24.08.1960

EIN MAGHREBINIER IN ROM

Die Schwalben die in Versuchung kommen könnten, sich auf den ophelienhaften Kopfputzgewinden klimakterialer Amerikanerinnen vor den Cafés der Via Veneto niederzulassen, machen noch keinen Olympia-Sommer. Auch die ungezählten Fahnen nicht, mit welchen die Ewige Stadt sich für das sportlich - völkerverbindende Ereignis schmückt - gezählte 49 davon waren schon am zweiten Tage der Beflaggung gestohlen, 48 von unidentifizierten Tätern, die 49. von einem amerikanischen Marinekadetten, der sie als Souvenir nach Hause bringen wollte.
Zwar sind allüberall die Anzeichen einer außerordentlich gründlichen Organisation zu spüren. An jeder Straßenecke der durchaus nicht systematisch angelegten Stadt weisen die schwarzen sechsfüßigen Höllenhunde des Benzinkönigs Mattei, oft von Scherzbolden verwirrend umgedreht, sowohl in die Richtung des Sportpalasts der EUR (Espogizione Universale di Roma - das Weltausstellungsgelände von 1942) wie auch zum Olympia-Stadion, wo sich eine neuangelegte vielbahnige Straße zu einem Knäuel von Unter - und Überführungen verstrudelt, das die geringste Unaufmerksamkeit des anfahrenden Automobilisten entweder mit Rückbeförderung in die oder aber mit Herausbeförderung aus der Stadt bestraft.
Und es ist auf diesem Wege partienweise
für Ablenkung gesorgt. Am Corso Francia parken abends ein halbes Hundert dichtbesetzter Autos, weil von dort intimer Einblick in die Schlafräume der Mädchenabteilung des Olympischen Dorfes gegeben ist. Die prüden Sportlerinnen haben dem Mangel an Vorhängen vor ihren Fenstern durch Verdunkelungspapier abgeholfen.
Innerhalb des Olympischen Dorfes, das architektonisch den Charakter einer Werkarbeitersiedlung hat, sind die Geschlechter voneinander durch einen stachelbewehrten Zaun geschieden, dessen Höhe schlimmstenfalls Stabhochspringer überwinden könnten - die Eisenstacheln weisen vom Frauenlager zu den Männern, was eine etwas antiquierte Auffassung vom Ausgang erotischer Initiative vermuten läßt.
Indes dürften die nahezu achttausend aus 85 Ländern gestellten Athleten, die der Ehre teilhaftig werden, bei den
XVII. Olympischen Spielen der Neuzeit um eine der von Professor Tassioli, Florenz, mit mäßiger Künstlerschaft gestalteten Medaillen in Gold, Silber und Bronze zu streiten, zur Zeit ihr Trachten eher auf die dreizehn in allen Windrichtungen über die Stadt Rom verstreuten Kampfstätten als auf das Feld amourösen Lorbeers gerichtet haben.
Schon gibt die amerikanische Mannschaft ihrer Enttäuschung darüber Ausdruck, daß die römischen OlympiaOrganisatoren
den Heerwurm, der am kommenden Donnerstag zur Eröffnungsfeier im Stadion aufmarschieren wird, aus choreographischen Gründen um eine beträchtliche Anzahl Teilnehmer beschneiden wollen. Im amerikanischen Lager befürchtet man psychische Rückwirkungen auf die Ausgeschlossenen, von welchen viele, wie es heißt, "auf diese Weise um den vermutlich schönsten Tag ihres Lebens gebracht würden".
Freilich würde sich die mögliche Einschränkung vor allem bei den Amerikanern auswirken, die nächst Deutschland die zahlreichste Mannschaft stellen. Im Gewichtheben, zum Beispiel, sind gleich drei starke Männer vom Kaliber des hohen russischen Favoriten Jurij Wlassow eingesetzt, "um ihn nervös zu machen", wie Mannschaftsführer Bob Hoffman offiziell erklärt.
Aber auch auf weniger absichtliche Weise werden die Russen irritiert. Mit einem freundlichen "I'm Hait" wollte der Schwimmer Paul Hait einen sowjetischen Sportkameraden begrüßen. Der runzelte die Athletenstirn: "No hate. Friendship" - und wandte sich ab; es bedurfte einer Viertelstunde guten Zuredens, um ihn von der politischen Harmlosigkeit des Vorgangs zu überzeugen.
