10.08.1960

ORIENT-SCHLAGERO Mustapha

ORIENT-SCHLAGER
Dumpfe Trommelschläge, kreischende Flöten. Rauhe Stimmen stöhnen "Bahalla", Murmeln, Scharren. Plötzlich jault eine Stimme auf wie eine Luftschutzsirene: "PI-a-tz, Pl-a-tz hier." Ein Vorsänger dröhnt mit der Stimmgewalt eines Rummelplatz-Ausrufers: "Ma.-ckt den Weg frei für die liebreiche Tochter des großen Sultans!"
Das ist das Stichwort für den Chor:
O Mustapha, nimm dich in acht,
laß doch Suleika bleibe lieber ledig,
wer weiß, was sonst der Sultan macht
O Mustapha, o Mustapha, laß doch
des Sultans Tochter gehen!
Diese akustische Szenerie tastet der Saphir in den ersten Rillen einer neuen deutschen Schallplatte ab, die unter dem Titel "Mustapha" vor einigen Monaten in der Bundesrepublik erschien und nach dem übereinstimmenden Urteil der Branchenkundigen eine neue Schwenkung auf dem Schlagermarkt eingeleitet hat.
Sieben deutsche Schallplattenfirmen vertreiben sieben verschiedene Versionen der aus Frankreich importierten Schnulze. Seit März wurden allein in der Bundesrepublik 150 000 "Mustapha" -Platten abgesetzt. Berichtete das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time":
,Mustapha' ist der größte europäische Schallplattenerfolg seit 'Volare'."
Ein Sprecher der Ariola-Schallplatten-Produktion, eines Zweigbetriebs des Buchunternehmens Bertelsmann, die den morgenländischen Minne-Song vertreibt, kommentierte in der vergangenen Woche: "Auf dem deutschen Schlagermarkt erfolgt eine Orientierung zum Orient."
Tatsächlich hat seit dem Sommer vergangenen Jahres kein Italien-Schlager mehr die deutsche Bestsellerliste erreicht. Im Gegenteil: In den Hit-Paraden; jenen Aufstellungen der angeblich beliebtesten Schallplatten, rangierten zu Beginn dieses Monats auf den zehn Spitzenplätzen nur in Deutschland fabrizierte Schlager mit den Themen "Meer", "Nacht", "Tannen" und "Heimat". Und: ",Mustapha". Damit stand fest, daß die sogenannte Italien-Periode des deutschen Nachkriegsschlagers beendet ist.
Der Übergang zur Orient-Periode, die den Plattenproduzenten langerwartete neue geschäftliche Impulse bescherte, begann bereits zu Anfang des Jahres. Im März erschien in den Musik-Maschinen, die nach Einwurf von 20 Pfennig in Gaststätten Zecher mit Tönen berieseln, ein Schlager mit nordafrikanischem Kolorit. Nach den "vertraulichen" Schilderungen des in Stuttgart erscheinenden Informationsdienstes "Musik" startete dieser erste Orient-Song so:
"Der in der Pressestelle der Firma (Philips) ansässige Uwe-Jens Tietjens rief aufgeregt und unkonventionellwestdeutscheJournalisten an und versicherte, seine Firma stehe kopf. Ein toller Erfolg sei da. Man hätte von einer Neuerscheinung mehrere Folien an Großhändler verschickt. Und innerhalb von wenigen Tagen seien zunächst 35 000 Bestellungen eingegangen, und diese Zahl sei blitzartig auf 50 000 gestiegen ..."
Dieser orientalische Überraschungserfolg war "Laila". Die Mitglieder einer Gesangsgruppe namens "Regento-Stars" intonierten das Lied, von zickiger Schifferklaviermusik begleitet, wie die Teilnehmer einer mißglückten Herrenpartie. Die Aufnahme klang, als sei sie in einer Waschküche angefertigt worden.
Aber nicht die musikalische Qualität, sondern der Text der Platte war die Ursache für die Anfechtungen, denen sich die Geschäftsleitung der Firma Philips sogleich ausgesetzt sah. Denn die "Regento-Stars" sangen:
Nur die eine Nacht erwähle mich,
küsse mich und quäle mich ...
In der magischen Tropennacht
vor dem Frauenhaus in Algier
hat ein dunkles Aug' ihm zugelacht,
dem kranken, bleichen Legionär.
