronprinz an seinen Schreibtisch in der Hofburg und schrieb jene Abschiedsbriefe, die man später in seinem Arbeitszimmer fand.
"Ich gehe ruhig in den Tod, der allein meinen guten Namen retten kann", ließ
er seine Gemahlin, die Kronprinzessin Stephanie, wissen. Und an einen Freund schrieb er: "Ich muß sterben. Ich kann nicht anders handeln." Nur einem Mann galt kein Abschiedsgruß - seinem Vater, der ihn laut Pötschner über die wahre Herkunft der Mary von Vetsera aufgeklärt hatte, nachdem ihm am Vorabend der Flirt zwischen Rudolf und Mary aufgefallen war.
Doch noch zögerte Rudolf, nach Mayerling aufzubrechen. Er bestellte zwar für zwölf Uhr mittags einen Wagen, bedeutete jedoch dem Hofjäger Püchel, er erwarte noch einen Brief und ein Telegramm. Um elf Uhr traf schließlich der Brief ein.
Erinnerte sich Hofjäger Püchel: "Ich trug ihn ins Schlafzimmer und traf dort den Kronprinzen vor dem Fenster stehend. Er hielt die Uhr in der Hand, drehte an dem Regulator und blickte auf den Franzensplatz hinab, ganz in Gedanken vertieft."
Püchel weiter: "Nach ungefähr einer halben Stunde lief das erwartete Telegramm ein. Als ich es überbrachte, stand der Kronprinz noch immer im Schlafzimmer vor dem Fenster mit der Uhr in der Hand und sah wieder auf den Franzensplatz hinab. Er öffnete hastig das Telegramm, las es rasch, faltete es wieder zusammen und warf es, während ich mich entfernte, erregt mit erhobener Hand und mit den Worten 'Ja, es muß sein!' auf den Tisch."
Pötschner nimmt an, das Telegramm habe Mary von Vetsera abgesandt. "Zu dieser Zeit verließ sie das Haus ihrer Mutter und mußte dies dem Kronprinzen doch irgendwie anzeigen, da sie sich doch offenbar - wann und wo bleibt fraglich - verabredet hatten." Tatsächlich trafen sich denn auch Mary und Rudolf am frühen Nachmittag in der Kutsche des kronprinzlichen Leibfiakers und Unterhalters Bratfisch, der nahe dem Gasthaus "Zum grünen Baum" an der Ausfahrtstraße nach Mayerling wartete.
Am nächsten Tag - Mary schrieb inzwischen ihre Abschiedsbriefe - ließ sich die Baronin von Vetsera bei Polizeipräsident von Krauß melden, um den Gesetzeswächter zu einer Fahndungsaktion anzuspornen. Als der Polizeichef noch immer zögerte, erstattete Marys Mutter eine formelle Anzeige, nunmehr überzeugt, "daß zwischen ihrer Tochter und dem Kronprinzen ein Verkehr stattgefunden haben müsse".
Die Nonchalance der Polizei provozierte die Mutter Mary von Vetseras, zu dem Ministerpräsidenten Taaffe zu eilen und ihn um eine Intervention zu bitten. Doch auch Taaffe verbarg sich hinter diplomatischen Floskeln über die Heiligkeit des allerhöchsten Privatlebens. Der Baronin Vetsera blieb nur noch ein Ausweg: der Appell an die Kaiserin.
Am Morgen des 30. Januar 1889 - die Kerzen im Schloß Mayerling waren schon niedergebrannt und der wegen seiner musikalischen Fähigkeiten beliebte Bratfisch hatte zum letzten Male, wie Mary schriftlich hinterließ, "wunderbar gepfiffen" - hetzte die Baronin in die Hofburg. Die Hofdame der Kaiserin wollte die Bittstellerin abweisen, doch da trat Elisabeth ins Gemach. Tonlos sprach die Kaiserin: "Es ist zu spät. Beide sind tot."
Aufklärer Pötschner
Die tote Baronesse ...
Geheimnishüter Taaffe
... ein illegitimes Kaiserkind?
Österreichischer Kronprinz Rudolf, Geliebte Mary von Vetsera: Geschwisterliebe?
Kronprinzessin Stephanie
Zwei Habsburger Flirts ...
Kaiserin Elisabeth
... endeten in Mayerling ...
Salondame Helene von Vetsera
... mit einer Habsburger Leiche
Franz Joseph, Geliebte Katharina Schratt: Staatsgeheimnis
Liebes-Vermittlerin Larisch-Wallersee
Im Fraker ließ Mary ...
... eine Selbstmorddrohung zurück: Rudolf auf dem Totenbett

DER SPIEGEL 32/1960
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