Allem Scharfsinn in der psychologischen Kriegführung stand indes der Entschluß der amerikanischen Equipeführer gegenüber, ihre Mannen noch zu einem vorolympischen Scheinkampf in die Schweiz zu schicken, von wo sie erst am Vortag der Eröffnung nach zwölfstündiger Bahnfahrt nach Rom zurückkehren sollen - nach einer mürrischen Äußerung des Hammerwerfers Hai Connolly: "Nur, damit unsere Funktionäre die Alpen sehen."
Zum Lob der römischen Olympia -Organisatoren muß gesagt werden, daß sie vermutlich auch die Alpen nach Rom gebracht haben würden, hätten sie damit der Liste olympischer Nebenvergnügungen, die vom mittelalterlichen Turnier im Circus Maximus bis zur Opernaufführung in den Thermen des Caracalla ziemlich alles enthält, was in klassischer Kulisse kostümfrohen Augenschmaus verspricht, eine weitere Attraktion hinzufügen können.
Ob das Ergebnis den Aufwand lohnen wird, ist eine Frage für sich. Spekulative Erwartungen dürften sich jedenfalls enttäuscht sehen. Zwar sind allein an deutsche Olympia-Besucher über 150 000 Eintrittskarten verkauft auch hierin steht Deutschland an erster Stelle vor den USA -, jedoch die strenge Koppelung von Kartenvorverkauf mit einem Quartiernachweis, wobei überdies Vorausbezahlung der Unterkunft verlangt wurde, hat viele potentielle Olympia-Schlachtenbummler vergrämt. Freilich auch die durchaus
unzutreffenden Gerüchte über die Absicht der Römer, die Gäste auszuplündern. So sind jetzt noch in Hotels, Pensionen und Privatquartieren aller Kategorien Unterkünfte zu durchaus räsonablen, behördlich festgesetzten Preisen zu haben, desgleichen Eintrittskarten zu fast allen Wettkämpfen.
Sollten Schleichhändler größere Mengen davon aufgekauft haben, um sie bei Hausse zu verhökern, dürften sie mit beträchtlichen Verlusten zu rechnen haben.
Indes spricht nichts für derlei schwarze Absichten. Die Römer haben sich gelassen in die Ferien begeben. Wären nicht die Wegweiser des Herrn Mattei und ein ausgeklügelt kompliziertes Einbahnstraßen-System, das einen in Schneckenwindungen von jedem Zielpunkt wegzuführen droht - niemals fiele das Autofahren durch die verwunderlichen Ablagerungen zweitausendjähriger Geschichte leichter als in diesen vorolympischen Tagen.
Noch ist die Springflut der Schaulustigen nicht über die Ewige Stadt hereingebrochen. Nur bisweilen flitzt ein Funktionärswagen durch den Verkehr, der das Emblem der XVII. Olympischen Spiele aufgemalt trägt: die römische Wölfin, Romulus und Remus säugend, auf einem Sockel mit der römischen Jahreszahl 1960 - und darunter die olympischen fünf Ringe, verschlungen zu einer hausbackenen Brezel.
Das riesenhafte Stadion, streng abgesperrt, aber von den Torhütern gegen gutes Zureden doch zur flüchtigen Besichtigung freigegeben, gähnt leer. Nicht alle Spuren seines Ursprungs aus den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts sind getilgt. Die Sohlen der Olympia -Besucher werden über ein Pflaster trappeln, das hundertfach in Mosaik die Inschrift DUCE A NOI wiederholt. Indes dürften ihre Blicke davon ab - und zu den Marmor-Nackedeis des vorgelagerten kleineren Stadions hingezogen werden.
Über fünfzig Riesen im ProletkultStil,
zum Teil an eingedrückten Nasen, Suspensorien, Fäustlingen und Beinschienen als Ringer, Boxer oder Hokkeyspieler zu erkennen, zum Teil in weniger üblichen sportlichen Disziplinen tätig, wie etwa der, einem kleinen Löwen auf den Kopf zu treten und ihn dabei am Schwanz zu ziehen.
Die anbetungswürdige Eigenart Roms, alles und jedes in Klassik zu verwandeln, hat auch ihnen bereits Ehrwürdigkeit verliehen. Ebensogut wie dem Monument Viktor Emanuels oder der brunnenbadenden Anita Ekberg. Die Ewige Stadt wird weiter stehen, selbst wenn in den nächsten Tagen ihr Dolce Vita in deutscher Vitalität erdröhnt.
Rezzori

DER SPIEGEL 35/1960
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