Dieses Freudenhausgestammel stachelte sogar das phlegmatische "Hamburger Abendblatt" zu dem Warnruf an: "Falls diese Platte Euren Weg kreuzen sollte, Freunde, dann geht in volle Deckung . . ."
Wie nötig diese Warnung buchstäblich war, zeigte sich sieben Wochen später. In einem Lokal des oberbayrischen Ortes Manching kam es zu einer Schießerei zwischen Bundeswehrsoldaten und einem "Laila"-Konsumenten: Als der Textilhändler Rudolf Waitz zum viertenmal an der Musikbox die "Laila" -Taste gedrückt hatte, "wurde es einem 20jährigen Bundeswehr-Gefreiten zuviel", wie die "Bild"-Zeitung berichtete: "Er unterbrach das Lied, das in primitiver, anstößiger Weise eine algerische Lebedame besingt. Waitz riß daraufhin eine Pistole aus der Tasche und schoß den Gefreiten nieder. Drei Soldaten, die dem Kameraden zu Hilfe eilen wollten, streckte der Textilhändler mit weiteren Schüssen zu Boden."
Aber nicht nur unter Musik-Konsumenten, auch unter den Lieferanten gab es Zank um den neuen Erfolgsschlager. Die Firma Philips hatte die Aufnahme unter ungewöhnlichen Umständen importiert. Ihre Außenvertreter waren erstmals im Raume Aachen auf die Platte gestoßen, wo Grenzjäger das "Laila"-Lied als attraktives Souvenir einer Hollandfahrt in die Bundesrepublik einschmuggelten.
Philips übernahm "Laila" in das deutsche Programm, doch erst als die Platte in die Bestsellerliste vorstieß und deutsche Musikverleger sich für die Verlagsrechte des Schlagers interessierten - schließlich kassiert ein Verleger acht Pfennig pro Seite einer verkauften Platte -, trat ein verblüffender Sachverhalt zutage:
Die Musik hatte der Wiener Kapellmeister Dol Dauber schon 1928 geschrieben, der Text stammte von dem im KZ umgekommenen Librettisten Dr. Fritz Lohner. Seit der Wiener Boheme-Verlag 1930 vom Ufa-Ton-Verlag übernommen wurde, gehören die "Laila"-Rechte der Ufa. In ihrer Fassung schreibt sich "Laila" allerdings mit "ei".
Als Autor der "ai"-Version dagegen zeichnete ein polnischer Bergarbeiter namens Majcherek; er hatte zusammen mit zwei Kumpels "Laila" für die holländische ,"Tivoli"-Schallplatte eingesungen und -gespielt. Die Polen arbeiteten nebenberuflich als Musiker in einem Lokal, und "Laila", ihr Paradestück, war von Kohlengräber Majcherek aus dem Gedächtnis zusammengestückelt worden. Ufa-Ton-Verlagsleiter Rudolf Förster: "Weder der Text noch die Musik, noch das Arrangement, noch die Aufnahme, noch die Interpretation sind richtig. An dieser Platte stimmt nichts, außer, daß sie rund ist und schwarz."
Aber der heutige, in Berlin residierende Ufa-Ton-Verlag stand mit Tantiemen-Ansprüchen nicht allein da. Bergmann Majcherek hatte für sein Algierlied gleich zwei andere deutsche Schlager mitverarbeitet.
Musikverleger Will Meisel meldete für Schlagermacher Peter Igelhoff Urheber-Ansprüche an und legte als Beweis diesen Text eines Igelhoff-Schlagers vor:
Stellen Sie sich vor, ich wär
ein wilder Räuber,
und Sie gehen nachts allein im Wald.
Stellen Sie sich vor, ich raub
auch schöne Weiber,
wird es Ihnen da nicht heiß und kalt?
Stellen Sie sich vor, Ich ruf jetzt
Hände hoch,
und ich küß Sie tausendmal und mehr
Die Bergarbeiter sangen unter dem Künstlernamen "Regento-Stars" kaum anders:
Stellen Sie sich vor, Sie liefen
ganz allein im Wald herum,
und ich täte rufen Hände hoch oder
ich schieße Sie.
Wäre das nicht wunderbar?
Fühlen Sie jetzt, meine Herren, daß
die Damen völlig willenlos sind geworden?
Ufa-Förster: "Für diese Ähnlichkeit will Igelhoff jetzt Geld!"
Auch ein Tango des Komponisten Erich Jaksch ("So wie du hat mich noch keine betrogen") war von den Bergleuten für, "Laila" verwurstet worden. So kam es, daß zum Schluß ein Liebhaber klagt, Laila betrüge ihn, obwohl er zugibt, gewußt zu haben, daß sie in einem Freudenhaus tätig sei.
Die "Gema", die deutsche Urheberschutz-Gesellschaft, schaltete sich in den Tantiemenstreit der Verleger ein und stellte offiziell fest, daß ohne Genehmigung der Urheber auf einer Einzelplatte drei Melodien verarbeitet worden seien. Der Gesellschaft obliegt es nun, zu entscheiden, welche Anteile die betroffenen Urheber eintreiben dürfen.
Da mittlerweile die Zeitungen den primitiven Text kritisiert hatten und sich sogar im Philips-Haus Abneigung gegen den Freudenhaus-Song breitmachte, war niemand sonderlich an der Propagierung der Platte interessiert.
Aber trotz der einsetzenden Sommerflaute stiegen die Verkaufsziffern des zusammengeschusterten Algerienliedes. ",Laila' kam in eine ausgesprochene Bedarfslücke", erläuterte Ufa-Förster. "Das Publikum war jahrelang mit der Rock'n'Roll-Masche überfüttert. Es wollte endlich etwas anderes hören. Und weil Italien durch war, kam Nordafrika dran."
Bis Anfang August wurden 200 000 "Laila"-Platten abgesetzt.
Derweil hatten deutsche Schallplatten-Produzenten schon den zweiten Spitzenschlager der Orient-Welle importiert. Wie "Laila" war auch "Mustapha" aus alten Liedern zusammengebastelt worden. Der arabische Kapellmeister Staiffi, der mit seinen Musikern ("Die Mustaphas") in Paris gastierte, mixte den Song vor neun Jahren aus zwei Volksliedern ("Singe zärtlich in meine Augen" und "Salerma, sei wieder gut") zusammen. Die Rechte für diese Kombination - auch Bearbeitungen sind geschützt - verkaufte er dem Verlag Edition Alpha.
Der Aufnahme war allerdings erst Erfolg beschieden, als acht Jahre später der junge Ägypter Bob Azzam, ehemals U-Boot-Offizier, heute Inhaber einer Fabrik für Präzisionsinstrumente, der außerdem eine eigene Kapelle unterhält, die Staiffi-Fassung der Volkslieder überarbeitete und mit einem neuen Text versah.
Die Neuaufnahme, die Azzam bei der Schallplattenfirma Barclay herstellte, drang alsbald in die Spitzengruppe der Hit-Parade vor. Im Sog dieses Erfolgs schwamm auch die alte Staiffi-Version von "Mustapha" bis Bestsellerbereiche, so daß der Verleger Barclay und die Edition Alpha einen Prozeß einleiten mußten, damit geklärt werden kann, wem die Tantiemen zustehen.
Da sowohl die Staiffi-Fassung als auch die Azzam-Bearbeitung jeweils als "Originalfassung" nach Deutschland importiert wurden, war das "Mustapha" -Durcheinander für den Plattenkäufer nicht mehr zu entwirren, obgleich die Importeure die Fassung von Azzam mit "ph" und die Version von Staiffi mit "f" schrieben.
Noch immer hat die französische Urheberrechtsgesellschaft Sacem nicht entschieden, ob nur die erste oder auch die zweite Version als Originalfassung gelten darf. So können sowohl Azzam-Importeur Siegel wie auch Staiffi-Importeur Beierlein unangefochten jeweils ihre Schallplatte als "Originalfassung" propagieren, womit "Mustapha" die einzige erfolgreiche Schallplatte sein dürfte, von der zwei "Originalfassungen" gleichzeitig feilgeboten werden.
Die Plattenproduzenten sind überzeugt, daß die Orient-Welle in den nächsten Monaten noch weiter anschwellen wird: "Jetzt fängt auch der Funk an, die französische Fassung von 'Mustapha' zu spielen", berichtete Musikverleger Beierlein in der vergangenen Woche. "Und der Funk bringt immer das Schallplattengeschäft in Bewegung."
Arabischer Sänger Azzam Laß doch Suleika

DER SPIEGEL 33/1960
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